30.08.1961

ISRAEL / EICHMANN-PROZESSDas Labyrinth

Rechtsanwalt Servatius blickte noch einmal auf das Sicherheitsschloß, dann machte er wütend vor der Zellentür seines Mandanten kehrt.
Der israelische Polizeioffizier stammelte eine Entschuldigung: Ein Filmreporter der amerikanischen "Capital Cities Broadcasting Corporation" (die laut Exklusivvertrag die Film- und Fernsehrechte am Eichmann-Prozeß besitzt) habe auf mysteriöse Weise die drei polizeilichen Sperr-Ringe durchbrochen und dann am Zellenschloß des bestgehüteten Mannes der Welt herumgefingert. Dabei sei der Schlüssel abgebrochen.
Der Anwalt wartete ungeduldig. Auf dem Flughafen Lod wurden bereits die Motoren der Maschine angewärmt, die Dr. Robert Servatius ("Ich lebte in Jerusalem wie ein Mönch") an den Rhein zurückbringen sollte. Doch der herbeibefohlene Spezialist für Sicherheitsschlösser kam nicht.
So blieb die einzige Frage unbeantwortet, die sich der Angeklagte Adolf Eichmann, 55, ehedem SS-Obersturmbannführer und Judenreferent im Reichssicherheitshauptamt, für das letzte Zusammensein mit seinem Verteidiger zurechtgelegt hatte: Was erwartet mich - Freiheit oder Galgen?
So töricht zu fragen, fand sich der Gehilfe der "Endlösung" durch das Plädoyer seines Rechtsbeistands ermutigt, der in der 387. und letzten Stunde des Jerusalemer Monsterprozesses ein salomonisches,Urteil gefordert und den drei jüdischen Richtern zugerufen hatte:
"Der Grundsatz aller Staaten ist: Vertrauen zur Führung. Die Tat ist stumm und der Gehorsam blind. Das sind Tugenden, auf die der Staat allein bauen kann. Ob diese Tugend belohnt wird, hängt vom Erfolg der Politik ab. War die Politik erfolglos, so gilt der Befehl dem Sieger als Verbrechen. Der Gehorchende hat Unglück, er hat für seine Treue zu büßen. Galgen oder Orden - das ist hier die Frage."
Der unbequemen Antwort an seihen Mandanten enthoben, verließ Servatius am 14. August das Jerusalemer Gerichtsgebäude, in dem in 114 Sitzungen 1 250 000 Wörter über die - dem düstersten Kapitel der Zeitgeschichte angehörenden - Untaten des Angeklagten gewechselt worden waren.
Dieses dunkle, halb vergessene Kapitel noch einmal ins helle Licht der Gegenwart zu rücken, schien den Iraelis eigentlicher Zweck dieses Prozesses, während Eichmann-Verteidiger Servatius noch am 75. Verhandlungstag behauptete: "Dies ist der ungeeigneteste Ort zur Erforschung der geschichtlichen Wahrheit."
Israel hingegen hatte Eichmann aus der argentinischen Anonymität ans Licht gezogen, um gerade an ihm, diesem berüchtigten Judenkommissar Hitlers, ein historisches Exempel zu statuieren.
Für die Israelis war dieser Prozeß eine historische Notwendigkeit, nachdem - so formulierte Robert Kempner, ehedem US-Ankläger vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg - ihr 1948 gegründeter Staat im
höheren Sinne legitimer Erbe der Millionen umgekommener Juden war.
Vor dem Nürnberger Militärgericht fehlte 1945 nach israelischer Meinung die Schlüsselfigur für einen spezifischen Judenmord-Prozeß. Die gerichtliche Klärung konnte erst beginnen, als sich Eichmann in israelischem Gewahrsam befand.
