07.06.1961

FERNSEHEN / TelemannTOTE NACH NOTEN

Schon beim ersten Klingeln schwang etwas Bedrohliches mit: ein Wimmern, das mißtönend anschwoll und sich in scharfzackigen Rhythmen durchs Trommelfell fräste. Zögernd tastete die Hand nach dem Hörer, doch ein schriller Klarinetten-Triller ließ sie zurückzucken. Beim zweiten Klingeln warnte eine Hammond-Orgel. Beim dritten Rufzeichen wollte eine ganze Streichergruppe intervenieren. Endlich wurde abgehoben.
"Guten Morgen: Sieben Uhr dreßig", sagte das Fräulein vom Fernsprechauftragsdienst.
Dasselbe im Korridor. Dort spielte ein sphärisches Hundert-Mann-Orchester die "Fünfte" von Beethoven rückwärts ("Tam-Tatata"), immer lauter, immer dräuender, um sie schließlich, dicht vor dem Badezimmer, mit gräßlicher Dissonanz abzubrechen.
Und als mit einem C-Trompetenschrei die Tür aufsprang-(drei Takte Pause) -, was starrte da aus dem Wandspiegel hervor - (fünf Takte "Feuerzauber") -, bleichwangig, unrasiert, mit wirrem Kopfhaar? - Telemann.
"Es sind nur die Nerven", sagte der Hausarzt, während noch das diabolische Kichern eines Tenor-Saxophons in der Luft schwebte.
Das war folgendermaßen gekommen: Am Vortag, dem 26. Mai, hatte der Sender Köln seine neue Kriminalserie "Inspektor Hornleigh greift ein" gestartet und Telemanns Tiefseele mit spannungsfördernder Tonkunst betrachtet. "Der Mann aus Tanganjika" hieß der erste Teil. Und sein akustischer Illustrator, Kurt Herrlinger mit Namen, hatte dies bewerkstelligt:
Solange noch nichts Kriminelles vorlag und Gesprächslücken zu füllen waren, spielte eine Phantom-Kapelle Tangos, langsame Foxtrotts und ähnlich sänftigende Weisen. Kaum aber hatte das Hotelzimmermädchen durch den Türspalt geblickt und geschrien; "Der ist ja tot!", hatte sich der Komponist einen üppig arrangierten Tusch geleistet, der wiederum in ein Xylophon-Solo mündete. So wußte jeder gleich, daß es kein Herzinfarkt war, sondern ein Mord.
Dialoge wurden respektvoll ausgespart, zumindest bis sich der erste Argwohn zum Verdachtsmoment verdichtete. Dann allerdings hingen auch die Wechselreden voller Geigen, ja, selbst durchs kriminalistische Nachdenken tremolierte noch ein "Waldesrauschen".
Am meisten indes mußte die Regelung der Lautstärke beeindrucken. Wenn zum Beispiel jemand sagte: "Da haben Sie vollkommen recht", war das instrumentale Echo vergleichsweise zart, wenn auch unüberhörbar. Doch wehe, wenn Inspektor Hornleigh ankündigte: "Ich werde mir die Dame mal näher ansehen" - schon brauste es wie Donnerhall aus
dem Lautsprecher. Und da war kein Zuhörer, dem nicht geschwant hätte: Mit dieser Dame stimmt was nicht.
Vielleicht hätte sich Telemanns Unterbewußtsein an jenem Morgen ziviler betragen, wenn da nicht bereits andere Musik-Mord-Serien gewesen wären. Etwa der Kurt -Wilhelm-Krimi "Zu viele Köche", den Rolf Wilhelm, des Lichtspielleiters Bruder, in ein elektronisches Musikdrama zu verwandeln wußte; mit Registrierkassen-Klängen, Rückkoppel-Geheul und, vermutlich dem Regisseur zuliebe, einem herzinnigen Gerlinde-Locker-Motiv.
Oder, im Januar, das NDR-Fortsetzungswerk "Adieu, Prinzessin" (Musik: Siegfried Franz), bei dem die orchestrale Zutat schier als ruhestörender Lärm gelten mußte.
"Wo Musik ist, da kann nichts Böses sein", schrieb Cervantes in seinem "Don Quichote". Wir Nachfahren wissen es dank der Erfindung des Tonfilms besser: Keine Toten ohne Noten.
Freilich - der Film hatte schon ziemlich früh erkannt, daß man mit Musikalien Ersprießlicheres zeitigen kann als Begleitgeräusche. Seit Fritz Langs "M", wo die Melodie aus "Peer Gynt", die der Lustmörder vor dem Lustmorden pfiff, eine dramaturgische Funktion besaß, kann sich kein Filmregisseur mehr auf seine Unwissenheit herausreden.
Die Television aber, deren Schaffende früher nicht nur Radio gehört haben, sondern wohl auch mal ins Kino gegangen sind, schleppt ihre musikalischen Masern und ihren elektronischen Keuchhusten unbedenklich durch die Jahre.
Dabei müßte gerade sie sich davor hüten, in die graue Vorzeit des Kintopps zurückzutauchen. Schon deshalb, weil sie ja nicht auf dem Jahrmarkt, sondern in der "guten Stube" zur Welt gekommen ist. Folglich dem Theater ein wenig nähersteht als dem Kino.
Wohlverstanden: nicht dem Festspielhaus.
Richard Wagnerschen Ohren -Pomp zu entfalten (Musik wirkt auch in einer Mansarde "lebensgroß"), während sich auf kleiner Röhre kriminalistische Nippsachen abspielen, ist nicht nur lächerlich, sondern auf die Dauer lästig.
Mag sein, daß in Fällen, wo die Mängel eines Drehbuches, die Einfallsarmut eines Regisseurs oder das Unvermögen eines Schauspielers retuschiert werden sollen, der Hilferuf nach einem geschickten Kompositeur laut durch die Funkhäuser gellt. Mag auch sein, daß dessen Mühen preiswürdige Früchte tragen - der Zuschauer wird ein Kriminalspiel nicht für spannend halten, bloß weil an den Stellen, wo es ihn gruseln soll, ein Tusch ertönt.
Merke: "Großer Lärm macht keine Hochzeit" (Kalenderspruch).
Von Telemann

DER SPIEGEL 24/1961
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