24.05.1961

ELBE-VORHAFENDas Loch

Selbstzufrieden unterbreitete Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Paul Nevermann jüngst der Öffentlichkeit "eine gut hamburgische Entscheidung", die ihn in die Lage versetzte, sechs Monate vor den Landeswahlen sein weitsichtiges Mühen um das Wohl der Freien und Hansestadt augenfällig zu dokumentieren: Der Senat hatte einen Staatsvertrag mit Niedersachsen paraphiert, nach dem die Hansestadt Hoheitsrechte und Grundeigentum in Cuxhaven aufgibt und dafür in der Elbmündung 9000 Hektar Wattenmeer mitsamt den Nordsee-Inseln Neuwerk und Scharhörn einhandelt.
Zweck des Tauschhandels sei, so erläuterte Nevermann am Dienstag vorletzter Woche, eine "Raumsicherung für die Zukunft". Den vertraglich gesicherten Raum - um 1000 Hektar größer als der gesamte Hamburger Hafen - will der Senat für den Tag bereithalten, an dem die 100 Kilometer von der Küste entfernte Hansestadt einen Vorhafen braucht, den selbst Schiffe von 100 000 und mehr Tonnen ohne Sorge vor Grundberührung anlaufen können.
So bereitwillig das Kabinett des SPD -Landeschefs Kopf den ehrgeizigen Plänen der Hamburger SPD-FDP-Regierung entgegengekommen ist, so souverän haben sich die Partner freilich über rechtliche Bedenken hinweggesetzt, die den von der bundesdeutschen Presse gebührend gepriesenen Vertrag hinfällig machen könnten. In der Eile, mit der die Errichtung einer hamburgischen Exklave auf den Nordsee-Sandbänken betrieben wurde, war keine Zeit zur Klärung offener Rechtsfragen geblieben.
Im April 1960 waren die beiden Länder übereingekommen, daß die Hansestadt das Recht erhält, an der Unterelbe zwischen der Ostemündung und dem Städtchen Freiburg einen Vorhafen anzulegen.
Bevor es jedoch zu einer vertraglichen Regelung kam, fanden die Wasserbau -Experten heraus: Der Bau eines Vorhafens an der Unterelbe würde so große technische Mittel und so erhebliche Investitionen beanspruchen, daß mit dein gleichen Aufwand auch das utopisch anmutende Vorhaben im Wattenmeer direkt an der 20-Meter-Tiefwasserrinne verwirklicht werden könne.
Kaum hatten - unter strengster Geheimhaltung - die ersten Vorgespräche stattgefunden, da plauderte Nevermanns Amtsvorgänger, Max Brauer, am 1. November 1960 auf einer SPD -Versammlung die Top-secret-Pläne aus.
Dennoch kam schon am 1. Februar dieses Jahres im Hamburger Rathaus eine Einigung auf Regierungsbasis zustande. Brauers Geheimnisverrat, der seine, Brauers, Verdienste kurz vor dem Bürgermeisterwechsel (SPIEGEL 51/1960) herausstreichen sollte, ihm statt Lob aber nur Tadel und Ärger einbrachte, münzte sich in einen Erfolg für den Nachfolger Nevermann um.
Daß die hanseatischen Hafenbauer in Niedersachsen stets so bereitwillig Gehör fanden, hat seinen Grund: Bevor Cuxhaven mit dem Groß-Hamburg -Gesetz von 1937 an Preußen übergeben werden mußte, war die kleine Hafenstadt an der Unterelbe hamburgischer Vorhafen, der freilich nur von der Passagierschiffahrt benutzt wurde. Auch nach der Übergabe behielt die Hansestadt, gewisse. Eigentums- und Hoheitsrechte in Cuxhaven, die heute noch gültig sind und den seit langem geplanten Ausbau des Cuxhavener Fischereihafens blokkieren.
Per Tauschhandel sollen nunmehr die Cuxhavener ungehindert ausbauen können und die Hamburger von den Ängsten befreit werden, daß die am Rand des EWG-Raums liegende Hafenstadt beträchtliche Verluste buchen muß, wenn die Reedereien dazu übergehen sollten, mehr Superschiffe im Massengutverkehr einzusetzen.
Tatsächlich ist die Elf-Meter-Fahrrinne der Elbe gegenwärtig nur für Schiffe bis 45 000 Tonnen passierbar. Nach der vorgesehenen Vertiefung auf zwölf Meter können gerade noch 60 000 -Tonnen-Schiffe den Hamburger Hafen anlaufen. Beispielsweise mußten Ende letzten Jahres mehrere 85 000-Tonnen -Tanker im Elbemündungsgebiet auf der Reede vor Neuwerk geleichtert werden, weil sie keinen deutschen Hafen erreichen konnten.
Ein rund um das "Loch im Wattenmeer" ("Welt") - den Hundebalje -Priel - gebauter Vorhafen würde Hamburg einen entscheidenden Vorteil vor allen europäischen Häfen sichern: An den Kais, die unmittelbar vor dem über 20 Meter tiefen Nordsee-Schifffahrtsweg liegen würden, könnten selbst Mammut-Tanker von 130 000 Tonnen, wie sie jetzt in Japan gebaut werden sollen, ohne Schwierigkeiten festmachen.
Obwohl noch keine konkreten Planungen vorliegen, gibt es für die Fachleute keinen Zweifel, daß dieses Zukunfts-Projekt vornehmlich dem Massengutverkehr, wie zum Beispiel dem Öl - oder Erztransport, dienen wird. Visionär sehen sie bereits riesige Umschlagsanlagen und Massengut verarbeitende Industrien auf dem mit Wattenmeer -Sand aufgeschütteten Hafengelände entstehen und neben Tankern auch kombinierte Massengut-Frachter, Schiffe mit Kernenergieantrieb und kleinere, aber tiefgehende Erzdampfer an den Kais liegen.
Die Verbindung zum Festland - der genaue Anschlußpunkt steht noch nicht fest - soll ein Damm herstellen, der neben Straßen, Gleisanlagen und Versorgungsleitungen möglicherweise auch einen Binnenschiffahrtskanal für den Weitertransport über Elbe und Weser aufnimmt. Für den Ausbau der ersten 2000 Hektar am Loch im Watt rechnen die Experten mit einem Kostenaufwand von 250 Millionen Mark.
Begeistert feierte denn auch Bundesverkehrsminister Seebohm den Vorhafen schon als "den Tiefwasserhafen Deutschlands" und sah prophetisch den Tag dämmern, an dem sogar 10 000-Tonnen-Handelsunterseeboote im Wattenmeerloch festmachen. Auch wußte Seebohm schon im März auf einer Pressekonferenz in seinem Wahlkreis Harburg-Land mehr als die hanseatischen Initiatoren des Vorhafen-Plans - wann nämlich mit dem Bau begonnen wird: "in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts".
Indes, in seinem eigenen Ministerium hat der Bundesverkehrsminister Beamte sitzen, die dem Land Niedersachsen das Recht absprechen, das bei Flut von Nordseewellen überspülte Wattengebiet zu veräußern. Von Seebohms Begeisterung unbeeindruckt, erklären sie, die Sandbänke in der Elbemündung seien Bundesgebiet. Denn, so argumentieren die wachsamen Bürokraten, die Sände gehören zur Bundeswasserstraße Elbe, deren Grenzen nicht bei Ebbe, sondern bei Hochwasser zu erkennen sind.
Hat somit die niedersächsische Regierung möglicherweise einen Staatsvertrag über ein Gebiet beschlossen, das dem Land nicht gehört, so müssen die Vertragspartner noch eine weitere Klippe umschiffen, ehe sie in der Hundebalje vor Anker gehen können: Da die 9000 Hektar um das Wattenloch hamburgisches Staatsgebiet werden sollen, kommt der Tauschvertrag einer Änderung von Ländergrenzen gleich.
Artikel 29, Absatz 7 des Grundgesetzes aber lautet: "Das Verfahren über jede... Änderung des Gebietsbestandes der Länder regelt ein Bundesgesetz, das der Zustimmung des Bundesrats und der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages bedarf."
Hamburgs Bürgermeister Nevermann
Brückenkopf im Wattenmeer

