17.05.1961

MUSIK-BERIESELUNGLeis erklingt Muzak

In wenigen Wochen sollen deutsche
Bundesbürger erstmals einer Errungenschaft teilhaftig werden, die täglich mehr als 50 Millionen Amerikaner arbeitsamer, glücklicher und verträglicher macht.
Solch verheißungsvolle Perspektiven eröffnen sich, seit in Frankfurt die Sendboten eines amerikanischen Konzerns eingezogen sind, der auf Bestellung Seelenwohl ins Haus zu liefern verspricht - in Form wissenschaftlich ausgeklügelter "Hintergrundmusik".
Die Musiklieferanten haben schon besondere Sendegeräte installiert, um Industriebetriebe, Geschäftshäuser und Restaurationsstätten über ein Kabelnetz mit ausgesuchten Ton-Erfrischungen beliefern zu können. Das Startzeichen zum Draht-Vertrieb der akustischen Lebenshilfe soll gegeben werden, sobald die Genehmigung der Bundespost eintrifft.
Was den Bundesdeutschen als Novität angepriesen wird, ist eine Einrichtung, die seit Jahren fest im amerikanischen Alltag wurzelt. In Fabriken und Verwaltungsbüros der USA, in Warenhäusern und Banken, Hotelhallen und Gaststätten, in Krankenhäusern und Sprechzimmern rieselt aus Lautsprechern unablässig das Prophylaktikum gegen Angst, Langeweile, Unzufriedenheit und Streit: eine zwar hörbare, nach kurzer Gewöhnungszeit aber leicht überhörbare Musikz. Sie soll auf das Unterbewußtsein wirken und jene Atmosphäre entspannter Zufriedenheit verbreiten, deren gespenstische Auswüchse zuweilen in Zukunftsromanen beschrieben werden.
Den Tonkulissen-Markt beherrscht ein einziger Konzern: Muzak. Zu seiner Kundschaft zählen 36 von 50 der bedeutendsten Spar- und Kredit-Institute der Vereinigten Staaten, die US-Kriegsmarine und die größten Supermarket -Gesellschaften. "Musik ist Vitamin für die Seele", entzückte sich ein dankbarer Kunde in einer Muzak-Schrift.
Auch Dwight D. Eisenhower wurde mit Hintergrundmusik versorgt: In seinem Dienstflugzeug Columbine III. konnten jederzeit Melodien vom Band gespielt werden.
Daß Musik geeignet ist, Unlustgefühle zu dämpfen, war schon den Pharaonen bekannt, die ihre Pyramiden beim Klang von Lauten und Leiern bauen ließen. Die wissenschaftliche Erforschung des Phänomens begann jedoch erst vor drei Jahrzehnten, als zwei englische Wissenschaftler, Wyatt und Langdon, den Einfluß von Lautsprechermusik auf die Leistung von Fabrikarbeitern untersuchten.
Die Erkenntnisse der Forscher wurden im Zweiten Weltkrieg verwertet. Der damalige Arbeitsminister Ernest Bevin regte an, den Kriegsalltag der Frauen in den Munitionsfabriken durch ein spezielles Rundfunkprogramm ("Musik bei der Arbeit") zu verschönen.
Nun griffen auch die Amerikaner die Idee auf. Die Professoren Cardinell und Burris-Meyer vom Stevens Institute of Technology in Hoboken (New Jersey) fanden heraus, daß sich die psychischen
Wirkungen der Musik durch geschickte Auswahl der Stücke beträchtlich steigern lassen. Die beiden Gelehrten, die heute als Pioniere der gezielten Hintergrundmusik gelten, erarbeiteten die ersten Regeln für musikalische Seelenstärkung.
Andere Forscher, vor allem jedoch die Fachleute des Muzak-Konzerns, erweiterten und verfeinerten die Methoden der akustischen Seelenmassage. So katalogisierten sie etwa Erfahrungsregeln für Musik, die zur Hebung der Arbeitsfreude ausgestrahlt-wird:
- Musik darf nicht pausenlos gespielt werden. Die wirksamste Dosis: zwölf Minuten in jeder halben Stunde.
- Die Stücke müssen leise gespielt werden und mindestens zwei Jahre alt sein; sie dürfen weder Gesangspartien noch Instrumentalsoli enthalten - sonst besteht Gefahr, daß sie die Zuhörer von der Arbeit ablenken.
- Als besonders geeignet gelten Foxtrott, Walzer, Samba und Quickstep.
- Vorteilhaft für Industriebetriebe sind Instrumentierungen mit Trompeten und anderen Metall-Blasinstrumenten; für Banken und Büros wird Streichmusik empfohlen.
