08.03.1971

Pullach intern

Die "Neue Zürcher Zeitung" meldete nichts und die Astrologin spürte nichts. Weil beide Quellen schwiegen, ließ Westdeutschlands Bundesnachrichtendienst (BND) am 6. Dezember vorigen Jahres Bundeskanzler Willy Brandt ohne Vorwarnung über Unmutsstimmungen im polnischen Volk nach Warschau reisen.
Als Bonns Vertragspartner in Polen zwei Wochen nach dem Besuch des Deutschen gestürzt wurden, waren die westdeutschen Geheimdienstler nicht gründlicher informiert als die Konsumenten der Massenmedien. Sie entnahmen die Kunde dem polnischen Rundfunk.
Die mangelnde Kenntnis des BND über Entwicklung, Zuspitzung und Eruption in Polen ist mehr als nur eine nachrichtendienstliche Panne. Der Geheimdienst ist im 26. Jahr seiner Existenz in der Talsohle geheimdienstlicher Effizienz angelangt.
Dabei hätten die Orientierungshelfer der Bonner Regierung schon Anfang Dezember erkennen können, daß sich in Danzig, Gdingen und Stettin Volkszorn ankündigte. Repräsentanten westdeutscher Reisebüros, Kapitäne deutscher Schiffe und skandinavische Journalisten registrierten in den polnischen Hafenstädten wachsenden Unmut über steigende Preise und schlechte Versorgung. Reiseleiter aus dem Westen hörten die Warnung: "Bleiben Sie in nächster Zeit fern, hier braut sich etwas zusammen."
Worüber in Touristik-Büros, Kapitäns-Kajüten und Zeitungsredaktionen gemunkelt wurde, blieb indes denen ein Geheimnis, die von Amts wegen selbst Gerüchten ihr Ohr zu leihen haben: den Nachrichtensammlern des BND. Denn der Leiter der Beschaffungs-Abteilung im BND, Dr. Richard Meier, hatte kurz zuvor angeordnet, die Verbindungen zu freien Informanten wie beispielsweise Journalisten abzuschalten.
Meiers Begründung: Nur professionelle Agenten könnten als zuverlässig gelten. Meier: "Information gegen Kasse." Solche Profis aber standen dem BND in Polen nicht zur Verfügung.
Im BND versagte zudem eine von deutschen Geheimdienstlern gern benutzte Warntafel, die "Neue Zürcher Zeitung". Das Schweizer Blatt, wegen seiner kontinuierlichen Auslandsberichterstattung von einigen Referenten des BND mangels eigener Erkenntnisse oft als Informationsquelle ausgeschlachtet, konnte mit Details aus Polen nicht rechtzeitig dienen. Der letzte große Polen-Bericht in der "NZZ" stammte vom 16. August.
Schließlich motivieren BND-Beamte die Mängel der Polen-Berichterstattung mit höchst merkwürdigen Praktiken in der Beschaffungs-Abteilung. Der stellvertretende Abteilungsleiter beurteile seinen Personaleinsatz und seine sonstigen Dispositionen nur nach astrologischen Gesichtspunkten; er suche regelmäßig eine Wahrsagerin auf. Über Polen aber habe wohl im Kaffeesatz der Dame nichts gestanden.
Was sich wie ein Witz ausnimmt, wucherte zur Groteske aus. Als am 13. Dezember Presse, Rundfunk und Fernsehen der Volksrepublik Polen die seit langem diskutierten Preiserhöhungen offiziell verkündeten und sich daraufhin die Gemüter in den Ostseehäfen zu erhitzen begannen, scheiterte die Entsendung von BND-Aufklärern an der Amts-Bürokratie.
Nach dem Reglement des BND muß jede Dienstreise ins Ausland dem Präsidentenbüro zur Genehmigung vorgelegt werden. Dauer der Prozedur: bis zu drei Wochen. Ungeduldige Rückfrager bekommen die Antwort: "Der Präsident läßt sich nicht drängen." Auch in der Polen-Krise zeigte der Präsident keine Eile.
Der Vorfall Illustrierte die Führungsschwäche des BND, die einen Leistungsabfall zur Folge hat, der auch durch nachrichtendienstliche Qualitätsarbeit in einigen Sachreferaten -- wie etwa Nahost und Südamerika -- nicht wettgemacht werden kann. Statt längst überfällige Reformen ernsthaft zu betreiben, haben sich zwei Bonner Regierungen -- die der schwarz-roten und die der sozial-liberalen Koalition -- mitsamt der BND-Amtsleitung darauf beschränkt, zu organisieren, umzuorganisieren und überzuorganisieren.
Den Sündenbock für die Geheimdienst-Misere hat die CDU/CSU-Opposition schon ausgesucht: Professor Horst Ehmke, als Kanzleramts-Minister oberster Dienstherr des Bundesnachrichtendienstes. "Seit Ihrer Übernahme der Dienstaufsicht und Ihren radikalen, unter parteipolitischen Gesichtspunkten vorgenommenen Personalbesetzungen", so rügte der CDU-Abgeordnete Fritz Baier im Bundestag am 3. Februar 1971, "ist beim Bundesnachrichtendienst eine erhebliche Unruhe eingetreten, die bis heute nicht beseitigt werden konnte."
So unrecht hatte Baier nicht. Aber auch Ehmke traf ins Schwarze, als er der CDU/CSU-Opposition vorhielt: "Einige Herren von Ihnen wissen sehr gut, wie der Zustand dieses Dienstes war und was es in dem Dienst gab, als diese Regierung antrat." Es war ein Zustand, der auf jeden Fall geändert werden mußte.
Zwei Jahrzehnte lang hatten sich die Geheimdienstler im BND als Diener eines Staates gefühlt, den sie gegen die Bedrohung aus dem Osten schützen wollten. Dann plötzlich kam der Bonner Machtwechsel, und fortan galten sie den Linken im Volk als unverbesserliche Kalte Krieger, den Konservativen hingegen als Bundesgenossen im Kampf gegen Entspannungsexperimente.
Als im Oktober 1969 die sozial-liberale Koalition in Bonn die Macht übernahm, äußerten Führer und Sachbearbeiter des Bundesnachrichtendienstes Zweifel an der Richtigkeit des neuen Kurses.
BND-Chargen, die seit 25 Jahren im konspirativen Gefecht gegen die Sowjet-Union stehen, mochten nicht daran glauben, daß die Sowjet-Union an einer echten Entspannung in Europa interessiert sei. Sie befürchteten zudem, daß eine zu heftige Hinwendung Bonns zum Osten alte Freunde im Westen vergraulen könnte.
Sie ließen denn auch in den vergangenen Wochen Informationen durchsickern, die andeuten sollen, der BND verliere allmählich bei seinen ausländischen Freunden die Glaubwürdigkeit. Drei Informationen erregten vor allem die Eingeweihten der Spionage-Branche:
* Die Geheimdienste der Nato-Verbündeten betrachteten neuerdings BND-Erkenntnisse über den Osten als unzuverlässig, da sie als Produkte von "Brandt's News-Desk" (britischer Geheimdienst-Slogan über den BND) allzusehr vom Wunschdenken der Bonner Entspannungspolitik bestimmt seien.
* Amerikas Geheimdienst Central Intelligence Agency (CIA) habe den Nachrichtenaustausch mit dem BND weitgehend eingestellt, weil er die Meldungen des "Non-intelligence Service" (CIA-Slogan) kaum noch brauchbar finde.
* Ein Versuch von Kanzleramts-Minister Horst Ehmke, bei einem Amerika-Besuch den CIA-Direktor Richard Helms umzustimmen, sei gescheitert.
Je störrischer sich aber die Ostpolitik-Kritiker im BND zeigten, desto hartnäckiger trieb das amtliche Bonn eine Reform des Geheimdienstes voran. Ehmke will den größten Geheimdienst-Apparat des nichtkommunistischen Europa modernisieren, ideologisch entkrampfen und stärker als bisher in den demokratischen Staat integrieren.