Systematisch wurde die Weltöffentlichkeit auf den "historischen Prozeß" vorbereitet. Folgerichtig verkündete die Züricher "Weltwoche" zur Eröffnungsstunde: "Eichmann - der Prozeß des Jahrhunderts". Dahinter verblaßten Stalins Monsterprozesse gegen die trotzkistische Opposition. Selbst der bisherige Jahrhundertprozeß vor dem Nürnberger Militärtribunal rückte in den Hintergrund.
Im fünften Stockwerk des Haifaer Polizeiamts sammelten sich die Beweismaterialien. Aus den Archiven Londons, Amsterdams, Jerusalems und Washingtons kamen Berge von Akten; sie wuchsen trotz der Weigerung des Ostblocks, den Israelis mit Dokumenten behilflich zu sein.
Den Hauptanteil trug Eichmann selbst bei. Sein Vernehmer Less veranstaltete mit ihm im Zigarettendunst ein eindringliches "Zwieverhör und Kreuzgespräch", das schließlich 74 Tonbänder und 3564 von Eichmann handsignierte Folioblätter füllte.
Um "Addi" (so nennt ihn sein Wachkommando) für den Monsterprozeß fit zu machen, lieferten ihm Israels Juristen spezielle Freizeitliteratur: die Bücher von Poliakov-Wulf, Joel Brand und "Die Endlösung" des britischen Historikers Gerald R. Reitlinger.
Eichmanns intensive Studien galten indes nicht der historischen Wahrheit. Ihm ging es darum, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
Historiker Reitlinger schien einen Ausweg anzudeuten. "Das Nürnberger Gericht war nie in der Lage", so resümierte der Autor der "Endlösung", "die Unterschiede zwischen der Sicherheitspolizei und dem SD einerseits und den verschiedenen Verzweigungen des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) klar herauszuarbeiten. Sie verloren sich alle in dem für diese Zwecke unerläßlichen Labyrinth einer offiziell mit der Ausführung von Massenmord betrauten Organisation."
Am 11. April, 9.02 Uhr, war es dann soweit. In der trapezförmigen, kugelsicheren Glaszelle umkrampften Eichmanns Hände die hölzerne Schreibplatte, als er aus dem Munde des Gerichtspräsidenten Mosche Landau die Anklage hörte.
Die 15 Anklagepunkte - von dem Generalstaatsanwalt Israels, Gideon Hausner, formuliert - machten diesen einen Mann zum Verbrecher gegen das jüdische Volk, gegen die Menschheit, gegen Polen, Ungarn, Jugoslawien, Lidice-Kinder, Zigeuner. Er hatte - laut Anklage - "zusammen mit anderen" die Vernichtung in Konzentrationslagern verwirklicht, im Einvernehmen mit den Einsatzkommandos Sterilisierung, Versklavung, Vergasung betrieben und war als Mitglied verbrecherischer Organisationen zum schlimmsten Völkermörder der Weltgeschichte geworden.
Eichmann als einmaliges Monstrum und zugleich als Teil der Vernichtungsmaschinerie, der endlich sichtbar gewordene Schattenangeklagte von Nürnberg und die einst in Nürnberg Verurteilten als Schattenangeklagte neben ihm - das waren fortan die zwei Geleise, auf denen der Prozeß rangierte. Seine Richter hatten nicht nur über den Angeklagten selbst zu richten; ihr Spruch sollte auch den Nationalsozialismus, den Antisemitismus insgesamt treffen, oder - wie Servatius sagte - "das Krankheitsbild der Welt".
Als Generalstaatsanwalt Hausner zur Beweisaufnahme schritt, hatten die Historiker den Juristen bereits den Weg vorgezeichnet. Rund 145 Schriften der Nachkriegszeit befaßten sich mit der Endlösung der Judenfrage. Allein Poliakov-Wulf und Reitlinger hatten 1155 Buchseiten mit Dokumenten und Berichten gefüllt.
