22.02.1971

GESELLSCHAFT / MEINHOF/BAADER

Löwe los

(siehe Titelbild)

Fünfzigmal Tag für Tag gab die Sicherungsgruppe Bonn letzte Woche Alarm und ließ, in Stadt und Land, Nord und Süd, die Polizei ausrücken. Gejagt: "Staatsfeind Nr. 1" (so Springers "Welt am Sonntag" und die Münchner "Abendzeitung").

Der Feind schien überall zu sein -- als habe die Invasion von der Wega begonnen. "So eine Gruppe von Desperados", fand Bonns oberster Sicherheitsbeamter Dr. Günther Nollau, "haben wir seit Kriegsende noch nicht gehabt." In den Dezernaten der Polizei war, wie der niedersächsische Kriminaloberrat Heinz Müller die Lage schilderte. "der Löwe los

Es war eine Staatsaktion, die an Adenauers Sprüche vom Untergang des Vaterlandes erinnerte -- damals, 1953, als bei der "Aktion Vulkan" 38 Deutsche öffentlich des Landesverrats bezichtigt wurden (fünf wurden verurteilt), oder wie 1962, als bei Nacht und Nebel im SPIEGEL ein "Abgrund von Landesverrat" ausgemacht wurde (schuldig war am Ende keiner).

Diesmal galt der polizeiliche Aufwand einer Gruppe, die "den radikalen Umsturz der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung" anstrebt -- so hieß es letzte Woche In einer Sondernummer des "Bundeskrimmalblattes", dem vom Bundeskriminalamt (BKA) herausgegebenen internen Fahndungsblatt, das am 15. Februar allen westdeutschen Polizeidienststellen zuging. Die Angehörigen der Gruppe seien "davon überzeugt, daß auch die gültige Rechtsordnung nur Ausdruck der "volksfeindlichen Gewaltverhältnisse' in der BR Deutschland sei. Sie haben sich zur Durchsetzung ihrer Ziele in den Untergrund begeben".

"Ihre illegale Tätigkeit und ihren Lebensunterhalt finanzieren sie aus dem Erlös der von ihnen begangenen Straftaten", notierte das Bundeskriminalblatt, das auch zu spezifizieren wußte darunter mehrere Kapitalverbrechen ... zwischen denen nachweislich Zusammenhänge bestehen" -- Bankraub in Berlin und Kassel, Einbruch, Kfz-Diebstahl, versuchter Mord, betrügerische Anmietung.

Und nicht ausschließen wollen die Kriminalisten, daß die Gruppe auch noch "die Entführung im öffentlichen Lehen stehender Personen" plant, "um die Freilassung ihrer inhaftierten Gesinnungsgenossen zu erzwingen". Dazu Nollau: "Immerhin haben sie sich Polizeiuniformen und falsche Ausweise beschafft und bewaffnet sind sie ohnehin." Zur angeblich beabsichtigten Entführung von Kanzler Willy Brandt: "Daß die Ausführung der Tat dicht bevorstand, will ich nicht sagen, es gab aber plausible Vorbereitungen."

Gesucht wurden:

* Andreas Bernd Baader, 27, wegen versuchter menschengefährdender Brandstiftung in einem Frankfurter Kaufhaus zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und am 14. Mai 1970 in Berlin, Miquelstraße 83, unter Schußwaffengebrauch aus der Haft befreit;

* Ulrike Meinhof, geschiedene Röhl, 36, alias Sabine Marckwort, Tarnnamen: "Anna" und "Marie", wegen Gefangenenbefreiung (Baaders) und dabei gemeinschaftlich versuchten Mordes;

* Astrid Froh, 23, Tarnname vermutlich "Rosi" " wegen Gefangenenbefreiung und gemeinschaftlich versuchten Mordes (in Berlin) sowie versuchten Mordes (in Frankfurt);

* Peter Homann, 34, wegen Beihilfe zur Gefangenenbefreiung;

* Gudrun Enßlin, 30, wegen versuchter Brandstiftung zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt (zur Vollstreckung);

* Manfred Grashof, 24, Bundeswehrdeserteur, wegen Mordversuchs (in Frankfurt);

* Jan-Carl Raspe, 26, Wolfgang Thoms, 20, Petra Schelm, 20, der Jordanier Said Dudin, 24, wegen "dringenden Verdachts der Teilnahme an einer kriminellen Vereinigung und anderen Straftaten"; > Günter Voigt, 34, wegen "Beihilfe zur Gefangenen-Befreiung und zum versuchten Mord".

"Mit allen Mitteln" wollte Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher zudem herausfinden, "wer ihnen hilft, wer ihnen Unterschlupf oder Absteilmöglichkeiten gewährt, wer ihnen Hinweise gibt oder ihre verbrecherische Tätigkeit in anderer Form deckt oder fördert." Und niemand, so schien es, konnte ganz sicher sein, daß es der Milchmann war, wenn's morgens an der Flurtür klopfte: Wieviel Durchsuchungen, wieviel "Hausbesichtigungen" allein vorige Woche stattfanden, wollte der Minister nicht sagen.

Die Gesuchten hätten sich, so der Fahndungsbefehl, "die taktischen Erfahrungen der südamerikanischen Stadt-Guerillas zu eigen gemacht" und seien "mit beachtlicher krimineller Energie und Intelligenz" ausgestattet. Sie veränderten ihr Aussehen "durch Wechsel der Kleidung und der Haartracht sowie Verwendung von Perücken, Toupets, Haarfärbemitteln, Brillen und Kopfbedeckungen".

"Die Mode", so erläuterte Sicherheitsleiter Nollau, kam "den Mädchen entgegen -- heute, wo alle Perücken tragen. Die Perücke ist ein Element, das alle Katzen grau macht". Nollaus Chef Genscher stimmte zu: "Sie können sich heutzutage drei Jahre lang unerkannt bewegen, so verkleidet", und wußte noch mehr: "Außerdem werden sie von der Jahreszeit begünstigt, weil es so früh dunkel wird."

Die Polizei observierte und kontrollierte auf Flugplätzen (so in Nürnberg und Frankfurt), auf Bahnhöfen (so in Bremen), auf offener Straße (so in Hannover). Sie hielt "Frauenspersonen" an, um zu prüfen, ob sie an der "kriminellen Vereinigung" (Strafgesetzbuch-Paragraph 129) der Meinhof-Gruppe beteiligt seien -- einer Gruppe, die "bewaffnete Konfrontation mit den Sicherheitskräften tunlichst zu vermeiden" sucht, wie es im Bundeskriminalblatt heißt, jedoch "im Einzelfall rücksichtslos von ihren Schußwaffen Gebrauch" mache, "vor allem, wenn es darum geht, sich der Festnahme zu entziehen oder Gefangene zu befreien".

