15.03.1971

RUMÄNIEN / DEUTSCHEBrauch und Boden

Acht Stunden lang redete Rumäniens Staats- und Parteichef Ceaucescu auf seine deutschen Landsleute ein: Er erklärte ihnen -- Funktionären der deutschen Minderheit in Siebenbürgen und im Banat -, wo ihre Heimat liegt.
"Sie stammen aus Rumänien", entschied Ceaucescu. Wessen Vorfahren vor 800 Jahren dorthin kamen, der könne nicht sagen: "Mein Heimatland liegt anderswo."
Unter Rumäniens Deutschen war die Meinung entstanden, sie stammten aus Deutschland -- und manche zog es in die alte Heimat, seit die deutsch-polnische Übereinkunft zur Familienzusammenführung bekanntgeworden war. Ein Gerücht über ein ähnliches deutsch-rumänisches Abkommen lief um -- "betreffend die gruppenweise Auswanderung rumänischer Staatsbürger deutscher Nationalität", so die deutschsprachige rumänische Zeitung "Neuer Weg". Sie erklärte am 16. Februar als "Antwort auf Leserbriefe", "daß dergleichen Behauptungen nicht der Wahrheit entsprechen".
Rund 50 000 Auswanderungsanträge der deutschen Minderheit, einer halben Million Seelen, liegen den rumänischen Behörden vor. Der "Neue Weg" aber stellte fest:" Die Bürger deutscher Nationalität haben keinen Grund, ihr band zu verlassen. Rumänien ist und bleibt unser teures Vaterland, das Land unserer Ahnen."
Aus dem Land ihrer Ahnen wanderten von 1950 bis 1969 gleichwohl 17 290 rumänische Staatsbürger deutscher Nationalität aus und ließen sich zumeist in der Bundesrepublik nieder.
Aus Westdeutschland auch waren die meisten ihrer Vorfahren vor über 800 Jahren nach Siebenbürgen, später in das Banat gezogen. Die Siebenbürger -- sie wurden 1550 Protestanten -- stammten vom Niederrhein (sie hielten sich an das Sächsische Recht und heißen seither "Siebenbürger Sachsen"), ihre Nachkommen sprechen noch rhein-fränkisches Mittelhochdeutsch-Ein Ungarn-König hatte sie zur Landnahme eingeladen. Die Katholiken des Banats" die "Donauschwaben", folgten im 18. Jahrhundert dem Ruf der Kaiserin Maria Theresia.
Die Siedler schützten die österreichisch-ungarische Monarchie gegen Tataren und Türken. Nach dem Ersten Weltkrieg optierten sie für den neuen Staat Rumänien. 1939 lebten rund 750 000 deutsche Bauern, Kaufleute und Handwerker im rumänischen Staatsverband. 200 000 von ihnen wurden 1940 heim ins Reich geholt, aber viele kehrten nach Rumänien zurück -- unter ihnen rekrutierte die SS ihre Division "Prinz Eugen".
Rumänische Kommunisten rehabilitierten später sogar etliche der SS-Volksdeutschen und nahmen manche in ihre Partei auf. Zuvor aber brachte die Rote Armee nach dem Einmarsch 1944 rund 65 000 Männer und Frauen zwischen 17 und 50 Jahren zur Zwangsarbeit in die Sowjet-Union (Ceaucescu jetzt: "Ungerechtigkeiten"). Fünf Jahre darauf kamen 50 000 Überlebende zurück -- die rumänische Regierung hatte auf der Heimkehr ihrer Deutschen bestanden.
Ceaucescu am 19. Februar 1971: "Ich bin der Ansicht, daß es eine Ehre für unsere Partei ist, niemals und unter keinen Umständen daran gedacht zu haben, die Bevölkerung deutscher Nationalität aus Rumänien auszusiedeln."
Der Agrarstaat Rumänien schätzte die Deutschen als zähe Arbeitskräfte für die Industrialisierung des Landes und Siebenbürgen war die wirtschaftlich reichste Provinz Rumäniens.
1948 wurden die Rumänien-Deutschen als nationale Minderheit anerkannt. In den Schulen durfte wieder deutscher Unterricht erteilt werden. Die erste Nummer des "Neuen Weg" erschien. Kronstadt hieß fortan "Stalinstadt" (heute Brasov). Nach Stalins Tod gab das Dekret 81 den Sachsen und Schwaben ihre Häuser zurück, viele erhielten eine Entschädigung-Das Land blieb kollektiviert. Kulturelle Kontakte nach Deutschland bestanden nicht, auch nicht zur DDR.