Der Reformer ging dabei freilich so hemdsärmelig vor, daß sich die BND-Führung zeitweilig in ihrer Existenz bedroht fühlte. Zwischen Bonn und der BND-Zentrale in dem Münchner Vorort Pullach brach einer jener Machtkämpfe aus, die zu den Alpträumen jedes Demokraten gehören, der den übermächtigen Einfluß und die Manipulationslust der Geheimdienste fürchtet.
Offenkundig war: Der Bundesnachrichtendienst, die weltweite Spionage-Organisation der Bundesrepublik Deutschland, legendenumwobene Macht des Kriegs im dunkeln, war in einem Stimmungstief angelangt. Furcht vor den Reformern in Bonn beschlich die Führer des BND.
In der Tat hatte Kanzleramts-Minister Ehmke begonnen, Funktion und Aufgaben des BND in der Nach-Adenauer-Demokratie einer gründlichen Neuinterpretation zu unterziehen. Wie kaum ein zweiter Spionagedienst der westlichen Welt ist der Bundesnachrichtendienst ein Produkt des Kalten Krieges zwischen West und Ost, ist er einer öffentlichen Kontrolle unzugänglich.
Sein jährlicher Etat wird vom Plenum des Bundestages nie erörtert, seine Stellung im Staat regelt kein Gesetz des Parlaments. Nur drei Mitglieder des Bundestags-Haushaltsausschusses und der Präsident des Bundesreebnungshofes rechnen den BND-Etat nach, nur sechs Abgeordnete, vereinigt im Parlamentarischen Vertrauensmänner-Gremium für die Nachrichtendienste, haben einen knappen Einblick in Arbeitsweise und Personal der Organisation.
Dabei ist der BND mit 5500 hauptamtlichen Mitarbeitern unter seinem Präsidenten, dem Generalleutnant außer Dienst Gerhard Wessel, einflußreicher als der militärische Geheimdienst In Adolf Hitlers Großdeutschem Reich, Er stellt zwar nicht die "ungeheure Untergrundmacht in Deutschland" dar, die Londons "Daily Express" einmal Im BND vermutete, gleichwohl sitzen seine V(ertrauens)-Männer in fast allen Behörden, Verbänden und Organisationen Westdeutschlands.
Sie folgen auch, obwohl nur zur Aufklärung Im Ausland bestellt, so vielen Spuren in der Innenpolitik, daß sich mancher bundesdeutsche Nonkonformist bespitzelt fühlt. Vor allem Sozialdemokraten hatten in der Ära Konrad Adenauers Anlaß, die Aktivität des BND zu beklagen. In der nationalkonservativen Welt des großdeutschen Offizierskorps aufgewachsen, sahen manche BND-Altgardisten in Sozialdemokraten verkappte Kommunisten.
So urteilte der damalige BND-Vizepräsident Hans-Heinrich Worgitzky über den stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Herbert Wehner: "Dieser Mann ist und bleibt ein Kommunist; er ist für uns der gefährlichste Staatsfeind." Ein BND-Agent registrierte jedes Glas Whisky, das der damalige Berlin-Bürgermeister Willy Brandt bei einem Logierbesuch im Pariser "Hotel Bristol" bestellte, und bereitwillig ließ sich die BND-Zentrale 1968 von dem CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger dazu anstiften, nach den angeblich undurchsichtigen Ost-Kontakten des Sonderbotschafters Egon Bahr zu fahnden. Eine Kopie des Erkundungsberichtes ging an den Parlamentarischen Staatssekretär im Kanzleramt, Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, der amtswidrig und unter Verletzung des Geheimschutzes die CSU-Postille "Bayernkurier" über die BND-Recherche ins Bild setzte.
Die Stunde der Abrechnung schlug, als die Sozialdemokraten gemeinsam mit den Liberalen die Macht im Bund übernahmen. "Ich kann Ihnen versichern", so erklärte der neue Kanzleramts-Minister Ehmke vor dem Bundestag, "daß ich alles tun werde, um den BND aus dem Zwielicht herauszubringen, in das er durch einige innenpolitische Affären verstrickt worden ist."
Doch als Ehmke begann, die Arbeit des Geheimdienstes zu durchleuchten, erlebte er sogleich eine Überraschung. Ehmke war trotz aller Kritik am BND überzeugt gewesen, der Bundesnachrichtendienst leiste erfolgreiche Erkundungsarbeit im Osten. Jetzt aber mußte er erkennen, daß der Dienst beispielsweise über den zweiten deutschen Staat im Osten nur recht ungenau informiert war. "Aus dieser Ecke liefern mir die BND-Leute wenig Brauchbares", klagte Ehmke. BND-Forscher spornte er an: "Ich brauche DDR, DDR und nochmals DDR."
Der Minister, kein Freund feinfühliger Menschenbehandlung, erboste sich über den BND. Einige Staatsspäher sahen sich der Lächerlichkeit preisgegeben und der Unfähigkeit bezichtigt.
Kanzler Brandt mokierte sich über eine BND-Auskunft, aus der die kommunistische Vergangenheit des in Moskau 1952 zum Tode verurteilten, später begnadigten Kanzler-Beraters Leo Bauer hervorging. Brandt: "Leo, jetzt weiß ich endlich, daß du Kommunist gewesen bist."
Die "Nachrichtendienstliche Führungsorientierung", vom BND regelmäßig in 30 Exemplaren "nur zur persönlichen Unterrichtung" nach Bonn geliefert (nicht mit den geheimen Meldungen an das Bundeskanzleramt identisch), landete plötzlich auf Redaktionstischen. Beamte in Pullach mutmaßten daraufhin, das Material stamme aus dem Kanzleramt.
Bundespräsident Gustav Heinemann gab Journalisten zu Protokoll, die Lektüre der BND-Berichte sei "leider nicht spannend". Und in die Presse sickerte die -- unzutreffende -- Nachricht, der BND habe noch an dem Tag, da DDR-Ministerpräsident Stoph den Vorschlag Brandts zu einem ersten Treffen akzeptierte, gemeldet, mit einer Antwort Stophs sei nicht vor Abschluß der Verhandlungen zwischen Bonn und Moskau zu rechnen.
In solchen Informationen und Fehlinformationen spiegelte sich die Enttäuschung der Brandt-Mannschaft über die mangelnde Ost-Berichterstattung des Geheimdienstes wider. Was an politischen Meldungen und Lagebeurteilungen aus dem Ostblock kam, schien den neuen Regierungsgehilfen unzureichend,
Statt konkreter Informationen dienten die Pullacher ihren Bonner Auftraggebern Leitartikel wie diese Leseprobe aus ihrer "Nachrichtendienstlichen Führungsorientierung" an:
Mit Beginn der amerikanisch-sowjetischen Raketen-Gespräche, mit den Vorbereitungen zur Europäischen Sicherheitskonferenz und mit der Fortführung der Pekinger Verhandlungen verstärkt sich im Meldungsbild der Eindruck, daß die Sowjet-Union unter dem Deckmantel einer Politik der friedlichen Koexistenz ihren Zielen näherkommen will: einer vorläufigen Balance der nuklearen Machtverhältnisse; der Absicherung des europäischen Status quo.
Kanzleramts-Staatssekretär Egon Bahr wertete solche Produkte eines geheimen Nachrichtendienstes rundweg als "Quatsch". Schließlich mochte die Brandt-Equipe Analysen des BND überhaupt nicht mehr lesen; sie schraubte statt dessen ihre Forderungen nach BND-Meldungen aus der DDR so hoch, daß der Leiter der Beschaffungs-Abteilung vor Vertrauten stöhnte: "Ich habe doch keinen Mann unter Ulbrichts Schreibtisch hocken."
Der Unmut über den BND ließ in sozialdemokratischer Parteirunde den Gedanken aufkommen, das Problem des Geheimdienstes auf radikale Weise zu lösen. SPD-Mitvorsitzender Wehner empfahl zunächst, den BND-Präsidenten Wessel seines Amtes zu entheben und einen Mann sozialdemokratischen Vertrauens an die Spitze des BND zu stellen. Wehner wußte auch schon, wer dieser Mann sein könne: der damalige Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Dr. Günther Nollau.
