16.08.1961

SCHLAFMITTELZuckerplätzchen forte

Der Neurologe der angesehenen Privatklinik Dr. Amelung im Taunusort Königstein, Dr. Frenkel, stand vor einem Rätsel. Immer mehr Patienten klagten über merkwürdige Beschwerden.
Die Klinikgäste litten unter Unruhe und schmerzhaften Wadenkrämpfen. Sie wurden, teils am ganzen Körper, teils nur im Gesicht, von nervösen Zuckungen befallen; ihre Beine schwollen an, Hände und Füße schienen ihnen eingeschlafen zu sein. Mitunter ermüdeten die Patienten rasch beim Gehen und konnten sich nur noch mühsam aufrichten. Die Nervenstämme an Armen und Beinen waren hochgradig druckempfindlich. Einige Patienten hatten sogar unter Sprachstörungen zu leiden und konnten sich selbst einfache Dinge nicht mehr merken.
Neurologe Frenkel diagnostizierte die lästigen und schmerzhaften Erscheinungen als Symptome einer zentralnervösen Schwäche und, in einigen Fällen, einer allgemeinen Nervenentzündung (Polyneuritis). Die Ursache der Erkrankung konnte er sich zunächst um so weniger erklären, als die meisten der betroffenen Patienten seit Jahren regelmäßig zu einem Kuraufenthalt in die Königsteiner Klinik zu kommen pflegten, so daß die Ärzte über jedes Detail ihrer Krankengeschichte genau informiert waren.
Da half ihm der Zufall weiter. Ausgerechnet eine Patientin, die nicht unter diesen polyneuritischen Beschwerden zu leiden hatte, erzählte ihm, wie übel ihr ein Schlafmittel namens Contergan bekommen sei. Sie hatte das Medikament, das von Arzneimittelvertretern zuweilen als "Schlafmittel des Jahrhunderts, unschädlich wie Zuckerplätzchen" angepriesen wurde, rezeptfrei in einer Apotheke gekauft.
Mediziner Frenkel war verblüfft. Obgleich er selbst Contergan nie verordnet hatte, wußte er, daß dieses Schlaf- und Beruhigungsmittel als ungiftig galt, seit einigen Jahren in vielen Kliniken verabreicht und von vielen Ärzten verordnet wurde. Er spürte dem Hinweis nach.
Das Resultat schien eindeutig: Die Patienten, die über die mysteriösen Beschwerden klagten, hatten seit Monaten regelmäßig vor dem Schlafengehen eine oder zwei Tabletten Contergan oder Contergan-forte geschluckt.
Neurologe Frenkel verbannte daraufhin die Contergan-Röhrchen von den Nachttischen, und prompt erholten sich viele seiner Patienten. Ihr Allgemeinbefinden wurde besser, Zittern und Wadenkrämpfe ließen nach. Die Nervenentzündungen selbst erwiesen sich mitunter jedoch als hartnäckig. Zwölf Monate lang registrierten Neurologe Frenkel und seine Klinik-Kollegen die gleiche Erscheinung. Patienten, die dauernd Contergan zu nehmen pflegten, wurden von Nervenstörungen heimgesucht.
Konsultationen mit den Direktoren der Ersten Medizinischen Klinik und der Klinik für Gemüts- und Nervenkranke der Frankfurter Universität, den Professoren Ferdinand Hoff und Jürg Zutt, bestätigten die Königsteiner Erfahrungen: Der stete Gebrauch selbst kleiner Dosen von Contergan führte zu Nervenstörungen.
Angesichts der zunehmenden Beliebtheit des rezeptfreien Schlaf- und Beruhigungsmittels - nach Angaben der Herstellerfirma Chemie Grünenthal GmbH., Stolberg im Rheinland, wird es gegenwärtig von über einer Million Menschen regelmäßig eingenommen und selbst Säuglingen und Kleinkindern in Form eines nach Himbeersaft schmeckenden roten Sirups eingegeben - schien es dem Königsteiner Mediziner geraten, seine Ärztekollegen von den mißlichen Erfahrungen mit Contergan in Kenntnis zu setzen.
Statt des erhofften baldigen Abdrucks seiner Aufzeichnungen in der Fachzeitschrift "Die Medizinische Welt" erhielt Nervenarzt Frenkel den Besuch von Grünenthal-Wissenschaftlern, die ihm das Publikationsvorhaben auszureden suchten.
Dabei wiesen die Stolberger Abgesandten, die Doktoren Werner und Sievers, auf die höchst eindrucksvollen Resultate hin, die sich bei der experimentellen und klinischen Erprobung ihres Contergans ergeben hatten.
