17.05.1961

KASAVUBUSchlauer Schweiger

Wie ein Märchenfürst wurde er
empfangen. Acht Mongo-Neger, Gesicht und Oberkörper blau und weiß bemalt und nur mit einem Lendenschurz bekleidet, trugen den kongolesischen Staatspräsidenten Joseph Kasavubu in einer blumengeschmückten Sänfte vom Flugzeug zum Auto.
Den fast 600 Delegierten, die zur pankongolesischen Konferenz nach Coquilhatville gekommen waren, präsentierte sich "König Kasa", wie ihn seine Anhänger nennen, tags darauf, am 24. April, als der starke Mann des Kongo: Kasavubu war erschienen, um die Zügel der Macht endgültig in seine Hände zu nehmen.
Seit Beginn der Kongo-Wirren hatte es der "schlaue Schweiger" ("Neue Zürcher Zeitung") verstanden, die ehrgeizigen Politiker der jungen Urwald-Republik gegeneinander auszuspielen, ohne sich dabei selbst über Gebühr zu exponieren. Kasavubu blieb, über alle blutigen Intrigen hinweg, die einzige auch von der Uno respektierte legitime Autorität.
Zunächst mit seinem Rivalen Patrice Lumumba verbündet, paktierte er, sobald ihm der Kongo-Premier zu mächtig wurde, mit Abbö Youlou, dem Präsidenten der ehemals französischen Kongo-Republik am anderen Kongo-Ufer. Youlou stellte den Kontakt zu Katanga-Separatist Moise Tshombé her, dessen Innenminister schließlich behilflich war, den gefangenen Demagogen Lumumba zu liquidieren.
Nach der Ermordung Lumumbas blockierten nur noch dessen Erbe Antoine Gizenga, Machthaber der Provinz Orientale, und der ehemalige Kasavubu-Alliierte Tshombé den Weg des Kongo-Präsidenten zur Alleinherrschaft.
Die Konferenz von Coquilhatville bot "König Kasa" endlich die erwünschte Chance, auch Tshombé auszuschalten. Zwei Ereignisse kamen ihm zu Hilfe:
Die Belgier, bisher treue Verbündete des Katanga-Chefs, waren unter ihrer neuen katholisch-sozialistischen Koalitionsregierung von Tshombé abgerückt. Bei einer geheimen Zusammenkunft Paul-Henri Spaaks, des Vizepremiers und Außenministers im neuen belgischen Kabinett Lefèvre, mit Kasavubus Außenminister Bomboko in Paris wurden die Einzelheiten dieses Stellungswechsels besprochen, mit dem Belgien auf Uno-Kurs einschwenkte.
Der Sudanese Mekki Abbas, Urlaubsvertreter des indischen Uno-Beauftragten und Lumumba-Verehrers Radscheschwar Dajal, sagte dem Kongo-Präsidenten großzügige Hilfe zu. Als Gegenleistung sollte Kasavubu die Uno-Beschlüsse über die Ausweisung ausländischer Instrukteure und notfalls die Entwaffnung der Kongo-Armee akzeptieren.
Kasavubu willigte ein, glaubte er doch, nach diesem Arrangement mit dem Uno-Kommando die belgischen Ratgeber Tshombés aus dem Land treiben und sein eigenes Ziel verwirklichen zu können: den Zusammenschluß des zu einer Staubwolke lebensunfähiger Kleinststaaten zerfallenen Kongo-Gebietes zu einem Bundesstaat mit aktionsfähiger Zentralregierung.
Kaum hatte Tshombé in Coquilhatville von diesem Übereinkommen Kasavubus mit der Uno erfahren, da brüllte er in den Konferenzsaal: "Ich verlange, daß das Abkommen mit den Vereinten Nationen sofort gekündigt wird, andernfalls werde ich nicht mehr an den Beratungen teilnehmen." Kasavubu habe, so tobte der Katanga-Premier, den Kongo durch diese Absprache betrogen und die Vereinbarungen von Tananarive gebrochen.
Bei der ersten pankongolesischen Konferenz in der Madagaskar-Hauptstadt Tananarive Mitte März war nämlich Tshombé die beherrschende Figur gewesen. Damals hatte er seine Konkurrenten davon überzeugt, daß es am besten sei, den Kongo in eine lockere
