12.04.1971

Pullach intern

5. Fortsetzung
Generalleutnant außer Dienst Adolf Heusinger, ehedem Operationschef im Heeres-Generalstab, sah dem Besuch seines einstigen Musterschülers erwartungsvoll entgegen: Ex-General Reinhard Gehlen hatte sich man schrieb das Jahr 1948 -- zu einer Visite angemeldet, um seinem ehemaligen Chef ein diskretes Angebot zu unterbreiten.
Gehlen offenbarte Heusinger, im Münchner Vorort Pullach entstehe die Zentrale eines deutschen Geheimdienstes, der nicht zuletzt das Ziel verfolge, Westdeutschland in einem Militärbündnis mit Amerika zu verbinden. Dazu benötige man Offiziere, die bereit seien, eines Tages an die Spitze einer neuen Wehrmacht zu treten.
Er biete daher Heusinger an, in der Organisation Gehlen (Org) mitzuarbeiten. "Herr Gehlen meinte", erinnert sich Heusinger, "es sei sicherlich zweckmäßig, daß ich mich über die Entwicklung der militärischen Lage im Osten auf dem laufenden halte." Der Generalleutnant schlug freudig ein.
Wie Heusinger erging es auch anderen Ex-Militärs; sie wurden von Gehlen angelaufen und eingestellt. Dazu Gehlen-Intimus Heinz Herre: "Es kam damals darauf an, möglichst viele Offiziere von der Straße zu holen." Einer nach dem anderen trat in die Dienste Gehlens:
Die Generalstabs-Offiziere Ernst Ferber und Josef Moll kamen ebenso wie der Oberstleutnant Heinz Günter Guderian, ein Sohn des ehemaligen Gehlen-Gönners und Generalstabschefs Heinz Guderian.
In späteren Jahren freilich, da sie als Inspekteure und Inspizienten führende Positionen der Bundeswehr besetzten, mochten sie nicht gern an ihre Dienstzeit in der Gehlen-Organisation erinnert werden. Da Heusinger nur allzusehr das traditionelle Vorurteil der Deutschen gegen den Dienst im geheimen Nachrichtenwesen kannte, schwächte er ah: "Mit Agentendienst hatte meine Tätigkeit nichts zu tun." So wollte der Bundeswehr-Generalinspekteur Heusinger nach 1945 als "freier Schriftsteller" gearbeitet, Heeres-Inspekteur Moll ein "selbständiges Handelsgeschäft" in Stuttgart geführt, Panzertruppen-Inspizient Guderian in einem "wirtschaftlichen Forschungsinstitut" laboriert haben.
Gleichwohl hatten sie damals in dem Dienst für die Org eine geradlinige Fortsetzung ihrer militärischen Karriere gesehen. Nichts schien ihnen normaler, als in der grauen Kolonne ihres Generals-Kameraden Gehlen mitzumarschieren, der in seiner Organisation den 1945 unterbrochenen militärischen Dienst fortzusetzen schien.
Tatsächlich enthüllte auch der Eintritt späterer Bundeswehr-Generale in die Organisation Gehlen, daß Westdeutschlands Geheimdienst an einem Übergewicht militärischer Interessen litt, das freilich weniger auf die soldatische Optik der ersten Org-Angehörigen zurückging als auf den Auftrag des Washingtoner Kriegsministeriums" das militärische Potential des Gegenspielers im Osten zu erkunden. Ob aus eigener Neigung oder fremdem Zwang -- die Organisation Gehlen war zunächst eine Domäne des Militärs; ihre Analysen und Berichte wurden von den machtpolitischen Vorstellungen traditionalistischer Offiziere bestimmt.
Militärs hatten die Organisation geschaffen, militärische Feindaufklärung erschien ihnen in erster Linie Sinn und Ziel eines Geheimdienstes. Das hierarchisch-patriarchalische Denken der Militärs prägte denn auch die Arbeit der Org.
Dennoch erkannte Gehlen bald, daß der neue Geheimdienst keine rein soldatische Formation sein konnte. Das Personal der Org war zu heterogen, um sich in das Schema militärischer Disziplin und Hierarchie pressen zu lassen. Die Angehörigen der Zentrale, so beschloß Gehlen, sollten gleichberechtigt sein. Militärische Titel wurden immer seltener verwendet, die Sachbearbeiter redeten sich nur mit dem jeweiligen Decknamen an. Aus dem General Gehlen wurde der "Dr. Schneider".
Mit ihm zog in der ehemaligen Rudolf-Heß-Siedlung" zwischen Pollachs Burgweg und den Gleisen der Isartal-Bahn ein betont ziviler Umgangston ein. Mochten auch am Eingangstor zum neuen Hauptquartier der Organisation Gehlen amerikanische Soldaten die Dienstausweise kontrollieren, US-Offiziere Aufträge erteilen -- die meisten Angehörigen der Org fühlten sich als Zivilisten. Wo noch militärische Rudimente nachwirkten, ließen sie Pullach mehr als ein Stabsquartier denn als eine Kaserne erscheinen.
Anfang 1948 waren 200 Mitarbeiter der Org auf Order des Chefs in (Eis Pullacher Quartier übergesiedelt, Kurz darauf hatte Gehlen den Verheirateten unter seinen Mitarbeitern nahegelegt, Frauen und Kinder in das weiträumige Camp zu holen. Schon bald führten die Geheimen das Leben einer Großfamilie.
Die Familien-Zusammenführung sollte den einstigen Soldaten ein Gelobt von Häuslichkeit geben, zugleich aber auch der Organisation Büropersonal sichern: Die meisten Ehefrauen der Org-Mitglieder ließen sich als Sekretärinnen verpflichten. Die Kinder des Geheimdienst-Clans gingen in einen Camp-eigenen Kindergarten oder in eine Schule -- betreut von Ehefrauen, deren Männer ebenfalls in Gehlens Diensten standen. Manche Schüler blieben der Familientradition treu: Sie arbeiten heute als Sekretärinnen oder Referenten im Bundesnachrichtendienst.