Ehmke aber hatte eine andere Lösung im Sinn: Er wollte zunächst die Chefstellen der vier Abteilungen (Beschaffung, Technik, Auswertung und Zentrale Aufgaben) neu besetzen und nur den Posten des Vizepräsidenten an einen Sozialdemokraten vergeben. An Wessel aber hielt er fest. Der General schien ihm der einzige Mann zu sein, der die geplante Reform verwirklichen und zugleich die Kontinuität des Geheimdienstes wahren konnte.
Der Kanzleramts-Minister setzte sich gegen Wehner durch und beließ Wessel als "unpolitische, einigermaßen anpassungswillige, wenngleich konservative Galionsfigur im Amt" -- so die "Süddeutsche Zeitung". Schwieriger dagegen war es, einen geeigneten Vizepräsidenten zu finden.
Bei der Suche nach einem Wessel-Stellvertreter mußte Ehmke zwischen Alternativvorschlägen entscheiden. Denkbar war,
* einen zivilen Nachrichten-Experten dem vorwiegend in militärischen Kategorien denkenden Wessel als Betriebsleiter zur Seite zu geben, zumal der Präsident mit der Repräsentanz des BND im Kanzleramt und bei befreundeten Diensten im Ausland ausgelastet ist;
* Links: SPD-Geschäftsführer Wischnewski.
einen Manager aus Wirtschaft, Industrie oder Presse zum Vizepräsidenten zu bestellen, der die wuchernde Bürokratie des BND abbauen und den Aufklärungsdienst modernisieren müßte;
* einen politischen Funktionär in die BND-Spitze zu setzen, der nicht nur ein begrenztes Fachwissen in Spionage oder Organisation besitzt, sondern in erster Linie "für den Bundesnachrichtendienst das Vertrauen derjenigen Bereiche unserer Gesellschaft gewinnt, die dieser Institution noch zurückhaltend gegenüberstehen oder ihr gar, sei es zu Recht oder zu Unrecht, Mißtrauen entgegenbringen" (Ehmke).
Langjährig dienende BND-Beamte indes empfahlen, dem Chef Wessel als Stellvertreter einen Verwaltungsjuristen beizugeben -- ein Vorschlag mit Hintersinn. Der Verwalter hätte legalisieren sollen, was im BND von jeher kultiviert worden ist: den Regierenden den Blick hinter die Pullacher Gettomauern zu verschleiern.
Eine Klarsicht aber strebte Ehmke gerade mit seiner "politischen Lösung" an. Doch die Fahndung nach dem zweiten Mann wucherte im Pullacher Apparat unversehens zum Stellungskrieg um den ersten aus -- um BND-Chef Wessel. Denn: Geheimdienstliche Altvordere wähnten ihren Präsidenten auf der Abschußliste des Aufsichtsministers.
Genährt wurde solcher Verdacht durch das Gerücht, der Kanzleramts-Chef springe mit dem dünnhäutigen Wessel recht rauh um, der Geheimdienst-Chef aber habe nicht den Mut, Ehmkes BND-Kritik zurückzuweisen. In einem solchen Klima konnte dann auch die Version entstehen, Ehmke habe seinen Geheimdienst-Chef abgekanzelt wie einst Hitler seine Generale.
Ein Geheimdienst-Brigadier berichtete einem Kameraden gar brieflich:
Der BND-Präsident habe im Kanzleramt Lagevortrag über die amerikanisch-sowjetischen Gespräche zur Begrenzung der Raketenabrüstung (SALT) gehalten. Dabei sei von dem General so ausführlich über die militärischen Aspekte der Verhandlungen referiert worden, daß ihn der Zivilist Ehmke unterbrochen habe: "Uns interessiert nicht die militärische, uns interessiert die politische Seite der Verhandlungen."
Darauf habe Wessel zu bedenken gegeben, daß Abrüstung nun einmal den militärischen Bereich tangiere. Ehmke soll erwidert haben: "Herr Wessel, hören Sie endlich mit dem militärischen Zeug auf, kümmern Sie sich gefälligst mehr ums Politische."
Von Wessel sei erneut eingewandt worden, daß Abrüstung und Raketen militärische Themen seien. Das habe Ehmke zu der Feststellung provoziert: "Ihre Meinung interessiert uns hier nicht." Da sei der General aufgestanden und habe wortlos den Raum verlassen. In Pullach aber habe Wessel geklagt, nun sei das Maß voll; wenn er im Kanzleramt nicht mehr Erkenntnisse und Lagebeurteilungen des Dienstes ungehindert vortragen dürfe, dann "trete ich zurück".
Minister Ehmke bezeichnete die Schilderung als "erstunken und erlogen"; General Wessel nannte sie "ein mir unverständliches Phantasieprodukt". Dennoch machte die Story in Pullach die Runde. BND-Männer empörten sich: Erstmals in der Geschichte des westdeutschen Geheimdienstes wagte ein Minister in Bonn, in die Hierarchie der Geheimen hineinzuregieren. Schlimmer noch: Beschaffer und Analytiker sahen ihr Grundrecht in Gefahr, der Regierung nachrichtendienstliche Erkenntnisse ungeschminkt vorzutragen.
Die Pullacher wurden nervös, zumal sie noch immer glaubten, Bundesverfassungsschützer Nollau solle Wessel ablösen. Denn in dem Wehner-Favoriten Nollau witterten die Späher einen Gegner des BND-Establishments. BND-Chargen argwöhnten sogar, der Verfassungsschutz belausche ihre Telephongespräche und Nollau liefere Gesprächsprotokolle an die SPD-Führung, um sich dort lieb Kind zu machen.
In dieser Situation suchten Beamte des BND ein Bündnis mit einem SPD-Bundesminister, der als Rivale des SPD-Kanzleramts-Chefs Ehmke gilt: mit Verteidigungsminister Helmut Schmidt. Als Verbindungsmänner fungierten Militärs, die einst vom Bundesnachrichtendienst zur Bundeswehr gestoßen oder umgekehrt von der Hardthöhe nach Pullach abkommandiert worden waren.
Die Geheimdienstier im Waffenrock, voran die in Pullach ausgebildeten G 2 (Feindlage)-Offiziere, prophezeiten Nato-Debakel: 70 Prozent aller militärischen Informationen der Nato aus dem Ostblock stammten vom BND; sein militärischer Aufklärungsdienst würde für längere Zeit lahmgelegt sein, werde Wessel abgelöst.
Denn mit dem BND-Chef würden fast alle führenden Militärs in Pullach -- darunter zehn Generale und rund 50 Oberste -- vor Nollaus Ankunft den Nachrichtendienst quittieren. Die Nato-Alliierten seien schon zutiefst darüber beunruhigt, daß ihr deutscher Spähtrupp wegen der Querelen in Bonn an der Ostfront erblinden könne.
Unsicherheit im eigenen Geheimdienst, Mißtrauen in den alliierten Spionageapparaten -- jetzt glaubte Ehmke, handeln zu müssen. Anfang März 1970 bestellte er den BND-Präsidenten ins Palais Schaumburg und eröffnete ihm, was er beschlossen hatte: die Bestallung eines Sozialdemokraten namens Dieter Blötz zum Vizepräsidenten und die Ablösung von zwei Abteilungsleitern. Der BND-Chef willigte ein.
Um die Unruhe In den eigenen Reihen nicht noch zu schüren, behandelte allerdings Wessel das angeordnete Revirement als geheime Verschlußsache. Das Gros der Pullacher erfuhr nicht, was Ehmke dem BND-Chef anvertraut hatte. Vor allem die Ernennung des Hamburger Kommunalpolitikers Blötz zum Vizepräsidenten sollte bis zur Kabinettsvorlage geheimgehalten werden.
Doch da enttarnte am 28. März die SPD-nahe "Hamburger Morgenpost" den künftigen Stellvertreter Wessels, und die links-liberale "Zeit" schoß sechs Tage danach quer: "In die Spitze des Bundesnachrichtendienstes gehören keine Parteifunktionäre.
Hinter der "Zeit"-Attacke witterten Bonner Beobachter sogleich einen Machtkampf zwischen Schmidt und Ehmke. Der Kanzleramts-Chef, so spekulierte "Christ und Welt", wolle neben dem BND auch den Militärischen Abschirmdienst (MAD), die Spionageabwehr des Verteidigungsministeriums, unter seine Kontrolle bringen. Ehmke habe auch versucht, Bundesinnenminister Genscher zu überreden, den Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hubert Schrübbers, durch den SPD-Freund Nollau zu ersetzen. Alle drei Dienste (BND, MAU und BfV) sollten dann einem Koordinator unterstellt werden -- Im Kanzleramt.
