15.03.1971

PHILOSOPHEN / ADORNONutzlose Kunst

Am Ende seines Lebens fühlte sich Adorno wie Hebbels Meister Anton, dessen letzte Worte lauten: "Ich verstehe die Welt nicht mehr." Der Frankfurter Philosoph verstand sie nicht mehr, weil er, der radikale Gesellschaftskritiker, sich gegen die Radikalität jener Neuen Linken zur Wehr setzen mußte, deren gesellschaftskritischen Elan er selbst mitentfacht hatte.
So wurden dem im August 1969 Verstorbenen die letzten Lebensjahre zur Qual: Protestierende Studenten, darunter viele seiner Schüler, überschütteten ihn, der mit Max Horkheimer die Frankfurter Schule und ihren kritischen Marxismus begründet hatte, mit Hohn und Spott. Eine Berliner Kommilitonin wollte ihm 1967 bei einer Diskussion unter dümmlicher Anspielung auf seinen Spitznamen "Teddy" ein rotes Gummibärchen überreichen; Flugblätter kursierten: "Er soll sich alleine zu Tode adornieren!"; sein Frankfurter Institut für Sozialforschung wurde 1968 von Studenten besetzt und durch die vom Rektor herbeigerufene Polizei geräumt; junge Oben-ohne-Damen sprengten im April 1969 seine Vorlesung, "Adorno als Institution ist tot", hieß diesmal das Flugblatt.
Das Zerwürfnis zwischen Adorno und seinen Studenten war entstanden, als sie von ihm Rezepte für Ihre Rebellion, sein unvermitteltes Engagement in der Situation verlangten. "Erhebung über die Situation", wie Adorno mit Horkheimer die Philosophie verstand, war für die Linken pure Selbstbefriedigung.
Adorno hingegen kritisierte die Demonstrationen der Studenten als Barrikaden-Spiel: "Schwache, Verängstigte fühlen sich stark, wenn sie rennend sich an den Händen halten. Das ist der reale Umschlagspunkt in Irrationalismus."
Für irrational hielt der Philosoph vor allem die kunstfeindlichen Parolen und Happenings der Studenten. Gegen diese "Amusie" der Neuen Linken polemisiert er in seinem unvollendeten Hauptwerk, der "Ästhetischen Theorie", das seine Frau Gretel Adorno und sein Schüler Rolf Tiedemann im Spätherbst 1970 herausgegeben haben*.
Kunst, vor allem die moderne, autonom gewordene Kunst, ist für Adorno subversive "Bewegung gegen die Gesellschaft". Sie stellt jede Art von Herrschaft in Frage, denn sie ist als "Gedächtnis des akkumulierten Leidens" die "bewußtlose Geschichtsschreibung" der Menschheit. Gerade in einer unbarmherzigen Welt ist sie der Sprengstoff" weil sie an Not und Unterdrückung erinnert, weil sie ausspricht, was aus der Welt und den Menschen geworden ist.
Zwar sei, meint Adorno, die Kunst auch "soziales Faktum" und daher schuldhaft in die unversöhnte Welt sozialer Kämpfe und Leiden, in die Ideologie positiver Herrschaft verstrickt. Aber wollte sie sich wegen dieser Schuld selbst abschaffen, so "leistete sie erst recht der sprachlosen Herrschaft Vorschub und wiche der Barbarei": "Die Abschaffung der Kunst in einer halbbarbarischen und auf die ganze Barbarei sich hinbewegenden Gesellschaft macht sich zu deren Sozialpartner."
Insofern paktieren die radikalen Linken als kunstverachtende "Neotroglodyten", als neue Höhlenbewohner, gerade mit denjenigen, die sie eigentlich stürzen wollen: mit den Managern und Bürokraten der verwalteten Welt. Auch für sie sei die Kunst überlebt.
Aber auch mit den geschmähten Veranstaltern der Kulturindustrie stimmen die revolutionären Linken, so Adorno, darin überein, daß sie Kunst praktisch nutzbar machen wollen. Zwar verwenden sie nicht wie die Kulturmanager Kunst als Mittel des Profits, aber als Mittel politischer Agitation und Aktion und heben damit die Autonomie der Kunst auf: jene Autonomie, durch die Kunst als absoluter Protest subversiv jede -- kapitalistische wie sozialistische -- Gesellschaftsform als Herrschaft des totalen Nutzens negiert.
Adorno distanziert sich deshalb von dem Aktionismus der Apo, die Kunst radikal politisieren will, die von der "Schönheit der Straßenschlachten" schwärmt oder Revolution als eine
* Theodor W. Adorno: "Ästhetische Theorie". Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 548 Seiten; 32 Mark.
"Gestalt des Schönen" bejubelt. Das sei nichts anderes als "schlechter Ästhetizismus kurzatmiger Politik".