- Die stärkste Wirkung übt ein Orchester von 30 Metallbläsern aus, das einen Quickstep spielt. Solche Musik darf jedoch nur verabfolgt werden, wenn die Leistung am stärksten absinkt - vormittags gegen elf Uhr und in den frühen Nachmittagsstunden.
Unter strenger Beachtung dieser Regeln stellte der Muzak-Konzern sein Repertoire zusammen. Sämtliche ausgewählten Musikstücke wurden neu orchestriert. Dabei ließen die Muzak-Psychologen Soli und andere Klangelemente, die zum bewußten Zuhören verlokken könnten, ausmerzen; statt dessen wurden Violinen-, Oboen- und Trompetenparts im errechneten Verhältnis
gemischt. Insgesamt beschäftigte Muzak 159 Orchester (Stärke: bis 30 Mitglieder), die - bei einem Kostenaufwand von 40 Millionen Dollar (160 Millionen Mark)
- 50 000 Spezial-Musikstücke lieferten;
die Tonprodukte können zu praktisch unendlich vielen Zwölfminuten-Sendungen kombiniert werden.
Typische Hörfolgen sind
- für Büros um elf Uhr vormittags: "Why I love you" (Slowfox), "Poiciana" (Rumba), "Piece by Puccini", "They can't take that away from me" (Foxtrott);
- für Fabriken am frühen Nachmittag: "Around the world" (Beguine), "Cheerful little earful" (Quickstep), "Mama look at Bubu" (Cha-Cha -Cha), "Pretend" (Foxtrott), "Twelfth Street Rag" (Quickstep).
Schon bald erfuhren die Muzak-Leute, daß derartige Programm-Musik trefflich reüssierte. Fabrikdirektoren teilten mit, daß ihre Arbeiter nach Einführung der Muzak-Musik pünktlicher kämen und mehr produzierten. Bürovorsteher meldeten, ihre Angestellten stritten sich nun weniger untereinander. Und auch die Arbeitnehmer zeigten sich angetan. 94 Prozent der insgesamt 1202 Angestellten von zwölf großen Banken gaben zu Protokoll: Arbeit mit Musik gefällt.
Inhaber von Supermarkets, die von Muzak mit dem Slogan "Musik verwandelt sich in Geld" geködert worden waren, gaben kund, daß die Hausfrauen bei musikalischer Betreuung mehr einkauften. Der Bankdirektor Karl F. Lanier aus Fort Eustis im US-Staat Virginia schwärmte: "Man kann sich die Reaktion vorstellen, wenn ein Kunde ziemlich verärgert in die Bank kommt und vom Klang des 'Oh, what a beautiful morning' begrüßt wird ... "
Nachdem der Musik-Konzern Filialen in Kanada, Mexiko und Japan eingerichtet hatte, wagte er auch den Sprung nach Europa. Als erstes Land wurde England für Muzak erschlossen.
Trotz des Mißtrauens, das die Briten sonst gegenüber amerikanischen Methoden der Massenbeeinflussung und -lenkung hegen, protestierte kaum jemand gegen die akustische Berieselung. Eine Ausnahme machte die Sonntagszeitung "Sunday Dispatch". Das Blatt fragte seine Leser skeptisch, "ob diese typisch transatlantische Angst vor der Langeweile, die Furcht vor der Einsamkeit, dieser beharrliche Wunsch, daß jede Verärgerung und Belastung immer schmerzlos wegmassiert werden müsse, wirklich das Zeichen einer gesunden Gesellschaft" sei.
Die erste Filiale auf dem Kontinent richtete Muzak in Brüssel ein. Von diesem Brückenkopf aus sollen jetzt die Länder des Gemeinsamen Marktes mit einem Netz von Zweigstellen überzogen werden.
Für die Arbeit in der Bundesrepublik errechnet sich der Konzern besonders gute Chancen. Da großer Mangel an Arbeitskräften herrsche, erläuterte der Brüsseler Filialleiter Dr. Liebens, sei die deutsche Industrie sehr daran interessiert, die Wohnlichkeit, den Komfort und die Arbeitsstimmung in den Fabriken und Büroräumen ständig zu verbessern.
Liebens: "Wir sind absolut sicher, daß wir in der Bundesrepublik Erfolg haben werden - bei dem Interesse der Deutschen für Musik!"
Produktions-Förderer Bevin
Flötentöne für Fabrikarbeiter

DER SPIEGEL 21/1961
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