05.07.1961

KREUZRITTER

Komische Oper

FILM

Der einäugige polnische Ritter Jurand von Spychow liegt in Ketten. Eine brennende Fackel senkt sich auf sein Gesicht. Heißes Pech tropft in das Auge des Edelmanns. Jurand, der "Bär von Spychow", ist geblendet.

Im Hintergrund sehen die Kinobesucher eine Gestalt, deren weißer Mantel mit einem großen schwarzen Kreuz verziert ist: Der deutsche Ordensritter Siegfried von Löwe, Kommandant der Ritterveste Ortelsburg, beobachtet unbewegten Gesichts, wie ein Knecht den gefangenen Polen foltert und ihm schließlich noch die Hand abhackt.

Diese in leuchtenden Farben ausgemalte Marterszene ist Bestandteil eines polnischen Lichtspiels, das seit zehn Monaten in ausverkauften Kinohäusern Warschaus läuft und nunmehr auch in Westeuropa Premiere hatte. Nach der Erstaufführung in Paris schrieb der Kritiker der Pariser Zeitschrift "Le Canard enchaîné": "Man massakriert einander, sticht sich gegenseitig die Augen aus, hackt einander die Hände ab, kämpft mit der Axt, man erdolcht einander, hängt sich gegenseitig auf ..."

Unter dem Titel "Krzyzacy" ("Die Kreuzritter") demonstrierten die Polen, wie sie sich die alten Deutschen vorstellen. Zwei Stunden und 50 Minuten lang werden die deutschen Ordensritter als Unmenschen vorgeführt, die einst im Polenland mordeten und schändeten.

Schon nach der Warschauer Premiere hatte denn auch das Pflichtblatt der ostdeutschen Kommunisten, "Neues Deutschland", den Film wegen "Parallelen zu den Bonner Nachfahren der Kreuzritter von damals" gelobt. Auch der Warschauer Korrespondent der Hamburger Tageszeitung "Die Welt" berichtete, die Filmhersteller seien "dem Wunsch der kommunistischen Partei nach einer Art Lehrfilm über die deutsche Aggressivität" entgegengekommen.

Die polnische Regierung vervollständigte den Gegenwartsbezug, indem sie das Kinostück, das um 1410 spielt, zusammen mit einem Dokumentarfilm vorführen ließ, der Aufnahmen vom deutschen Überfall auf Polen im Jahre 1939 zeigt: Polnische Wohnblocks fallen wie Kartenhäuser zusammen, polnische Soldaten werden zusammengeschossen, Trecks zerbombt und überrollt.

Stärker als der Gegenwartsbezug aber bewirkte die Machart des Films, daß "Die Kreuzritter" ein Kassenschlager wurden: Zum erstenmal präsentierten polnische Filmhersteller dem heimischen Publikum einen Breitwand-Ausstattungsfilm amerikanischen Zuschnitts. 32 Millionen Zloty (5,3 Millionen Mark) hatten die staatlichen Filmfabrikanten aufgewandt, um die Kämpfe zwischen Deutschen und Polen publikumswirksam - im Stil von "Ben Hur" - und möglichst wirklichkeitsnah ins Bild zu setzen. 15 000 Schauspieler und Statisten wurden für die Massenszenen des Films

angeheuert, den die polnischen Kulturfunktionäre nach einer populären literarischen Vorlage - dem "Kreuzritter" -Roman des Dichters Henryk Sienkiewicz - drehen ließen.

Sienkiewicz (1846 bis 1916), der 1905 für seinen Roman "Quo Vadis" mit dem Literatur-Nobelpreis ausgestattet wurde, hatte mit dem um die Jahrhundertwende veröffentlichten Buch "Die Kreuzritter" seinen geplagten Landsleuten Mut machen wollen. Polen war damals zwischen Rußland, Deutschland und Österreich wieder einmal aufgeteilt. Der Dichter gedachte "seinem Volk Hoffnung zu machen durch den Blick in eine bessere, glorreichere, heldischere Vergangenheit". Er schrieb den historischen Wälzer nach eigenem Eingeständnis als ein "Labsal der Herzen".