Zahllose Bande verknüpften die Ordensmitglieder miteinander. Gehlen, mit ausgeprägtem Familiensinn ausgestattet, brachte seinen Bruder und einen Schwager im Pullacher Apparat unter. Er gefiel sich nebenbei auch in der Rolle eines Ehestifters; so half er den Ehebund seiner Sekretärin mit einem späteren Geheimdienst-General schließen.
Jede Maßnahme des Chefs war darauf gerichtet, seinen Stab von der Außenwelt unabhängig zu machen. Für die medizinische Versorgung seiner Mitarbeiter ließ Gehlen ein Hospital einrichten; ein Kasino, von den Amerikanern mit Lebensmitteln beliefert, servierte den Geheimdienstlern und ihren Familien ein Menü, wie es sonst auf deutschen Tischen 1948 nicht zu finden war.
Der Org-Chef verstand es, der Pullacher Zentrale den Zusammenhalt eines Stabsquartiers zu geben. Gehlen verbreitete so etwas wie Nestwärme. Das zahlte sich aus: Immer mehr Menschen waren bereit, dem Ruf des Generals zu folgen. Vor allem die Geheimdienstler unter den ehemaligen Militärs nahmen gern alle Risiken auf sich, um der "Firma", wie die Organisation hausintern bezeichnet wurde, gute Geschäftsabschlüsse zu sichern.
Sie dienten Gehlen um so bereitwilliger, als er ihnen Ziele wies, die sie nur allzu gut verstanden. Es galt, die US-Besatzer für die deutschen Interessen zu engagieren und den längst entbrannten Kalten Krieg zwischen Washington und Moskau zu nutzen, um zumindest die Westdeutschen vor den gröbsten Konsequenzen des vom Hitler-Regime begonnenen und verlorenen Krieges zu verschonen.
Schon Anfang 1947 hatte Gehlen einem Mitarbeiter anvertraut, er rechne mit der Möglichkeit eines Krieges zwischen Russen und Amerikanern; aber selbst wenn ein bewaffneter Konflikt ausbleibe, stehe Europa ein Jahrzehnt intensiver Spannungen bevor. Da sei es -- so Gehlen -- von eminenter Bedeutung, die Amerikaner in Deutschland festzuhalten und sie für die Deutschen ins Spiel zu bringen.
Historische Zufälle hatten Reinhard Gehlen eine Position gesichert, die ihm ermöglichte, amerikanische Deutschland- und Europa-Politik an einem entscheidenden Punkt zu beeinflussen. Seit ihn das Kriegsministerium in Washington beauftragt hatte, militärische Aufklärung im Osten zu betreiben, konnte er das amerikanische Lagebild von der schier unaufhaltsamen Ausbreitung des sowjetischen Einflusses in Europa mitbestimmen.
Wie kein anderer Deutscher wußte Gehlen, daß Amerikas führende Militärs und Geheimdienstier in der Sowjet-Union nicht mehr einen Alliierten, sondern den potentiellen Gegner im nächsten Krieg sahen. Und Gehlen war es, der die US-Strategen in Alarm-Stimmung hielt: Was Washington über Moskaus Streitkräfte und Rüstung erfuhr, stammte zu 70 Prozent von der Organisation Gehlen.
Der Auftrag aus Washington erlaubte den aus Abwehr und Aufklärungsdienst stammenden Mitarbeitern Gehlens fortzuführen, was sie gelernt und immer getan hatten. Sie erkundeten Gruppenstärken und militärische Bewegungen, sie berechneten Kräftepotential und Produktionsziffern, sie registrierten Militär-Personalien und Umbesetzungen in der militärischen Führung des Ostens.
Manche von ihnen hatten zwar keinen Blick für politische Differenzierungen und ideologische Motive, doch das Abc militärischer Feindaufklärung beherrschten sie. So gelangte die Gehlen-Organisation bald in eine geheimdienstliche Monopolstellung, deren sich kein anderer Nachrichtendienst im Westen rühmen durfte.
Die Org konnte ihre westlichen Rivalen weit in den Schatten stellen, weil sie auf einem ureigenen Terrain arbeitet: der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland. Auf keinem anderen Gebiet vermochte sie mehr Helfer und Leidenschaften zu engagieren, nirgendwo waren die Deutschen fast aller Parteirichtungen entschlossener, die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges zu korrigieren.
In der Sowjetzone konnte denn auch Gehlens Organisation einen großen Erfolg erringen: Agenten der Org entdeckten im Oktober 1948 in der Zone, was die westliche Öffentlichkeit später schockierte. Unter russischem Patronat, so meldeten Gehlens V-Männer, entstehe eine ostdeutsche Armee, getarnt als "Kasernierte Bereitschaften", später Kasernierte Volkspolizei (KVP) genannt.
Die Meldung stammt von einem Informanten-Netz, das der ehemalige Hauptmann Dieter Keuner (Pseudonym) von seiner Wohnung in Berlin-Wilmersdorf aus geknüpft hatte. Keuner war im Kriege Kompaniechef an der Ostfront gewesen und hatte 1947 den Weg zur Organisation Gehlen gefunden. Zunächst Agent der Org, war er rasch zum Leiter einer Außenstelle in West-Berlin aufgerückt.
Keuner stellte einen Stab von 20 V(ertrauens)-M(ann)-Führern auf, die jeweils zehn V-Männer unterhielten, deren Informanten in der Sowjetzone saßen und jedes militärisch interessante Detail berichten sollten.
Wichtigster VM-Führer war der ehemalige Oberst Kurt Tolle (Pseudonym), Keuners einstiger Regimentskommandeur. Ihn hatte Keuner nachgezogen, sobald er Außenstellenleiter geworden war. Auch Tolle mußte die Sprossenleiter des Spionagegeschäfts erklettern. Zunächst reiste er durch die Zone, um unter alten Kameraden Mitarbeiter anzuwerben; dann führte er diese "Quellen" als V-Mann, bis ihm die Pullacher Zentrale den Posten eines Führungsoffiziers, eben des VM-Führers, übertrug.
