23.08.1961

USASchwacher König

Im Berlin-Gepolter Nikita Chruschtschows ist die einzige Stimme verstummt, die von Amts wegen Amerikas Präsidenten Kennedy einen Ausweg aus dem Berliner Dilemma weisen müßte: das State Department in Washington.
Seit die neue Berlin-Krise auf dem Tagesplan Washingtoner Beratungen steht, ist es noch keinem US-Diplomaten gelungen, sich langfristig in die Ausarbeitung der amerikanischen Berlin-Pläne einzuschalten. Von Außenminister Dean Rusk bis zu seinen Deutschland-Experten stößt das State Department auf die Mauer jener außerplanmäßigen Beratergruppe, die das Ohr John F. Kennedys gefunden hat.
Da gibt es:
- Professor McGeorge Bundy, Chefberater des Präsidenten für Fragen der "nationalen Sicherheit",
- General Maxwell D. Taylor, militärischer Chefberater im Weißen Haus,
- Ex-Außenminister Dean Acheson,
Nato-Sonderberater der Regierung,
- Präsidentschafts-Kandidat a.D. Adlai Stevenson; Uno-Botschafter mit kabinettsrang,
- Hochkommissar in Ruhestand John
J. McCloy, Abrüstungs-Beauftragter Amerikas.
Sie alle haben den Vorschußlorbeer welken lassen, mit dem der kahle Schädel des Dean Rusk bei seinem Amtsantritt umkränzt worden war. Die Ernennung zum Außenminister, so hatte die Schweizer "Weltwoche" verkündet, mache Rusk "zum zweitwichtigsten Regierungsmitglied, zum weltpolitischen Vikar" Kennedys. Aus dem Vikar ist in einem halben Jahr ein Kirchendiener geworden, der bestenfalls noch die Glocken läuten darf.
Spottete Star-Journalist James Reston: "Er erscheint und verschwindet auf der Washingtoner Bühne -wie ein Schauspieler des alten Farcentheaters, der versucht, aus einer Zwangsjacke herauszukommen. Der Vorhang geht plötzlich hoch, und da ist er und versucht, sich mannhaft aus der Zwangsjacke zu befreien. Dann senkt sich der Vorhang wieder, andere Schauspieler treten auf und just in dem Augenblick, da man ihn ganz vergessen hat, kommt er wieder aus der Kulisse in einer noch verrückteren Verwicklung."
Das Team der Sonderberater untergräbt freilich nicht nur die persönliche Position Dean Rusks im Kabinett. Das gesamte Ministerium droht überflüssig zu werden.
Die Verantwortung dafür trägt Präsident Kennedy. In seinem Streben, alle Macht im Weißen Haus zu verankern, wurde er bei seiner Kabinettsbildung von dem Gespenst des großen Toten John Foster Dulles gejagt.
Dulles, der selbst ebenfalls kaum Gebrauch von dem ihm unterstehenden Apparat machte und von dem es deshalb hieß, er trage "das State Department unter seinem Hut", war der einflußreichste Außenminister, den die Geschichte der Vereinigten Staaten kennt. Er, nicht der verfassungsmäßig verantwortliche Präsident, bestimmte die Außenpolitik Amerikas.
Um eine Neu-Auflage dieser Konstellation zu verhindern, erwählte Kennedy den phlegmatischen Staatswissenschafts-Professor Dean ("Der Schweiger") Rusk zum Chef des State Department.
Präsident Kennedy wollte sein eigener Außenminister sein. Darüber hinaus ließ er außenpolitische Einzelfragen, die in die Kompetenz des State Department fallen, von seinem "Küchenkabinett" im Weißen Haus bearbeiten. Und schließlich bugsierte er aus parteipolitischen Erwägungen auch noch linke Demokraten wie die ehemaligen Gouverneure Chester Bowles, Adlai Stevenson und Mennen ("Soapy") Williams auf einflußreiche Posten des State Department.
Genüßlich kritisierte Sonderberater Acheson vor einigen US-Diplomaten: "Im Außenministerium herrscht ein völliges Durcheinander. Herr Rusk regiert wie ein schwacher König und ist von einem mittelalterlichen Hof mächtiger Adliger umgeben, unter denen der Herzog von New York (Stevenson) und der Baron von Michigan Williams) die bemerkenswertesten sind."
Am ehrgeizigsten von allen aber gebärdet sich der Marquis von Connecticut, AA-Staatssekretär Bowles, sobald sein Minister Washington den Rücken kehrt Dann ergießt sich ein Strom geheimer Memoranden in das Weiße Haus und eine Flut von Indiskretionen in die Presse, die beide das gleiche Ziel haben: die Weitsicht des ehemaligen erfolgreichen Public-Relations-Managers Chester Bowles zu dokumentieren
Fragte Kennedy in einer Kabinettssitzung verärgert: "Was stimmt denn nicht im State Department?" Antwortete Acheson: "Chester Bowles!"
Amerikas Diplomaten sind damit auf dem ersten Höhepunkt der Berlin -Krise in einen entnervenden Kompetenzkrieg verwickelt. Wie die Vereinigten Stabschefs den militärischen Chefberater Taylor befehden, so richtet sich Dean Rusks ganze Energie nicht auf die Russen, sondern auch auf die außenpolitischen Sonderberater Kennedys und dessen Partisanen im State Department.
Kommentierte die "New York Times" nicht ohne Angst: "Berlin ist ein Test, der auch über das Schicksal des Außenministers Rusk entscheiden wird."
Außenminister Rusk
Der weltpolitische Vikar steckt ...
Stellvertreter Bowies
... in der Zwangsjacke der Narren

DER SPIEGEL 35/1961
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