In den sechziger Jahren begann Bonn über Familienzusammenführung zu verhandeln. Der Stuttgarter Rechtsanwalt Dr. Garlepp erreichte die Ausreise mehrerer hundert Volksdeutscher -- gegen Barzahlung: Ein Kronstädter Pastor, der sieben Jahre in Haft war, wurde für 70 000 Mark losgekauft. Nach dem Besuch Willy Brandts in Bukarest im August 1967 verstärkte sich bei vielen Deutschen die Hoffnung, sie könnten nun unentgeltlich auswandern.
Sie konnten nicht. Monatlich kamen allenfalls 200. Rumänien braucht sowohl die qualifizierten deutschen Techniker als auch die emsigen deutschen Genossenschaftsbauern, deren Kolchosen oft höhere Erträge erzielen und mehr Geld verdienen als die -- der Rumänen. Etwa so: Banater Bauern haben das Pflaster ihrer Höfe aufgerissen, dort Tomaten gepflanzt und gegen Devisen verkauft.
Bukarest will zudem keine Auswanderungswünsche bei den 1,6 Millionen Ungarn im Lande wecken.
Das Regime versuchte, den Deutschen das Bleiben zu versüßen. 1968 empfing Ceaucescu als erster Ostblockführer eine Delegation von deutschsprachigen Intellektuellen, um sich mit den Sorgen der deutschen Minderheit vertraut zu machen. Nach der CSSR-Besetzung ging Ceaucescu vorsichtig mit seinen Nationalitäten um: Rumäniens Minderheiten erhielten eigene Vertretungen, so den "Rat der Werktätigen deutscher Nationalität".
Im November 1969 wurden fünf Siebenbürger Schriftsteller rehabilitiert, die zehn Jahre zuvor wegen mangelnder Linientreue und wegen des Versuchs, die Sonderprobleme der Deutschen zu behandeln, zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt worden waren.
Weil Zeitungen und Illustrierte aus Deutschland fehlen -- so "Neuer Weg"-Vizechef Ernst Breitenstein --, erreichen die parteitreuen Publikationen der Rumänien-Deutschen beachtliche Auflagen: die Tageszeitung der Donauschwaben, die "Neue Banater Zeitung" (40 000 Exemplare), die Wochenzeitschriften "Karpaten-Rundschau" (7000) und "Hermannstädter Zeitung" (10 000) sowie das Monatsblatt "Neue Literatur" (2500 Exemplare).
Die volksverbundene Regierung in Bukarest bemühte sich auch um die Wiederbelebung von Bräuchen, Blasmusik und Trachten, um Heimatmuseen in Städten und Dörfern. Jetzt gibt es auch Rundfunk- und Fernsehsendungen in deutscher Sprache. Um einen Buchstaben pro Jahr wächst das 1957 neu begonnene wissenschaftliche "Wörterbuch der siebenbürgischsächsischen Mundarten" der Rumänischen Akademie der Wissenschaften.
Elf Abgeordnete vertreten die deutsche Minderheit in der Großen Nationalversammlung, fünf Deutschsprachige wurden in das ZK der rumänischen KP gewählt. Im Februar schaffte Richard Winter, Erster Sekretär des Kreisparteikomitees von Hermannstadt, sogar einen Sprung, der bis dahin noch keinem Angehörigen einer nationalen Minderheit in einem Ostblockstaat glückte: Er wurde Kandidat des ZK-Vollzugsausschusses (Politbüro).
Mit solchen Perspektiven tröstete Ceaucescu in seiner Rede vor dem "Werktätigen-Rat" die deutschen "Menschen, die mit dem Boden, wo sie geboren sind und gelebt haben, mit dem Boden, wo sie sich ein neues freies Leben aufbauen, wie sie es wünschen, eng verbunden sind".
Daher gibt es kein Umsiedlungsabkommen: "So etwas werden wir nie tun ... Wer aus dieser großen Armee der Erbauer des Sozialismus austritt ... muß mit einem Soldaten verglichen werden, der den Kampf an der Front verläßt."
Statt der "trügerischen Perspektive eines leichten Lebens ohne Arbeit", statt den materiellen Lockungen des Kapitalismus für die Jugend nachzugeben, lockte Ceaucescu: "Die Familienzusammenführung ... kann nicht allein verwirklicht werden. indem man Rumänien verläßt, sondern auch, indem man die Verwandten oder Familienangehörigen ins Land bringt." Er werde sie "mit ganzer Liebe" aufnehmen.
Anfang März milderte eine rumänische Delegation in Bonn die Ceaucescu-Worte ab. Die Rede sei mißverstanden worden, die Bukarester Regierung wolle ihre Politik gegenüber Ihren Deutschen nicht ändern.
Das Deutsche Rote Kreuz erwartet 1971 genauso viel Aussiedler aus Rumänien wie 1970: monatlich etwa 500.

DER SPIEGEL 12/1971
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