Tölle erhielt ein festes Monatsgehalt und mobilisierte eine Gruppe von fünf V-Männern, die Nachricht n aus der Ostzone heranschaffen sollten, Zu Tölles V-Männern gehörte auch Walter Zentner (Pseudonym), der seinen Führungsoffizier seit zehn Jahren kannte; auch sie waren Kameraden aus gemeinsamer Wehrmachtszeit.
1947 hatte Tölle an der Tür von Zentners Wohnung geklingelt und ihn für die Organisation Gehlen geworben. In den ersten Monaten fuhr Zentner noch selbst in die Zone, besuchte ehemalige Kameraden und bat sie, für ihn die Kennzeichen sowjetischer Militärkraftwagen aufzuschreiben, Skizzen von Flugplätzen anzufertigen, Geländeübungen von Rotarmisten zu beobachten und über die Stimmung der Zonen-Bevölkerung zu berichten.
Er zahlte mit Zigaretten, Kaffee, Büchsenmilch und Schokolade. Einmal im Monat machte der V-Mann eine Rundreise durch die Zone und tauschte Waren gegen Nachrichten. Der Handel spielte sich für alle Beteiligten gewinnträchtig ein, bis Zentner eines Tages erfuhr, daß einer seiner Informanten von der Volkspolizei verhaftet worden sei. Seitdem mied er die Zone; er ließ seine Informanten nach West-Berlin kommen.
Sie kamen arglos zu V-Mann Zentner, denn unter Freunden und Kriegskameraden, aus denen sich die ersten geheimen Netze der Gehlen-Organisation zusammensetzten, mochte man übertriebene Vorsicht nicht recht gelten lassen. Auf starkes Mißtrauen reagierten die Informanten ohnehin empfindlich: Sie verdingten sich einem anderen westlichen Geheimdienst. Wer Neuigkeiten oder gar Geheiminformationen aus der Zone andienen konnte, brauchte sich um Abnehmer nicht zu sorgen. Berlin war der große Umschlagplatz für Nachrichten. Ob Amerikaner, Briten oder Franzosen -- sie kauften, was ihnen angeboten wurde.
V-Mann Zentner wußte sich einen Stamm guter Informanten heranzubilden. Er verfügte bald über zehn Nachrichten-Lieferanten, die ihm berichteten, was sie in der Zone gehört, gelesen und gesehen hatten. Kein Informant lernte den anderen kennen. Zentner traf sich jeweils nur mit einem seiner Lieferanten an ständig wechselnden Trefforten, immer am Sonnabend oder am Sonntag.
Da kam der Bäckergeselle aus Döberitz, um Zentner zu berichten, wie viele Brote seine Bäckerei täglich in die Sowjet-Kaserne schickte. In Eberswalde zählte eine Wäscherin für Zentner die Oberhemden von Rotarmisten.
Vor einer Kaserne in Potsdam beobachtete ein ehemaliger Regimentskamerad für Zentner, welche Fenster abends erleuchtet waren und welche im Vergleich zur Vorwoche dunkel blieben. Auf einem Müllplatz in Schönwalde stöberte ein Informant nach Briefen und Schriftstücken mit kyrillischen Buchstaben, um sie am Wochenende Zentner nach West-Berlin zu bringen.
Für jede Information zahlte Zentner seinen Agenten ein Handgeld: 20 oder 30 Reichsmark, manchmal auch 50 Reichsmark. Als Belohnung für die Brieffetzen vom Müllplatz schob er eine Stange Zigaretten über den Tisch.
Im August 1947 gewann Zentner auch die Mitarbeit eines 19jährigen Bauarbeiters, dem die Organisation Gehlen ihren bis dahin größten Erfolg verdanken sollte. Klaus Imhoff (Pseudonym) kam aus Niesky in der Oberlausitz und hatte eigentlich nur im Westsektor Berlins ein Wochenende verbringen wollen.
Nach einem Kinobesuch am Kurfürstendamm ging er in ein Lokal am Bahnhof Zoo, um eine Erbsensuppe zu essen. Dort fiel er Zentner auf; der V-Mann setzte sich an Imhoffs Tisch und sprach ihn an. Es dauerte nicht lange, bis Zentner die Lebensgeschichte des Klaus Imhoff aus Niesky kannte: Der Vater war in Rußland gefallen, die Mutter ernährte als Fabrikarbeiterin drei Kinder. Klaus, der älteste Sohn, mußte vorerst auf dem Bau arbeiten; er wollte jedoch Architekt werden.
Beide Männer stimmten darin überein, daß man unter den Flossen und den SED-Funktionären nicht leben könne; die Frage sei nur, wie man sie wieder "loswerden" könne. Zentner hatte eine Idee: Man müsse erst einmal alles, was in der Zone passiere, im Westen bekanntmachen. Er kenne einen Kameraden aus der Wehrmacht, der solche Mitteilungen sammle und seiner Dienststelle zuleite, die wiederum amerikanische Behörden ins Bild setze.
Dann kam Zentners entscheidende Frage: Ob Imhoff als Maurer beispielsweise auch in sowjetische Kasernen komme? Zu Kasernen habe er keinen Zutritt, erklärte Imhoff, aber in Niesky beobachte er oft Eisenbahntransporte mit Sowjet-Soldaten und Sowjet-Panzern, die aus Polen kämen.
Zentner belehrte seinen Gesprächspartner: Man müsse wissen, wie oft solche Züge kämen, wie viele Panzer sie geladen hätten und wo ihr Zielbahnhof liege; Imhoff solle in Niesky die Augen offenhalten und ihm beim nächsten Besuch in West-Berlin seine Beobachtungen mitteilen. Imhoff versprach, sich wieder zu melden.
