30.08.1961

KANZLER-BESUCHKeen Willy drin

Zaghaft zupfte Franz Amrehn, CDU -Bürgermeister von Berlin und Stellvertreter Willy Brandts, seinen Kanzler und Parteichef am Ärmel.
Amrehn, sonst eher schüchtern und auf Distanz bedacht, wagte die respektlose Geste, um den Blick des Berlin -Besuchers Konrad Adenauer von zwei Transparenten abzulenken, mit denen eine kleine Schar Berliner zur Begrüßung des betagten Siebengebirglers am Tor 9 des Flughafens Tempelhof aufmarschiert war.
Willkommenspruch eins lautete: "Hurra, der Retter ist schon da." Spruch zwei monierte lakonisch: "Zu spät."
Derart unverhohlen bekundeten nicht nur Anhänger des sozialdemokratischen Kanzler-Kandidaten Willy Brandt dem Bonner Regierungschef, daß sie seinen Besuch neun Tage nach Ulbrichts Abschnür-Aktion keineswegs für zeitig hielten. Berlin hatte sich zu einem kühlen Empfang gerüstet.
Punkt elf Uhr war Konrad Adenauer in einer Super-Constellation der amerikanischen Luftwaffe - Mietpreis: 600 Mark pro Stunde - auf dem Tempelhofer Flugfeld niedergegangen. Weder Kanzler noch Kanzler-Aspirant vermochten sich das vom Protokoll für Staatsvisiten verordnete unverbindliche Lächeln abzuringen: Mit verkniffenen Gesichtern reichten die Rivalen einander die Hand.
Tuschelten Journalisten: "Jetzt hat er sicher 'Tag, Herr Frahm' gesagt."
Die auf dem Flugplatz aufgebauten Lautsprecher hatten wenige Tage zuvor, bei der Ansprache des moralischen Aufrüsters Johnson, noch einwandfrei funktioniert. Am 22. August versagten sie den Dienst gerade in dem Augenblick, als der Kanzler zu seiner Begrüßungsansprache anhob.
Von der Mehrheit der aus aller Welt nach Berlin geströmten Journalisten ungehört, tat Adenauer sein Rezept für die Lösung der Berlin-Frage kund. Sprach der Kanzler: "Wir müssen ein heißes Herz und einen kühlen Verstand bewahren."
Obschon Presse und Funk die Fahrtroute auf ausdrücklichen Wunsch des Bundeskanzleramts öffentlich bekanntgegeben hatten und die Berliner für US -Vizepräsident Lyndon B. Johnson noch zu Hunderttausenden auf die Straßen geströmt waren, fanden sich zum Empfang des Kanzlers vornehmlich Grüppchen betagter CDU-Wähler, zumeist weiblichen Geschlechts, an den Straßenkreuzungen ein.
Nur vor dem Flüchtlingslager Marienfelde harrten einige Tausende geduldig des Mannes vom Rhein. Aber selbst hier hatten sich zornige Berliner unter die Menge gemischt. Mit einem Knüttel -Vers - "Weil so wichtig für ihn die Wahl, ist Berlin für ihn 'ne Qual" - bescheinigten sie dem hohen Gast wiederum den Unmut der Volksseele. Zaghaften Protesten gegen dieses Transparent gab die von SPD-Innensenator Lipschitz kommandierte Polizei nicht statt. Das Schild blieb hängen.
Nicht minder gut präpariert als Westberlins Kanzler-Gegner sahen Ulbrichts Grenzwächter der Staatsvisite am Brandenburger Tor und am Potsdamer Platz entgegen. Kaum war Konrad Adenauer dem vom Berliner Senat eigens für ihn gemieteten Mercedes 300 entstiegen, ertönte jenseits der Betonmauer das Kommando: "Band ab!"
Ein Lautsprecherwagen des sowjetzonalen Rundfunks teilte dem 85jährigen Chef des westdeutschen Teilstaats mit, er möge sich das Ergebnis seiner Politik nur möglichst genau betrachten.
