12.07.1961

WICKIDeutsche Vita

Die Berliner Filmfestspiele währten schon elf Tage. Da endlich, am Montag letzter Woche um 10.30 Uhr war "das Wunder eingetreten", wie der Festival-Berichterstatter Walter M. Herrmann meldete. Der Spielfilm-Beitrag der Bundesrepublik, Bernhard Wickis "Wunder des Malachias", war mit vielwöchiger Verspätung buchstäblich zum letztmöglichen Termin fertiggestellt worden. Sieben Stunden später begann die Premiere. Zwanzig Stunden danach sprach die Jury dem Wicki-Werk den Preis für die beste Regie zu, den "Silbernen Bären".
Der Preisträger selbst hatte die Uraufführung verschlafen. Herstellungsleiter Jochen Severin: "Wir haben seit fünfzehn Tagen praktisch kein Bett mehr gesehen." In einer Tour de force hatte Wicki den Film zurechtgeschnitten, so daß sein "Wunder des Malachias" nicht nur das langwierigste, aufwendigste und ehrgeizigste, sondern auch noch das strapaziöseste deutsche Filmvorhaben des Jahres wurde.
Auf Wickis physisches Durchhaltevermögen gründete sich die einzige Hoffnung der deutschen Filmindustrie, auf dem Berliner Festival einen Preis zu ergattern. Während beispielsweise Frankreichs Auswahlkommission einen Festspielfilm aus rund einem Dutzend vorführreifer Filme auswählen konnte, vermochte die deutsche Filmindustrie außer dem "Wunder des Malachias" keinen präsentablen Film anzubieten.
Die "Süddeutsche Zeitung" feierte Wicki denn auch als "eine Art Messias ... dem es nicht mehr nur oblag, sich und anderen sein Talent, sondern gleichzeitig einer ganzen Branche ihre Existenzberechtigung zu beweisen".
Beweismittel war die filmische Version eines Romans, den der schottische Wirtschaftsprüfer und Bestseller-Autor Bruce Marshall 1931 geschrieben hatte. Er lieferte Wicki die Fabel: Ein Mönch bittet den lieben Gott, ein sündiges Haus verschwinden zu lassen. Der liebe Gott gewährt die Bitte.
Wicki und seinem Drehbuchautor Heinz Pauck schwebte freilich Höheres vor, als nur die Schotten-Schnurre ins Bild zu setzen. Sie gedachten, anhand der Mönch-Gott-Geschichte die "soziale Struktur unserer Sattheit" bloßzulegen.
Das Wunder bei Wicki: Das sündige Haus - eine Bar in einer Hafenstadt - verschwindet. Noch während die Kripo erste Ermittlungen anstellt, beginnt sich ein Marktforscher für das Vorkommnis zu interessieren: "Bei jedem Ereignis wollen sich die Leute vorstellen - wer steckt dahinter? Chruschtschow, de Gaulle oder Uwe Seeler?"
"Wie wird sich die heutige Gesellschaft mit einem von jedermann nachprüfbaren Wunder-Erweis Gottes auseinandersetzen", hatte sich der "Film -Dienst" der Katholischen Filmkommission schon während der Dreharbeiten gefragt. In Wickis Film reagiert Bundesdeutschlands Gesellschaft so: Zunächst reklamieren die Barbesitzer "Manöverschäden himmlischer Heerscharen". Die Boulevardpresse kommt zu unverhofften Schlagzeilen, und ein Erfolgsverleger bemüht sich sogleich um die "Memoiren des Malachias".
Dann geht es weiter wie in einem Fellini-Film: An der "Wunderstätte" etablieren sich Marktschreier. Sie verkaufen Malachias-Puppen (aufziehbar, segnend), Malachias-Brunnen (aus der Wasserleitung im Kellergeschoß), Malachias-Kerzen, Malachias-Sträußchen, Malachias-Schweinefett. Die Rummelplatz-Attraktion: "Besichtigung der Wunderstätte 1,50 - Mit Führung 2,50."
Die Bar ist allerdings nicht spurlos verschwunden. Gott hat sie auf eine Nordsee-Insel versetzt, wo der Marktforscher inzwischen das Geschäft mit dem Wunder angekurbelt hat. Er erwirbt die Bar, läßt sie vom teuersten Architekten ausgestalten und eröffnet den Luxus-Klub mit einer Wunder-Fete für die internationale High Society.
Während Neger-Pagen in der Uniform der Schweizergarde die nerz- und goldlamé-gewandeten Gäste vom Yacht-Steg ins Klubhaus geleiten, warten am kalten Büfett Serviermädchen in schulterfreier hochgeschlitzter Nonnenkluft und Jazzmusiker in der Soutane. Playboys unterhalten die Damen der Gesellschaft, Second Ladies versorgen Industrielle, Professoren und Verleger. Ihre Gespräche: "Fischer-Dieskau war wieder enorm, wir hören nur noch Fischer-Dieskau." - "Meine Liebe, wir müssen unbedingt zusammen lunchen." - "Ihre Ausstellung bei Ketterer ist ungeheuer apart ..."
Der brave Mönch, der die weiteren Folgen seiner Bitte nicht hatte voraussehen können, wird unterdessen vom Bischof dem zürnenden päpstlichen Legaten konfrontiert. "Vielleicht", überlegt Malachias, "hat Gott mich nur erhört und alles getan, um mich zur Einsicht zu bringen ..." Der Legat: "Sie überschätzen sich, Pater ... Wenn der Klerus mit allen Nachtlokalen so verfahren wollte, würde es am Himmel bald von solchen Instituten wimmeln."