Mit dieser Zusage war Klaus Imhoff Mitarbeiter der Organisation Gehlen geworden. "Mir kam es darauf an, dem Iwan und der SED eins auszuwischen". begründet er heute seinen Schritt. " Ich fühlte mich moralisch zum Kampf gegen den kommunistischen Feind im Lande berechtigt und verpflichtet, ich kam mir nicht als Spion vor, sondern als Widerständler gegen die Besatzungsmacht und ihre Pankower Quislinge."
Ob auf dem Bau, in der Straßenbahn oder im Kreis von Bekannten -- Imhoff merkte sich alles, was ihm wichtig erschien. Jeden Sonnabend fuhr er mit der Eisenbahn nach Ost-Berlin und bestieg dort am Nachmittag die S-Bahn. um in die Westsektoren zu kommen. In einem Lokal sah er dann stets Zentner hinter einem ausgebreiteten Tagesspiegel.
Anfang September 1948 traf Imhoff vor dem Denkmal für gefallene Sowjetsoldaten in Niesky seinen Schulfreund Hohen Maus (Pseudonym), der zur Volkspolizei gegangen war. Von ihm erfuhr Imhoff, die Vopo werde militärisch ausgerüstet. Selbst der naive Imhoff verstand, was die Information bedeutete: Die Sowjetzone hatte begonnen, eine Armee aufzustellen.
Imhoff fuhr sofort nach West-Berlin, wechselte am Bahnhof Zoo von der S-Bahn in die Straßenbahnlinie 77 und eilte nach Steglitz. Er verließ die Bahn in der Schloßstraße, bog in eine der Nebenstraßen ein und betrat eine Schultheiss-Kneipe. Dort ging er auf den Tisch zu, an dem schon Zentner mit seinem "Tagesspiegel" wartete.
Der Informant aus Niesky berichtete, was er für eine Sensation hielt. Auch V-Mann Zentner war beeindruckt. Kurz darauf schrieb Zentner (Decknummer 9718) die folgende Meldung:
9718
Quelle Klaus Imhoff in Niesky, der bis 1947 mit Hubert Maus, dortselbst, die Schule besuchte und mit diesem zusammen das Abitur machte, berichtete Nr. 9718, daß er vor einigen Tagen vor dem Sowjet-Ehrenmal in Niesky seinen Freund Maus getroffen hatte, der letzt Dienst bei der "Volkspolizei" tut. Dabei erzählte Maus der Quelle K. I. unter dem Siegel der Verschwiegenheit, er sei letzt Soldat. Seine Vopo-Einheit wird in der Gegend von Weimar an Maschinengewehren und Granatwertern ausgebildet. Maus stellte ferner in Aussicht, daß die Vopo später auch Artillerie und Panzer (T 34) erhalten wird. Auf Frage von Quelle K. I., ob die Vopos an diesen Watten von Russen ausgebildet werden, antwortete Maus, Russen hätten die Aufsicht, Ausbilder sind Offiziere der früheren deutschen Wehrmacht. Beurteilung der Quelle K. I.: Kenne Quelle seit einem Jahr, seine Mitteilungen hoben sich immer als wahrheitsgemäß erwiesen.
9718.
Zentner nahm die Meldung und legte sie am folgenden Montag dem VM-Führer Tülle vor. Doch Tölle wollte die Meldung als Phantasieprodukt abtun. Er hielt es für ausgeschlossen, daß die Russen den Deutschen schwere Waffen in die Hände geben würden, "Ich habe dann auf Tölle eingeredet wie auf einen lahmen Gaul", erinnert sich Zentner. "Ich war überzeugt, daß an dieser Meldung etwas dran sei. Ich sagte zu Tölle: Der Imhoff spinnt nicht."
"Aber vielleicht Imhoffs Informant, der Volkspolizist", erwiderte Tölle. Darauf Zentner: "Dann gib die Information doch wenigstens weiter. Unter Umständen wissen die Amis schon mehr."
Tölle ließ sich überreden und fuhr in die Wohnung des Außenstellenleiters Keuner, in der die VM-Führer stets die Spionageheute aus der Zone abzuliefern hatten. Als Keuner die Zentner-Meldung las, wurde er feierlich. "Herr Oberst", sagte er, "was Sie hier mitbringen, ist ein Knüller."
Kenner 22 Jahre später: "Wir bekamen damals viele Meldungen, bei deren Lektüre ich mir sagte: Na, da hat sich doch einer was Feines ausgedacht, um uns ein paar Lappen aus der Brieftasche zu ziehen. Man mußte bei der Sichtung des Materials schon eine gute Nase haben, um Dichtung und Wahrheit zu riechen. Bei dieser Geschichte aber habe ich instinktiv gemerkt: Da könnte was dran sein."
Als Tölle gegangen war, schrieb Keuner eine Meldung für die Pullacher Zentrale. Dann wählte er eine Telephonnummer und sagte: "Wir müssen uns morgen sehen, es eilt." Als Antwort hörte er: "Neun bei vier!" Neun: das war die Uhrzeit, vier: das war nie Chiffrebezeichnung für den Treffort -- das Affenhaus im Berliner Zoo.
Am nächsten Morgen verwickelte Keuner vor den Affenkäfigen einen Zoo-Besucher in ein kurzes Gespräch, zog den "Telegraf" aus der Tasche und verwies den Herrn auf einen Artikel im Blatt. Der Herr bat Keuner, ihm die Zeitung zu überlassen: Keuner willigte ein. Dann trennten sich beide,
Keuner war seinen "Telegraf" und einen Briefumschlag los, den er auf eine Innenseite geklebt hatte -- mit der Meldung aus Niesky. Damit befand sich der Bericht im internen Postverkehr der Organisation Gehlen.