Eine rücksichtslose Killerin -- ist das aus Ulrike Meinhof geworden, die als Kind in Oldenburg die Flöte blies und im Mai vorigen Jahres die Feder als "Konkret"-Kolumnistin in der Überzeugung hinwarf: "Schreiben ist Scheiße, jetzt wird Revolution gemacht." Aus der Mutter zweier Mädchen, die einst von sich sagte: "Es lacht immer so aus mir.

"Irgendwas Irrationales in dieser ganzen Sache" sieht selbst der Bonner Sicherheitschef Nollau, dem auffiel, "daß da so viele Mädchen dabei sind". Er sinniert: "Vielleicht ist das ein Exzess der Befreiung der Frau, was hier deutlich wird."

Vielleicht. Vielleicht aber auch, daß Ulrike Meinhof und Genossen das "berühmte Brechtsche Erlebnis" hatten, wie der linke Psychologie-Professor Peter Brückner in Hannover meint: "daß sie jedenfalls nicht mehr so weiterleben konnten". Da mögen "Momente von Verzweiflung mit eingegangen sein", Verzweiflung über die "Getto-Situation" der sogenannten kleinen radikalen Minderheit -- das, so findet Brückner, gehört einfach ursächlich in die Biographie dieser Leute".

Für den robusteren Innenminister Genscher, der sich -- zum Behagen von Springers "Welt" und "Bild" -- während der Meinhof-Baader-Fahndung wie der Jerry Cotton der sozialliberalen Koalition gebärdete, reduzierte sich das alles auf "gemeine Kriminalität". Für den Kanzleramtsminister Horst Ehmke waren die Gesuchten "die gefährlichsten Gangster. die es gibt".

Kriminell -- so wird's wohl sein, Gangster -- das trifft es nicht. Es reicht nicht hin, die Motivation von Außenseitern der Gesellschaft zu erklären, die auf der Suche nach ihrer Welt von morgen ein Warenhaus brennen ließen, den Brandstifter freischossen, nach Nahost entkamen, unerkannt zurückkehrten und seither versuchten, aus dem Untergrund Zeichen für die Zukunft zu setzen.

Da ist schon plausibler, was der Frankfurter Philosoph Alfred Schmidt letzte Woche meinte: "Das ist ein historisches Überbleibsel der abschlaffenden Protestbewegung. Die stehen nun da mit ihrer Revolution, und die anderen gehen zur Tagesordnung über. Das ist so, als wenn beim Fußball ein Tor fällt, und 20 000 Menschen schreien "Tor', und dann ist da einer, der schreit zwei Minuten länger als die anderen. Dann drehen sich alle um und denken: "Was ist denn das für einer.

Was sind denn das für welche, meinen nun auch die Linken, die sich den Meinhofs und Baaders einst verbunden fühlten und heute finden, die Untergrund-Gruppe habe sich -- so heißt es in der nächsten Nummer der Links-Postille "Konkret" -- "so weit kriminalisiert, daß sie zu einer schweren Gefahr für die gesamte sozialistische Bewegung in unserem Land geworden" sei.

Die "sozialistische Bewegung" -- das meint heute in Westdeutschland eine so buntscheckige ideologische Vielfalt, ein solch breites Spektrum von Organisationsformen und theoretischen Ansätzen, eine solche Fülle von Gruppen und Grüppchen, daß die Meinhof! Baader-Gruppe sich allein durch die Ausnahmesituation ihrer Illegalität, und in dieser wiederum durch die Radikalität, hervorhebt.

Die Mitglieder der Gruppe sind keine Kommunisten orthodoxen Typs, denn sonst könnten sie nicht darauf versessen sein, gesellschaftliche Strukturen kurzfristig aufzubrechen -- der internationale Kommunismus läßt sich Zeit. Sie sind weder Maoisten noch Stalinisten und mithin nicht erpicht auf perfekte Organisationsmodelle für Revolution und Gesellschaft. Sie sind aber auch keine Antiautoritären, die sich mal gegen dieses oder gegen jenes auflehnen -- schon gar nicht Sozialisten jenes Typs, von dem Rudi Dutschke einst sagte, sie müßten den langen Marsch durch die Institutionen wagen (und durchhalten).

Vielleicht ließen sie sich als Anarchisten einstufen, als Künder einer von jeglichen Herrschaftsbanden freien Gesellschaft, als Chaotiker der Freiheit. Das Anarchisten-Schlagwort "Propaganda durch die Tat" -- es träfe vielleicht zu für manches, was Meinhof und Genossen taten. Und auch die Form ihrer politischen Existenz könnte dafür sprechen: daß sie nicht, wie die meisten Marxisten, als Partei, sondern als "Gruppe" auftreten beziehungsweise untertauchen -- in einer gesellschaftlichen Kampfformation, von der der Exil-Perser Bahman Nirumand sagte, sie käme "ohne Hierarchie" aus, nehme das "Ziel der Revolution" schon vorweg, nämlich die Herstellung einer "auf die Maximen der Vernunft gegründeten egalitären Gesellschaftsordnung".

Aber nicht einmal dieses Modell läßt sich in Deckung bringen mit den bislang verkündeten Ideen und bislang bekannt gewordenen Usancen der Meinhof-Baader-Gruppe. Denn unter dem Druck der Illegalität entwickelte die Baader-Crew Verhaltensweisen, die ihrem Ideal von einer herrschaftsfreien Gesellschaft geradezu diametral widersprechen. Statt auf Hierarchie zu verzichten, soll die Gruppe, wie das Magazin "Konkret" herausfand in "Soldaten" und "Offiziere" gegliedert sein, auf Disziplin achten und Wankelmütige mit Gruppenterror bedrohen.

Übrig bliebe dann nur noch, daß sich die Illegalen als deutsche Filiale jener Tupamaros vorkommen, die in Uruguay durch Banküberfälle, individuellen Terror gegen Staatsbeamte und Wirtschaftsbosse das soziale Gewissen eines herabgewirtschafteten Staatswesens und damit die Massen mobilisieren wollen.

Nur: So abgeschlafft ist diese Bundesrepublik noch lange nicht, und die Massen sind mit einem Ballermann kaum zu gewinnen. Der marxistische Soziologe Oskar Negt hält denn auch die Motivation der Meinhoff/Baader-Gruppe für eine "wirklich gefährliche Narretei" -- entstanden aus der "falschen Faschismus-Analyse", die sie ihrer Gesellschaftskritik zugrunde gelegt hätte. Und Professor Max Horkheimer, einer der Ziehväter der neuen Linken, urteilte letzte Woche: "So dumm kann keiner sein, um nicht zu spüren, daß sie genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie eigentlich wollen."

