22.02.1971

SCHWIMMEN / OLYMPIA-TESTSchlaf und Sieg

Wenn ich nicht meine 12 bis 14 Stunden Schlaf habe, kann ich nicht schwimmen, murrte Europameister Hans Lampe aus Bonn. Beim ersten Start in Neuseeland blieb der 1,94 Meter große Bundesschwimmer um mehr als sechs Sekunden hinter seiner Bestzeit zurück.
Meister Lampes dunkle Stunden freilich verrieten eine Fehldisposition, die 19 olympiareife Bundesschwimmer derzeit in Australien ausbaden müssen. Die vierwöchige Reise in den fünften Erdteil war als Olympiatest gegen Australiens und Amerikas stärkste Schwimmer gedacht. Hierfür hatte der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) einige Stars zum vierwöchigen Höhenlager Saas Fee im Schweizer Wallis verschickt.
Die dienstälteste Weltklasseschwimmerin, Heike Nagel-Illustede, 25, inzwischen Mutter, verschob sogar ihren Rücktritt. "Nur Australien fehlt mir noch, sonst war ich schon in der ganzen Welt", motivierte sie ihre Reiselust, an der längsten Wettkampftournee (Gesamtkosten: 80 000 Mark) deutscher Schwimmer teilzunehmen. Mehrmals 50 000 Kilometer legte die DSV-Expedition zurück.
Doch die erhoffte starke Konkurrenz mied zum Leidwesen des Bundestrainers Horst Planert und seines Bonner Kollegen Gerhard Hetz zunächst das Kräftemessen mit den tatendurstigen Deutschen. An den australischen Meisterschaften durften die Gäste nicht teilnehmen. Und gerade als sie angekommen waren, hatte eine starke US-Mannschaft mit Olympiasieger Michael Burton Australien wegen mangelnder Konkurrenz verlassen. Die DSV-Equipe kraulte und plantschte in Neuseeland nur gegen harmlose Mittelkläßler. In jeder Stadt waren es immer dieselben Gegner. Zigarettenfabrikant Rothmans, der jährlich eine Million Mark für Neuseelands Sportler spendet, setzte zur Betreuung der Deutschen Bürgerfrauen ein, die den Athleten unentwegt Sandwiches belegten und Kaffee brühten. Nur an Schlaf fehlte es.
So versuchte Trainer Hetz seinen unausgeschlafenen Kurzstrecken-Star Hans Lampe auf längeren Distanzen frisch zu machen, wo er aussichtslos selbst hinter den Neuseeländern herschwamm. Stewardessen in den Flugzeugen quälte der Hüne mit ständigem Verlangen nach frischer Milch und großen Steaks. Dennoch gewannen die matten Bundesschwimmer auf Neuseeland 31 von 44 Rennen.
Erst in der zweiten Reisewoche zeigten die Australier den Bundesdeutschen, wo beide Mannschaften 18 Monate vor der Münchner Olympiade rangieren. Von 13 Rennen in Melbourne gewannen die deutschen Favoriten nur noch fünf.
Überdies trugen die Deutschen ihren schon daheim zwischen den Leistungszentren in Bonn und Wuppertal schwelanden Privatkrieg aus. Als der in Bonn trainierende Lampe-Bruder Werner die Gastgeber durch arrogantes Benehmen verprellte, rügte der Wuppertaler Star Michael Holthaus: "Dem sind seine Rekorde zu Kopf gestiegen."
Aufgerüstet von der Deutschen Sporthilfe, streben die beiden rivalisierenden Trainer Heinz Hoffmann in Wuppertal und Hetz in Bonn Medaillenerfolge an.
Die für Olympiaerfolge unerläßliche internationale Wettkampferfahrung und die Fähigkeit, unter Streß-Bedingungen Höchstleistungen zu erzielen. sollten die Schwimm-Eleven in Australien erwerben.
Bewußt nahmen die deutschen Olympiaplaner die erschwerenden klimatischen Bedingungen in Kauf. Verfehlte Vorbereitung führte schon zum Olympia-Debakel des Münchner Brustschwimmers Herbert Klein, der 1952 als Favorit und Weltrekordler zum Helsinki-Olympia gereist war. Doch im isolierten Nachkriegs-Deutschland hatte es ihm an Wettkampfpraxis gemangelt. So verkrampfte er im Olympiafinale vor dem Ziel und wurde nur Dritter.
Diesmal freilich strich DSV-Generalsekretär Hermann Henze einen der besten Kraulsprinter des letzten Jahres: Rainer Jacob. Der Sohn der Medaillengewinnerin von 1936, Gisela Jacob-Arendt, hatte Henzes Empfinden für Tradition und Anstand verletzt. Bei der Europameisterschaft half der beatlemähnige Sportler-Sprößling zwar die Silbermedaille in der Staffel erringen, protestierte anschließend aber gegen Flaggen-Ehrung und Nationalhymne, indem er seine Hände in die Hosentaschen steckte. Henze zürnte: "Ich lasse mich nicht beschimpfen, wenn dieser langmähnige Schwimmer seine Füße auf jeden Tisch legt."

DER SPIEGEL 9/1971
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