Konföderation souveräner Staaten zu verwandeln, die nach außen hin durch einen gemeinsamen Staatspräsidenten, den zur Galionsfigur degradierten Kasavubu, repräsentiert werden sollte.
Den Katanga-Separatisten, an ihrer Spitze Tshombés Innenminister Godefroid Munongo, erschien jedoch der Kompromiß von Tananarive als Verrat an der Selbständigkeit der Uran-Provinz. Unter ihrem Einfluß und bestärkt von seinen belgischen Beratern, distanzierte sich Tshombé mehr und mehr von seinen eigenen Konföderationsplänen.
Dementsprechend trat der Katanga -Potentat auch in Coquilhatville auf. Bei einer Pressekonferenz in seinem Hotelzimmer warf Tshombé sich zu Boden, um die Unterwürfigkeit Kasavubus gegenüber der Uno zu demonstrieren. "Während wir in Katanga schwer gearbeitet haben, um unseren Staat aufzubauen", tobte er, "kümmerten sich die
anderen 'Politiker' nur um schnelle Autos und schöne Frauen."
Danach stürmte Tshombé zum Flugplatz, wo eine DC 4-Sondermaschine der "Air Katanga" bereitstand. Seinen Rückflug nach Elizabethville stoppten jedoch Kasavubus Soldaten mit Maschinenpistolen; in einer von Fallschirmjägern bewachten Villa wurde er unter Hausarrest gestellt.
Kasavubu führte indes die Konferenz weiter. Immer wieder hämmerte er den Delegierten ein, daß alle Provinzen unter die Oberhoheit der Zentralregierung zurückgebracht werden müßten, und betonte, daß die Uno dar größte Interesse daran habe, den Kongo als staatliche Einheit zu erhalten.
Die Inhaftierung Tshombés, dem Kasavubu die Schuld am Tode Lumumbas zugespielt hatte, weckte kaum Proteste. Nur in Brüssel schimpfte Belgiens größte katholische Zeitung, "La Libre Belgique", über die Verhaftung des "Verteidigers der westlichen Zivilisation", und Abbé Youlou, ehedem mit Kasavubu und Tshombé gegen Lumumba verbündet, giftete: "Das ist ein Akt von Banditentum."
Kasavubus dienstältester Mitarbeiter, Außenminister Bomboko, erwiderte: "Wir können nicht zulassen, daß sich der Abbé in innerkongolesische Angelegenheiten einmischt."
Die Verhaftung des Katanga-Premiers sei gerechtfertigt, dozierte Bomboko, der schon unter Lumumba amtiert und den Expremier gemeinsam mit "König Kasa" an dessen Erzfeind Tshombé weitergereicht hatte. Tshombe sei verantwortlich für die Sezession Katangas mit. Hilfe "ausländischer Elemente" und für die bedrohliche Lage
der kongolesischen Wirtschaft durch die Einführung einer katangesischen Währung, die Zentralist Bomboko als "Falschgeld" brandmarkte.
Tshombé habe auch Lumumba auf dem Gewissen, grollte der Außenminister, vergaß allerdings seine eigene Mitwirkung.
Der Katanga-Chef soll nun vor Gericht gestellt und als Hochverräter abgeurteilt werden. Da es im Kongo bis heute keine ordentlichen Gerichte gibt, droht ihm das gleiche Schicksal, das er Lumumba bereiten ließ.
"König Kasa" aber hat zumindest die Möglichkeit, seinen katangesischen Gegenspieler so lange festzuhalten, bis er mit Uno-Hilfe eine neue Zentralregierung installiert und die Provinzen Katanga und Orientale, wo Lumumba -Erbe Gizenga herrscht, unterworfen hat. Prophezeite Bomboko: "Notfalls mit Gewalt!"
Katanga-Chef Tshombé: Verratsprozeß ohne Gericht?

DER SPIEGEL 21/1961
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