Diese Machthäufung bei dem Rivalen Ehmke, so ließ sich "Christ und Weit" aus Bonn berichten, sei von Schmidt blockiert worden: "'Die Zeit'" habe einen Hinweis ihres stellvertretenden Chefredakteurs Theo Sommer erhalten, den sich Schmidt als Chefplaner für sein Ministerium ausgeborgt hat."
Die "Zeit" resümierte denn auch kritisch über Blötz: "Er ist kein Fachmann der Nachrichtenbeschaffung, nun gut. Er hat, soviel man weiß, keine militärischen Kenntnisse, nun gut. Aber er wird doch gewiß ein erfahrener Verwaltungsfachmann sein? Bekannt ist davon nichts. Aber wenigstens ein überragender Organisator? Darüber könnte nur die Hamburger SPD Zeugnis ablegen."
Auch Wessel konnte seinen Abteilungs- und Referatsleitern in der "schlauen Stunde", der Mitarbeiterkonferenz Im Gebäude der Auswertungs-Abteilung, über den Stellvertreter wenig sagen -- er hatte ihn nie gesehen. Nicht einmal in der Personen-Kartei des BND lag über Blötz ein Vermerk vor. So mußten die BND-Führer am 1. April im Handbuch der Hamburgischen Bürgerschaft nachlesen, wer denn der neue Vize sei:
Blötz, Dieter
Geschäftsfüshrer
SPD-Fraktion.
Geboren am 5. 11. 1931 in Braunschweig. Kaufmännische Lehre von 1945 bis 1945, als kaufmännischer Angestellter bis April 1959 tätig, davon zeitweise zum Studium beurlaubt. 1950 bis 1953 Besuch der Abendoberschule bis zum Abitur, 1954 bis 1956 Studium an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg, ab dann bis 1959 Studium an der Universität Hamburg. Landesgeschäftsführer der SPD in Hamburg. Verheiratet, ein Kind, M. d. B. seit März 1966.
Den kargen Lebenslauf vermochte das BND-Außenbüro Hamburg mit nur geringen Fakten aufzustocken: Briefmarkensammler Blötz sei Betriebswirt ohne Abschlußexamen, versiert in Fragen des Großgenossenschaftaverbandes, Vorsitzender des Innenausschusses der Hamburger Bürgerschaft.
Konkreter fielen die Erkenntnisse aus, die bundesrepublikanische Zeitungen von links und rechts fast einhellig darboten: Der designierte BND-Vizepräsident habe sich als Hamburger Lokalpatriot verdient gemacht im Kampf gegen Nepp und Nutten auf St. Pauli, als Geschäftsführer der Elbe-SPD Parteiaspiranten zur Personenabklärung dem Verfassungsschutz gemeldet und junge Linke auf alten Rechtskurs zu trimmen versucht.
Es gab kaum ein Blatt in Westdeutschland, das sich Ehmkes Wahl zu erklären vermochte: Ein "für ein solches Supermanageramt kaum qualifizierter Parteifunktionär der SPD" ("Süddeutsche Zeitung") habe einen Posten übernommen, für den ihm "fast alle sachlichen Voraussetzungen fehlen" ("Hamburger Abendblatt").
Der deutsche Geheimdienst-Adel war geschockt. Altgediente BND-Hierarchen monierten, Wessel hätte schon früher von sich aus einen Vizepräsidenten vorschlagen müssen -- aus den eigenen Reihen. Statt dessen habe er sich ohne die in jedem freien Wirtschaftsbetrieb übliche Konsultation seinen Stellvertreter "aufzwingen" lassen.
Wessel parierte den Vorwurf mit der Behauptung, Nollau wäre Präsident des BND geworden, hätte er, der General, sich geweigert, Blötz zu akzeptieren; da sei es für den Dienst vorteilhafter, wenn er die Stellung halte und sich mit einem Sozialdemokraten als zweitem Mann arrangiere. Oppositionspolitiker wie der CDU/CSU-Fraktionschef Rainer Barzel hörten noch ein anderes Argument: Wessel werde dafür Sorge tragen, daß der BND als kritisches Regulativ zur Ostpolitik der SPD/FDP-Koaltion erhalten bleibe.
Am 7. April lud Ehmke zu einem geheimdienstlichen Treff ins Kanzleramt, um den BND-Chef mit dessen neuen Mitarbeitern bekannt zu machen. Außer Blötz erschienen: Dr. Richard Meier, Leiter der Abteilung IV (Spionageabwehr) im Bundesamt für Verfassungsschutz, und Herbert Rieck, Leitender Regierungsdirektor in der Hamburger Hochschulverwaltung.
Erstmals konnte Wessel die Herren observieren, die laut Ehmke die neue "Führungsmannschaft" des Geheimdienstes bilden sollten: Blötz als Vizepräsident, Meier als Leiter der Abteilung I (Beschaffung), Rieck als Leiter der Abteilung IV (Zentrale Aufgaben: Verwaltung, Organisation, Personal).
Am 5. Mai 1970 protokollierten schließlich die Offiziellen den Start in die neue Ära. Im Kasinosaal des Gebäudes der Auswertung im Pullacher BND-Areal erlebten 200 Geheimdienst-Mitarbeiter in Reih und Glied neben- und hintereinander den Einzug der neuen Herren.
Wessels Rede war ein vorsichtiges Plädoyer für die Reform des BND: "Die Formen dieser ... Organisation lassen sich nicht von heute auf morgen ändern. Wir haben nicht den Neubau eines Hauses, sondern einen Umbau durchzuführen; eine Aufgabe, die bei aller Dringlichkeit zugleich Behutsamkeit verlangt, um die Leistungsfähigkeit und die sachliche, nüchterne, von Innen- und Parteipolitik unbeeinflußte objektive Berichterstattung des Dienstes in diesen Jahren des Obergangs nicht zu gefährden."
Ehmke aber verpflichtete sich den geschmähten Geheimdienstlern zu deren Überraschung als Schutzpatron, der es für seine Aufgabe halte, den BND "nicht allein zu lassen, sondern zu stützen und zu unterstützen", ihm "zu dem Rang zu verhelfen, der ihm angesichts seiner Bedeutung zukommt".
Das hatten die Zuhörer nicht erwartet; sie waren eher auf eine ministerielle Geheimdienst-Schelte gefaßt gewesen. Statt dessen forderte der Minister eine "Erhöhung der Effektivität" des BND. Der Dienst, so Ehmke, müsse "auf seine eigentliche Aufgabensteilung konzentriert und von unnötigem Arbeitsballast befreit werden. Der Dienst hat Auslandsaufklärung zu betreiben. für die Bundesregierung bedeutsame Erkenntnisse zu gewinnen -- und dies mit aller Intensität."
Derartig von Bonn ermuntert, gelang der neuen Führungsmannschaft des BND zunächst ein vielversprechender Start. Ehmke und sein Chef Brandt brauchten nicht mehr zu befürchten, vom eigenen Geheimdienst in ihrer Ostpolitik gehindert zu werden. Der BND erwarb sich gute Zensuren in Bonn.
So signalisierte der Geheimdienst vorzeitig jede Straßenblockade, die das SED-Regime als Antwort auf Bundesrepräsentanz gegen West-Berlin verhängte -- im Januar, November und Dezember 1970, Ende Januar und Anfang März 1971. Im Frühsommer 1970 leistete der Geheimdienst der Bundesregierung wichtige Orientierungshilfe für die Gespräche Willy Brandts mit Ost-Berlin. Das Lagebild blieb kontinuierlich:
* Sommer 1970 (nach den Treffen von Erfurt und Kassel): Ost-Berlin beharrt auf seiner Anerkennungsposition; weiterhin Ablehnung innerdeutscher Beziehungen, Forderung nach vorbehaltloser völkerrechtlicher Anerkennung.
* September 1970: Trotz der Unterzeichnung des Moskauer Vertrages keine spektakulären Erleichterungen oder Zugeständnisse in Berlin.