Am Abend betrat der Kurier das Hauptquartier des US-Militärflug-Platzes am Tempelhofer Flughafen. Wenige Minuten später brachte ihn ein Amerikaner zu einer zweimotorigen US-Kuriermaschine vom Typ "Dakota". In dem Flugzeug warteten bereits amerikanische Offiziere, daneben auch Zivilisten -- Mitarbeiter der Gehlen-Organisation,
In Frankfurt am Main wurde die Zentner-Meldung von einem neuen Kurier übernommen, der vom Frankfurter Hauptbahnhof aus im US-Militärzug nach dem Süden reiste. Endstation: eine Villa in der Nähe des Nymphenburger Schlosses im Müchen, aus deren Fenstern Geigenmusik drang; auf dem Türschild wies sich ein Musiklehrer aus.
Der vermeintliche Tonkünstler zeichnete mit Decknamen und Decknummer verantwortlich für eine weitere Dependance der Organisation Gehlen, In seinem grauen Haus liefen die nachrichtendienstlichen Kommunikationslinien aus Org-Nebenstellen wie Bad Nauheim, Stuttgart und Bremen zusammen. Hier stand die letzte Relaisstation zwischen Agenten in der Zone und der Zentrale im Pullacher Camp.
Eine Stunde später lag die Meldung aus West-Berlin auf dem Schreibtisch des Obersten außer Dienst Dinser, der 1945 aus Südafrika nach Deutschland zurückgekehrt war und nach der Ausbootung des Gehlen-Rivalen Bann die Leitung der Aufklärungsgruppe übernommen hatte. Die Meldung wirkte, so erinnert sich ein Gehlen-Mann, "wie ein Dampfhammer" -- Über die Bewertung der Nachricht ob glaubhaft oder nicht -- entbrannte in der Führungsgruppe der Org eine heftige Diskussion. Heute
* SPIEGEL-Titel 39/1954.
läßt sich nicht mehr rekonstruieren, welche Voten die Männer um Gehlen gaben, aber an Gehlens Votum erinnern sich einige Akteure noch recht genau: Der "Doktor" habe sofort erklärt, er halte es für glaubhaft, daß die Sowjet-Regierung die Aufrüstung der Ostzone vorbereite.
Gehlen befahl, in Pullach einen Sonderstab zu bilden; er sollte die Umwandlung der Volkspolizei in einen militärischen Verband aufklären. Sämtliche Außenstellenleiter und V-Mann-Führer in Berlin wurden angewiesen, ihre V-Männer und Quellen in der Ostzone auf das Projekt "Volkspolizei" anzusetzen, was Filialleiter Keuner schon selber getan hatte. Gehlen ließ Keuner zudem mitteilen, daß der Quelle Imhoff eine Sonderprämie zu zahlen sei: ein Care-Paket.
In der Zone erhielten ehemalige Wehrmachtsoffiziere neuerlich Besuch von alten Bekannten. Die Besucher interessierten sich dafür, ob die Kameraden oder gemeinsame Freunde aus der Kriegszeit einen Auftrag von der Volkspolizei erhalten hätten. Junge Vopos sahen sich unvermittelt zum Bier eingeladen. Pilzsammler umkreisten Truppenübungsplätze.
Im Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte und im Kommando der Volkspolizei unterlagen die Pläne für die Vopo-Aufrüstung noch der höchsten Geheimhaltungsstufe, da kannte die Organisation Gehlen schon Details über Gliederung, Stärke und Bewaffnung der Verbände, die als Kasernierte Volkspolizei die Vorhut der späteren Nationalen Volksarmee bildeten.
Der Sonderstab "Volkspolizei in Pullach operierte wie ein Schatten des deutsch-sowjetischen Vopo-Kommandos, das zunächst auf dein Papier, dann auf Kasernenhöfen und Übungsplätzen die ostdeutschen Waffengattungen formierte.
Im Frühjahr 1949 konnten die Pullacher Ermittler vorausberechnen und den US-Militärs melden, welches Planziel der KVP bis zum Jahresende gesetzt worden sei: Infanterie mit 24 Regimentern, Artillerie mit sieben Regimentern, Panzer mit drei Regimentern, Pioniere mit zwei Regimentern, Nachrichtentruppe mit drei Regimentern. Jeder Verband werde 1250 Mann zählen; die Gesamtstärke der KVP solle sich auf 48 750 Mann belaufen.
Das Sandkastenspiel der Organisation entsprach deutscher Generalstabs-Analyse. Im Herbst 1949 lieferte ein hoher Volkspolizei-Offizier den Aufklärern der Org die Geheimpläne über den abgeschlossenen Aufbau der ersten KVP-Verbände. Sie deckten sich mit der Vorausschau der Gehlen-Experten vom Frühjahr.
Die Ausspähung der Kasernierten Volkspolizei offenbarte zum erstenmal, wie wirkungsvoll die Gehlen-Organisation militärische Vorgänge in der Sowjetzone zu beobachten wußte. Die Zeit war vorbei, in der sich die Org hatte damit begnügen müssen, Flüchtlinge aus der Ostzone zu vernehmen und daraus militärische Erkenntnisse zu gewinnen. Jetzt arbeiteten eigene Späher zwischen Elbe und Oder; ihre Zahl war noch gering, aber sie wuchs von Monat zu Monat.
Der nächste Erfolg der Organisation bietet ein Schulmodell klassischer Spionage: Gehlens Kundschafter entschleierten ein waffentechnisches Geheimnis des Ostens.
Im Frühjahr 1949 liefen in Pullach Agentenberichte ein, die davon sprachen, in der Sowjetzone sei ein seltsamer Flugkörper zu beobachten. "Der Flugkörper", so hieß es in einem Bericht, "hat das Aussehen einer Rakete: nach erstem Augenschein handelt es sich um ein neuartiges Flugzeug: ohne Tragflächen und ohne Propeller."
In den Stäben der westlichen Luftstreitkräfte rätselten Offiziere und Techniker, ob die Beobachter einer optischen Täuschung anheimgefallen seien oder tatsächlich eine Neuheit russischer Flugingenieure gesehen hätten.
Gehlens Luftwaffen-Experten kamen zu dem Schluß, es müsse sich um ein neues sowjetisches Flugzeug handeln. Sie konnten sich auf eine weitere Meldung stützen, die besagte: Die ominöse Flugmaschine entwickle eine enorme Geschwindigkeit; sie gebe einen Pfeifton von sich, der vom herkömmlichen Motorengeräusch abweiche.