Dröhnten Ulbrichts Propagandisten vom Tonband: "Entscheiden Sie sich, Herr Adenauer. Sie haben mit Brandt zusammen die Westberliner Karre in den Dreck gefahren."
Adenauer-Begleiter Lemmer betätigte sich unterdes als Kulissenschieber für das am Potsdamer Platz aufgefahrene Kamera-Team des Zonen-Fernsehens.
Der Minister zur Kanzler-Suite: "Macht doch endlich Platz, damit das Ostfernsehen auch etwas mitbekommt." Der gesamtdeutsche Lemmer zog ein blütenweißes Taschentuch aus der Brusttasche und winkte den östlichen Kameraleuten zu.
Kommentar eines Berliners, der sich zu Ehren der Bonner Inspektionsgruppe eingefunden hatte: "Halt, noch nicht ergeben!"
Dann wurde es dramatisch: Ein volksdemokratischer Wasserwerfer schwenkte sein Rohr hin und her. Dazu krächzte der SED-Lautsprecher: "Ja, ja, lieber Conny, hier hat schon ein anderer in den Teppich gebissen." Adenauer. "Hören Se sich dat mal an, meine Herren!"
Angeführt von Westberlins Polizei -Kommandeur Duensing - genannt Generalissimus Tschiang Duen-sing -, begab sich die Kanzler-Kolonne zum Brandenburger Tor, um die gesamtdeutsche Misere am Plaketten-Symbol der deutschen Einheit zu studieren.
Kaum hatten Ulbrichts Späher die anrückende Karawane auf der Straße des 17. Juni ausgemacht, setzten sie wiederum das Tonband in Bewegung. Diesmal hielten Albert Nordens Propaganda-Experten einen Schlager bereit, den Textdichter Rudi Stahl der am 13. August veränderten Situation innerhalb Groß -Berlins angepaßt hatte: "Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf."
Sang Ulbricht-Tenor Günter Haack: "Auch in Bonn Willy Brandt keine Hilfe nicht fand. Konrad rief ihm nur zu: 'Wahl auch du CDU'."
War dieser Text mehr auf Willy Brandt - Haack: "Klappe zu, Affe tot" - gemünzt denn auf den Gast vom Rhein, konnte sich Konrad Adenauer dennoch direkt angesprochen fühlen, als aus den Lautsprechern jenseits der Grenze der Refrain erklang: "Da sprach der alte Häuptling der Indianer
Im traditionell sozialdemokratisch wählenden Nordberliner Arbeiterbezirk Wedding hatten sich wiederum Kanzlergegner diesseits der Sektorengrenze zusammengerottet und empfingen den verblüfften Regierungschef mit dem Ruf: "Willy, Willy!"
Es dauerte einige Zeit, bis die Berliner entdeckten, daß ihr Favorit zum erstenmal seit Übernahme seines Amtes als Regierender Bürgermeister von Berlin den Kanzler nicht auf seiner Fahrt begleitete.
Trompetete ein Berliner Steppke: "Kiek mal, keen Willy drin."
Während Bewohner des Ostsektors verstohlen aus den Fenstern der Mietshäuser an der Stacheldraht-Grenze winkten, drohten Volkspolizisten hinter der Betonmauer an der Ecke Bernauer- und Brunnenstraße dem Kanzler mit geballter Faust. Adenauer: "Ich bin über dies alles zutiefst traurig, weil so etwas mitten in Deutschland passieren kann."
Wortlos, ohne noch einmal zurückzuwinken, verschwand Konrad Adenauer um 19.00 Uhr wieder in der amerikanischen Militärmaschine.
Es war, wie er auf einer Pressekonferenz im Berliner "Haus der Kaufleute" erklärt hatte, ein "bis auf wenige Ausnahmen freundlicher Empfang" gewesen.
Süddeutsche Zeitung
"Nur immer frisch und frahm, mein lieber Willy ..."

DER SPIEGEL 36/1961
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Keen Willy drin

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