23.08.1961

LITERATURVerbrannte Bücher

Die Eidgenossen sollten sich "nicht
dauernd als ein Volk von Jodlern und Kunstbanausen diffamieren lassen", empörte sich die Züricher "Tat" gegen Entscheidungen Schweizer Behörden, die nach Meinung der Zeitung geeignet waren, die Schweiz zu blamieren.
Als Jodler fühlte die "Tat" ihre Landsleute zunächst durch den Chef der Fremdenpolizei des Kantons Zürich diffamiert, der ein Gastspiel des prominenten russischen Violinisten David Oistrach mit der Begründung verboten hatte, daß "kulturelle Veranstaltungen von Künstlern kommunistischer Herkunft offensichtlich der Propaganda für die kommunistische Idee dienen".
Ferner hatte etwa zur gleichen Zeit das Bezirksgericht der Stadt Sitten im Kanton Wallis die Vernichtung von sieben japanischen Elfenbeinfiguren und zwanzig Holzschnitten der Künstler Hokusai (1760 bis 1849) und Utamaro (1753 bis 1806) verfügt und ihren Besitzer den Antiquar Leopold Rey, zu einer Geldbuße verurteilt. Die Sittener Sittenrichter waren der Auffassung, daß die Kunstwerke unzüchtig seien.
Schließlich aber haben Schweizer Gerichte ein weiteres Beispiel drakonischer Kunstzensur gegeben: Nachdem die Bezirksanwaltschaft Zürich im November 1959 in einer Untersuchung gegen den Inhaber des Züricher Verlags "Die Waage", Felix M. Wiesner, die Verbrennung eines chinesischen Romans aus dem 17. Jahrhundert angeordnet hatte, wies jetzt, nach fast zweijährigem Rechtsstreit, das Schweizerische Bundesgericht die Nichtigkeitsbeschwerde des "Waage"-Verlegers Wiesner ab und bestätigte so die Züricher Verfügung.
Opfer des Autodafes, das demnächst in der städtischen Kehrichtverbrennungsanstalt von Zürich stattfinden wird, ist ein Roman mit dem Titel "Jou Pu Tuan", der gegen Ende der Ming-Dynastie entstanden ist und dem chinesischen Novellisten, Dramatiker und Essayisten Li Yü (1611 bis 1680) zugeschrieben wird. Wiesner hatte den Roman in der Übersetzung des renommierten, kürzlich verstorbenen Sinologen Franz Kuhn zum erstenmal in der westlichen Welt veröffentlicht und auch bereits ausländische Verleger gefunden, die das Buch aus dem Deutschen weiterübersetzen wollten - so die Verlage Mondadori in Mailand, Pauvert in Paris und Grove Press in New York.
Ähnlich dem Roman "Kin Ping Meh" von Wang Schi Dscheng (1526 bis 1590)
- seine deutsche Ausgabe erschien, ebenfalls in der Übersetzung von Franz Kuhn, 1930 im Insel-Verlag - schildert "Jou Pu Tuan" (zu deutsch: "Andachtsmatte aus Fleisch") die inner- und außerehelichen Praktiken eines jungen Chinesen. Der Held, ein Akademiker mit dem Beinamen "Vormitternachts-Scholar", läuft seiner Frau Edelduft davon, legt sich eine Nebenfrau namens Aroma zu und setzt später seine immer mehr sich komplizierende erotische Artistik mit vier weiteren Damen fort - bis er schließlich, von höherer Einsicht erleuchtet, die Andachtsmatte aus Fleisch mit der Andachtsmatte aus Bast vertauscht: Er bekehrt sich zum Buddhismus und wird Mönch.
Mit der Geschichte vom Vormitternachts-Scholaren und seinen sechs Frauen habe Li Yü auf ironische Weise den Sittenzerfall gegen Ende der Ming -Dynastie beschreiben wollen und so ein Abbild vom Leben im China des 17. Jahrhunderts überliefert, kommentierte Übersetzer Kuhn.