Über dieses Pfeifen wunderte sich auch ein ehemaliger Jagdflieger, der in Berlin-Spandau wohnte und unter dem Decknamen "Horst" als V-Mann für die Org arbeitete. Horst war nicht einer der Berliner Außenstellen angeschlossen; er wurde von einem ehemaligen Generalstabs-Oberst geführt, der unter der Decknummer 8035 in der Gehlen-Filiale von Bad Nauheim saß.
Horst berichtete 8035, er höre das pfeifende Geräusch aus der Richtung des Fliegerhorstes Schönwalde nördlich von Berlin, auf dem sowjetische Fliegerverbände stationiert seien. Er wolle der Sache nachgehen; der V-Mann-Führer möge ihm eine Kamera schicken.
Der Agenten-Führer in Bad Nauheim zögerte: Würden Rotarmisten oder Zonen-Polizisten den Mann mit der Kamera stellen, zumal im Bereich des Fliegerhorstes, dann wäre der V-Mann verloren. Dieses Risiko mochte 8035 um so weniger eingehen, als Gehlen seinen Mitarbeitern immer wieder einschärfte: "Deckung geht vor Wirkung." Im Klartext: Man solle eher auf eine Ausspähung verzichten, als einen eigenen Mann aufs Spiel zu setzen.
Horst blieb jedoch hartnäckig und setzte sich schließlich durch, nachdem die Zentrale Pullach alle Führungsoffiziere angewiesen hatte, ihre Mitarbeiter in der Zone nach dem Flugkörper ohne Tragflächen und Propeller zu befragen.
An einem Sonnabend fuhr Horst nach Schönwalde, ging dort in den Birkenwald am Fliegerhorst und begann, Pilze zu suchen -- eine von Agenten aller Dienste bevorzugte Annäherungsform im Umkreis von Kasernen und Flugplätzen.
Das schon in Spandau wahrgenommene Pfeifen schwoll plötzlich zum Heulton; dann sah der Gehlen-Agent über sich ein Flugzeug hinter dem anderen im Tiefflug heranrasen. Mit einer Leica nahm er die Maschinen auf. Als die Flugzeuge verschwunden waren, hörte Horst russische Stimmen. Aus einem hohen Gebüsch in etwa zwanzig Meter Entfernung ragte ein Flachdach mit einer dünnen Antenne hervor. Der Agent photographierte Dach und Aufbau, zog sich zurück und fuhr wieder nach West-Berlin.
Telephonisch verständigte er den Gehlen-Mitarbeiter in Bad Nauheim vom Resultat seines Ausflugs nach Schönwalde, Noch am späten Abend flog der Führungsoffizier nach Berlin, um sich in einem Restaurant in Wilmersdorf mit seinem V-Mann zu treffen. 8035 nahm Leica und Film, Horst eine Stange "Camel". Am frühen Sonntag war der VM-Führer wieder in Bad Nauheim zurück; kurz darauf reiste ein Kurier mit dem Film nach München.
Alsdann setzten sich in München Offiziere und Ingenieure der ehemaligen deutschen Luftwaffe mit Offizieren der US-Luftstreitkräfte zusammen und analysierten das Bildmaterial. Beim Anblick der Maschinen mit dem Sowjet-Stern erinnerten sich die Deutschen an ihre eigenen "Wundervögel", die mit Strahlantrieb fliegenden Me 262 und Re 162. Diesen Typen entsprächen die sowjetischen Jäger, urteilten die Gehlen-Männer.
Auch für die frühere Mutmaßung, die Flugkörper hätten keine Tragflächen, fanden die Pullacher nun eine Erklärung: Zur Zeit der Beobachtung hätten die Maschinen offenbar zu einem Landeanflug in Steilkurven mit 90 Grad Schräglage angesetzt, was zum optischen Trugschluß geführt habe.
Die restlichen Bildelemente waren rasch entziffert. Das Dach gehörte offenkundig zu einer Bodenstation, die Antenne identifizierten die Experten als Teil eines Leitstrahlsenders. Das Verteidigungsministerium in Washington reagierte auf Photos und Deutung aus Pullach nicht ohne Unruhe. Denn es mußte aus Gehlens Material schließen, daß die Sowjets dem ersten US-Düsenjäger vom Typ F-86 "Sabre" eine gleichwertige Waffe entgegenstellen konnten. An die Org aber ging ein neuer Auftrag: möglichst auch Bauweise und Treibstoff des Sowjet-Flugzeuges zu erkunden.
Gehlen setzte zunächst Mitarbeiter ein, die in den geheimen Nachrichtendiensten oft unterschätzt werden, gleichwohl in der klassischen Spionage häufig den entscheidenden Tip geben: die Archivare.
In dem Archiv der Org waren die Heimatadressen und Aussagen deutscher Rußland-Heimkehrer registriert. Gehlen befahl, das Material nach Zeugen durchzusehen, die über die sowjetische Flugzeugindustrie informiert waren. Dabei stieß ein Archivar auf einen Bericht über das Flugzeugwerk Tiflis an der Kura und auf den Namen eines ehemaligen Kriegsgefangenen, der im Heimkehrer-Lager Friedland angegeben hatte, in Tiflis eine Metallpresse bedient zu haben.
Zu diesem Heimkehrer, einem Bauern in Oberbayern, schickte Gehlen einen Spezial-Befrager, der sich noch 20 Jahre später erinnerte: "Wir saß .n in der Küche. Ich fragte den Mann, ob er in Tiflis Metalle für Flugzeuge bearbeitet habe. Er sagte -- ich konnte ihn wegen seines Dialektes kaum verstehen -, er habe Leichtmetall gepreßt. Ich fragte ihn: "Glänzte die Blechoberfläche oder war sie matt? Waren die Bruchstellen porös, körnig oder glatt und scharf? Überzog sich das Blech mit weißlichem Belag, wenn es im Regen gelegen hatte?'"
