28.11.2005

MEDIKAMENTEGroßer Denkfehler

Viele Ärzte verschreiben Betablocker gegen zu hohen Blutdruck. Doch eine neue Studie zeigt: Diese Mittel sind schlechter als ihr Ruf.
Lars Hjalmar Lindholm ist ein Mann klarer Worte: "Wenn Sie mich fragen, ob ich meiner Mutter diese Medikamente geben würde", sagt der Mediziner von der Umeå-Universität, "so lautet meine Antwort: nein!"
Gemeinsam mit Kollegen hat der schwedische Wissenschaftler 20 Studien über die Blutdrucksenker Betablocker ausgewertet, insgesamt wurden mehr als 130 000 Patienten berücksichtigt. Ungewöhnlich eindeutig fällt ihre Empfehlung im britischen Fachmagazin "Lancet" aus: "Wir glauben, Betablocker sollten nicht die erste Wahl bei der Therapie der primären Hypertonie bleiben."
Primäre Hypertonie nennen Mediziner hohen Blutdruck, dessen direkte Ursache im Dunkeln liegt - bei rund 90 Prozent aller Hochdruckpatienten ist das der Fall. Die "Deutsche Hochdruckliga" schätzt, dass die meisten der 20 Millionen Bundesbürger mit Bluthochdruck medikamentös behandelt werden müssten; tatsächlich schlucken aber nur drei bis vier Millionen blutdrucksenkende Mittel - viele von ihnen die klassischen Betablocker.
Die neue Analyse kommt zu einem niederschmetternden Ergebnis: Betablocker verhindern Schlaganfälle nur halb so gut, wie anhand früherer Studien zu erwarten gewesen wäre. Und im Vergleich zur Therapie mit anderen Medikamenten ist das Hirninfarktrisiko deutlich erhöht.
Eingeführt wurden die Betablocker in den sechziger Jahren zunächst nur zur Behandlung der koronaren Herzkrankheit, der Verkalkung der Herzkranzgefäße. Die Mittel senken den Blutdruck, korrigieren unregelmäßigen Herzschlag und verhindern bei akut Gefährdeten den Infarkt.
Die Ärzte waren so beeindruckt von ihren Therapie-Erfolgen, dass sie auf die Idee kamen, die Medikamente schon zur Vorbeugung zu verabreichen. Von da an bekamen auch beschwerdefreie Menschen Betablocker, wenn ihr Blutdruck zu hoch lag.
Doch nun, so Lindholm, stellt sich heraus: "Das war ein großer Denkfehler."
Kaum ein Mediziner bezweifelt heute noch, dass eine Prophylaxe bei Hochdruck notwendig ist, um Langzeitschäden zu vermeiden. Über das Wie jedoch wird heftig gestritten. Verschiedene Wirkstoffgruppen stehen zur Verfügung, die auf unterschiedliche Weise den Blutdruck senken: Sie weiten Gefäße, entwässern oder reduzieren die Kontraktionskraft des Herzens. Alle haben Vor- und Nachteile; welches Medikament der jeweilige Patient bekommt, hängt von seinen zusätzlichen Risikofaktoren ab.
"Was Lindholm herausgefunden hat, überrascht mich nicht", bestätigt Jürgen Scholze von der Berliner Charité. "Betablocker wurden in der Vergangenheit überbetont." Der Blutdruckexperte weist auf die zusätzliche Gefahr hin, die besonders übergewichtigen Patienten droht: Werden sie mit Betablockern behandelt, kommt es häufiger zum Diabetes.
Und Rainer Düsing, Vize-Vorsitzender der Hochdruckliga, erklärt: "Die Lindholm-Analyse spitzt eine Diskussion zu, die wir schon länger erwarten. Auch andere neue Studien lassen die Betablocker schlecht aussehen. Die Engländer haben bereits angekündigt, dass sie nun von den Betablockern bei primärer Hypertonie abrücken werden."
Lindholm liegt es indes am Herzen, dass die Betroffenen nicht überstürzt handeln. "Niemand sollte seine Betablocker absetzen, ohne mit seinem Arzt darüber zu sprechen", warnt der schwedische Mediziner. Der unbehandelte Blutdruck bleibe in jedem Fall das größte Risiko für den Patienten. DENNIS BALLWIESER
Von Dennis Ballwieser

DER SPIEGEL 48/2005
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