Schon vor acht Jahren, als Eichmann noch unentdeckt in Südamerika lebte, war er vor der Weltöffentlichkeit zur Schlüsselfigur der Endlösung erhoben worden. Gängige Buchtitel hatten ihn zum "Techniker des Todes" (Philip Panet) und zum "Henker von Millionen" (Quentin Reynolds) gemacht.
Die Prozeßgeleise waren also längst gelegt. Halb war es die Robe des Generalstaatsanwalts, die Gideon Hausner trug, halb die Toga des Geschichtsanalytikers, wenn aus ihrem schwarzen Ärmel die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger in Richtung der Glaszelle hervorschoß und der Chefankläger sein "J'accuse" gegen den Angeklagten schleuderte.
Auch Hausner kannte Reitlingers "Endlösung" und die Protokolle des Nürnberger Tribunals. Deshalb gestand er schon kurz nach Beginn seiner Anklagerede: "Auch in den Nürnberger Prozessen fanden die Richter interessante Formulierungen, aber man kann wohl schwer sagen, daß sie eine volle befriedigende Antwort gegeben hätten."
Vielleicht sah der Ankläger schon damals die Lawine des Nichtzubewältigenden, als er dem Gericht prophezeite: "Ich fürchte, in dem gegenwärtigen Strafverfahren wird es uns nicht gelingen, die Wurzel des Übels völlig bloßzulegen. Wir müssen versuchen, das verständlich zu machen, was vielleicht den Rahmen menschlicher Logik sprengt."
Sehr rasch geriet Hausner in das Labyrinth der Hitler-Apparatur und versuchte deshalb, auf das andere, eigentliche Geleise des Prozesses hinüberzuwechseln: "Dieses gegenwärtige Verfahren ist nicht das Forum zur Erörterung der tragischen Probleme, die dem Historiker der großen Katastrophe überlassen bleiben soll. In diesem Verfahren ist über Adolf Eichmann zu urteilen."
Aufgebauter Eichmann, verkleinerter Eichmann - das war fortan das Wechselspiel, an dem alle teilnahmen, Hausner und Servatius, Zeugen, Israels arabische Feinde, Historiker, Neonazis, Photographen, Karikaturisten.
Eichmanns ehemaliger Assistent Dieter Wisliceny hatte vor dem Gang zum Galgen bezeugt: "Durch Görings Anordnung wuchs Eichmanns Machtstellung ungeheuer. Auf Grund dieser Anordnung aus dem Sommer 1941 konnte er die Maßnahmen aller Minister und sonstigen Regierungsbehörden außer Kraft setzen und umgehen."
Dagegen Eichmann: "Ich war nur ein winziges Schräubchen."
Und der memoirenschreibende Auschwitz-Kommandant Höß: "Eichmann war ganz besessen von seiner Aufgabe, auch sicher davon, daß die Vernichtung (der Juden) nötig sei."
Servatius: "Nein, nur hilfloses Werkzeug in der Hand anderer, Größerer ..."
Hausner zitierte den Göring-Befehl vom 31. Juli 1941: "Ich beauftrage Sie (Reinhard Heydrich, den damaligen Chef der Sicherheitspolizei und des SD), alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für die Gesamtlösung der Judenfrage in Europa."
Und der Chefankläger folgerte: "Heydrich ernannte für die Planung und Ausführung der Endlösung einen grausamen und fanatischen Menschen, voll Haß und Bosheit - diesen Eichmann hier."
Danach war Eichmann die Schlüsselfigur im kafkaesken Labyrinth.
Der Generalstaatsanwalt versprach: "Wir werden beweisen, daß er (Eichmann) mit seinen Handlungen Verbrechen gegen das jüdische Volk und gegen die Angehörigen aller Völker begangen hat."
Doch später erschrak er vor dem Monsterbau seiner Anklage: "Ich fürchte, daß es uns selbst nach Vorlage des gesamten Materials und aller uns zur Verfügung stehenden Beweise nicht gelingen kann, ein adäquates Bild der ungeheuren menschlichen und nationalen Tragödie zu entwerfen, die die Juden dieser Generation heimgesucht hat."