Dieser Ästhetizismus sei zugleich ein "Erschlaffen ästhetischer Kraft" und lasse sich auf die "Empfehlung von Jazz und Rock and Roll anstelle von Beethoven" ein, einen Gegensatz, "gegen den manche Musikerohren bereits taub zu werden beginnen".
Ebenso wirft er den Jazz-Fans vor, sie würden die vorgeblich "unverschandelten Qualitäten" der Pop-Produkte nicht als Waren der Kulturindustrie durchschauen: "Sie sind synthetisch von eben jenen Mächten aufbereitet, denen angeblich die große Weigerung gilt: erst recht verschandelt."
Dem Philosophen der großen Weigerung, Herbert Marcuse, der In seinem Buch "Der eindimensionale Mensch" zum Widerstand gegen die Konformisten-Kultur aufgerufen hatte" hielt Adorno entgegen: "Rabiate Kulturkritik ist nicht radikal", und er verspottete die Abstraktheit der großen Weigerung, die pauschal Kultur verwirft, als Weg zum "Antikulturbund". Marcuse gab nach Adornos Tod zu, daß ihn dessen Sätze "manchmal in Raserei gebracht" hätten: "Aber ich glaube, das sollten sie*."
Zwar nennt auch der radikale Kritiker Adorno die Kultur "Müll", aber Kunst, die zu ihr gehört, ist für ihn "doch ernst als Erscheinung der Wahrheit", einer Wahrheit, die das Absurde einer von Herrschaft entstellten Welt ausspricht.
Für Adorno gibt es deshalb keine Versöhnung zwischen Kunst und Herrschaft. Er sieht auch Im vermeintlich Versöhnung spiegelnden sozialistischen Realismus ein "Diktat", das künstlerische Produktivkraft "gebrochen" habe: "Lieber keine Kunst mehr als sozialistischer Realismus."
Wahrhaft realistisch -- und keineswegs abstrakt oder dekadent -- dünkte ihn daher Samuel Beckett, dem er die "Ästhetische Theorie" hatte widmen wollen. Becketts "kindisch-blutige Clownsfratzen", so Adorno, sagten die "historische Wahrheit" darüber, was aus den Menschen geworden sei; wahrhaft kindisch sei hingegen der sozialistische Realismus, weil er so tue, als ob im Sozialismus Unterdrückung beseitigt sei, weil er "Versöhnung" vorspiegle.
Zwar ist auch für Adorno die Idee der Kunst "Bild der Versöhnung", aber nur deshalb, weil sie unversöhnlich ist gegen die unversöhnte Welt -- gegen eine Welt also, in der Gewalt herrscht.
Ihren Protest gegen Herrschaft drückt sie in ihrer Form, nicht ihrem Inhalt aus. Neue Kunst ist "soziale Kritik zur Form erhoben", während sie sich von jedem "manifesten sozialen Inhalt" distanziert, zu ihm keine Stellung mehr nimmt. In einer Welt des totalen Nutzens sind alle Inhalte gleichgültig geworden, die Form selbst wird zum Politikum: "Die neugriechischen Tyrannen wußten, warum sie
* Hermann Schweppenhäuser (Hrsg.): "Theodor W. Adorno zum Gedächtnis". Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 244 Selten; 20 Mark.
Becketts Stücke verboten, in denen kein politisches Wort fällt."
Auch In Becketts berühmtestem Stück "Warten auf Godot" fällt kein politisches Wort. Adorno jedoch sieht in der stummen Schlußszene -- die drei Landstreicher treten auf der Stelle -- ein präzises Bild für die Situation der gegenwärtigen Gesellschaft, die sich Fortschritt nur vorspiegelt, ohne von der Stelle zu kommen.
In der Nutzlosigkeit dieses stummen Gestus wird laut Adorno der emphatische Wahrheitsgehalt moderner Kunst deutlich: ihre Nutzlosigkeit. Denn gerade als nutzlose ist sie der absolute Protest in einer Welt des totalen Nutzens. Je totaler die Gesellschaft zum "einstimmigen System" sich entwickelt, desto mehr werden die Kunstwerke, die diese Entwicklung ausdrücken, zum Protest gegen die Gesellschaft, zum Ausdruck der Sehnsucht nach einer versöhnten Welt.
Kunst, die zum Nutzen des politischen Protests, wie es die Neue Linke will, oder zum Nutzen eines bestehenden Gesellschaftssystems, wie im sozialistischen Realismus, verwendet wird, verliert ihre Autonomie und ist für Adorno daher keine Kunst mehr. Kunst deutet immer auf eine andere Welt hin, sie ist "die imaginäre Wiedergutmachung der Katastrophe Weltgeschichte", Erinnerung an die Möglichkeit von Freiheit.

DER SPIEGEL 12/1971
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