Was man wollte, schien klar, als sich die Genossen Im Berlin des Jahres 1968 fanden. Es war das Jahr des Attentats auf Rudi Dutschke, das Jahr der Massenaktionen gegen Springer und die Notstandsgesetze, das Jahr der ersten sozialistischen Mai-Demonstration, bei der sich 30 000 Sympathisanten mit der Apo solidarisierten, das Jahr der Go-ins und Sit-ins in den Universitäten.

Es war die Zeit, da ein Rechtsanwalt namens Horst Mahler, heute 35, Karriere und Familie aufgab und sich vollends auf die Seite der Berufsrevolutionäre schlug. Es war jener Mahler, der schneller als die Berliner Polizei ermittelt hatte, daß der Student Benno Ohnesorg bei der Demonstration gegen den Schabbesuch im Juni 1967 vor der Berliner Oper nicht, wie zuerst offiziell behauptet worden war, einem Schädelbruch erlegen war, sondern einer Polizistenkugel.

Der Apo-Anwalt war dabei, als Demonstranten am Gründonnerstag 1968 zum Berliner Springer-Haus zogen

(,Burn, Springer, burn") und die Scheiben klirren ließen. Die damals von den Linken akzeptierte Verhaltensregel "Gewalt gegen Sachen -- ja, Gewalt gegen Personen -- nein schien ihm allerdings einer Modifizierung wert, als bei der Belagerung der Springer-Filiale in München der Pressephotograph Klaus Frings und der Student Rüdiger Schreck im Getümmel zu Tode kamen: "Das ist genau so, wie wenn ich mich an das Steuer eines Autos setze und damit rechnen muß, daß ein Reifen platzt."

So äußerte er sich in Berlins Technischer Universität, vor den in Permanenz tagenden Apo-Studenten, wo sich auch Ulrike Marie Meinhof, damals noch Kolumnistin von "Konkret", zu Wort meldete: "Wenn ein Lastauto mit Springer-Zeitungen angesteckt wird, ist das Brandstiftung. Wenn alle Springer-Autos brennen. dann ist das eine politische Aktion."

Wie Mahler hatte Ulrike Meinhof in jenem Jahr begonnen, ihre Flucht aus der bürgerlichen Welt zu organisieren. Im März trennte sie sich per Scheidung von "Konkret"-Herausgeber Klaus Rainer Röhl und verließ samt Zwillingen Bettina und Regina, heute 8, die Röhl-Villa in Hamburg-Blankenese und richtete sich zunächst in einer Dahlemer Villa zu West-Berlin, später in der Kufsteiner Straße in Berlin-Schöneberg ein.

Die Haushaltsarbeit, für die sie in der ersten Zeit ein Dienstmädchen engagiert hatte, teilte sich Ulrike Meinhof mit dem Links-Bohemien und Kunstmaler Peter Homann, den sie alsbald, erfolgreich, der "Konkret"-Redaktion als Mitarbeiter andiente. Sie selber widmete sich neben ihrer 14tägigen "Konkret"-Kolumne der Produktion von Fernsehfilmen und Hörfunk-Features.

Bei den Recherchen für einen geplanten Report über Fürsorgezöglinge lernte sie im Berliner Mädchenheim "Eichenhof" die damals 17jährige Irene Goergens kennen. Das Mädchen, uneheliches Kind eines Amerikaners, bereits mehrfach aus Heimen entwichen, immer wieder von der Polizei aufgegriffen, empfand Sympathie für die engagierte Sozial-Journalistin. Sie akzeptierte den Meinhof -Rat, ihre Grundschulausbildung abzuschließen, und zog schließlich zu ihrer Mentorin in die Kufsteiner Straße.

Dort lernte sie auch das politische Konzept ihrer neuen Freundin kennen

und schätzen. In holprigem Deutsch erläuterte sie in Briefen ihre neuen Erkenntnisse: "Agitieren heißt soviel als daß es für mich ziemlich wichtig ist, über Leute zu lesen, denen es nicht anders ergangen ist als uns. Und vor allen Dingen genauso militant für die Sache kämpfen. Die wir und Sie die Revolution nennen."

Und von Ulrike Meinhof erfuhr sie auch zum erstenmal Details über Motive und Technik der Frankfurter Kaufhausbrandstifter, die zwei Wochen vor Ostern 1968 verwirklichten, was ein Jahr zuvor die Berliner Kommunarden Fritz Teufel und Rainer Langhans In makabren Polit-Parolen per Flugblatt verbreitet hatten: "Burn, ware-house, burn!" Die Studentin Gudrun Enßlin, damals 27, der Journalist Andreas Baader, damals 24, der Student Thorwald Proll, damals 27, und der Schauspieler Horst Söhnlein, damals 26, hatten sich am 2. April 1968 in den Frankfurter Kaufhof und das Warenhaus Schneider einschließen lassen, Brandsätze gelegt und einen Schaden von über zwei Millionen Mark verursacht.

Den nachfolgenden Prozeß, bei dem alle vier Beteiligten zu je drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurden, versuchten die Angeklagten zum politischen Tribunal gegen, den Vietnam-Krieg der Amerikaner und deren Komplicen in der Bundesrepublik umzufunktionieren "Ich interessiere mich nicht für ein paar verbrannte Schaumstoffmatratzen", motivierte die Pfarrerstochter Gudrun Enßlin, die als Stipendiatin der "Studienstiftung des deutschen Volkes" Germanistik studiert hatte, ihre Tat vor Gericht, "ich rede von verbrannten Kindern in Vietnam."

Enßlin-Verteidiger Professor Ernst Heinitz, Berliner SPD-Mitglied und Vertrauensdozent der Studienstiftung, versuchte eine psychologische Deutung des Falles: "Wir in der Studienstiftung sehen nicht ohne Besorgnis, daß die Begabtesten, Sensibelsten und Kritischsten es sind, die sich nicht mit den Verhältnissen abfinden wollen und die auf Abwege kommen."

Beim Frankfurter Brandstifter-Prozeß trafen auch Mahler und Meinhof wieder zusammen. Mahler verteidigte, Ulrike Meinhof erkundete die Hintergründe des Brandanschlags für "Konkret". Beide waren vom Aktivismus und der neuen Militanz der Frankfurter fasziniert. Das Interview der Journalistin mit den Angeklagten Baader und Enßlin geriet freilich so demaskierend, daß Ulrike die Redaktion bat, die Auskünfte der beiden lieber nicht zu drucken, weil "diese sonst aus dem Knast gar nicht mehr rauskommen würden".

Dieser düstere Aspekt mag Ulrike seinerzeit auch bewogen haben, in ihrer Kolumne -- ebenso wie der damals noch intakte SDS -- in einer "Warenhausbrandstiftung keine antikapitalistische Aktion" zu sehen. Ihr Fazit damals: "So bleibt, daß das, worum in Frankfurt prozessiert wird, eine Sache ist, für die Nachahmung -- abgesehen noch von der ungeheuren Gefährdung für die Täter, wegen der Drohung schwerer Strafen -- nicht empohlen werden kann."

