22.02.1971

JUSTIZ / RECHTSRADIKALISMUSMP in Papier

Der Vorgang nahm sich alltäglich aus. Am Ortseingang von Kuchenheim im Kreis Euskirchen standen zwei Schutzpolizisten in der Dämmerung und hielten Autos an -- wie bei einer Verkehrskontrolle.
Um 18.10 Uhr stoppten die Beamten einen alten grauen Volkswagen, überprüften die Papiere des Fahrers und faßten -- "rein zufällig", so der Kölner Oberstaatsanwalt Leopold Schaeben, "nicht ganz zufällig", so der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz -- einen altbekannten Schützen: den Godesberger Elektromonteur Johannes Bernd Hengst, 28.
Es war der Hengst, der am 2. Oktober 1968 nachts mit einem automatischen Kleinkalibergewehr in die Fenster des Bonner DKP-Büros gefeuert hatte. Diesmal reiste der ehemalige NPD-Mann mit einer Maschinenpistole Marke Beretta, die in Papier gewickelt auf dem Rücksitz lag. Die Polizisten griffen zu, sistierten Hengst und seinen Begleiter, den Nationaldemokraten Rüdiger Krauss, 26, und verständigten das politische Kommissariat der Bonner Kriminalpolizei.
Die Kollegen waren vorbereitet. Tags zuvor, am 12. Februar, hatte der Landesverfassungsschutz sie fernschriftlich unterrichtet, daß ein bewaffnetes rechtsradikales Dutzend in der närrischen Zeit "schwerwiegende Gewaltakte gegen Personen und Sachen plane, um kräftige politische Akzente zu setzen". Es seien Anschläge gegen Banken und die Bundesbahn auf Munitionsdepots und auch auf die Bonner SPD-Baracke zu befürchten, die Hengst im Sommer vergangenen Jahres als Aushilfskraft bei der Bonner Wach- und Schließgesellschaft gelegentlich gesichert hatte.
Des Gruppenführers früher habhaft als erwartet, rief die Kripo den für politische Straftaten zuständigen Oberstaatsanwalt Schaeben in seiner Kölner Wohnung an. Schaeben ließ sich am Telephon die "Vorwarnung" der Verfassungsschützer vorlesen und war entsetzt: "Jetzt ist Schluß. Jetzt müssen wir handeln."
Noch am selben Abend durchsuchten drei Polizeibeamte in Zivil die Wohnung des festgenommenen Hengst in Bad Godesberg, Röntgenstraße 4b. Es ist das Haus, in dem auch Oberst a. D. Hermann Wilhelm Souchon wohnt, von Historikern noch immer verdächtigt, im Jahre 1919 bei der Ermordung der Kommunistin Rosa Luxemburg mitgewirkt zu haben.
Die Polizisten fanden drei Karabiner, eine Doppelflinte und in einer Abseite, unter der Arbeitskleidung des Monteurs versteckt, eine durchgeladene Pistole. Ehefrau Dagmar, 28, die mit ihrem Mann auch politisch sympathisiert und ihm zum letzten Weihnachtsfest einen Karabiner für 200 Mark beschert hatte, nahmen die Beamten vorsorglich mit.
Die anderen neun Kameraden hob Schaeben "auf einen Schlag" aus. Am Sonntagmorgen, 6.30 Uhr, ließ er sie festnehmen. Und bei zehn Haussuchungen -- acht Im Bonner, zwei im Düsseldorfer Raum -- wurden sichergestellt: 17 Gewehre und Karabiner, neun Pistolen, mehrere Bajonette und Stilette, größere Mengen Munition unterschiedlichen Kalibers, eine Hakenkreuzfahne und NS-Schriften, so der vollständige Jahrgang 1938 des Kampfblattes "Der Stürmer" und Hitlers "Mein Kampf".
Es war, so Schaeben, die Ausrüstung eines "harten NPD-Kerns", der, wie der Verfassungsschutz weiß, "Aktionen statt Propaganda und Gewalt nicht nur mit der Faust will". Einige der Gefaßten mischten schon beim ersten öffentlichen Akt der "Aktion Widerstand" Ende Oktober vergangenen Jahres in Würzburg mit und waren dabei, als im Januar Rechtsextremisten die Fenster der Sowjetischen Botschaft in Rolandseck einwarfen.
So offensichtlich Staatsschützer dazu neigen, ihre Funktion zu überschätzen, so offensichtlich versucht in jüngster Zeit rechte Reaktion, latenten Nationalismus gegen alles zu beleben, was links von der CDU liegt. Vor vier Wochen zum Beispiel drangen rechte Radikale in die Wohnung eines Bochumer Kommunisten, fesselten die Ehefrau und sperrten sie ins Badezimmer. Im vergangenen Mai wurde im Ruhrgebiet der NPD-durchsetzte bewaffnete Geheimbund "Europäische Befreiungsfront" entlarvt, der das innerdeutsche Treffen in Kassel durch Schüsse auf Hochspannungsleitungen verdunkeln wollte.
Damals konnten 15 Pistolen, zwei Trommelrevolver, Gewehre, eine Maschinenpistole sowie über 100 Schuß Munition beschlagnahmt werden.
Ob die nun aufgedeckte Gruppe eine neue Sammlung der alten Verschwörung ist, hat der Verfassungsschutz bislang nicht herausgefunden. Die Personen, bis auf den verhafteten Hengst sämtlich wieder freigelassen, sind nicht identisch. Die Partei aber Ist dieselbe.
Festgenommen wurde zum Beispiel der technische Angestellte im Bundesverteidigungsministerium Werner Wolf, 39, Kreisvorsitzender der NPD im Rhein-Sieg-Kreis, der 1969 für den Bundestag kandidierte. Festgenommen wurden auch Wolf s Stellvertreter Klaus Maurer und NPD-Geschäftsführer Joachim Sehl.
Und ihre Kameradschaftsabende und Schießübungen veranstalteten die Extremisten ebenfalls bei Parteifreunden, im Anbau eines einsam gelegenen Hauses in Römlinghoven bei Beuel, das die Gesinnungsgenossen Mathias Bläser, 63, und sein Sohn Franz Dietrich, 27, bewohnen. Dort sangen die Kämpfer das Horst-Wessel-Lied ( die Reihen fest geschlossen">. Dort schossen sie im Rausch auf Willy Brandt und Walter Ulbricht, die auf einem Plakat der "Aktion Widerstand" in norwegischer und russischer Uniform an der Wand hingen. Dort kamen bei einer Sammlung "Kopfgeld für Brandt" knapp hundert Mark zusammen.
"In Wirklichkeit steckt doch nichts dahinter", verharmlost der nordrheinwestfälische NPD-Landesgeschäftsführer Gerhard Quelle. Seine Zentrale aber reagierte wie stets, wenn einzelne Parteimitglieder aus der verfassungstreuen Rolle fallen. Sie will ihren Funktionär Werner Wolf von seinem Amt suspendieren und gegen alle Waffenbrüder Parteiausschlußverfahren einleiten.
Denn Aktionen wie jetzt die Hengst-Paraden böten durchaus Anlaß zum Verbot der Partei. Adolf von Thadden: "Das Ist der wunde Punkt der NPD."

DER SPIEGEL 9/1971
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