Diabolisches geschah in den folgenden 65 Prozeßtagen: 111 Zeugen arbeiteten für den Ankläger und taten dasselbe für den Mann in der Glaszelle. In ihren Berichten von Deportationen und Folterungen, vom Sprung in die Todesgrube und der Rückkehr aus ihr, von Genickschüssen, Gaskammern und Krematorien enthüllten sie Ungeheuerliches, Grauenvolles, Unglaubliches.
Mit Volldampf bewegte sich der Prozeß auf dem Geleise der Historie. Aber wo war er damals, der Angeklagte Eichmann?
Wenige wußten von einer Begegnung mit ihm zu erzählen; sie sahen ihn in Wien, in Prag und Berlin, ehe noch die Todestransporte durch Europa rollten.
Sein Name, sein Schatten war überall, so hieß es; die Dokumente mit seiner Unterschrift türmten sich auf dem Richtertisch.
Der deutsche Propst Grüber sagte von ihm in Jerusalem: "Eichmann war ein Marmorblock, ein Eisblock, ein trauriges SymboL.
Doch die drei Richter wollten kein Symbol richten, sondern den sichtbar vor ihnen sitzenden Angeklagten.
Keiner hatte ihn jedoch bei den Deportationszügen gesehen, keiner bei den SS-Einsatzgruppen am Rande der Totengruben.
Die Akten der Hitlerjahre sprachen eine eigene Sprache; viele trugen seine Unterschrift bis in die entlegensten Winkel Nazi-Europas.
Doch Augenzeugen waren spärlich, mit Ausnahme des Ehepaars Hansi und Joel Brand; ihm bot Eichmann eine Million Juden zum Tausch an.
"Blut für Ware - Ware für Blut", rief er. Den Brands prophezeite der Endlöser: "Sonst lasse ich die Mühlen von Auschwitz weiterlaufen." Entschuldigte sich Eichmann gegenüber dem israelischen Vernehmungsoffizier Less: "Nur meine Prahlsucht. Irgendwie in der Sucht, in der Sucht an alles heranzukommen, bin ich auch hier übers Ziel geschossen."
Hatte auch Eichmann, so fragte sich die Staatsanwaltschaft, seinen Geltungstrieb an den zum Untergang bestimmten Juden befriedigt?
Auschwitz-KZ-Chef Höß prahlte schriftlich damit, zweieinhalb Millionen Juden getötet zu haben. Eichmann rühmte sich vor dem SS-Sturmbannführer und Referenten im Reichssicherheitshauptamt Dr. Wilhelm Höttl (heute Schuldirektor in Aussee), fünf Millionen vernichtet zu haben. Peinlich für den Prahler, wenn er ertappt wird, aber kein Grund für die Richter, daraus juristisch einen Strick zu drehen.
Wen die Historie der Judenvernichtung interessierte, der sah mit der Zeugenvernehmung bereits den Zweck des Prozesses erreicht: Zum erstenmal war die Endlösung unverblümt in das Buch der Geschichte eingeschrieben.
Israels Premier Ben-Gurion zeigte sich befriedigt: "Das Schicksal Adolf Eichmanns ist mir völlig gleichgültig, mich interessiert die Offenbarung dieses Prozesses für die Zukunft."
Adolf Eichmann, der Buchhalter der Massenvernichtung, Interessierte sich hingegen nicht für Offenbarungen, sondern für sein eigenes Schicksal. Gemeinsam mit seinem Verteidiger Servatius trat er eine fünfundachtzigstündige Kreuzfahrt in das Kompetenz-Labyrinth des versunkenen Dritten Reiches an. Keiner der Ankläger vermochte ihm dabei zu folgen.