* November 1970: Durch innerdeutsche Gespräche über Berlin will die DDR die Viermächte-Verantwortung unterlaufen und die eigene Position aufwerten; die SED ist bemüht, Expertengespräche nicht als Ansatz zu einem innerdeutschen Dialog erscheinen zu lassen.
* Dezember 1970: Die SED wünscht, die Politik gegenüber der Bundesrepublik mit der Zielrichtung: "Nicht Anlehnung, sondern Abgrenzung zur Bundesrepublik" zu betreiben.
Von noch größerem Nutzwert waren Alarmmeidungen, die der BND aus Kreisen der alliierten Geheimdienste auffing: Washington, London und Paris würden Abmachungen der Bundesregierung mit Moskau, Warschau und Ost-Berlin nur zustimmen, wenn das Gleichgewicht in Mitteleuropa nicht angetastet werde. Bonns Diplomatie griff die BND-Meldungen auf.
BND-Chef Wessel wurde nicht müde, das gute Verhältnis zwischen Bonn und Pullach zu betonen. Auch Dienstherr Ehmke zeigte sich öffentlich mit der Arbeit des Bundesnachrichtendienstes zufrieden.
Doch zu Beginn dieses Jahres sank das Stimmungsbarometer in der BND-Zentrale erneut. Durch die Mauern des Pullacher Camps dringen Signale der Unzufriedenheit: Die von vielen, besonders jüngeren Mitarbeitern erhofften durchgreifenden Reformen blieben auf halbem Wege stecken.
Noch immer herrscht das Pullacher Establishment überalterter Offiziere selbst in jenen Bereichen von Aufklärung und Auswertung, die nicht mit der Dislozierung gegnerischer Truppenverbände befaßt sind. Was früher undenkbar gewesen wäre -- empörte Geheimdienstler reden heute offen über Amtsinterna, weil sie glauben, allein eine Flucht in die Öffentlichkeit könne noch helfen, die fälligen BND-Reformen zu erzwingen.
"Wen wundert die Ineffizienz des Dienstes", so klagte ein BND-Mann am 17. Februar in einem Brief an den SPIEGEL, "wenn man weiß, daß ausgerechnet der Leiter der wichtigen Unterabteilung Organisation, ein mit dem äußeren und geistigen Habitus eines Zwölfenders ausgestatteter Obrist, trotz Überschreitung der Altersgrenze noch weiterbeschäftigt wird und glaubt, mit dem ständigen Anfertigen von 'Organigrammen' seiner Aufgabe gerecht zu werden."
So sitzt in der Beschaffungs-Abteilung als dritthöchster Beamter ein ehemaliger SS-Obersturmbannführer, der früher in der Datenverarbeitung des BND beschäftigt war, wo er völlig versagte und zwei Diplom-Mathematiker zum freiwilligen Ausscheiden veranlaßte.
Viele Leiter von Unterabteilungen des BND beschäftigen sich vorwiegend mit der Überlegung, wie ihre eigenen Planstellen im kommenden Haushaltsjahr aufgewertet werden können. Der "Chefbuchhalter" (Haushaltsreferent) des BND ist beispielsweise innerhalb von elf Jahren (von 1959 bis 1970) von der Besoldungsgruppe A 11 zum BND-Beamten der Besoldungsgruppe B 3 aufgestiegen -- mit sechs Beförderungen.
Auch der Leiter der Unterabteilung Personal, einst Rechtsanwalt in Franken, dann von der CSU in den BND gelobt, bastelt mit Eifer an der eigenen Sprossenleiter. In acht Jahren beförderte er sich selbst viermal: von A 14 zu B 3 mit dem Titel eines Leitenden Regierungsdirektors. Er sorgte freilich nicht nur für sich, er holte auch manchen guten Freund in den Bundesnachrichtendienst -- wenn der Freund dem Adel und der CSU angehörte.
Diesen Freundeskreis innerhalb des BND nennen Dienst-Angehörige "CSU-Seilschaft", die Personal-Unterabteilung firmiert wegen der rasanten Beförderung im eigenen Haus als " Selbstbedienungsladen des Bundesnachrichtendienstes".
Schließlich kultiviert der BND einen Typ von Mitarbeitern, den es in keiner Behörde der Bundesrepublik gibt: Offiziere, die sich unersetzbar fühlen, bleiben nach ihrer Pensionierung als freie Mitarbeiter auf ihren Posten. Da ihnen der BND den Differenzbetrag zwischen früherem Gehalt und heutiger Pension zahlt, heißen diese scheinbar Unabkömmlichen im Dienst "Differenzler".
Die Differenzier (Hausjargon: "Prothese und Prostata"), die gegen sachliche Einwände anderer Mitarbeiter oft höchst empfindlich reagieren, blockieren vor allem jüngeren Akademikern jeglichen Aufstieg.
Einen nahezu 70jährigen Differenzler berief Präsident Wessel zum Hauptvertrauensmann des BND. "Um seinen Posten nicht zu verlieren", so ein BND-Insider, "muß sich der alte Herr dem Präsidenten ergeben zeigen und zwangsläufig unsere Sorgen und Probleme ignorieren." Auch den wohl wichtigsten Auftrag, den der BND-Präsident zu vergeben hat, übertrug Wessel wiederum einem Differenzler. Er ernannte einen pensionierten Oberst zum "Inspekteur".
In Amerikas Geheimdienst-Zentrale ist der Inspekteur der härteste Mann des Apparats. Er übt nach einem von Kennern als "barbarisch" bezeichneten System "eine "permanente und punktuelle Leistungskontrolle" aus. Das CIA-System empfehlen BND-Mitarbeiter als lebenswichtig auch für den Bundesnachrichtendienst,
"Der Inspekteur müßte mit einer Arbeitsgruppe unangemeldet zu jeder Tages- und Nachtzeit in den wichtigsten Dienststellen unserer Firma auftauchen können", so formuliert ein reformfreudiger BND-Mann, seit sechs Jahren im Dienst der Organisation, in einem für den SPIEGEL geschriebenen Exposé. " Dabei wäre nicht zu prüfen, ob jeder Mitarbeiter auch an seinem Schreibtisch sitzt; denn das ist für das Arbeitsergebnis des Dienstes unwesentlich. Vielmehr müßte der Inspekteur punktuell in einer Außenstelle das Meldungsaufkommen beispielsweise der letzten zwei Monate kontrollieren und dann prüfen, was diese Meldungen wert gewesen sind. Da würde sich schnell herausstellen, wo Schlamperei und der üble Brauch herrschen, Meldungen einfach von ausländischen Rundfunksendern abzuhören, sie ein wenig 'anzureichern' und dann als Produkte aus 'hochrahmiger' Quelle weiterzugeben."
Anders der BND-Inspekteur. Er inspiziert Küchen, besucht Außenstellen, überbringt Grüße und Anerkennung vom Präsidenten und fragt nach besonderen Wünschen. "Bei einer solchen Leistungskontrolle", kommentiert der BND-Reformer, "mag denn der Bundesnachrichtendienst selig weiterschlafen -- 'permanent' und 'punktuell'."
Aber nicht allein die Tatsache, daß die BND-Leitung auch heute noch alte Zöpfe unbekümmert wachsen läßt, empört viele Geheimdienstier. Anhänger der BND-Reform sind nicht minder enttäuscht über die von Ehmke nach Pullach geschickte neue Führungsmannschaft.
Dem Vizepräsidenten Blötz, wegen flinker Hilfeleistung für Zigarettenraucher mit dem Feuerzeug hausintern "Flammenwerfer" genannt, ist es nach dem Urteil mancher Untergebenen nicht gelungen, sich in seiner neuen Umgebung zu profilieren; seine Kritiker im Dienst halten ihn für so inkompetent, daß sie ihm wichtige Unterlagen vorenthalten.
So kümmert sich Blötz (Monatsbezüge: 5592,50 Mark) um Dienstobliegenheiten, die früher Hilfsreferenten und Sachbearbeitern vorbehalten waren; er bemüht sich um die genaue Einhaltung der Abfahrtszeiten für die Personalbusse und gewährt freie Nachmittage zum Besuch des Oktoberfestes. BND-Angehörige registrieren auch mit einiger Verwunderung, daß der Vizepräsident morgens von einem Fenster aus kontrolliert, ob das Personal pünktlich zur Arbeit erscheint.