"Noch kein anderer Film im Nachkriegsdeutschland" sei "so gründlich vorbereitet worden", behauptete der Westberliner "Tagesspiegel", und der "Abend" versicherte seinen Lesern: Wicki habe es sich und seinen Geldgebern noch schwerer gemacht als bei seinem Erfolgsfilm "Die Brücke".
Autor Pauck schrieb über sechs Monate an dem mit kabarettistischen Dialogen und ungewöhnlichen Kamera-Einstellungen vollgestopften Drehbuch. Die fünfmonatigen Dreharbeiten an 95 verschiedenen Schauplätzen (ohne eine einzige Atelieraufnahme) verschlangen mehr als drei Millionen Mark.
Wicki-Mitarbeiter Jochen Severin, der schon "Die Brücke" mitproduziert hatte, erkundete zahlreiche ungewöhnliche Schauplätze, an denen der Regisseur die Kamera für den Wunderfilm aufbauen konnte:
- Planungsabteilung im Düsseldorfer Hochhaus des Stahlkonzerns Phoenix -Rheinrohr,
- Chemische Werke Hüls,
- Fabrikhalle der Rheinstahl Eisenwerke Gelsenkirchen,
- Hydrier-Anlage der Gelsenberg Benzin AG,
- Zentralkokerei von Mannesmann,
- Dachgeschoß von Blohm & Voß,
- Heimatmuseum Herne,
- Glas-Foyer im Großen Haus der Städtischen Bühnen Gelsenkirchen.
Ebenso unkonventionell wie seine Schauplätze suchte sich Regisseur-Schauspieler Wicki (der sich eine Rolle in seinem Malachias-Film versagt hat) die Darsteller aus. Für die Rolle des Malachias entlieh er bei dem Berliner Intendanten Barlog den Film-Neuling Horst Bollmann. Größere Parts besetzte er zwar mit Berufsschauspielern wie Richard Münch und Günter Pfitzmann. Für Randfiguren verpflichtete er jedoch überwiegend "Gesichter und Typen": Journalisten, Pressephotographen, Funkreporter, Geschäftsleute, Mannequins, Theaterintendanten, Barbesitzer. Die "Justine"-Übersetzerin Maria Carlsson spielt eine Gesellschaftsziege, der Zeichner Loriot einen Playboy, der Filmjournalist Habernoll einen Wurstmaxen.
"Um den Film noch authentischer zu machen", sicherte Wicki sich die Einwilligung von Markenfirmen, ihre Namen im Bild erscheinen zu lassen: Königs-Pils, Miele, Telefunken, Melabon, Scharlachberg, Pepsi- und Coca-Cola. Einige tauchen gar in Slogans auf: "Das Mädchen, das das Wunder sah, fliegt um die Welt mit PAA"; "Bleib auf der Erde - fahr Borgward".
Doch auch damit gab sich Wicki noch nicht zufrieden. Er hatte bereits im Sommer vergangenen Jahres einige Kameramänner vorsorglich auf den Eucharistischen Weltkongreß in München geschickt. Mit der Erlaubnis von Monsignore Thalhamer fingen sie den "Auftrieb am Rande" ein, den Wicki am Schneidetisch in seinen Film einwob: photographierende Mönche, Geistliche beim Empfang von Essen, dahineilende Nonnen.
Wicki ging beim Zurechtstutzen des Films so gründlich zu Werke, daß die Auswahlkommission der Berliner Filmfestspiele, die den deutschen Berlinale -Beitrag zu bestimmen hatte, lediglich eine Rohschnittfassung begutachten konnte. Als die Filmfestspiele begannen, waren Wicki und seine Mitarbeiter noch immer in den Ateliers verschanzt, um "Das Wunder des Malachias" in Tag-und-Nacht-Arbeit fertigzustellen.
Die Berliner Boulevardblätter unterrichteten derweil die Festspielgäste mit Sensationsmeldungen wie "Wettlauf mit der Zeit" oder, am Tag der Premiere: "Wicki vor Erschöpfung am Schneidetisch zusammengebrochen".
Als schließlich am Montagnachmittag der Wicki-Film auf die Leinwand der "Filmbühne Wien" projiziert wurde, schien es, als sei dem Regisseur mit den vielen herausgeschnittenen Filmmetern in manchen Passagen auch der Handlungsfaden abhanden gekommen.
Wicki hatte zwar eine Unzahl von Gags effektvoll aneinandergereiht ("Tagesspiegel": "... ein einziger, zuweilen fast dantesker Höllentanz und Fegefeuertaumel") und den Kritikern die Einsicht vermittelt, daß "der Film dieses Landes nicht am Ende" sei ("Die Welt"), doch zu überschwenglichem Lob vermochten sich die Rezensenten nicht aufzuraffen.
Auch die Jury erkannte den Preis für den besten Berlinale-Film einem ausländischen Werk zu: dem von Michelangelo Antonioni inszenierten italienischen Film "La Notte" (Die Nacht).
Immerhin hatten die Preisrichter mit ihrer Entscheidung ein Kuriosum zustande gebracht: In dem mit dem "Goldenen Bären" ausgezeichneten Antonioni-Film spielt der mit dem "Silbernen Bären" ausgezeichnete Bernhard Wicki eine Nebenrolle.
Kommentierte der Festival-Kabarettist und -Kolumnist Wolfgang Neuss den Wicki-Erfolg: "Deutsche Vita".
Wicki-Film "Das Wunder des Malachias": Wie reagieren Bundesdeutsche ...
Regisseur Wicki
... auf ein Wunder Gottes?

DER SPIEGEL 29/1961
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