Hauptankläger Hausner, seit seinem elften Lebensjahr in Israel, hatte erst im März 1960 mit den Vorbereitungen für den Prozeß seines Lebens begonnen. Der assistierende Staatsanwalt Bar-Or hatte im Gericht zu Tel Aviv anderes betrieben, als Hitlers Verwaltungschaos zu studieren. Gabriel Bach, der dritte Anklagevertreter, wußte aus seiner Kindheitserinnerung lediglich, daß im Berliner Tiergarten gelbe Bänke standen mit der Aufschrift "Nur für Juden".
Am 20. Juni begann Dr. Servatius die Reise ins nazihistorische Höhlengewirr: "Wenn der Angeklagte schuldig ist, so sind die Urheber, die in den hohen Ämtern saßen, schuldiger. Er gehörte nicht zu der politischen Führungsschicht der Befehlsgeber. Er war ein Befehlsempfänger der unteren Stufe."
Adolf, der in Hitlers Reich arrivierte Sprößling des Solinger Straßenbahn -Buchhalters Karl Eichmann, unterstützte seinen Verteidiger nach Kräften. Immer wieder mußte Gerichtsdiener Schamasch von Eichmann fabrizierte Skizzen zum Richtertisch tragen, darunter den Geschäftsverteilungsplan des Reichssicherheitshauptamts, den der Angeklagte im Dialog mit Servatius genüßlich verundeutlichte.
Servatius: "Herr Zeuge, das ist der Verteilungsplan vom 12. April 1940. Bitte die vorletzte Seite aufschlagen, dort ist die Abteilung IV D genannt, das ist die spätere Abteilung IV B?"
Eichmann: "Jawohl, hier wurde das Sonderreferat mit Wirkung vom 5. Februar 1940 in das planmäßige Gefüge des Referataufbaus des Amtes IV oder des Geheimen Staatspolizeiamtes, wie es genannt wurde, als IV B 4 eingefügt ... Wenn ich vorher sagte, daß, wenn das Dezernat IV B 4 nur für das Amt IV zuständig war, so finden meine Bemerkungen ihre Erhärtung auf Seite 8 in der tabellenmäßig sachlichen Verteilung des Amtes der Gruppe IIa, und zwar einmal IIa Gesetzgebung; diesem Dezernat Angehörige befinden sich hier in einer Reihe von Dokumenten verzeichnet. Ferner hat das Dezernat IIa die Feststellung der Staatsfeindlichkeit, die Einziehung staatsfeindlichen Vermögens und Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit, also Sachgebiete, die zur Zeit noch beim Amt II behandelt wurden. Späterhin wurden in einem anderen Geschäftsverteilungsplan mir diese Sachgebiete noch In meinem Dezernat einverleibt. Sie wurden also langere Zeit durch ein ganz anderes Amt als IV bearbeitet."
Das also war es, das unerforschbare bürokratische Labyrinth.
Protestierte Gerichtsvorsitzender Landau nach einem 190 Worte langen Satz Eichmanns: "Ich möchte dem Angeklagten sagen, Stil ist Sache eigener Angelegenheit. Wenn wir ihn aber verstehen wollen, und ich spreche auch im Namen meiner Richter, muß er kürzere Sätze verwenden, sonst können wir die Sache leider nicht verstehen."
Geschickt gehandhabte Unverständlichkeit ist auch eine Taktik; Verteidiger Servatius benutzte sie.
Servatius: "Zu dem Abschnitt Holland überreiche ich eine Skizze, die der Angeklagte hier vor einiger Zeit gezeichnet hat. Die Linien sind weniger bedeutsam, da sie zu einem Text gehören und so schlecht verständlich sind, aber es gibt doch einen Überblick über die Dienststellen mit Namen ..."
Die Endlösung der Judenfrage verlor sich auf diese Weise bald in einem Spinnennetz; seine Fäden führten kreuz und quer von Amt zu Amt, von Ribbentrop zu Keitel, von Himmler zu Göring - Eichmann wurde immer unsichtbarer.
"Er war die Spinne, welche die Fäden zog", behaupteten selbst die von Servatius aufgerufenen Entlastungszeugen.