Li Yü rechtfertigte seine drastische und abwechslungsreiche Darstellung erotischer Gepflogenheiten so: "Mit der unterhaltsamen, vergnüglichen Schilderung erotischen Geschehens muß man zunächst den Leser einfangen, fesseln und in angenehme Spannung versetzen ... Später, wenn er begierig weiterliest, werden ihn auf einmal feine Nadelstiche schmerzhafter, aber heilsamer Akupunktur picken ... Reumütig wird er auf den Pfad der Vernunft zurückkehren."
Trotz solcher moralischer Tendenz hatte es Verleger Wiesner für ratsam befunden, seine Ausgabe einem breiteren Leserpublikum vorzuenthalten - um so mehr, als er dem Text 60 chinesische Holzschnitte aus dem 19. Jahrhundert beigegeben hatte, die einige Exerzitien des Vormitternachts-Scholaren zum Teil überaus deutlich illustrieren. Wiesner gab das Buch nur an Subskribenten ab, für 88 Franken.
Eine erste Auflage von 2000 Exemplaren konnte Wiesner unbehelligt an seine - zumeist deutschen - Subskribenten ausliefern. Erst Monate später gab es Schwierigkeiten, als ein Schweizer Zöllner in einem Päckchen aus Deutschland ein Exemplar des "Jou Pu Tuan" entdeckte, das von einem Bielefelder Buchhändler als beschädigt zurückgeschickt worden war.
Kurz darauf, im September 1959, beschlagnahmte die Polizei 1480 Exemplare des "Jou Pu Tuan", das Manuskript Kuhns und den gesamten Drucksatz. Eine Strafuntersuchung gegen den Verlag "Die - Waage" wurde zwar eingestellt, hingegen befand die - Bezirksanwaltschaft Zürich, "daß der unzüchtige Charakter des Buches zumindest in bezug auf die Text-Illustrationen bejaht werden muß, während hinsichtlich des Textes des Romans gesagt werden kann, daß das subjektive Moment des 'Unzüchtigen' im Hinblick auf die kulturhistorische und literarische Bedeutung des Werkes zweifelhaft erscheint". Die Bezirksanwaltschaft verfügte die Vernichtung der beschlagnahmten Bücher.
Wiesner reichte Rekurs ein und wies Gutachten prominenter Sinologen vor, die den Roman als "ein bemerkenswertes und bedeutsames Erzeugnis der chinesischen Literatur" lobten (der Münchner Sinologe Professor Herbert Franke) und das Schweizer Verbot als "glatte Kulturschande" apostrophierten (Professor Werner Speiser, Direktor des Museums für Ostasiatische Kunst der Stadt Köln).
In einem Brief an die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich bezeichnete Wiesner die Verfügung als einen "Schildbürgerstreich" und gestand sogar, "daß ich als Zürcher und Schweizer Bürger die Emigration erwäge, um mit meinem Verlag anderswo in freierer Luft meine Arbeit so fortsetzen zu können, wie ich es verantworten kann".
Aber auch Wiesners Drohung konnte die Staatsanwaltschaft nicht beeindrukken. Nach einer Bedenkzeit von immerhin acht Monaten wies sie den Rekurs "vollumfänglich" ab.
Diesem Rekurs-Entscheid hat sich jetzt auch der Kassationshof des Schweizerischen Bundesgerichts angeschlossen, Die Begründung des Urteils soll dem Verleger Wiesner erst später zugestellt werden. "Erst dann", höhnte die Baseler "National-Zeitung", "wird man in vollem Umfang gewahr werden, vor welchen furchtbaren Gefahren Vaterland, Sittlichkeit und öffentliche Ordnung errettet wurden."
"Jou Pu Tuan"-Illustration: Edelduft verboten

DER SPIEGEL 35/1961
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