Doch selbst als Fahrdienstleiter konnte der "Herr vom Hamburger Wohnungsamt" (Hausjargon) nicht recht reüssieren. Nachdem Blötz für die Busse, die nach Dienstschluß BND-Mitarbeiter aus dem Camp in das nahe gelegene München fahren, neue Startzeiten festgelegt hatte, brach der gesamte innerdienstliche Verkehr zusammen. Blötz mußte den alten Fahrplan wieder in Kraft setzen.
Vom Beschaffungs-Chef Meier haben Mitarbeiter den Eindruck gewonnen, daß er wohl mehr in Abwehrfragen denn in geheimdienstlicher Aufklärungsarbeit versiert sein müsse. Die von ihm eingeleitete Konzentration auf die Ausspähung der DDR erregte die Opposition erfahrener Geheimdienstler, die es für bedenklich halten, die Berichterstattung über die Spannungsgebiete Südamerikas, Asiens und des Nahen Ostens zu vernachlässigen.
Zudem werde, so wenden BND-Männer ein, die Einstellung von Operationen in sogenannten Drittländern zugleich die Arbeit gegen die DDR erschweren. Denn: Manche Auslandsmissionen der DDR in neutralen Staaten böten westlichen Nachrichtendiensten ergiebige Ansatzmöglichkeiten.
Auch der dritte Mann in der Führungsriege kann Geheimdienst-Experten nicht überzeugen. Dem Chef der Auswertungs-Abteilung, Robert Borchardt, lasten die Kritiker an, den Meldungsfluß ans Kanzleramt nach Opportunitätserwägungen zu steuern. "Herr Borchardt möchte weder bei der Amtsleitung noch im Kanzleramt unliebsam auffallen", faßt ein Mann aus der engsten Umgebung des Chefanalytikers in einem Brief vom 29. Februar die Urteile der Kritiker zusammen. "Er bereitet Meldungen auf und schmückt sie aus, von denen er glaubt, daß sie 'oben' gut ankommen. Nachrichten, von denen er annimmt, daß sie politisch nicht in die Landschaft passen könnten, läßt er, wenn immer es sich machen und vertreten läßt, entweder unter den Tisch fallen oder in den Panzerschrank schieben mit der Maßgabe, das Thema sei noch nicht rund."
Die hausinterne Kritik an führenden Mitarbeitern konzentriert sich letztlich auf den Präsidenten Wessel, dem eine ebenso schwächliche wie autoritätsgläubige Führung attestiert wird. Er akzeptiere, so lautet der Vorwurf, jeden unmittelbaren Vorgesetzten als eine sozusagen von Gott gesetzte Obrigkeit, der er widerspruchlos folge.
Auf diese Grundhaltung führen BND-Angehörige zurück, daß der überzeugte evangelische Christ Wessel alles hinnimmt, was an sinnvollen Anordnungen, aber auch an fragwürdigen Improvisationen aus dem Kanzleramt kommt.
Mit Entsetzen registrierten sie einen für Geheimdienste außergewöhnlichen Bruch der Sicherheitsbestimmungen, zu dem sich die BND-Amtsleitung vom Kanzleramt habe bewegen lassen.
Die Klar- und Decknamen von Mitarbeitern und sogar Quellen der Beschaffungs-Abteilung, so berichteten Geheimdienstler, seien in Listen zusammengestellt worden, die dann ein aus Bonn angereister Kanzleramts-Beamter in Empfang genommen habe. "Damit liegen unsere geheimsten Innereien offen auf Bonner Schreibtischen herum", sorgte sich ein hoher BND-Beamter in der letzten Woche. "Das hat es noch in keinem geheimen Nachrichtendienst der Welt gegeben, daß Namen von Mitarbeitern im Sammelband aus den Stahlschränken nach draußen wandern -- ausgerechnet nach Bonn, wo sich östliche Spione zu Hunderten tummeln."
Für jede Entscheidung, die Behördenleiter normalerweise in eigener Verantwortung treffen, holt sich Wessel zuvor das Plazet aus Bonn. Es gibt keine nachrichtendienstliche Operation, für die er sich nicht die Genehmigung Ehmkes sichert. Der Kanzleramts-Chef glaubt denn auch gern, daß der BND nunmehr reibungslos und effizient arbeitet.
So erklärte Minister Ehmke im Dezember vorigen Jahres vor dem Parlamentarischen Vertrauensmänner-Gremium für die Nachrichtendienste der Bundesrepublik, das neue Führungsgespann in Pullach habe dem BND eine bis dahin nicht erlebte Harmonie beschert. Ein Gesprächsteilnehmer zur "Welt am Sonntag": "Er war so glaubwürdig wie Mutter in 'Schirm, Charme und Melone'."
In der Tat bestimmt nicht Harmonie, sondern Fraktionsbildung den BND. Drei Fraktionen lassen sich identifizieren:
* das "Establishment" der zwar ausgedienten, aber gleichwohl seßhaften Alt-Militärs, die gegen die Ost- und Sicherheitspolitik der sozialliberalen Koalition frondieren,
* eine Gruppe vorwiegend jüngerer Bediensteter, die innere Reformen wünschen, aber von Ehmkes neuer Führungsmannschaft enttäuscht sind, und
* die neuen Führungsmitarbeiter, die mit Ehmkes Rückendeckung ihre Vorstellungen von Beschaffung, Auswertung und Administration gegen eine Phalanx routinierter Unterabteilungs- und Referatsleiter durchsetzen wollen.
Eine sinnvolle Ordnung im BND aber läßt sich offenbar nur noch durchsetzen, wenn die Öffentlichkeit den Reformern zur Hilfe kommt. Doch diese Öffentlichkeit ist nicht darauf vorbereitet, in Geheimdienstfragen mitzusprechen. Ihr fehlt Informiertheit und Sachverständnis, ohne die kein Land das Urproblem "Demokratie und Geheimdienst" angehen kann.
SPD-Bundestagsabgeordneter Martin Hirsch, früher selbst einer der sechs Parlamentskontrolleure des BND: "Wenn die uns einen Türken bauen, können wir das gar nicht merken."
Zwischen dem Horror vor einer verkappten Geheimpolizei und der abergläubischen Überschätzung geheimdienstlicher Aktivitäten schwankend, fühlen sich Bundesbürger von telephonabhörenden, briefschnüffelnden BND-Agenten verfolgt. Der BND wurde manchem zum Synonym für Spitzelei und Intrige.
Da mochte jeder dem Kanzler Ludwig Erhard zustimmen, der aus Abscheu vor Spionagedienst den Verbindungsstab des BND in den Dachzimmern des Kanzleramts aus dem Haus gewiesen hatte. Erhard: "Ich will mit diesen Leuten nicht unter einem Dach sitzen."
Ähnlich empfand die Masse der Westdeutschen: BND und Geheimdienst überließ man den Kolportageschreibern, den Dramatisierern von Film, Funk und Fernsehen. So weiß die Öffentlichkeit noch immer nicht, wie die Welt hinter den Mauern von Pullach aussieht.
Was der Bundesnachrichtendienst in Wahrheit ist, versuchte der SPIEGEL zu ergründen. Den BND aus dem Zwielicht von Legende und Lüge, von Glorifizierung und Verachtung, von Furcht und Überschätzung zu befreien und ihn zu entdämonisieren, ist Sinn einer Serie, die mit diesem Beitrag beginnt.
Der SPIEGEL untersuchte in jahrelanger Recherchenarbeit Geschichte, Arbeitsweise und Personal des BND. Er notierte, was bisher nie an die Öffentlichkeit drang: Gespräche mit den Chefs und Abteilungsleitern der Organisation, Berichte von Agenten und Residenten, Aussagen von Akteuren und Opfern der Geheimdienste.