Generalstaatsanwalt Hausner stürzte in dieses Spinnennetz hinein; er versuchte es zu entwirren, seine Fäden zu zerreißen, um endlich wieder die Verbindung zwischen der Anklage und dem Angeklagten herzustellen.
Immerhin hatte Eichmann im Kreuzverhör bekannt: Er lenkte die Judentransporte durch Europa in Richtung Osten - nur dies, nicht mehr als dies.
Vom österreichischen Aussee her bekräftigte Zeuge Höttl: "Eichmann war der Spediteur zum Tode."
Doch Hausner wollte keinen "Speditionsprozeß", er wollte den Prozeß der Endlösung. "Ich stehe nicht allein", schrie er, "mit mir klagen sechs Millionen Tote an!"
Aber die Toten hatten zumeist im Osten gelitten. Und Bürokrat Eichmann triumphierte: "Der Osten? Der unterstand überhaupt nicht dem Geschäftsbereich meines Referates IV B 4. Hier bitte, der Geschäftsverteilungsplan beweist es."
Im Pressesaal des Jerusalemer Gerichtsgebäudes skizzierte der Ludwigsburger Staatsanwalt Zeug aus dem Gedächtnis einen Geschäftsverteilungsplan der Endlösung: Eine Linie führte von Reichsführer SS Himmler zu Gestapo-Chef Müller und zu Eichmann, eine andere Linie von Hitler zu Krüger und Globocnik*.
Eichmann transportierte, Globocnik und Krüger vernichteten. Doch zur Wannsee-Konferenz über die Judenvernichtung lud Eichmann "im Auftrage" ein. Danach verfaßte er das Wannsee-Protokoll der Endlösung - ebenfalls "im Auftrage".
Die Welt hatte Eichmann als "Endlöser" gebrandmarkt, die Anklage wirft Eichmann die Tötung von Millionen Juden vor, er selbst war fünf- bis sechsmal im Vernichtungslager Auschwitz.
Seine Entschuldigung: "Ich hatte nur befehlsgemäß Bericht zu erstatten." Der Geschäftsverteilungsplan zeigt keine Querlinien von Eichmann zu Globocnik oder Krüger.
Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß proklamierte der britische Hauptankläger Sir Hartley Shawcross: "Je entsetzlicher die Greueltaten sind, die kommende Geschlechter bezweifeln könnten, um so vollkommener muß die richterliche Objektivität des Gerichtshofes sein, damit ein 'maßgebliches gerichtliches Urteil ausgesprochen werde, welches den künftigen Geschichtsschreibern als einwandfreie Quelle der Wahrheit dienen kann'."
Am vorletzten Verhandlungstag suchte der Chefankläger die Beweiskette gegen Eichmann zu schließen.
Hausner: "Die Aktion Reinhard** war das Zeichen: 'Bitte alles zu liquidieren'. Es gab keine Zahlenfrage mehr, keine Notwendigkeit für Ermächtigungen."
Richter Halevi: "Gibt es irgendeinen Beweis dafür, wer das Startzeichen oder die Weisung oder den Befehl zur Aktion Reinhard gab?"
Generalstaatsanwalt Hausner: "Unmittelbaren Beweis haben wir hierfür nicht." Und weiter: "Das Reichssicherheitshauptamt hatte keine Machtbefugnis oder Befehlsgewalt über das Generalgouvernement."
Mit anderen Worten: Eichmann konnte offiziell nichts in den Vernichtungslagern Polens ausrichten.
Gerichtsvorsitzender Landau: "Und Koordination?"
Hausner: "Koordination konnte wohl sein, aber nicht Befehlsgabe ... Das war ja auch in Nürnberg so: Die Leute wollten zugeben und gaben zu. Aber das, was im Osten geschah, was im dunkelsten Osten geschah, das wollte keiner zugeben, das wollte jeder von sich abwälzen."