DER SPIEGEL 22/1961
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 22/1961
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ELBE-VORHAFEN:
Das Loch

Video 01:16

Unterwasser-Freundschaft Der mit der Robbe kuschelt

  • Video "NBA-Basketball: Wilde Prügelei bei Heimdebüt von LeBron James" Video 00:45
    NBA-Basketball: Wilde Prügelei bei Heimdebüt von LeBron James
  • Video "Sturm fordert Pilotin: Boeing 757 landet fast seitwärts" Video 01:08
    Sturm fordert Pilotin: Boeing 757 landet fast seitwärts
  • Video "Fall Khashoggi: Kein Versehen, sondern ein brutaler Mord" Video 01:31
    Fall Khashoggi: "Kein Versehen, sondern ein brutaler Mord"
  • Video "Homecoming-Party: Tanzfläche bricht ein, 30 Verletzte" Video 00:34
    Homecoming-Party: Tanzfläche bricht ein, 30 Verletzte
  • Video "3D-Technologie: Wiederaufbau von Aleppo und Palmyra" Video 02:03
    3D-Technologie: Wiederaufbau von Aleppo und Palmyra
  • Video "Webvideos der Woche: Jetzt bloß keine Panik!" Video 03:28
    Webvideos der Woche: Jetzt bloß keine Panik!
  • Video "Wal vs. Taucher: Die Natur schlägt zurück - mit der Schwanzflosse" Video 01:40
    Wal vs. Taucher: Die Natur schlägt zurück - mit der Schwanzflosse
  • Video "Respektlose Berichterstattung: Die Bayern-PK der anderen Art" Video 02:27
    "Respektlose Berichterstattung": Die Bayern-PK der anderen Art
  • Video "Kanye Wests bizarre Flugzeugidee für Trump: iPlane 1 statt Air Force One" Video 01:40
    Kanye Wests bizarre Flugzeugidee für Trump: "iPlane 1" statt Air Force One
  • Video "Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam" Video 01:08
    Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam
  • Video "Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways" Video 01:26
    Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways
  • Video "Dashcam-Video: Riesenspinne nähert sich US-Cop" Video 01:05
    Dashcam-Video: "Riesenspinne" nähert sich US-Cop
  • Video "Filmstarts im Video: Wurden Sie enführt?" Video 10:28
    Filmstarts im Video: Wurden Sie enführt?"
  • Video "Anhaltende Dürre: Rhein-Pegel sinkt auf 33 Zentimeter" Video 02:27
    Anhaltende Dürre: Rhein-Pegel sinkt auf 33 Zentimeter
  • Video "Serien-Start Deutschland 86: Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte" Video 05:26
    Serien-Start "Deutschland 86": "Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte"
  • Video "Unterwasser-Freundschaft: Der mit der Robbe kuschelt" Video 01:16
    Unterwasser-Freundschaft: Der mit der Robbe kuschelt