Als heldische Vergangenheit machte Sienkiewicz den Beginn des 15. Jahrhunderts aus. Polen und Litauer besiegten damals die deutschen Ordensritter, die im voraufgegangenen Jahrhundert nach Osten vorgedrungen waren. Schrieb Sienkiewicz: "Die Kreuzritter sind ein unersättliches Geschlecht, schlimmer als die Türken und Tataren. Im Grunde ihrer Seele fürchten sie auch den (polnischen) König und uns, trotzdem können sie sich von Raub und Mord nicht fernhalten, sie überfallen die Dörfer, ersäufen die Fischer und fangen Kinder ein - schlimmer als die Wölfe."

Eine treffliche Gelegenheit, die Erinnerung an derlei Schandtaten zu beleben, ergab sich für die kommunistische polnische Regierung, als sie sich zu

Beginn vergangenen Jahres darauf vorbereitete, einen polnischen Ruhmestag zu feiern: Am 15. Juli 1960 jährte sich zum 550. Male der Tag, an dem die Polen in der Schlacht bei Tannenberg den Deutschen Ritterorden geschlagen hatten.

So wurde der Sienkiewicz-Roman zur

Verfilmung hervorgekramt, obgleich etliche Kritiker Bedenken anmeldeten. Die Zeitschrift "Przekròj" ("Der Querschnitt") sah bereits mittelalterliche Ritter mit großdeutschen Stahlhelmen, Gasmasken und SS-Runen über die Leinwand preschen, kommandiert von dem Kreuzritter-Hochmeister Ulrich von Jungingen mit der Physiognomie Konrad Adenauers.

Die Zweifel der Kritiker, die allzu stark aufgetragener Propaganda abgeneigt waren, verflüchtigten sich indes, als sie erfuhren, daß der polnische Spitzenregisseur Aleksander Ford ("Die Fünf von der Barskastraße", "Der achte Wochentag") mit der Inszenierung des Kreuzritter-Films betraut wurde. Aleksander Ford, der längst international renommiert ist und sich von seinem amerikanischen Namensvetter John Ford ("Der schwarze Falke", "Das letzte Hurra") vornehmlich dadurch unterscheidet, daß ihm dessen "höhere Naivität fehlt" ("Arts"), hielt sich strikt an die Sienkiewicz-Vorlage.

Wie im Buch symbolisiert auch im Film der Ritter Jurand von Spychow das Schicksal der unterdrückten Polen. Des polnischen Edelmanns Deutschen -Haß verwandelt sich in glühende Rachsucht, als Kreuzritter eines Tages - Jurand stattet gerade dem Polenkönig Jagiello in Krakau einen Besuch ab - seinen Hof überfallen und seine Frau vor Schreck stirbt. Entschlossen, "die Wut in Blut zu ertränken", erschlägt er die im Film reichlich verweichlichten deutschen Eindringlinge reihenweise. Die Deutschritter müssen in einem fort Särge fabrizieren, um Jurands Opfer christlich bestatten zu können. An manchen Orten häufen sich geradezu die Schädel erschlagener deutscher Ritter.

Die Deutschen entführen daraufhin des Wüterichs blonde Tochter Danusia und kerkern sie auf der Ordensveste Ortelsburg ein. Heuchlerisch offerieren

sie dem besorgten Vater freies Geleit; und alsbald macht sich Jurand auf nach Ortelsburg. Auf dem Wege überkommt ihn das Grauen: Vor der Burg ragen in weißer Schneelandschaft schwarze Galgen empor - an jedem hängt ein polnischer Edelmann. Raben machen sich über die Gehenkten her.

Die deutschen Filmritter entwaffnen den Ankömmling und stecken ihn in ein Büßerhemd. Die Ritter zeigen sich scheinbar bereit, des Vaters Sehnsucht nach seiner Tochter zu erfüllen. Aber sie treiben ein zynisches Spiel: Sie präsentieren Jurand eine fremde Irre.

Als Jurand, außer sich vor Wut, Waffen von der Wand reißt und die umstehenden Rittersleute niedermetzelt, überwältigen ihn die Deutschen mit Hilfe eines Fangnetzes und schleppen ihn in den Keller, der sich wie ein mittelalterliches Konzentrationslager ausnimmt: In dem Verlies müssen, an Wände gekettet, gefangene polnische Patrioten Waffen für ihre Unterdrücker schmieden. Jurand wird geblendet, dann stoßen Rittersleute den Blinden vors Burgtor.

