06.09.1961

AUSLANDS-PRESSESchwarze Tränen

Auch diejenigen Völker, die erst seit kurzem das Recht auf Selbstbestimmung durchgesetzt haben, nehmen wachsenden Anteil an der Unterdrückung unserer Landsleute.
Bundespräsident Heinrich Lübke am 31. August 1961 in einer Rundfunkrede an die deutsche Nation.
Joseph Wilson, "Fondeur, Directeur et Rédacteur en Chef de 'La Verité Togolaise'" aus Lome (Togo), stand vor dem verbarrikadierten Brandenburger Tor und weinte.
Tränen sickerten in die eingekerbten Stammesmale auf seinen Wangen und kullerten herab auf die exquisit gemusterte Toga des schwarzen Berlin -Besuchers. Schluchzend erinnerte sich der dreifache Titelträger aus der einst deutschen Kolonie Togo: "Im Hause meiner Eltern hing ein Bild mit dem Brandenburger Tor, durch das ein König ritt, der Kaiser hieß."
Joseph Wilson ist einer von 39 farbigen Journalisten und Verlegern aus afrikanischen und asiatischen Ländern, die Henri Nannen, Chefredakteur der größten deutschen Illustrierten, "Stern" (Auflage 1,5 Millionen), für weit über 100 000 Mark nach Berlin eingeladen hat, um ihnen Anschauungsunterricht im politischen Wahlfach "Freiheit im Westen - Unfreiheit im Osten" (Nannen) zu erteilen.
Achtzig Jahre nachdem Zirkusdirektor Carl Hagenbeck mit seiner ersten exotischen Völkerschau - bestückt mit Eskimos, Kaffern, Kalmücken und Hottentotten - durch deutsche Lande zog, um König Kaisers Untertanen zu amüsieren, soll "Nannens Völkerschau" mithelfen, jene unterentwickelten Nationen aufzuklären, von deren Stimme in den Vereinten Nationen das Schicksal Berlins mit abhängen kann.
Die Bonner Bundesregierung, deren Aufgabe eigentlich gewesen wäre, was nun der "Stern" zum Nutzen Berlins und der eigenen Auflage finanzierte, leistete bei dem Aufklärungs-Unternehmen nur Schlepper-Dienste: Das Bundespresseamt vermittelte Nannen Berlin-Pilger aus Ländern von Niamey (Niger) bis Kuala Lumpur (Malaiischer Staatenbund).
Mit welchen unvorhergesehenen Schwierigkeiten Berlin-Lektionen für Farbige verbunden sind, wurde schon beim ersten Palaver in "Nannens Völkerschau" offenbar.
"Wieso rufen die Berliner nach amerikanischen Truppen, wo doch alle Völker froh sind, wenn sie fremde Besatzungstruppen loswerden?" wunderte sich der Kongolese Ferdinand Luvuzo, Redakteur der Léopoldviller Zeitung "Le Courier d'Afrique". Und ein braunhäutiger Kollege fragte, ob "nicht alle Probleme gelöst sind, sobald die Amerikaner nach Hause gehen".
Eine andere, nicht weniger einleuchtende Art des Mißverstehens verkörpert Joseph Wilson aus Togo. Schon in der Bundesrepublik hatte er seine Gastgeber mit der Frage überrascht: "Was tun die Kühe nachts auf der Weide, wenn die Löwen aus dem Busch brechen?"
Polit-Pädagoge Henri Nannen mußte - vom Zoo-Besuch bis zur Pressekonferenz mit Willy Brandt, vom Ausflug hinter Ulbrichts Betonmauer bis zum Abstecher in das Berliner Ballhaus "Resi" (Tischtelephon und -rohrpost sowie Wasserspiele) - alle verfügbaren Attraktionen einsetzen, um seinen Gästen die Segnungen der gefährdeten Freiheit plastisch werden zu lassen.
Joseph Wilson erlag als erster der Ausstrahlungskraft des weißen Massa Nannen. Er wollte in Berlin nur essen, "was Herr Nannen ißt", nur trinken, "was Herr Nannen trinkt", und bestand schließlich darauf, auch eine Brille zu besitzen, "wie Herr Nannen sie trägt". Beim anschließenden Einkauf konnte des Togolesen ."Stern"-Begleiter dem Optiker gerade noch zuraunen, er möge die goldenen Gestelle wegräumen.
Durch seine neue 82-Mark-Brille mit 0,1-Gläsern (annähernd Fensterglas) sah Joseph Wilson die Berlin-Krise plötzlich aus Nannens Sicht im rechten Licht: "Jenseits der Sektorengrenze wird die Meinungsfreiheit mit Füßen, getreten."
Für Wilsons Kollegen dagegen war erst der Blick hinter Stacheldraht und chinesische Mauer Beginn einer Wandlung. Der zunächst skeptische Paul Ramasindraibe aus Madagaskar kabelte an seine Zeitung "Areno": "Brüder aus Madagaskar - ich habe Angst vor dem Kommunismus."
Eine ähnliche Metamorphose vollzog der "Stern"-Reisende Mustapha El Alaoui, Direktor der marokkanischen Zeitung "Al-Fajr" ("Morgenröte"). Anfänglich hatte er in Westberlin "ein Regime des Pentagons" gewittert und deshalb eingewilligt, im Ostberliner Rundfunk zu sprechen. Er machte seine Zusage rückgängig, nachdem er durch Ostberlin gestreift und von einer jungen Amerikanerin im Westberliner "Resi" bis zur Morgenröte in Sachen Freiheit unterwiesen worden war.
Farbige Journalisten in Berlin: Wo sind die Löwen?

DER SPIEGEL 37/1961
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