23.08.1961

MEDIZINMeistens montags

Montags grassiert der Herzinfarkt. Mehr als in jeder anderen 24-Stunden-Spanne sind herzlabile Menschen am ersten Tag der Woche vom Infarkt bedroht.
Dieses medizinische Phänomen ergibt sich aus der umfänglichsten Herzinfarkt-Statistik, die in Deutschland je erarbeitet worden ist. Von insgesamt 69 deutschen Kliniken und Krankenanstalten ergatterte der "Verband der Lebensversicherungsunternehmen e.V." ein "Beobachtungsgut, das in der medizinischen Literatur bisher nicht zur Verfügung stand": Angaben über 18 000 Infarkt-Fälle.
Die Ergebnisse der statistischen Untersuchung, die demnächst in der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift" veröffentlicht werden sollen, sind in gleicher Weise geeignet, landläufige Erfahrungen zu bestätigen wie vermeintlich gesicherte Erkenntnisse zu erschüttern. So bestätigte sich, daß der Herzinfarkt
- vorwiegend eine Erkrankung des männlichen Geschlechts ist ("Von den rund 18 000 Patienten waren 76 Prozent Männer und nur 24 Prozent Frauen");
- vorwiegend ältere Menschen bedroht ("Bei den Männern sind die Altersgruppen bis zum 39. Lebensjahr nur mit 1,8 Prozent an der Gesamtzahl der Herzinfarkte beteiligt. Danach erfolgt ein steiler Anstieg, der bei den 55 bis 59jährigen mit 19 Prozent den Höchstwert erreicht");
- die Frauen zu einem späteren Zeitpunkt bedroht als die Männer ("Der prozentuale Gipfel der Herzinfarkte der Frauen liegt in der Altersgruppe 65 bis 69, also ein volles Jahrzehnt später als bei den Männern").
Als unhaltbar erwies sich jedoch die zumindest unter Laien gängige Version, der Herzinfarkt trete gewöhnlich ohne Vorboten auf. Die Untersuchung der Versicherungsleute erbrachte vielmehr, daß ein sehr hoher Prozentsatz der kranken schon vor dem Infarkt an Herz- und Kreislaufstörungen gelitten hatte.
Zerstört wurde auch die Legende, daß vornehmlich Manager vom Herzinfarkt bedroht seien. Die Versicherer versicherten: "Die Berufskreise, die den Typ des Managers verkörpern und die durch die überdimensionalen Todesanzeigen in der Presse optisch am stärksten in Erscheinung treten, weisen keineswegs eine überdurchschnittliche Sterblichkeit auf."
Hingegen sind aufgrund der statistischen Ermittlungen die Angestellten und Beamten, die Akademiker und die "Alkohol-Berufe" der stärksten Gefährdung ausgesetzt. Aus der Gruppe der "nichthandarbeitenden Berufe" rekrutiert sich über die Hälfte aller erfaßten Infarkt-Fälle; der Anteil der Arbeiter aus Industrie und Bergbau beträgt hingegen nur etwa 20 Prozent.
Bei der zeitlichen Aufschlüsselung der Infarkt-Fälle stellten die Medizin -Statistiker fest, daß der Januar der infarktreichste, der Juli der infarktärmste Monat ist. Als infarktärmster Wochentag entpuppte sich der Sonntag. Die relativ meisten Infarkt-Erkrankungen wurden montags registriert.
"Der Übergang vom Sonntag zum Alltag", verlautbarten die Versicherungsleute, "erweist sich um so verhängnisvoller, je älter die Patienten sind. Vermutlich ist dabei auch die stärkere Belastung mit fettreichen und größeren Mahlzeiten und Genußgiften am vorausgegangenen Sonntag von Bedeutung."
Auch Feste feiern ist nicht ungefährlich: An Geburtstagen sind mehr Herzinfarkte zu verzeichnen als an den drei jeweils voraufgehenden und nachfolgenden Tagen. Das gilt, wie die Statistiker ermittelten, "besonders bei den Frauen".

DER SPIEGEL 35/1961
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