Meinhof-Gefährte Peter Homann, der nun regelmäßig in "Konkret" artikelte, kam zu anderen Schlüssen. Er lobte die "Städteguerillas" und den "Partisanenkampf in der Stadt" à la Frankfurt als "höhere Stufe der Politisierung der Apo". Gleichwohl stand er politisch Ulrike näher als dem ehemaligen Ulrike-Ehemann und "Konkret"-Chef Klaus Rainer Röhl (Kurzname: "K 2 r"), der sich immer mehr gegen den auflagehemmenden "Apo-Kram" wehrte.

Der Konflikt zwischen Röhl und der Meinhof-Fraktion, die sich über Röhls "Schmierenstücke über Liebe zu viert, über Beate Uhse, über Pfänderspiele und Coitus interruptus" lustig machte und "Konkret" zu einem "Forum für linke Agitation" umkrempeln wollte, eskalierte schließlich zur gewaltsamen Besetzung des Röhl-Domizils. Da die "Konkret"-Redaktion durch "Polizei des Kiesinger-Staates" (Röhl) geschützt wurde, zogen Apo-Aktivisten unter Führung von Ulrike Meinhof zur Röhl-Villa in der Ferdinands Höh in Hamburg-Blankenese.

Der Trupp verwüstete das erlesene Mobiliar, und einer der Troupiers hielt es für wichtig, seinen Protest in Röhls verwaistes Ehebett zu urinieren. Röhl erkannte eine neue Stufe des politischen Aktivismus: "Noch nie ist so intimer, individueller Terror angewendet worden."

Auch die Stürmer wurden ihres Tagewerks nicht recht froh. Am Abend, im Republikanischen Club an der Rothenbaumchaussee, fand Genosse Homann die Urin-Aktion "ziemlich beschissen", und Ulrike resümierte: "Da hat man mal was gemacht, und die einen sagen "prima" und die anderen sagen "Scheiße'."

Ulrike Meinhof mußte zur Kenntnis nehmen, daß Linke wie Rechte ihren politischen Krach mit Röhl bestenfalls als öffentlich ausgetragenen Ehekrach deuteten. Poet und "Konkret"-Mitbegründer Peter Rühmkorf damals: "Das ist Bruderzwist im Hause Habsburg."

Das Exempel von Blankenese demonstrierte der Gruppe um Meinhof ein weiteres Mal die Schwierigkeit, politische Ziele durch lärmenden Aktivismus zu verdeutlichen und durchzusetzen. Diese Erfahrung hatte die ganze Apo machen müssen, nachdem die Turbulenzen, die dem Dutschke-Attentat folgten, abgeflacht und ohne erkennbares Resultat geblieben waren.

"Aufgrund der Enttäuschung", mit "Aufklärungsaktionen nichts zuwege zu bringen", folgte ein Teil der Apo Ende 1968, wie der damalige SDS-Vorsitzende Reinhart Wolff kritisierte, "oft vorschnell einer Direkt-Aktion-Strategie". Doch auch Brandstiftungen in Amerika-Häusern, Bombenattentate auf Justizgebäude und Steinwürfe auf Polizisten brachten die Apo ihrem Ziel, der sozialistischen Aufklärung, nicht näher.

Der erste Massenauftritt auf der "neuen Ebene der Militanz" (SDS-Führer Christian Semler 1968) galt der Unterstützung von Horst Mahler, dem wegen seiner Teilnahme an der Anti-Springer-Demonstration nach dem Attentat auf Rudi Dutschke in einem Ehrengerichtsverfahren im November 1968 Berufsverbot drohte.

Den Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude in Berlin-Charlottenburg gelang es zwar, mit Pflasterstein-Attacken Polizisten in die Flucht zu schlagen und 130 Beamte zu verletzen. Doch obwohl die damals von Teilen der Apo erhoffte "Identifikation (der Bevölkerung) mit dem Stärkeren" ausblieb, hielt sich eine Apo-Minderheit weiterhin an die Gewalt-Strategie und die Taktik des "individuellen Terrors

Für Ulrike Meinhof, die nach dem frühen Tod der Eltern bei der späteren Pädagogik-Professorin und DFU-Mitbegründerin Renate Riemeck aufgewachsen war, schien dieser Weg eher ein Irrweg zu sein. Sie, die sich noch 1956 als Philosophie-Studentin in Marburg zu den Traditionen der Bekennenden Kirche im deutschen Protestantismus bekannte, hatte nach dem Dutschke-Attentat in "Konkret" postuliert, daß "ein Menschenleben eine andere Qualität ist als Fensterscheiben, Springer-Lkw und Demonstranten-Autos".

Auch Ihre Arbeit in den gesellschaftlichen Randgruppen, unter den Mietern der Betonburgen des Märkischen Viertels und unter Zöglingen in Fürsorgeheimen, galt zu Beginn, so scheint es, nicht der Mobilisierung latenter revolutionärer Gewaltsamkeit, sondern trug eher Zeichen karitativer Sorge um die Resozialisierung. Der jungen Irene Goergens etwa, die für das von Meinhof konzipierte Fernsehfeature "Bambule" (über das Fürsorgeheim "Eichenhof") Modell stand, vermittelte die Sozialistin Arbeit in einem Privathaushalt.

Immerhin, die "Bambule"-Irene artikulierte im Stück emanzipatorische Meinhof-Parolen gegen die Heimleitung wie: "Wir sitzen doch drinne. Wir sind doch die Doofen. Einmal mit euch das machen, was ihr mit uns macht. Einmal den Spieß umdrehen. Einmal den Bunker von außen abschließen, und ihr sitzt drinne."

Diesen theatralischen Ausbruch bekam das deutsche TV-Publikum freilich nie zu sehen. Denn noch vor dem Sendetermin am 24. Mai 1970 spielten Autorin Meinhof und "Bambule"-Modell Goergens tragende Rollen in einer derart rabiaten Szene, daß die ARD das Meinhof-Stück vom Programm strich. Hauptfigur: Andreas Baader, einer der Brandstifter von Frankfurt.

Baader war nach neunmonatiger Untersuchungshaft entlassen worden. Nachdem das Urteil (drei Jahre Zucht haus) am 10. November 1969 rechtskräftig geworden war, wurde der Journalist, Sohn eines Münchner Staatsarchivars, für den 25. Februar 1970 zum Haftantritt nach Butzbach bestellt. Baader hatte während der Haftpause mit der Pfarrerstochter Gudrun Enßlin in Frankfurt, die dann ebenfalls nicht zum Haftantritt erschien, unter Fürsorgezöglingen agitiert. Als die Frankfurter Polizei Mitte März vorigen Jahres den Vollstreckungshaftbefehl vollziehen wollte, war Baader "nach unbekannt" verzogen.