Die Details fügen sich zu dem Bild einer Mammut-Bürokratie zusammen, die von den Altvorderen der Branche gerne als ein Orden der Wissenden ausgegeben wird und sich in Wahrheit als eine fast normale Behörde erweist. Der BND soll Bonns politische Entscheidungen erleichtern und hat den Auftrag,
* Informationen aus jedem Bereich eines ausländischen Staates zu sammeln,
* Lagebilder und Nachrichten vorrangig über die DDR, die Sowjet-Union und den übrigen Ostblock zu beschaffen,
* Analysen über Länder der Dritten Welt zu erstellen,
* Änderungen in der Politik verbündeter und neutraler Staaten zu registrieren,
* Bonn-freundlichen Regierungen zu helfen oder sie durch nachrichtendienstliche Assistenz für die Bonner Politik zu gewinnen, und
* Interessen der Bundesrepublik dort wahrzunehmen, wo die Bonner Regierung offiziell nicht in Erscheinung treten kann.
Mit anderen Worten: Wo die Legitimation von Regierung und Diplomatie zur Sammlung von Informationen und zur Einflußnahme auf die Politik eines ausländischen Staates endet, beginnt erst die Operationsbasis des BND -- zwangsläufig oft am Rande der Legalität. "Wir sind also", so ein westdeutscher Geheimdienstler, "die nationale Dreckschleuder. Spritzt der Schmutz zu hoch, halten sich die Bonner die Nase zu; wehren wir einen Jaucheguß von der Bundesrepublik ab, so sagt man uns: Dafür seid ihr doch da."
Den Duft von Blumen indes bevorzugt Generalleutnant a. D. Gerhard Wessel, der seit dem 1. Mai 1968 als Präsident in einem zweistöckigen Haus der BND-Zentrale im München-nahen Pullach den Bundesnachrichtendienst führt. Er weiß sich überall von Blumen umgeben: Blumen auf dem Mittagstisch; Blumen im Garten hinter dem Gebäude mit Wessels Arbeitszimmer, Blumen auf dem Fensterbrett, arrangiert von Frau Wessel.
An der Wand links neben Wessels Schreibtisch mit vier Telephonen hängt eine Weltkarte, vor ihm -- über der Couch für Besucher -- in einer Vergrößerung von 1,21 zu 1,02 Meter ein Photo der Berliner Mauer am Brandenburger Tor, Grenze zum Operationsgebiet I des Bundesnachrichtendienstes, der DDR.
Amtschef Gerhard Wessel (6200 Mark Monatsgehalt) gebietet über einen Stab von 5500 hauptamtlichen Mitarbeitern, die sich zu je einem Drittel aus Militärs, Beamten und Angestellten zusammensetzen. Davon arbeiten 3000 in der Pullacher Zentrale, weitere 2500 in Außenstellen innerhalb der Bundesrepublik sowie als Residenten in deutschen diplomatischen Missionen. Nur einige Hunderte BND-Chargen operieren im geheimsten Bereich: Als Agenten und Agentenführer betreiben sie die eigentliche Spionage in der Welt, in der Branche tätige Agenten im Feind" genannt. Wie viele freie Mitarbeiter, sogenannte Quellen und Unterquellen, außerdem für den BND agieren, kann nur geschätzt werden: vermutlich zehntausend (gelegentliche Quellen, die nur einmal aktiviert werden, nicht mitgezählt).
Der Jahresetat, mit dem Wessels Nachrichtendienst zu operieren hat, ist nicht minder geheim: "Über 100 Millionen Mark" -- so die offizielle Lesart; 150 bis 180 Millionen Mark -- so eine inoffizielle Andeutung von BND-Beamten; 450 Millionen Mark -- so eine wahrscheinlich zu hohe Schätzung westlicher Geheimdienst-Experten. (Washingtons CIA: 1,6 Milliarden Dollar, Moskaus KGB: zwei Milliarden Dollar, Londons SIS: sieben Millionen Pfund.)
Von Pullach aus laufen zahllose Fäden ins Land, die sich zu einem über die ganze Bundesrepublik ausgebreiteten Netz von Beziehungen und Kontakten verdichten. Es gibt kaum einen Bereich bundesdeutschen Lebens, in den der Arm des Bundesnachrichtendienstes nicht hineinlangt.
Wessels BND ist zugleich Stammfirma zahlreicher Wirtschaftsunternehmen, die bei Finanzämtern und Handeisgerichten ordnungsgemäß angemeldet sind. Er sitzt im Kaffee-Import und in Schiffahrts-Linien, er agiert im Einzelhandel, er läßt Vertreter für Versicherungen und Buchgemeinschaften laufen.
Der BND-Präsident ist der einzige Chef einer Bundesbehörde, die Kühlschränke verkauft -- und nicht nur die. Viele Bürger haben beim BND schon Kugelschreiber oder Autozubehör erstanden, ohne es freilich zu wissen. Denn wo im Laden Waschmaschinen oder Teppiche feilgeboten werden, sind Hinterstuben Ausgangs- und Anlaufstellen für Agenten, Kuriere und Agentenführer. Der Kundenverkehr vorn tarnt den Durchgangsverkehr hinten. Das ist im geheimdienstlichen Fachausdruck eine Tarnfirma.
In Bremen fuhr bei einer Alt-Öl-Firma ein Mann mit einem Tankwagen vor, um altes Öl abzusetzen. Er hatte kein Glück: Ein Herr der Gesellschaft versicherte ihm, im Augenblick sei die Aufnahmekapazität voll ausgenutzt. Wer etwa bei einer Firma in Hamburg, die sich auf
Türschildern, in Telephonbüchern und beim Handelsregister als Obst-Handlung ausweist, Bananen bestellen möchte, erfährt, daß die Kundenliste überzeichnet sei.
Wo Unternehmen und Kaufleute partout keine Geschäfte tätigen wollen, dienen Firma und Visitenkarte nur als Aushängeschild für Kontaktpflege mit Agenten, Tippern, Forschern und Werbern. Das nennt der Geheimdienst eine Scheinfirma.
Andernorts haben sich Unternehmen wie "Forschungsgemeinschaft e. V", "Gesellschaft für wirtschaftswissenschaftliche Beziehungen", "Büro für Zeitungsausschnitte" und "Presse-Informationsdienst" etabliert. Zwar wird hier geforscht, werden Beziehungen zur Wirtschaft und Wissenschaft geknüpft, Zeitungsartikel ausgeschnitten und Journalisten angesprochen, aber die Firmen arbeiten nur für nachrichtendienstliche Zwecke.
Hinter solchen Sichtblenden operieren Hauptstellen, Außenstellen und Nebenstellen des Bundesnachrichtendienstes. Oft arbeiten mehrere BND-Filialen unabhängig voneinander am selben Ort; sie agieren in fast jeder mittleren und gewiß in allen Großstädten der Bundesrepublik, wie beispielsweise die Befragungsstellen für Flüchtlinge.
Insgesamt gibt es in der Bundesrepublik 100 solcher Außenstellen, die größten in München, Bonn, Köln, Frankfurt und Hamburg, In manchen Außenstellen arbeiten fünf, in anderen 20, in großen etwa 50 bis 100 Geheimdienstier. Von hier aus (nicht in der Pullacher Zentrale) dirigieren Agentenführer ihre Agenten in aller Welt, früher allerdings betrieben sie auch innerdeutsche Schnüffelei.
* Im Hintergrund: CDU-Politiker Krone, Schröder.
** Der BND drang 1969 bei Kim mit Erfolg auf die Begnadigung und Freilassung der inzwischen verurteilten Koreaner.
Die geheimen Unternehmen führen Lohnsteuer und Sozialbeiträge für ihre Angestellten ab, die Scheinfirmen sogar Mehrwertsteuer für Geschäfte, die nie abgewickelt wurden. Schließlich zahlt der Bundesnachrichtendienst pünktlich die Miete für eine Anzahl von Zweizimmerwohnungen überall In der Bundesrepublik. Der BND nennt diese Dependancen "KW", konspirative Wohnungen -- Stätten für Treffs mit Agenten und Agentenführern.
Scheinfirmen und Tarnfirmen, Scheinbüros und Tarnwohnungen sind die Maschen eines nachrichtendienstlichen Netzes, das sich über die ganze Welt zieht und in der Bundesrepublik geknüpft wird. In Westdeutschland beginnt denn auch die Auslandserkundung des BND.