"Jo mei", sagte der Bauer, "i hob dös Blech preßt, aber oa'gschaut hob i's net. Aber wartens!" Er kramte in einer Truhe und stellte einen plump geformten Topf auf den Tisch: "Da hams dös Blech."
Er hatte sich in Rußland aus dem Metall heimlich ein Kochgeschirr gepreßt, weil er seine Kohlsuppe nicht mehr aus einer alten Konservendose löffeln mochte. Den Deckel zierte eine Gravur: ein .Hufeisen, umschlungen mit Edelweiß.
Der Gehlen-Mann kaufte dem Bauern das Kochgeschirr für 50 Mark ab; den gravierten Deckel ließ Gehlen dem Ex-Plenny später zurückschicken -- als Souvenir an das Flugzeugwerk in Tiflis. Metallurgen in Pullach und ihre amerikanischen Kollegen aber konnten mit dem Kochgeschirr die Legierung des Leichtmetalls bestimmen.
Nun galt es zu ermitteln, welchen Treibstoff der sowjetische Düsenjäger verwendete. Die Jagd auf den Treibstoff wurde von Org-Experten generalstäblerisch vorbereitet. Agenten der Org sperrten eine Eisenbahnstrecke bei Chemnitz und stoppten damit einen gerade herankommenden Kesselwagenzug mit Gütern der Roten Armee. Als der Zug zum Stehen kam, glaubte die sowjetische Wachmannschaft im Waggonhäuschen offenbar, die Fahrt werde bald fortgesetzt: Sie sah davon ah, auf Posten zu ziehen.
Da kletterte ein Mann auf einen der Kesselwagen, öffnete den runden Deckel, hob ihn hoch und ließ eine leere Bierflasche hinab. Dann verharrte er einige Augenblicke. Schließlich zog er die Flasche nach oben, schloß die Klappe. stieg vom Waggon und verschwand in der Nacht. Wenige Minuten danach setzt sich der Transportzug wieder in Bewegung.
Stellwerksmeister und Lokomotivführer erhielten von der Organisation Gehlen je 20 Westmark, VMann 9901 für seine Flaschenprobe 30 Mark West -- denn alle drei arbeiteten für die Organisation. Der Tankwagen enthielt tatsächlich, was die Chemiker in Pullach begehrten: Treibstoff für Düsenmaschinen.
Als Amerikas Düsenjäger F-86 "Sabre" im Koreakrieg zum erstenmal mit dem von der Org ausgeforschten Sowjet-Strahlantrieb-Jäger Mig 15 zusammenstieß, erwies sich, daß der rote Gegenspieler über eine weit überlegene Elektronik verfügte. Wieder ging ein Auftrag nach Pullach: Die Amerikaner wollten die elektronische Ausrüstung der Mig 15 kennenlernen. Erneut machten sich Gehlens Leute an die Arbeit.
Doch diesmal konnte die Org nicht helfen. Die Elektronik blieb dem Gehlen-Apparat ein Geheimnis. Gegen die Warnungen Gehlens suchten daraufhin US-Geheimdienstler in der DDR nach einem Helfer, der ihnen die elektronischen Geräte der Mig 15 aushändigen sollte.
Vielversprechend schien den Amerikanern ein Hauptmann Lange-Werner von einer Einheit der Kasernierten Volkspolizei in der Nähe des Fliegerhorstes Kamenz (Sachsen), der sich auch als Kundschafter verdingte. Der US-Geheimdienst verlor freilich die Geduld und preschte sinnlos vor.
Im Frühjahr 1953 erschien vor einer Vopo-Kaserne hei Kamenz ein Personenwagen mit US-Kennzeichen; ein Agentenführer des US-Geheimdienstes ersuchte den Wachoffizier der Volkspolizei, Hauptmann Lange-Werner vor das Tor zu bitten. Lange-Werner kam.
Was er seinem VM-Führer über diese Form des konspirativen Treffs gesagt hat, ist nicht mehr zu ermitteln. Drei Monate später wurde er verhaftet, vor ein DDR-Gericht gestellt und am 8. September 1953 wegen Spionage zum Tode verurteilt; kurz darauf war er hingerichtet.
Dem geheimen Nachrichtendienst von Formosa gelang es später, den nordkoreanischen Luftwaffenpiloten Kum Sok No zu überreden, mit einer Mig 15 nach Südkorea zu fliegen und dort zu landen. Am 21. September 1953 brachte Kum Sok No den Amerikanern den Sowjet-Düsenjäger und kassierte eine Belohnung von 100 000 Dollar.
Die Erfolge Gehlens und das Fiasko im Falle Lange-Werner aber bewogen Amerikas Geheimdienstier, der Org die militärische Spionage in der Sowjetzone weitgehend allein zu überlassen. Gehlen konnte jetzt ungehindert arbeiten. Jenseits der Elbe stand eine wachsende Schar militärischer Ausforscher bereit, entschlossen, dem Dr. Schneider in Pullach jede gewünschte Information zu liefern.
"Sie kamen damals und fragten, was wir brauchten", so entsinnt sich Gehlen-Auswerter Heinz Herre. "Wir sagten ihnen unsere Wünsche; sie verschwanden und tauchten nach Tagen wieder auf, um auszupacken."
Aus Koffern oder Rucksäcken kramten die Zuträger russische Armeepistolen und Produktionspläne von Zonen-Betrieben: sie zählten die Anzahl der Sterne auf den Schulterstücken der Sowjet-Kommandanten; sie zogen Filme mit Aufnahmen von Flugplätzen und Munitionslagern heraus. Sie stahlen Soldbücher, Ordensschnallen, Stempel, Dienstanweisungen, Blanko-Ausweise,
In Jena schlug ein sowjetischer General Alarm: Aus seinem Panzerschrank war ein geheimer, nur für Offiziere bestimmter Lehrfilm zur Ausbildung in Panzertaktik verschwunden. Sowjetische Militär- und deutsche Volkspolizisten riegelten den Jenaer Bahnhof ah, durchsuchten Taschen. Koffer und Pakete der Reisenden und Passanten. Zwei Arbeiter, die eine Kiste mit Kohlen über den Bahnsteig trugen, durften die Absperrkette passieren.