Drei Wochen später, am 2. April, fiel einer Berliner Verkehrsstreife ein Frankfurter Pkw (Kennzeichen: F-HC 577) auf, der mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt fuhr. Als Halterin des Wagens ermittelte die Kriminalpolizei Astrid Proll, eine Schwester von Thorwald Proll, dem Brandstifter-Kollegen Baaders. Da der ertappte Fahrer nach dem Eindruck der Beamten überdies Ähnlichkeit mit Andreas Baader hatte, leiteten sie eine "stille Fahndung" ein.

Am Abend darauf entdeckten sie das Fahrzeug vor dem Haus Kufsteiner Straße 12, in dem Ulrike Meinhof wohnte. Kurz nach Mitternacht stand der Wagen in der Babesberger Straße 11 vor einem Kinderladen. Als nächtliche Besucher der linken Kinderbewahranstalt registrierten die Observanten der Polizei außer Andreas Baader den mit Ballonmütze und Hippie-Brille "konspirativ verkleideten" Anwalt Horst Mahler, den Meinhof-Freund Peter Homarm und die Mahler-Freundin Renate Wolff, Tochter des Ende 1969 pensionierten Oberstleutnants im Generalstabsdienst der Bundeswehr Ernst Blüher.

Kurz nach drei Uhr morgens stoppte die Polizei den verfolgten Wagen in der Waltersdorfer Chaussee, unweit des Grenzüberganges zum DDR-Flughafen Berlin-Schönefeld. Der Mann am Steuer wies sich als der Schriftsteller Peter Chotjewitz aus. Doch er war der gesuchte Andreas Baader, und die Polizei hatte ihn.

Wann die Gruppe den Entschluß faßte, ihren Genossen gewaltsam wieder aus dem Gefängnis zu befreien, ist ungewiß. Sicher ist dagegen nach den Ermittlungen der Polizei, daß sie alle Vorbereitungen für einen Ausbruch trafen: Rechtsanwalt Horst Mahler und Rechts-Assessorin Monika Berberich, Assistentin des "Sozialistischen Anwalts-Kollektivs", in dem Mahler tätig war, besorgten bei der Tegeler Anstalts-Verwaltung eine Ausgangs-Erlaubnis für Baader -- zwecks Studien im Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin-Dahlem; dort sollte Baader gemeinsam mit Ulrike Meinhof ein für den Berliner Klaus-Wagenbach-Verlag geplantes Buch über die "Organisation randständiger Jugendlicher" erarbeiten.

Andere besorgten Werkzeuge. So besuchten Irene Goergens und Astrid Proll das Charlottenburger NPD-Lokal "Wolfsschanze", fragten nach "Horst", gerieten an "Teddy", Günter Voigt, und verlangten Waffen. Teddy erfüllte den Damenwunsch. Er besorgte eine Pistole "Beretta" samt 250 Schuß Munition. Preis: 1000 Mark.

Ulrike Meinhof und Gudrun Enßlin (Tarnname Dr. Gretel Weitemeier) erkundeten das Gelände. Irene Goergens inspizierte mit einer Freundin, beide durch Perücken getarnt, das Interieur des Dahlemer Instituts. Die Freundin war Ingrid Schubert, eine Manager-Tochter aus dem unterfränkischen Ebern, die gerade in Berlin ihr Medizin-Staatsexamen (Note: "gut") bestanden hatte.

Am Vormittag des 14. Mai war es dann soweit. Im Lesesaal suchte sich Ulrike Meinhof einen passenden Platz. Eine knappe Stunde später erschien Andreas Baader, von zwei Tegeler Justiz-Beamten begleitet, die Hände mit einer Schließacht gefesselt. Im Vorraum postierten sich derweil Irene Goergens und Ingrid Schubert, in ihren Aktentaschen -- Waffen. Ihr Vorwand: Forschungsarbeiten zur "Therapie krimineller Jugendlicher".

Einer der Genossen kam zu spät. Und die Wachbeamten im Lesesaal hörten ihren Gefangenen besorgt flüstern: "Müßte auch bald kommen. Wir können ja die Sache am Montag noch einmal machen. Es kommt nur auf die Beamten an." Dann kam der Erwartete doch noch, Wollmaske vor dem Gesicht, Pudelmütze auf dem Kopf -- und schon krachte es.

Im Foyer ging der Instituts-Angestellte Georg Linke mit einem Leber-Steckschuß zu Boden, im Lesesaal fanden die beiden Beamten keine Zeit mehr, ihre ohnehin nicht durchgeladenen Dienstwaffen zu ziehen; die zwei Mädchen aus der Diele feuerten, wie die Polizei ermittelte, mit einer Maschinenpistole vom Typ "Landmann-Preetz" und einer Pistole Reck P 8 Warnschüsse in den Raum.

Die Polizisten schlugen dem Mann mit der Pudelmütze, den die Polizei später als Peter Homann identifizierte, die Beretta-Pistole aus der Hand und rissen Ingrid Schubert die Perücke vom Kopf. Homann revanchierte sich mit zwei Schüssen aus einer Gaspistole "Arminius" gegen die Wange eines Beamten.

Baader und Meinhof nutzten Tränengas-Schwaden und Getümmel. Sie sprangen durch das Fenster in den Garten. Homann und die Mädchen folgten ihnen. Draußen wartete in einem silberfarbenen "Alfa Romeo" Astrid Proll auf die Flüchtenden.

Von da an waren "Meinhof & Co." ("Bild") verschwunden, im linken Berliner Milieu, mit Apo-Gruppen aller Schattierungen durchsetzt, die, wenn sie schon keine Solidarität üben, so doch wenigstens keinen Verrat an Genossen begehen.

Angesichts dieser Einheitsfront der sonst so zerstrittenen Sekten -- mit ihren politischen Mini-Gruppen maoistischer, stalinistischer, leninistischer oder trotzkistischer Prägung, mit ihren Kommunen und Hippiezirkeln, von den "umherschweifenden Hasch-Rebellen" bis zur "Brother-and-Sister-Fuck-Company", mit den aktivistischen "Roten Zellen" auf der einen und eher besinnlichen Kneipen-Kollektiven auf der anderen Seite -- gelang es West-Berlins Kriminalisten lange nicht, der Baader-Gruppe habhaft zu werden.

Sie meldeten sich gelegentlich aus dem Untergrund -- mal bei der französischen Journalistin Michèle Ray, der sie für den SPIEGEL mitteilten: "Was wir machen und gleichzeitig zeigen wollen, das ist: daß bewaffnete Auseinandersetzungen durchführbar sind, daß es möglich ist, Aktionen zu machen, wo wir siegen und nicht wo die andere Seite siegt. Und wo natürlich wichtig ist, daß sie uns nicht kriegen, das gehört sozusagen zum Erfolg der Geschichte."

