16.08.1961

BAUKNECHTIm Versteck

Im "Kunstzaal Monet", einer Amsterdamer Galerie, werden seit einigen Wochen unbekannte Bilder eines so gut wie unbekannten Malers ausgestellt, der vor bald dreißig Jahren gestorben ist. Es handelt sich um eine Auswahl aus der Hinterlassenschaft des deutschen Malers Philipp Bauknecht - zwanzig Ölgemälde, elf Holzschnitte und sechs Aquarelle -, die es, nach der Formulierung der "Deutschen Zeitung", "unverständlich werden läßt, daß dieser Künstler so völlig vergessen werden konnte. Bauknechts Arbeiten sind in ihrem Gehalt und ihrer künstlerischen Kraft zu den wichtigsten Arbeiten des deutschen Expressionismus zu zählen."
Sehr ähnlich stufte "Die Welt" Bauknecht als einen "Pionier" und einen "der ursprünglichsten Künstler des deutschen Expressionismus" ein. Der Amsterdamer "Telegraaf" nannte den von deutschen Eltern aus Barcelona stammenden Bauknecht einen "zu Unrecht vergessenen Maler", und die Amsterdamer Zeitung "Het Parool" wunderte sich: "Wir kennen Kirchner, Nolde, Pechstein, Schmidt-Rottluff, Beckmann, Heckel und Otto Mueller - aber wer Philipp Bauknecht war, ist bis jetzt unbekannt geblieben."
Wirklich finden sich Hinweise auf und Urteile über Bauknecht nur in einigen lokalen Zeitungsartikeln über frühe Ausstellungen moderner deutscher Malerei in Stuttgart, Berlin, Freiburg und Münster, an denen Bauknecht seit 1924 - als damals schon Vierzigjähriger mit Holzschnitten und monumental dekorativen Landschaftsbildern beteiligt war, die wegen ihrer feurigen und lodernden Farben auffielen.
Bei der bedeutenden Ausstellung "Neue deutsche Kunst" in Stuttgart 1924 galt Bauknecht noch neben Emil Nolde und den Malern des "Brücke" -Kreises, Heckel, Kirchner und Schmidt -Rottluff, als ein "neuer Mann"; der lokale "Schwäbische Merkur" meinte sogar eine "direkte persönliche Beeinflussung" des vier Jahre älteren Ernst
Ludwig Kirchner durch den jüngeren Bauknecht zu erkennen - wobei "Bauknechts Art, die Dinge zu sehen, sicher die originellere ist".
Der Name Bauknecht kommt jedoch in keiner neueren deutschen Kunstgeschichte und in keiner der nach dem letzten Kriege erschienenen Gesamtdarstellungen der expressionistischen Kunstbewegung vor; einzig biographische Nachschlagewerke erwähnen ihn - nach einem 1918 im "Kunstblatt" erschienenen Aufsatz - summarisch als einen "deutschen Holzschneider", der von einem Schweizer Vorläufer der deutschen Expressionisten, dem dekorativen Pathos-Maler Ferdinand Hodler (1853 bis 1918), beeinflußt worden sei. Von Bauknecht war zudem noch bekannt, daß er bis 1910 in der Stuttgarter Kunstgewerbeschule ein Schüler des Jugendstil -Ästheten Bernhard Pankck war.
Im gleichen Jahr 1910 begab sich der damals 26jährige, lungenkranke Philipp Bauknecht nach Davos und blieb dort auch nach seiner Genesung. Als Kriegsgegner weigerte er sich 1914, nach Deutschland zurückzukehren. Er bezog eine Blockhütte, in der er ziemlich ärmlich lebte - seine erste Ausstellung in Davos wurde einer Schuld wegen beschlagnahmt. 1924 siedelte sich der nach seiner Heirat wirtschaftlich unabhängig gewordene Maler in Davos-Dorf an, wo er wegen seiner menschenfeindlichen Art bald in Verruf kam.
Er rächte sich an den Bürgern von Davos, indem er markante Figuren der dörflichen Gesellschaft, den Advokaten, den Steuereinzieher, den Pfarrer, satirisch mit Tier- und Maskengesichtern darstellte. In Amsterdam wird zum erstenmal ein 1931 entstandenes Gruppenbild gezeigt, auf dem sich der Maler, umringt von seinen Widersachern und Feinden, in einem rosa Gewand mit einer Kette um den Hals porträtierte; ein Henkersknecht zerrt ihn zur Richtstätte.
Als Masken- und Harlekingestalten empfindet Bauknecht auch das mondäne Kur-Publikum von Davos; so ist zum Beispiel sein Bild "Festgänger" eine in grell-aggressivem Gelb gehaltene Gesellschafts-Satire, die gleichfalls zum erstenmal in Amsterdam zu sehen ist. Noch ärger kommt bei Bauknecht das Bauern- und Landvolk davon; er stellte es immer und immer wieder als Gruppen von Kretins dar, die in wahrhaft monumentalem Stumpfsinn beieinanderhocken.
Der Maler war offenbar ein Eigenbrötler und Menschenfeind, der schwer zum Zuge kam. Als Bauknechts Gegenspieler trat der heute weltbekannte expressionistische Maler Ernst Ludwig Kirchner auf, der 1916 in ein Sanatorium nach Davos gebracht wurde und später in einer Hütte am Eingang zum Sertig-Tal wohnte. Kirchner und Bauknecht waren ursprünglich befreundet, wurden aber bald unversöhnliche Feinde; der asketische Bauknecht warf dem genialischen Kirchner vor, daß er nur noch "im Alkoholrausch" malen könne.