So hatten Tierversuche in den Grünenthal-Laboratorien erwiesen, daß die mit Contergan gefütterten Kaninchen, Meerschweinchen, Mäuse und Frösche ohne Schaden die etwa 30 Tage dauernde Tabletten-Kur überstanden. Selbst extreme Überdosen vermochten den Versuchstieren nichts anzuhaben.
Auch Kliniktests verliefen durchaus ersprießlich. Dr. Hermann Jung von der Medizinischen Universitätsklinik Köln fand heraus, daß sogar Patienten mit schweren Leberschäden Contergan gut vertrugen, Asthmatiker und Tuberkulöse mit Contergan trefflich einzuschläfern waren und Magenkranke ebenfalls keine Beschwerden meldeten. Auch die Versorgungskuranstalt Wildbad erprobte Contergan erfolgreich an einem "Krankengut von Kriegsversehrten", und Kinderärzte lobten die beruhigende Wirkung von Contergan-Himbeersaft auf ängstliche und nervöse Kleinkinder.
Allerdings, all diesen Contergan-Lobpreisungen lag derselbe Sachverhalt zugrunde: Die Contergan-Dosen waren den Patienten offenbar nur wenige Tage oder einige Wochen lang verabreicht worden. Offen blieb mithin, ob und welche Folgen auftreten können, wenn das als harmlos deklarierte, rezeptfreie Schlafmittel über Monate oder gar Jahre hinweg regelmäßig eingenommen wird.
Als die Veröffentlichung der Königsteiner Contergan-Erfahrungen noch immer auf sich warten ließ, trug der Frankfurter Universitätsprofessor Hoff sie schließlich auf dem letzten Wiesbadener Internisten-Kongreß vor. Prompt entbrannten aufschlußreiche Diskussionen. Manchen Ärzten bot sich nun eine Erklärung für seltsame "Kreislaufstörungen" und "Nervenschmerzen", über die ihre Patienten mitunter geklagt hatten.
Im Mai 1961 erschien endlich Frenkels Bericht in der "Medizinischen Welt". Fast zum gleichen Zeitpunkt hielt auch der Direktor der Kölner Universitätsnervenklinik, Professor Dr. Scheid, für ratsam, in der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift" die "Nebenwirkungen auf das Nervensystem" zu beschreiben, die auf den regelmäßigen Gebrauch von Contergan forte zurückzuführen seien.
Und in der Psychiatrischen und Nervenklinik der Städtischen Krankenanstalten von Essen gelangte der Mediziner Dr. Raffauf zu dem Resultat, daß die Contergan-Tabletten "keineswegs frei von toxischen Nebenwirkungen" seien und eine "nicht leichtzunehmende Gesundheitsgefährdung" heraufbeschwören könnten. Es sei sehr zu raten, Contergan "nicht über einen längeren Zeitraum zu verabreichen". Besondere Zurückhaltung sei bei kreislaufkranken, magen- und darmgestörten sowie lebergeschädigten Patienten zu empfehlen.
Ebenso gelangten Ärzte der Neurologischen Klinik der Medizinischen Akademie Düsseldorf zu der Erkenntnis, daß "durch Contergan-forte ... eine 'toxische Polyneuritis' bewirkt wird", die zu "bleibenden Schäden" führen könne. In dem Düsseldorfer Bericht heißt es: "Zur Zeit ist es auch für die von uns über unsere Beobachtungen informierten Hersteller des Contergan völlig unklar, worauf die ohne Zweifel 'toxische Wirkung' dieses Schlafmittels beruht."
Unter dem Eindruck solcher Erfahrungsberichte setzten sich die Contergan-Produzenten unlängst dafür ein, daß ihr Medikament rezeptpflichtig gemacht werde. Im übrigen reagierte die Herstellerfirma auf die Warnungen der Mediziner höchst diskret. Wurde Contergan bislang in Prospekten als "ungiftiges Beruhigungs- und Schlafmittel" feilgeboten, so fehlt dieser Vermerk neuerdings.
Statt dessen können aufmerksame Leser in der kleingedruckten Gebrauchsanweisung den Hinweis entdecken, daß
es "bei entsprechend disponierten Patienten nach mehr oder weniger langem Contergan-Gebrauch zu Überempfindlichkeit kommen" könne. Dies freilich, so behaupten die Hersteller zugleich, sei "bei nahezu allen Arzneimitteln" der Fall.
Mediziner Hoff
Nervenschäden durch Medikamente

DER SPIEGEL 34/1961
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