Mal bei dem Berliner Anarchisten-Blatt "883", dem sie schrieben: "Die Baader-Befreiungsaktion haben wir nicht den intellektuellen Schwätzern, den Hosenscheißern, den Allesbesserwissern zu erklären, sondern den potentiell revolutionären Teilen des Volks. Das heißt denen, die die Tat sofort begreifen können, weil sie selbst Gefangene sind ... denen -- und nicht den kleinbürgerlichen Intellektuellen habt ihr zu sagen, daß jetzt Schluß ist, daß es jetzt los geht, daß die Befreiung Baaders nur der Anfang ist! Daß ein Ende der Bullenherrschaft abzusehen ist!"

Mit ihrer neuen Maxime -- "natürlich kann geschossen werden" -- mochte sich allerdings niemand so recht und so pauschal identifizieren. Und auch die Rechtfertigungstheorie der Meinhof/Baader-Mannschaft wollte die Linke, die gerade der "Propaganda durch die Tat" abgeschworen hatte und sich anschickte, über straff gegliederte konkurrierende Parteiorganisationen bolschewistischen Typs endlich den Kontakt zur Arbeiterklasse zu finden, nicht akzeptieren.

Denn die Meinhof-Gruppe schlug vor, sich auf die von den legalen Linken als revolutionäre Kader längst abgeschriebenen gesellschaftlichen Randgruppen zu konzentrieren, und sie verkündete: "Um die Konflikte auf die Spitze treiben zu können, bauen wir die Rote Armee auf. Ohne gleichzeitig die Rote Armee aufzubauen, verkommt jeder Konflikt, jede politische Arbeit." Schlußempfehlung: "Laßt euch nicht schnappen!"

Damit sie nicht geschnappt wurden ind um. bei den palästinensischen Guerillas Widerstandskampf zu üben, flogen sie zunächst einmal via DDR in den Nahen Osten. Wie lange es die Berliner Stadt-Guerillas bei den Genossen in der Wüste hielt, konnte auch die Polizei nicht rekonstruieren.

Im Spätsommer letzten Jahres jedenfalls waren sie wieder in Berlin. Sie mieteten zwei Wohnungen, die eine in der Schöneberger Hauptstraße, die andere, am 24. August, in der Charlottenburger Knesebeckstraße. Am selben Tag, abends um halb neun, drangen drei blaubekittelte, mit Masken getarnte Figuren in das Büro des Reinickendorfer "Verbrauchermarkts Ollenhauerstraße" ein, bedrohten zwei Angestellte mit gezückten Pistolen und raubten eine Aktentasche mit 21 443 Mark. Sie entkamen unerkannt in einem dunklen Pkw.

Vier Wochen später, am Morgen des 29. September, überfielen drei maskierte Trupps -- insgesamt zwölf Personen -- innerhalb von zehn Minuten drei West-Berliner Bankfilialen, hielten Kassierer wie Publikum mit Pistolen und Kleinkaliber-Schnellfeuergewehren des Typs Landmann-Preetz in Schach, erbeuteten 271 469,45 Mark und flüchteten in gestohlenen Mercedes-Wagen. Die Polizei fand am Tatort ein Flugblatt: "Enteignet die Feinde des Volkes" und später Fluchtautos, Tarnbekleidung, Waffen sowie selbstgeschweißte Reifentöter, sogenannte Krähenfüße. Täter und Beute blieben unauffindbar.

Beide Aktionen aber hatten, das konstatierten die Kriminalisten, dreierlei gemeinsam: Die Täter waren bewaffnet, agierten in kleinen Gruppen und handelten nach einem offenbar ausgefeilten Plan. Und gerade diese Merkmale erinnerten die Polizisten an den 14. Mai, an die Baader-Befreiung. Am 8. Oktober schließlich bekam die Polizei einen Tip aus dem politischen Untergrund. Ein anonymer Anrufer verriet die Quartiere der Heimkehrer, und bereits in der Mittagsstunde bezogen Beamte der Abteilung 1 (Politische Polizei) vor beiden Häusern Beobachtungsposten.

Am Nachmittag war es soweit. Ein Stoßtrupp öffnete die Tür zur observierten Wohnung in der Knesebeckstraße und fand die seit der Baader-Befreiung gesuchte Medizinal-Assistentin Ingrid Schubert.

Nun brauchten die Beamten nur noch zu warten. Als erster, kurz vor 18 Uhr, kam Horst Mahler -- mit echtem Bart, falschem Haar und einer Pistole in der Gesäßtasche. Wenig später meldete sich die Studentin Brigitte Asdonk, Tochter des stellvertretenden CDU-Bürgermeisters vom niederrheinischen Kamp-Lintfort und nach Polizei-Ermittlungen Mahler-Begleiterin auf der Reise nach Beirut. Im Laufe des Abends trafen schließlich auch noch die Mahler-Mitarbeiterin Monika Berberich und Meinhof-Zögling Irene Goergens ein. Alle ließen sich, bis auf Brigitte Asdonk bewaffnet, widerstandslos festnehmen.

Die vier Damen und der Anwalt bezogen Quartier im Untersuchungs-Gefängnis Berlin-Moabit. Die Offiziers-Tochter Renate Wolff, die der Polizei schon im Kinderladen begegnet war und die mittlerweile verdächtigt wurde, an der Unterschlagung von Kraftfahrzeugen für die Gruppe teilgenommen zu haben, gesellte sich fünf Tage darauf freiwillig zu den Sistierten. "Sehr viele Bonnies und ein Clyde", spottete "Konkret".

Ingrid Schubert erläuterte in einem Brief aus dem Gefängnis, "wie aus einer wohlbehüteten Bürgerstochter eine Knastlerin werden kann". Die Diagnose der Medizinerin: "Nichts ging vorwärts, die Systeme der Unterdrückung wurden immer deutlicher, ausgehend von der Familie, sich erweiternd auf die Gesellschaft, den Staat, die Herrschaftssysteme, die Mächte, es erdrückt einen, und man selbst saß immer noch und rieb sich seinen dicken Bauch und applaudierte kräftig denen, die es schon lange begriffen hatten und auf internationaler Ebene den Kampf gegen die Unterdrückung aller Minderheiten aufgenommen hatten. Und irgendwann begriff ich, daß ich konsequent zu sein hatte."

Der Rest der Meinhof/Baader-Gruppe zerstob. Von da an gab es eher Versionen denn Fakten -- und wann immer seither Geld geraubt oder ein Auto gestohlen wurde, dessen Zündung (typisch für die Kfz-Spezialisten der Gruppe) durch einen Feuchtraum-Serienschalter (wie sie in der Mahler-Wohnung gefunden worden waren) kurzgeschlossen war, tippte die Polizei erst einmal auf Baader und Meinhof -- eingedenk der Anweisung, alle unaufgeklärten "einschlägigen" Straftaten der letzten Monate und alle frischen Anzeigen "auf mögliche Zusammenhänge zu überprüfen".