Landau: "Es ist nur etwas komisch, daß nicht mehr Urkunden vorhanden sind über das, was in Polen geschehen ist. Örtliche Urkunden, aber wo gibt es nun von dort örtliche Urkunden?"
Das also war der Prellbock, auf den der historische Prozeß am vorletzten Tag auflief - Millionen Juden tot, Eichmann, der Mann von Himmlers Reichssicherheitshauptamt (RSHA), sichtbar im Saal.
1543 Dokumente hatte jeder Richter neben sich in einem frischgefertigten Büchergestell - doch ein Dokument fehlte für die gerichtliche Entscheidung, denn die Todeszüge rollten aus dem Westen in den Osten.
Plädierte Verteidiger Servatius am letzten Tag: "... und zu Hauptanklagepunkt 1 ('der Angeklagte verursachte in der Zeit von 1939 bis 1944 die Tötung von Millionen Juden'): Die Vernichtungslager unterstanden nicht dem Amt IV des Reichssicherheitshauptamts. Sie unterstanden dem Wirtschafts - und Verwaltungshauptamt."
"Es muß hier zunächst auffallen", triumphierte der Verteidiger, "daß kein Dokument vorliegt, das die Zusammenarbeit des Angeklagten mit den Vernichtungslagern beweist, über diese wichtige Tatsache kann kein Indizienbeweis hinweghelfen. Und die Deportationen? Es trifft zu, daß der Angeklagte mit den Deportationen von Juden aus Deutschland, Frankreich und der Tschechoslowakei befaßt war. Daß diesen Juden aber durch Einsatzkommandos das Erschießungsschicksal drohte, war dem Angeklagten damals nicht bekannt."
Eichmann selbst erzählte in Jerusalem dem Gericht: "Ich sah Blutfontänen der Erschossenen vom Boden emporsteigen."
Und am 7. Juli 1961, 12.30 Uhr, fragte ihn Generalstaatsanwalt Hausner: "Fühlen Sie sich schuldig an der Beteiligung am Mord von Millionen Juden? Antworten Sie: ja oder nein!"
Eichmann straffte sich: "Menschlich schuldig ja, weil ich an der Deportierung schuldig bin."
"Orden oder Galgen - das ist die Frage", so kühn formulierte Dr. Servatius in der letzten Verhandlungsstunde vor jenen drei Richtern, in deren Hand es nun gegeben ist, den Angeklagten für die ersten zwölf der fünfzehn Anklagepunkte - die drei letzten betrafen die Zugehörigkeit zu verbrecherischen Organisationen (SS, SD und Gestapo) - zum Tode durch den Strang zu verurteilen.
Und es war an Adolf Eichmann, dem Spediteur des millionenfachen Todes, verwundert und betroffen zu sein, als er zum Abschluß des Prozesses den Antrag seines Verteidigers hörte: "Ich beantrage, das Verfahren gegen den Angeklagten einzustellen, und den Angeklagten außer Verfolgung zu setzen."
Das Labyrinth, so glaubte Servatius, hatte seinen Zweck erfüllt.
* Friedrich-Wilhelm Krüger und Odilo Globocnik waren Höhere SS- und Polizeiführer in Krakau beziehungsweise Lublin; in ihrem Befehlsbereich befanden sich die Massenvernichtungslager.
** Eine Vernichtungsaktion gegen die noch verbliebenen Juden als Rache für die Ermordung des als Reichsprotektor in Prag amtiereriden SS-Obergruppenführers Reinhard Heydrich. Leiter der Aktion war der Höhere SS- und Polizeiführer in Lublin, Globocnik.
Häftling Eichmann: Galgen oder Orden?
Verteidiger Servatius
Unverständlichkeit als Taktik
Ankläger Hausner
Historie als Strategie
Daily Mail
Die Ahnen-Galerie

DER SPIEGEL 36/1961
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ISRAEL / EICHMANN-PROZESS:
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