Der Schaffner gestattete ihnen, die Kohlenkiste in einem für Berlin bestimmten Güterwagen abzustellen. Auf dem Bahnhof Berlin-Friedrichstraße verfrachteten die beiden Männer ihr Heizmaterial in (Ile S-Bahn und fuhren in Richtung Zoo. Auf dem Boden der Kiste lag die Filmrolle.
Eines Tages umkreiste ein alter, klappriger Lieferwagen, überdacht mit einer Plane, den Potsdamer Platz und stoppte in West-Berlin vor dem nächsten Zigarrenladen. Der Fahrer bat den Geschäftsinhaber: "Darf ich mal telephonieren?" Er wählte eine Nummer und sagte: "Günter aus Oranienburg schickt mich; ich bringe Ihnen eine interessante Fracht."
Kurz darauf erschien ein Berliner Gehlen-Mann und nahm die Lieferung in Empfang: einen Rotarmisten, den V-Mann "Günter" mit Wodka getränkt und in dem Wagen seines Freundes nach West-Berlin geschmuggelt hatte,
Zuweilen schickten Agenten ihre heiße Ware schlicht mit der Post -- unter falschem Absender an das Paketamt Schöneberg. "Eine Rakete war zwar nicht dabei", resümiert ein Org-Pensionär, "aber manchmal war es wie im Kino: In einem Geigenkasten ruhte eine Maschinenpistole; aus einem
* Auf dem US-Stützpunkt Okinawa mit amerikanischen Kennzeichen versehen
Streifband mit der "Täglichen Rundschau" zogen wir ein Aktenstück, das Namen, Dienstgrade. Ausrüstung und Auftrag eines kompletten russischen Regiments enthielt; in einer Kiste mit dem Aufdruck "Nicht stürzen -- Glas" schickte uns ein Mitarbeiter Gesteinsproben aus den Uran-Bergwerken in Aue."
In Berlin konnten Informationen beinahe auf der Straße eingesammelt werden. V-Mann 9415 berichtete am 28. Mai 1949, er habe "einen Herrn E. S. wiedergetroffen, welcher aus meiner Heimatstadt Riga stammt und vollkommen die russische Sprache beherrscht. Seit etwa Mitte 1946 wurde er von einigen deutschen Unternehmen in der Ostzone bei ihren Verhandlungen mit der SMA (Sowjetische Militär-Administration) als Dolmetscher herangezogen."
E. S., 50 V-Mann 9415, halte "mit einigen sowjetischen Offizieren der SMA die Verbindung aufrecht, die ihn gelegentlich um persönliche Gefälligkeiten bitten, wie Beschaffung von Lichtmessern und Objektiven für Photozwecke, Röhren für Radioapparate usw., mit einem Wort Dinge, die in der Ostzone schwer zu beschaffen sind.
"Nach seinen Möglichkeiten befragt, gab S. an, auch in persönlichem Kontakt mit einigen deutschen Tip-Fräuleins zu sein, die ihm unter Umständen Durchschläge ihrer Schreibarbeiten liefern könnten. Ferner glaubt S., daß es ihm gelingen würde, einzelne Offiziere zum Übertritt in die Westzone zu bewegen unter Mitnahme von wichtigen Unterlagen.
V-Mann 8219 dagegen spürte in Falkensee eine Dame auf, die wegen ihrer russischen Sprachkenntnisse als Haushälterin für einen Sowjet-Major arbeitete. Der V-Mann berichtete nach Pullach: "Ich unterbreitete ihr folgenden Plan: Während ihres Aufenthaltes beim Major (ich nehme an. daß sie intime Beziehungen zu dem Major unterhält!) sich möglichst unauffällig in den Besitz von Geheimschreiben, Befehlen, Instruktionen usw. zu setzen." Die Haushälterin erklärte "daß sie wohl in der Lage wäre, einiges von dem Angeführten zu beschaffen".
Gehlen-Agenten beobachteten jede militärische Bewegung: die Wachtposten vor der Kaserne in Bad Langensalza, den Farbanstrich von Armeefahrzeugen in Gotha, Radaranlagen auf dem Fliegerhorst Schlotheim, die Anlage neuer Betonpisten auf der Autobahn Jena -- Gotha.
Hunderte von Spähern notierten sich die Kennzeichen sowjetischer Militärautos (zur Identifizierung von Truppenteilen), verzeichneten Zeit und Ort ihres Auftauchens, registrierten die Nummern von Flugzeugen, hielten Uniformdetails fest,
Es war Kleinholz aus dem Spionagedschungel, das täglich aus der Zone hei den Anlaufstellen der Organisation in West-Berlin anschwemmte. Doch es bot den Experten in Gehlens Apparat dk Möglichkeit, das detailreichste Bild zu entwerfen, das damals ein westlicher Geheimdienst über
die militärische Lage der Sowjetzone besitzen konnte.
Gehlen freilich genügte bald die militärische Aufklärung nicht. Er wollte mehr. Er wollte in den innersten politisch-wirtschaftlichen Apparat des Gegners eindringen. Eine neue Gruppe politischer Agenten infiltrierte die Zentren dessen, was als Deutsche Demokratische Republik in die Zeitgeschichte eintreten sollte,
IM NÄCHSTEN HEFT
Ein stellvertretender Ministerpräsident der DDR spioniert für die Organisation Gehlen -- Mann "Brutus" beschattet die Spionage- und Sabotageorganisation Ost-Berlins -- Die Chefsekretärin des Ministerpräsidenten Grotewohl schmuggelt Geheimprotokolle nach West-Berlin
Von Herrmann Zolling und Heinz Hähne

DER SPIEGEL 16/1971
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