Außer bloßen Spekulationen freilich gab es Spuren, die gesichert werden konnten. So mietete eine Sabine Marckwort -- es war angeblich Ulrike Meinhof -- am 4. November vorigen Jahres in Polle bei Hameln an der Weser einen Ferienbungalow für ein sechsköpfiges Forschungsteam der Technischen Universität Hannover. Zwei Tage später bezog sie das Haus mit mehreren jungen Leuten, die in zwei Mercedes-Wagen mit Frankfurter Kennzeichen vorgefahren waren.

Für acht Wochen bezahlte die Mieterin den Unterschlupf: 1100 Mark in neuen Hundertmarkscheinen. Dann aber geriet sie nach vier Wochen, am 5. Dezember, in Heinsen bei Bad Pyrmont in eine Polizeikontrolle, wies sich mit Reisepaß und Führerschein, ausgestellt in Bremen, als Sabine Marckwort" geboren am 13. 2. 1942 in Cottbus, aus und räumte den Poller Bungalow. Zurück blieb Unterwäsche im Becken und eine Zettelnotiz: "Viele Grüße, Max. Fahr zum Professor."

Vierzehn Tage später, am 20. Dezember, stoppte die Polizei in Oberhausen einen vollbesetzten Mercedes 230 5 (Kennzeichen F -- MC 314). Drei der Insassen, zwei Männer und eine Frau, warfen sich in eine Taxe, die gerade vorüberkam, und wurden nicht mehr gesehen. Festgenommen wurde der Fahrer, ein Karl-Heinz Ruhland, 32, der einen "verfälschten" Reisepaß und "totalgefälschten" Kfz-Schein sowie eine 9-Millimeter-"Firebird" bei sich trug. Es ergab sich, daß der Mercedes neun Tage zuvor in Frankfurt gestohlen worden war und Ruhland mitgeholfen hatte, als in Berlin ein Mann namens Eric Grusdat, 34, alias Henry Körber Fahrzeuge der Meinhof! Baader-Gruppe umfrisierte.

Kaum 48 Stunden danach, am 22. Dezember, morgens 2.40 Uhr, wurde in Nürnberg der 23 Jahre alte Heinrich Jansen alias Reinhard Most beim Diebstahl eines Mercedes ertappt. Als Polizisten ihn festnehmen wollten, zog er gleichfalls eine Firebird, drückte ab, konnte aber überwältigt werden. Am Handgelenk trug er die gleiche Armbanduhr "Kelek" (für 109 Mark von Quelle), die auch Mahler, Ingrid Schubert und Irene Goergens umhatten, als sie in der Berliner Knesebeckstraße gefaßt wurden.

Und als am 15. Januar dieses Jahres zwischen 9.32 Uhr und 9.35 Uhr mindestens neun bewaffnete Männer und Frauen in Kassel die Sparkassen-Zweigstellen Akademiestraße und Stockplatz überfielen, dabei einmal 54 000 Mark und einmal 60 530 Mark in Kollegmappen, Aktentaschen und einen roten Plastikbeutel füllten, konnte es wiederum eigentlich nur "die Gruppe" (Kripo-Jargon> gewesen sein. Beide Fluchtfahrzeuge, die nahe dem Tatort gefunden wurden, waren gestohlen: ein Mercedes 220 SE in Göttingen, ein BMW 2000 in Frankfurt, und am BMW war ein Kasseler Nummernschild, das eine Frau Schöffler gekauft hatte, die, wie Zeugen meinten, "mit der Meinhof identisch sein könnte".

Weiteres Indiz: In jeder der beiden Zweigstellen wurden zwei ungezielte Schreck-Schüsse abgegeben, und die Geschoßhülsen wiesen darauf hin, daß Llama- oder Firebird-Pistolen verwendet worden waren -- die bevorzugten Waffen der Gruppe.

Der Verdacht verdichtete sich, als sich bei der Koblenzer Kripo ein Zeuge namens Kreuz meldete, der angab, als Angestellter der Berliner Pension Helmke dabeigewesen zu sein, als der Kasseler Coup ausgeheckt wurde. Überdies fiel einem Kasseler Sparkassenangestellten ein, einen Tag vor dem Überfall in seiner Zweigstelle die Kasseler Architektentochter Astrid Proll gesehen zu haben, gegen die als Mitglied der Gruppe Haftbefehl vorlag.

Und zu schließen schien sich der Kreis durch ein Paket, das am 14. Januar in Berlin an eine Adresse in der Kasseler Schönfelder Straße aufgegeben worden war. Wegen falscher Adressierung konnte die Post das Paket nicht zustellen, so daß der Adressen-Fahndungsdienst den Karton öffnete und darin Perücken, TÜV-Plaketten, Blanko-Kfz-Briefe und -Scheine sowie ein Tonband fand, auf das "juristische Verhaltensmaßregeln zum Fall Mahler-Meinhof" (so die Kripo) diktiert waren.

Die Polizei fand schließlich heraus, daß die Kunststudentin Ulrike Laesker-Bauer, 27, einen Kommilitonen gebeten hatte, das Paket für sie entgegenzunehmen und es ihr ungeöffnet auszuhändigen. Und diese Studentin war es, die man einen Tag vor den Überfällen in Kassel mit Astrid Proll zusammen gesehen hatte. Sie wurde festgenommen, dann aber auf freien Fuß gesetzt, weil eine Mitwisserschaft nicht zu beweisen war.

Die Kasseler Vorgänge waren für Innenminister Genscher in Bonn das Signal, den Fall an sich zu ziehen und dem Bundeskriminalamt und der Bonner Sicherungsgruppe zu übertragen. Die "schwerwiegenden Gründe", die laut Bundeskriminalamts-Gesetz dazu erforderlich sind, sah der Minister durch die "überregionale Erscheinungsform" und die "Schwere der Delikte" (Genscher) als gegeben.

Und Genscher fand: "Die ganze Sache kann ein Nützliches haben. Man kann hier sichtbar machen die Trennungslinie zwischen politischer Auseinandersetzung, die ja sein soll, sonst würde es bei uns langweilig, und Gewalttätigkeit. Wir müssen den Rubikon sichtbar machen, den die überschritten haben."

Nur schien den Fahndern nicht immer ganz klar, wo der Rubikon fließt, und Frankfurter Juristen argwöhnten im neuesten Heft ihrer "Kritischen Justiz": "Die linke Opposition soll eingeschüchtert und diskriminiert werden; Bundesinnenminister Genscher als Garant von "Ruhe und Ordnung" ins Bild gesetzt werden."

