08.03.1971

BUCHER NEU IN DEUTSCHLANDAnfänge am Ende

Renate Matthaei: „Grenzverschiebung“. Kiepenheuer & Witsch; 344 Seiten; 36 Mark.
"Die deutsche Literatur der 60er Jahre", konstatiert Renate Matthaei, Lektorin bei Kiepenheuer & Witsch, im Vorwort ihres im eigenen Hause herausgegebenen Sammelbandes, der im Untertitel über "Neue Tendenzen in der deutschen Literatur der 60er Jahre" Aufschluß zu geben verspricht, "ist eine Literatur der Anfänge, auch der steckengebliebenen".
Renate Matthaei entwickelt eine neue Version der alten "Kahlschlag"-Theorie, die, von Wolfgang Weyrauch in die Welt gesetzt, als den Anfang einer neuen deutschen Literatur das Jahr 1945 bestimmte. Das aber, so befindet Renate Matthaei, sei nur die "Scheinsituation eines Anfangs, der keiner war", gewesen. Sie habe die Entwicklung, an deren Ende die deutsche Literatur am Ende war und überall anfing, nur aufgehalten. Jetzt also soll sie wirklich am Ende sein. "Sie produziert", laut Renate Matthaei, "um dazusein."
Im Nachwort zu Rolf Roggenbucks "Nämlichkeitsnachweis" (Rowohlt, 1967) orakelte seinerzeit Peter O. Chotjewitz, dieser Roman werde vielleicht "sein letzter sein". Roggenbucks neuer, "Der achtfache Weg", erscheint bei Rowohlt In diesem Frühjahr.
Aber gerade das ist ja das Schöne an der Literatur, daß sie immerzu am Ende ist und trotzdem weitermacht.
Unter anderem eröffnet sie damit fleißigen Lektoren die Möglichkeit, noch eine Anthologie herauszugeben. "Grenzverschiebung" ist also eine Anthologie, in welcher 45 Autoren die deutsche Literatur sozusagen neu erfinden und ein paar andere ihnen die dazugehörige Theorie mit auf den Weg geben.
Die Autoren, präsentiert mit Bio-Bibliographie und Photo, kommen mit Textbeispielen und zusätzlich noch mit einem Statement über sich selbst und ihre Arbeit zu Wort. Barbara Frischmuth: "Schreiben ist für mich schreiben." Das kritische Wort irgendeines Rezensenten rundet die Schnell-Dokumentation ab.
Wie immer bei derartigen Unternehmungen wäre die Auswahl zu bemäkeln. Warum also sind Peter Bichsel, Hubert Fichte und Gisela Elsner aufgenommen, deren Anfänge doch zumindest ebenso am Ende sind wie der Anfang von Ernst Augustin, der nicht aufgenommen wurde? Ist Günter Herburger ein Anfang? Ist Dieter Wellershoff ein Anfang, weil er auch Lektor und Autor bei Kiepenheuer & Witsch ist? War Alexander Kluge, der nicht aufgenommen wurde, vielleicht kein Anfang?
Vermittels eines recht gelehrt klingenden Vorworts, in welchem so gut wie alle Argumente und Klischees aus den literarischen Diskussionen der letzten Jahre noch einmal versammelt und zu buntem Durcheinander neu arrangiert wurden, versucht Renate Matthaei die literarischen Tendenzen der sechziger Jahre auf den gesellschaftlichen Nenner zu bringen: "Revolutionäre Praxis verhörte die Literatur, und Literatur sah sich plötzlich mit dem, was sie selber immer anzugreifen schien: mit der Gesellschaft identifiziert." Der Schock, den sie aus diesem Verhör davontrug, habe viele Autoren veranlaßt, sich "von der Literatur als einem peinlichen Verdacht" zu distanzieren.
Renate Matthaei hingegen zieht der "Flucht in die politische Praxis" eine "Revolution nicht ohne, sondern mit der Kunst" vor, wobei sie sich auf die neuen Sensibilisten von Herbert Marcuse bis Ronald D. Laing beruft.
Den Beginn der neuen Tendenzen setzt sie mit zwei Arbeiten, die beide 1960 erschienen sind und deren Verfasser "eine für die deutsche Literatur der 60er exemplarische Entwicklung durchmachten: 'Der Schatten des Körpers des Kutschers' von Peter Weiss und 'Textbuch I' von Helmut Heißenbüttel". Was mit Weiss begann, führte -- wie die Herausgeberin sich ausdrückt -- dazu, daß die "sozialkritische Aufarbeitung von Realität ... offensichtlich z. Z. die realste Chance fur eine politische Ausweitung der Literatur" ist. Heißenbüttel hingegen erzeugte den "bloßen Sprachfetischismus" der Peter Bichsel, Jürgen Becker und Peter Handke, "deren sprachtechnische Methode Irrationales stilisiert".
Als Sondertendenz neben diesen beiden kennt Renate Matthaei unter anderen noch die Konkrete Poesie, die als "Ornament für eine mit sich ins reine gekommene heitere Welt" selbstzufrieden geendet sei, gleichwohl "Wirkungen gehabt" habe, "die möglicherweise für eine Erweiterung der Kunst überhaupt bedeutsam sind": Happenings, Seh-Texte, Aktionen, Neo-Dada und Pop.
Auch des von Kollege Wellershoff kreierten "neuen Realismus." wird rühmend Erwähnung getan, wobei die Verfasserin ihrem sprachlichen Ingenium noch einmal vehement die Zügel schießen läßt. Wellershoffs Sprache, so wird dargetan, "schirmt nicht mehr ab, sondern läßt eine Triebschicht flackernder Impulse durch, eine zweite abgedrängte 'Sprache', die die Logik der Syntax affektiv auswuchern läßt. Als ein dauernder Versuch, Erfahrungen festzumachen, der sich immer wieder dementiert, entwickelt sie sich zu einem Spiel flüchtiger Hypothesen, das die syntaktischen Verknüpfungen durch Übertreibung entleert".
Gemeint ist vermutlich: Wellershoffs Figuren können Ihre Erfahrungen nicht ausdrücken.
Renate Matthaei ergeht es ähnlich. Unglücklicherweise ist sie aber nicht eine Wellershoffsche Figur, sondern Lektorin eines renommierten belletristischen Verlages.

DER SPIEGEL 11/1971
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