Freilich ist das Filmdrehbuch so eingerichtet, daß der Kommandant des Ortelsburger Ordens-KZ, Siegfried von Löwe, später in die Hand der Polen fällt. Der deutsche Ritter wird vor den blinden Jurand geführt, der ihn abtastet und identifiziert. Doch Jurands Krieger warten vergebens auf den Befehl ihres Anführers, den Polen-Schänder hinzurichten: Jurand schenkt dem Deutschritter die Freiheit. Von Löwe reitet von dannen, sucht den starken Ast einer Eiche und richtet sich selbst.

Am 15. Juli 1410 stellen sich die Ordensritter bei Tannenberg zur Schlacht. Polenkönig Jagiello hofft, daß sich die Deutschen eines Besseren besinnen und ihm Frieden anbieten. Aber die Ordensritter reiten ungestüm daher, stoßen ein Schwert in die polnische Erde und rufen: "Wojna" - Krieg.

Unter den Hieben der deutschen Eisenreiter zerschellen die leichten litauischen Fähnlein, die König Jagiello zuerst ins Feld schickt. Die Deutschen kämpfen mit dem Schlachtruf "Gott mit uns" und singen, in voreiliger Siegesgewißheit, "Christ ist erstanden".

Aber dann greift das Gros der polnischen Truppen an. 25 Filmminuten lang reiten die feindlichen Heere aufeinander zu. Hunderte von Pferden wälzen sich auf dem Boden, die Kämpfer schlagen, stechen und würgen einander.

"Die Schlacht", begeisterte sich "Le Monde" nach der Pariser Premiere, "ist der ,Clou' des Films. Sie ist prächtig." Die Bewegung der Massen, das Spiel der Farben, die Flächenaufteilungen und das wilde Handgemenge machten insgesamt "ein sehr schönes Stück Film".

Um das Milieu glaubwürdig wiedergeben zu können, hatte Ford "gewissenhaft die Bräuche der damaligen Zeit" studiert, Waffen und Kostüme von polnischen Museen entliehen ("Die Rüstungen der Kreuzritter sind schwer und plump, manche wogen bis zu 100 Kilo") und viele Szenen in erhaltenen Ritterburgen gedreht.

Freilich gelang es Ford nicht, den Film pünktlich zur 550. Jahrfeier der Schlacht bei Tannenberg fertigzustellen. So bot sich den Polen am 15. Juli 1960 ein ungleich fragwürdiger inszeniertes Fernseh-Schauspiel: KP-Chef Gomulka verdammte in seiner Festtagsrede die Deutschen des Jahres 1410 ebenso wie die des Jahres 1960, ehe er das Zeichen gab, zur Erinnerung an die Tannenberg-Schlacht einen Obelisken auf den Sockel zu hieven. Ein Riesenkran fuhr heran, packte den Gedenkstein, und wenig später schickten die Fernsehkameras das weltbekannte Markenzeichen der Kranbaufirma in die Fernsehstuben: die drei Ringe der Essener Firma Krupp.

Als "Die Kreuzritter" schließlich im September uraufgeführt wurden, vereinigten sich die polnischen Kritiker in Jubel und Lob. Der Film wurde innerhalb weniger Wochen so populär, daß polnische Kinder nicht Räuber und Gendarm, sondern polnische Edelleute und deutsche Unmenschen spielten.

Allein in den ersten drei Monaten nach der Premiere lockte der Film 4,7 Millionen Polen in die Kinohäuser. Inzwischen ist die Besucherzahl auf acht Millionen hochgeschnellt. Mehr als 90 Millionen Zloty - fast das Dreifache der Produktionskosten - ritten: "Die Kreuzritter" in die polnische Staatskasse.

Die französischen Kritiker vermochten dem (verkürzten und von etlichen allzu blutrünstigen Szenen befreiten) Film einen ähnlichen Erfolg in Westeuropa allerdings nicht vorauszusagen. Sie bescheinigten den Polen zwar, daß "die Inszenierung prunkvoll, die Dekorationen und Landschaftsaufnahmen bewunderungswürdig" seien, bemängelten aber, man bleibe "bei all den Anstrengungen und dem Luxus kalt" ("Le Monde"). Die hochgestochene Kunstzeitschrift, "Arts" resümierte: "Wenn (Eisensteins Film) ,Alexander Newsky' Große Oper war, dann sind 'Die Kreuzritter' Komische Oper."

Polnischer Monumentalfilm "Die Kreuzritter": Ben Hur in Tannenberg

Romancier Sienkiewicz

Labsal polnischer Herzen


DER SPIEGEL 28/1961
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