Wer Immer irgendwann auch nur losen Kontakt zu Ulrike Meinhof gehabt haben mochte, wurde aus dem Schlaf gescheucht: Professor Peter Brückner in Hannover von zehn Beamten morgens um sechs, Professor Renate Riemeck im Taunus von vier Beamten morgens um acht.

Bei Brückner schraubten sie die Sprechmuschel aus dem Telephonhörer, bei Frau Riemeck ließen sie einen Mann mit Maschinenpistole im Garten patrouillieren. Das Wissenschaftler-Ehepaar Jürgen und Monika Seifert in Frankfurt, das von dreißig Polizisten aufgesucht worden war, durfte mit seinem Anwalt erst telephonieren, als es von den Beamten schriftlich haben wollte, daß Telephonieren verboten sei.

Dem katholischen Klinikpfarrer Kurt Kaiser in Neuenkirchen (Oldenburg) wurde das Adreßbüchlein eingezogen, zwanzig Anschriften von Bremer Bekannten tickerte das Bundeskriminalamt per FS an die Kollegen in der Hansestadt mit dem Ersuchen, das mal zu kontrollieren. Dabei war auch der Name des Senatsdirektors Dr. Waldemar Klischies, der sich öffentlich gegen solchen "Rufmord" zur Wehr setzte: "Ich habe mit denen nie etwas zu tun gehabt und würde das auch ablehnen."

Der Bremer Makler Dr. Klaus Hübotter schließlich setzte für die Ermittlung des "verleumderischen Denunzianten", der ihm eine ganze Streitmacht auf Kontor und Wohnung gehetzt hatte, eine Belohnung von 10 000 Mark aus -- ebensoviel wie von Amts wegen für die Ergreifung von Ulrike Meinhof.

Wirtin Irene Lösekrug von der Dorfkneipe in Wiershausen bei Hannoversch Münden glaubt, daß sie das Geld vom Staat hätte bekommen können, als am Montag vergangener Woche um 21.30 Uhr ein Mann und eine Frau hereinkamen, ein Bier und einen Tee mit Rum bestellten. Frau Lösekrug griff zu "Bild am Sonntag", fand darin ein Photo des gesuchten Manfred Grashof und sagte zu ihrem Mann: "Guck mal, da ist der doch." Aber da waren die beiden in zwei Autos schon verschwunden. Irene Lösekrug: "Ich hätt" mir gern 10 000 Mark verdient, aber die sahen schon ziemlich resolut aus, und da will man sich ja nicht in Gefahr begeben."

Und selbst Großfahnder Eduard Zimmermann ("Aktenzeichen XY") war nicht so couragiert wie sonst. Als die Kriminalpolizei ihn bat, die Fahndungsbilder in seine Sendung einzublenden, fand sich der ZDF-Sheriff nur bereit, Ulrike Meinhof zu zeigen. "Mehr wollte er nicht bringen", begründete Nollau. "weil er vor den Leuten Angst hat, sie täten ihm was."

Die Wirtin aus dem Dorfkrug und Fahnder Zimmermann waren offenbar einer "Art Psychose" erlegen, die. so die "Frankfurter Rundschau", "eine bestimmte Presse" bei der Bevölkerung bewirkt hatte "Verdächtigung Unschuldiger, falsche Alarme, Verwirrung und Unsicherheit", so schillerte die "Süddeutsche Zeitung", was da angerichtet worden war. Auch Nollau fragte sich, "welche Motive die wohl haben, das so hochzuspielen".

Die Eskalation der Fahndung nutzten, allen voran, die Springer-Blätter, um ihren Lesern eine Gangsterhatz anzukündigen -- auf die "gefährlichsten Terroristen, die es je in der Bundesrepublik gegeben hat" ("WamS").

"Bild am Sonntag" ("BamS") meldete: "Meinhof-Bande plant vier neue Banküberfälle. Diesmal mit Pistolen und Schnellfeuergewehren." Und die "Welt am Sonntag" ("WamS") menetekelte: "Mit allen Mitteln will die Bande verhindern, daß Rechtsanwalt Mahler der Prozeß gemacht wird." Aber: "Sie zu fangen ist schwer, denn: Honorige Herren helfen."

Das eigentliche Ziel der Kampagne machte auch "Die Welt" bald aus." Gesinnungsfreunde erschweren Fahndung nach Baader-Gruppe." Springers "Welt" dementierte aber auch, was Springers "Bild" gedruckt hatte, "Pfarrer versteckte Beute-Geld der Baader-Bande", hatte es in "Bild" geheißen. "Die Welt" hingegen brachte (die Erklärung des Pfarrers, er "habe seit zwei Jahren keinen Kontakt mit Frau Meinhof" gehabt.

Mitunter war sich sogar die Polizei ihrer Sache nicht ganz sicher. Nach der Kontrolle des TEE "Roland" auf dem hannoverschen Bahnsteig 8 mußte sie zugehen, sie habe selbst nicht so recht gewußt. wie die Leute aussehen, die sie fangen sollte: Die Fahndungsphotos waren noch nicht eingetroffen. Fahndungskommissar Hans Reimann war gleichwohl zufrieden: "So ein Einsatz ist nicht schlecht von der polizeitaktischen Seite, da liegt ein großer Erfahrungswert drin."

In Frankfurt hingegen war eine Polizei-Streife sich ihrer Sache zu sicher. Als ihr Astrid Proll und Manfred Grashof in die Quere kamen, handelfen sie übereilt. Statt, wie ihnen aufgetragen worden war, die beiden nur zu observieren, "faßten sie gleich zu" (Nollau). Die Flüchtlinge entkamen schießend. Nollau: "Der Entschluß war Augenblickssache. Vor Ort, im Schützengraben, geht es oft blitzschnell zu."

Doch hatte auch dieser Zwischenfall "Konsequenzen kriminaltaktischer Art" (Nollau). Unter dem Verdacht, der "kriminellen Vereinigung" um Meinhof und Baader anzugehören, wurden in Frankfurt drei Leute verhaftet, der kaufmännische Angestellte Peter Ebele, 29, der Diplom-Volkswirt Eicke Falkenberg, 28, die Diplom-Psychologin Brigitte Heinrich, 29. Am Steinhuder Meer nahm die Polizei den Frankfurter Schriftsteller Michael Schulte, 29, in einem Wochenendhaus fest -- freilich "alles nur Randfiguren", wie ein Beamter meint.

Man sah sie überall -- die Rand- und auch die Hauptfiguren. Als Bundesinnenminister Genscher am Freitagabend in Mainz in den Karneval zog und gefragt wurde, ob man ihn nicht vielleicht für Baader halten könnte, sobald er sich eine Pappaase aufsetzt. antwortete er: "Das ist durchaus möglich."


DER SPIEGEL 9/1971
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