Wie eine Großloge unterhält die Organisation Freunde und Förderer überall dort, wo der BND mit seiner Arbeit ansetzen kann: in Behörden, in Zeitungs- und Rundfunkredaktionen, in Journalistenverbänden, in Industriebetrieben, im Export-Import-Handel. Der BND benötigt und bekommt dank behördlicher Amts- oder staatsbürgerlicher Schützenhilfe Ausweise und Pässe, Kontakte zu Auslandskorrespondenten und Einblicke in Auslandsgeschäfte.
Industrie- und Handelsfirmen, die vor allem im Export tätig sind, ermöglichen es BND-Mitarbeitern, getarnt als Vertreter weltweit zu beobachten. Sie animieren aber auch Betriebsangehörige zur Doppelarbeit: für das eigene Unternehmen und für den westdeutschen Aufklärungsdienst. Logenbrüder des BND sitzen in Gesellschaften, die Beziehungen nach Afrika, Nahost, Südamerika und Fernost pflegen, und sie fahnden bei Universitäts-Professoren nach akademischem Nachwuchs.
In der Bundesrepublik hören BND-Techniker den Funk- und Funksprechverkehr des Ostens bis Sibirien ab: mit einem Bündel von Antennenmasten (Höhe: 50 Meter) entlang der Grenze zur DDR. Das BND-Verbundsystem läuft weiter rund um den Sowjet-Block.
Tag und Nacht ist der BND einsatzbereit für den Kriegsfall. Dann sollen in der DDR wie in der Bundesrepublik hinter den vorrückenden Ostblockarmeen Agenten und Funker aktiv werden, die schon heute Schweigenetze zwischen Rhein und Oder bilden -- ausgerüstet mit Funkgeräten, die kaum größer als eine Zigarrenkiste sind.
Und überall in der Welt hat sich die Pullacher Zentrale Freunde verpflichtet, die dem BND weiterhelfen. Der Bundesnachrichtendienst
* unterhält nach Informationen aus CIA-Kreisen eine direkte Fernschreiblinie zu Amerikas zentralem Geheimdienst,
* tauscht mit den Geheimdiensten aller Nato-Staaten Erkenntnisse aus und läßt durch eigene legale Residenten zugleich die Beziehungen der Verbündeten zur DDR und zur Sowjet-Union beobachten,
* besitzt für den Kriegsfall in einem westlichen Land ein Hauptquartier an der Atlantikküste mit einem eigenen Flugplatz und einem Hafen für den Rückzug in die USA,
* stattete die Palastwache des Königs von Saudi-Arabien 1958 mit Pistolen und Sprechfunkgeräten aus, wofür der BND-Chef mit einem goldenen Schwert, sein Dolmetscher mit einer goldenen Uhr belohnt wurde,
* belieferte die Gegner des Kongo-Ministerpräsidenten Lumumba 1961 mit einer Druckerei und mit Kurierflugzeugen,
* unterstützte Indonesiens militärischen Nachrichtendienst 1965 mit Maschinenpistolen, Funkgeräten und Geld (Gesamtwert: 300 000 Mark) bei der Niederwerfung eines Links-Putsches in Djakarta, und
* ließ ausländische Freunde mit Orden ehren, so den südkoreanischen Geheimdienstchef Hyung Wook Kim, später Auftraggeber einer Entführungsaktion in Westdeutschland, der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde**.
Es gibt fast kein Land der außerkommunistischen Welt, zu dessen Geheimdienst der BND nicht Verbindungen unterhält. Er arbeitet mit Israelis, Türken, Persern, Pakistani, Schweden, Japanern, Taiwanern, Südamerikanern und Afrikanern zusammen. Und er steht auch, wie es der Auftrag der Regierung verlangt, in Geschäftsbeziehungen zu Ländern, die nicht liberalem Demokratie-Verständnis entsprechen: Spanien, Griechenland, Südafrika,
Für innerdeutsche Freunde aber ging der BND sogar in der Bundesrepublik observieren. Ein solcher Freund war der Kanzleramts-Staatssekretär Hans Maria Globke, die "graue Eminenz" Konrad Adenauers. Zur Unterrichtung Globkes gründete der BND regelwidrig ein eigenes Inland-Büro, dem V-Leute aus Parteien, Gewerkschaften, Flüchtlingsverbänden, Wirtschaftsbetrieben und Behörden Informationen zulieferten.
Mit diesem Wissen machte Adenauer Haus- und Parteipolitik. Partner und Kontrahenten des Kanzlers waren oft verblüfft, manchmal entsetzt über dessen Intimkenntnisse -- sie stammten vom BND.
So erfuhr der BND auch, daß in einer norddeutschen Druckerei eine Broschüre gegen Globke, den Kommentator der Nürnberger Rassegesetze von 1935, erstellt werden sollte. Der damalige BND-Präsident ließ für ein Honorar von 30 000 Mark (aus Steuergeldern) das Manuskript aus der Druckerei herausschmuggeln und händigte es Globke aus, der daraufhin eine einstweilige Verfügung gegen das Buch erwirkte.
Zur Auslandserkundung darf indes zählen, was der BND dem Kanzleramt Mitte der fünfziger Jahre aus Paris zu melden wußte: daß Vizekanzler Franz Blücher während einer Dienstreise ein Etablissement aufgesucht habe. Darauf Adenauer zu Blücher: "Mußte es denn ausgerechnet eine Mulattin sein?"
Neben Klatsch und Tratsch, Füllsel aller geheimdienstlichen Personalreports, wußte der BND jedoch auch wertvolle Informationen zu bieten. Zuweilen erwies er sich besser informiert als andere Stellen im Westen:
* Im Widerspruch zu dem US-Außenministerium sagte der westdeutsche Nachrichtendienst 1967 den Sechs-Tage-Krieg der Israelis gegen die Araber voraus -- fast exakt auf die Stunde.
* Im Gegensatz zu Nato-Militärs kündigten die Pullacher Auslandsaufklärer 1968 den Einmarsch der Armeen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei an -- am 29. Juli, einen knappen Monat vor der Invasion.
Pistolen für Potentaten, Geheimaufträge im Ostblock, Schnüffelaktionen im Rücken bundesdeutscher Politiker, Hilfe für NS-Belastete, exakte Lageberichte für die Regierung -- dies alles umschreibt Mentalität und Arbeit eines Geheimdienstes, der über Jahre im Schatten einer Epoche stand, deren ureigenstes Produkt er war: der Epoche des Kalten Krieges.
"Die eine Aufgabe war einmalig. Sie hat es niemals vorher in unserer Geschichte gegeben. Kein anderes Land hat sich jemals einer solchen Aufgabe gegenübergesehen." So sprach Ehmke-Vorgänger Karl Carstens, als er am 30. April 1968 in einer Rede im Kasinosaal des Bundesnachrichtendienstes zum erstenmal gleichsam die offizielle Geschichte des BND formulierte.
Die "einmalige Aufgabe": aus der Konkursmasse der großdeutschen Wehrmacht einen Geheimdienst zu schaffen, der von Anfang an mit den westlichen Siegern zusammenarbeitete und damit die westliche Bündnispolitik des späteren Bonner Staates vorprogrammierte.
Diese Aufgabe war 1945 einem Mann gestellt, der heute noch als der Grand Old Man der westdeutschen Spionage gilt: Reinhard Gehlen. Mit ihm beginnt die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, freilich nicht erst 1945, sondern bereits mitten im Zweiten Weltkrieg.
Die Karriere dieses "Spions des Jahrhunderts", wie ein britischer Autor ihn nannte, ist denn auch weitgehend identisch mit der Chronik des westdeutschen Geheimdienstes. Es ist eine Chronik der Profis und Idealisten, es ist eine Geschichte voll Intrigen, Opportunismus und professioneller Brillanz -- Mahnung und Anschauungsunterricht für jede demokratische Gesellschaft, die anonymer Mächte Herr bleiben muß.
IM NÄCHSTEN HEFT
Das geheime Erkundungssystem des Generals Reinhard Gehlen -- Agententrupp "Flamingo" spioniert in Moskau -- Gehlens Organisation sagt jede sowjetische Offensive voraus

DER SPIEGEL 11/1971
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