Die Rivalität mit Kirchner ist symbolisch in einem zwischen 1916 und 1918 entstandenen Bild Bauknechts angedeutet, das den Titel "Die Ringkämpfer" erhielt. Das in Amsterdam ausgestellte Bild zeigt die symbolischen Ringer - Kirchner und Bauknecht - vor einer Alpenszenerie; breitköpfige und gedrungene Dörfler stehen als Figuranten dümmlich-heiter um die Kämpfenden, die Kopf an Kopf, mit vorgestreckten Oberkörpern, ineinander verkrampft
sind; im Hintergrund türmen sich in ein blau-rotes Wolkenmeer die grauweißen Massen der Gletscher.
Die von den Kritikern behauptete künstlerische Verwandtschaft zwischen sich und Kirchner wies Bauknecht - obwohl der gegenseitige Einfluß anfänglich zu seinen Gunsten dekretiert wurde - als unsinnig zurück. Dem Rezensenten des "Schwäbischen Merkur" widersprach er zum Beispiel durch einen handschriftlichen Vermerk unter dessen Artikel: "Wenn zwei im gleichen Zeitalter, in gleicher Gegend und unter gleichen Lebensumständen schaffen, kann man nicht gut von Beeinflussung sprechen."
Als im Jahre 1930 das Stuttgarter "Kunsthaus Schaller" eine Bauknecht -Ausstellung veranstaltete, wurde von den Kritikern zum Vergleich wiederum Kirchner herangezogen, diesmal aber mit umgekehrtem Vorzeichen: Die Kunst des inzwischen berühmten Kirchner war das "Vorbild" geworden, dem Bauknecht, wenn auch auf seine eigene Art, nachstrebte.
"Die überformten Schädel der Älpler", schrieb ein Kunst-Rezensent, "die märchenhaft aufgerissenen Augen von Holzhauern haben ihr Vorbild wohl in der Kunst Kirchners." Bauknecht, so erinnert sich dessen Witwe, empfand in seinen letzten Lebensjahren den Hinweis auf Kirchner als Provokation. Seine durch Krankheit gesteigerte Menschenfeindlichkeit nahm aggressive Züge an; er wies Besuchern, in denen er Kirchner-Freunde und Atelier-Spione vermutete, unter wüsten Beschimpfungen die Tür.
Schärfer noch als in seinen Ölbildern läßt sich im graphischen Werk Bauknechts eine Entwicklung von der kunstgewerblichen Ästhetik des Jugendstils zur Vereinfachung, Typik und Konzentration des Expressionismus erkennen. Und auch hier ist - Abhängigkeit oder nicht - zumindest eine Parallele zu Kirchner deutlich: Es waren vornehmlich die Mitglieder der von Kirchner mitbegründeten Künstlergemeinschaft "Brücke", die einer lange vernachlässigten graphischen Technik - dem Holzschnitt - zu einer Renaissance in Deutschland verhalfen.
Bauknechts erste Holzschnitte beschäftigen sich mit Naturszenen, in den Jahren seiner Krankheit wandte sich Bauknecht religiösen Motiven zu
("Geißelung", "Gethsemane", "Kreuzigung"), es entstanden Bildnisse der Schriftsteller Jakob Wassermann und Klabund.
Erst in den zwanziger Jahren nahm sich der Holzschneider Bauknecht die Alpenbauern zum Modell. Der Künstler findet in den für Holzschnitte ungewöhnlichen Riesenformaten - Blättern bis zu 150 Zentimeter Höhe - seine letzte Ausdrucksform. Im Jahre 1932 ist Bauknecht, erst 48jährig, in Davos gestorben.
Holländische Kritiker sprachen die Vermutung aus, daß die Wiederentdekkung Philipp Bauknechts bisher gültige Urteile über die Entwicklung des deutschen Expressionismus umstoßen werde. "Auch wird die (Amsterdamer) Ausstellung nicht die einzige bleiben", äußerte sich die "Nieuwe Rotterdamse Courant". "Es darf erwartet werden, daß die Deutschen Interesse für die Bauknecht-Entdeckung zeigen werden."
Als erster Museums-Direktor meldete sich vorerst allerdings der Direktor des prominenten Amsterdamer Stedelijk Museum an. Im "Kunstzaal Monet" wurde ihm zunächst nur ein kleiner Teil des Bauknecht-Werks zugänglich. Die Frau desMalers, eine Holländerin, hatte nach dem Tode ihres Mannes das gesamte Werk von Davos in ihr Haus in der niederländischen Kleinstadt Baarn bei Hilversum überführen lassen und dort auch während der deutschen Okkupation verborgen gehalten, zumal Bauknecht-Bilder, die in den zwanziger Jahren von Sammlungen in Berlin, Münster und Stuttgart erworben worden waren, nach 1933 zur "Entarteten Kunst" gezählt und vernichtet wurden oder verlorengingen.
In einem Speicher ihrer Villa in Baarn hält die heute 76jährige Bauknecht-Witwe, die sich bis zu ihrem Tode exklusive Rechte auf den Maler vorbehält, den weitaus größten Teil des Bauknecht-Werks zurück: 160 Ölgemälde mehr als 60 Aquarelle und 90 Holzschnitte.
Expressionist Bauknecht
Nachlaß im Speicher
Bauknecht-Gemälde "Die Ringkämpfer" (l.: Kirchner): Nachlaß einer Freundschaft

DER SPIEGEL 34/1961
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