23.08.1961

FERNSEHENKanäle gereinigt

Vielen Fernsehzuschauern in der Bundesrepublik steht ein entbehrungsreicher Winter bevor; sie werden wochenlang auf gewohnte Abendunterhaltung verzichten müssen.
Die drohende Bildernot ist ein Teil der Unbilden, die nach der Stockholmer Wellenkonferenz 1961 über Westdeutschlands Röhrengucker hereinbrechen. Erst in der letzten Juliwoche wurde in der Bundesrepublik bekannt, was im Mai und Juni Delegierte aus 38 Ländern - einschließlich der Bundesrepublik - im unterirdischen Kongreßsaal des Stockholmer Hotels Malmen ausgeheckt hatten. Die Wellenkonferenz beschloß, daß
- Frequenzen im UHF-Bereich geändert und
- die TV-Kanäle umbenannt werden
müßten.
Die Folgen für Westdeutschlands Fernseher:
- Zehntausende TV-Teilnehmer müssen sich neue Antennen zulegen oder die alten umbauen lassen.
- Auf rund einer Million Fernsehgeräten, die zum Empfang auch des Zweiten Programms hergerichtet sind, werden die Kanalbezeichnungen demnächst nicht mehr stimmen.
"Ich möchte es ehrlich sagen", wetterte der Präsident des Deutschen Radio- und Fernseh-Fachverbands in Köln, Carl Pfister, "das ist eine böse Überraschung."
"Bei den Vorbesprechungen zur Stockholmer Wellenkonferenz", so erläuterte der Leiter der bundesdeutschen Delegation, der Ministerialrat im Bundespostministerium Hans Pressler, die Änderung der Kanal-Bezeichnungen, "stellte sich heraus, daß der eine als 'Kanal 17' bezeichnete, was der andere 'Kanal 14' nannte und was für den dritten der 'Kanal 18' war." Daraufhin hätten sich alle Delegationen geeinigt, die Kanäle nach einem einheitlichen System zu benennen: Die Kanäle für das Zweite Programm im UHF-Bereich zählen künftig nicht - wie bisher - ab 14, sondern beginnen mit der Zahl 21. Pressler: "Eine furchtbar dumme Sache, die technisch nicht weiter von Bedeutung ist."
Fachhändler-Präsident Pfister beteuerte denn auch, daß "wir uns nicht nur wegen der neuen Zählweise, sondern mehr noch wegen der zahlreichen Frequenzänderungen für die deutschen UHF-Sender Sorgen machen". Erst im vergangenen Sommer nämlich hatten Bundespost- und Bundeswirtschaftsministerium in der Absicht, möglichst viele Bundesbürger von Neujahr an mit dem Programm des (später verbotenen) "Deutschland-Fernsehens" zu berieseln, die Elektro-Industrie zur Massenproduktion von sogenannten Gruppenantennen ermuntert, die zwar für die Lieferung eines zeilenreinen Kanzler-Bildes bis zu den Bundestagswahlen, nicht aber für einen störungsfreien Empfang auch im Falle wesentlicher Frequenzänderungen geeignet waren.
Diese Gruppenantennen, die den Fernsehteilnehmern von der Bundespost angepriesen und die deshalb auch meist gekauft wurden, ermöglichen in der Regel nur den Empfang auf fünf bis sieben verschiedenen Kanälen - im Gegensatz zu den damals vernachlässigten Breitbandantennen, mit denen zwar der Empfang auf den einzelnen Kanälen etwas schwächer, dafür aber auf 17 und mehr Kanälen wahlweise möglich ist.
Nachdem die Bundespost, den Einbau von Gruppenantennen propagiert hatte, schickte sie ihre Delegierten mit dem Auftrag nach Stockholm, sich möglichst um eine Änderung der selbstgewählten Frequenzen für das zweite bundesdeutsche Programm herumzudrücken. Das Ergebnis solcher Bemühungen blieb mager: Nur neun der 42 UHF-Sender im Bundesgebiet, von denen 13 das Erste, die übrigen das Zweite Programm ausstrahlen, werden auf ihren alten Kanälen weiterarbeiten können.
Über das Ausmaß des Debakels gehen die Meinungen freilich auseinander. Einigkeit herrscht bislang nur in einem Punkt: Bei rund 12 000 Gemeinschaftsantennen werden die eingebauten Verstärker oder Umsetzer erneuert oder geändert werden müssen.
Die Besitzer von Einzelantennen (fast ausschließlich Gruppenantennen) beruhigte die Bundespost unterdessen mit der Versicherung, daß nur 1,5 Prozent der Einzelantennen, etwa 65 000 Stück, nach der Umstellung unbrauchbar würden. Dazu Ministerialrat Pressler: "Es wird sich herausstellen, daß man mit mancher Sieben-Kanal-Antenne auch 14 Kanäle empfangen kann."
Radiohändler-Präsident Pfister äußerte sich sehr viel skeptischer. "Die Industrie hat das schon alles ausprobiert. Die Gruppenantennen werden bei einer Frequenz-Änderung eines Senders etwa um neun Kanäle grundsätzlich unbrauchbar."
Auch beim Hessischen Rundfunk teilt man den Bonner Optimismus nicht. Nach Frankfurter Berechnungen werden allein in Hessen 30 000 von insgesamt 100 000 Teilnehmern des Zweiten Programms ihre Antennen auswechseln oder ändern lassen müssen.
Zehntausende Fernsehteilnehmer in der Bundesrepublik werden daher tage- oder wochenlang auf das Zweite Programm verzichten müssen. Wo auch die Frequenz des Senders für das Erste Programm geändert wird, sind die TV -Kunden gezwungen, ihr Gerät eine Zeitlang ganz stillzulegen: die Fernseher mit Gemeinschaftsantennen, weil die jetzt noch in Gebrauch befindlichen Umsetzer und Verstärker zum Umbau an die Herstellerfirmen eingesandt werden müssen; die Besitzer von Einzelantennen, weil der Fachhandel nicht allen gleichzeitig am Tage der Umstellung eine neue Antenne aufs Dach setzen kann.
Dabei hätte die unbequeme und kostspielige Umstellung möglicherweise vermieden werden können. "Wir trugen einen Frequenzplan für ganz Europa in der Tasche", erklärte Delegationsleiter Pressler, "der davon ausging, daß sich an den Frequenzen ... in der Bundesrepublik nichts ändert." Auf der Konferenz kamen der deutschen Delegation jedoch Bedenken, "daß die Leute sagen, die Deutschen seien wieder mal führend" (Pressler). Der Plan blieb in der Tasche.
Als Verhandlungsgrundlage diente ein Plan, den die Ostblockstaaten gemeinsam vorgelegt hatten.
TV-Konferenz (in Stockholm) Antennen veraltet

DER SPIEGEL 35/1961
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