06.09.1961

FERNSEHENAktion Ochsenkopf

Mit hurtigem Marschtritt bog ein kleiner Trupp blau uniformierter Mitglieder der Freien Deutschen Jugend (FDJ) auf den Marktplatz des Kreisstädtchens Ellenburg bei Leipzig ein. Die Jugendfreunde sangen:
German Titow
soll ein Vorbild für uns sein
Jeder von uns
kann ein Held wie Tjtow sein
Auf der Mitte des Platzes hielt die Blauhemden-Abteilung. Das Astronautenlied brach ab. Aus der Gruppe lösten sich zwei junge Burschen und rammten eine Fernsehantenne ins Straßenpflaster. Alsdann befestigten sie ein sauber gemaltes Schild am Antennenmast: Diese Apparatur, so lasen die Passanten, habe ein unbelehrbarer und deshalb bestrafter Ellenburger Bürger dazu benutzt, sich das Fernsehprogramm des - westdeutschen - Klassenfeindes anzuschauen.
Jubelte anderntags die "Junge Welt", das Pflichtblatt aller FDJler: "Hetzantenne am Pranger". Zugleich feierte die Jugendfront-Zeitung die Ellenburger Demontageaktion als ersten weithin sichtbaren Erfolg jener "Diskussion mit ideologischen Grenzgängern", deren Ziel es ist, die Insassen der mit Stacheldraht umzäunten DDR nach der Grenzsperre vom 13. August nun auch der letzten optisch-akustischen Westkontakte zu berauben.
Der Rachefeldzug gegen alle Ulbricht -Untertanen, die bislang Unterhaltung und Informationen lieber aus westlichen TV-Kanälen als aus der ideologischen Küche des DDR-Fernsehfunks bezogen, wird von der SED-Agitationszentrale unter Albert Norden geleitet.
Agitprop-Chef Norden hatte in aller Eile ein Drei-Punkte-Programm entworfen, das bis zur DDR-"Volkswahl"' am 17. September dieses Jahres erfüllt werden soll:
- Beseitigung aller auf Westempfang
eingerichteten Fernsehantennen (nach dem Standort des bayrischen Zonengrenz-Senders Ochsenkopf kurz "Ochsenköpfe' genannt);
- Selbstverpflichtung aller Elektromonteure,
künftig keine "Westantennen" mehr zu installieren;
- Selbstverpflichtung aller Hausgemeinschaften,
freiwillig auf den Empfang westdeutscher oder Westberliner Fernsehsendungell zu verzichten.
Da einsatzbereite Partei-Apparatschiks nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung standen, übertrug die SED die Aktion Ochsenkopf dem Funktionärskorps der FDJ. Seither schwärmen die linientreuen, durch rote Armbinden als "Hilfsorgane der Staatssicherheit" ausgewiesenen Jugendgenossen in Stadt und Land aus und notieren die Besitzer aller westwärts weisenden Antennen. Alsdann werden die Eigentümer aufgefordert, die "Feindfahnen" und "Opiumsäulen" entweder abzubauen oder auf Ostempfang zu drehen.
Kommen besonders störrische Elemente dieser Anweisung nicht unverzüglich nach, greifen die Blauhemden selbst zu Zange und Schraubenschlüssel.
Gelegentlich nehmen die FDJler nicht nur die Antennen, sondern auch deren Besitzer mit: Wer - wie etwa drei Einwohner des thüringischen Dorfes Obermehler - derlei Erziehungsmittel mit widersetzlichen Reden oder Flüchen quittiert, wird kurzerhand mit einer Anklage wegen "staatsgefährdender Propaganda und Hetze" - dem dehnbarsten Tatbestand im DDR-Strafrecht - bedacht.
Angesichts derartiger Methoden kapitulierten zahlreiche Zonen-Bürger vor den Wellen-Schnüfflern und bezeugten ideologische Reue. So bekannte der von FDJ-Kontrolleuren zur Rede gestellte Ellenburger Fleischermeister Arno Laux: "Wir haben bisher vor der falschen Röhre gesessen."
Bereitschaft zur Selbstkritik wird von Albert Nordens Rundfunksendern, Fernsehstationen und Zeitungen eifrig gefördert: Selbst im kleinsten Provinzblatt finden sich spaltenlange Abhandlungen über die Wechselbeziehungen zwischen Ochsenkopf-Antennen, Staatsverleumdung und Gefängnis. Mitbürger, die ihre Westantennen nicht freiwillig abbauen, finden sieh unter Angabe von Namen und Adressen in den Lokalseiten als Agenten und Spione angeprangert.
Der Eifer, den Nordens Agitprop -Kolonnen an den Tag legen, ist freilich verständlich: Rund 900 000 der 1,3 Millionen DDR-Fernsehteilnehmer konnten bislang über Westberliner oder bundesdeutsche Sender das Programm des Deutschen Fernsehens empfangen. Lediglich die Bildschirm-Besitzer im ehemaligen Vorpommern und im östlichen Sachsen waren- wegen der großen Entfernung zu den westlichen Stationen allein auf den in Adlershof zusammengerührten Eintopf des (Ost-) Deutschen Fernsehfunks angewiesen.
Indes: Mit dem Abbau der West-Antennen allein ist die
erwünschte Gleichschaltung aller Fernseher auf Ulbrichts Einheitswellen nicht zu erreichen. Mindestens ein Drittel der 900 000 Fernseher, die bis vor kurzem westdeutsche Fernsendungen empfangen konnten, wird auch weiterhin in der Lage sein, die Geräte auf die Kanäle des Westfernsehens zu
schalten: In Ostberlin, in den Randgebieten um Berlin und in einem rund 50 Kilometer breiten Streifen entlang der Zonengrenze können die westlichen Stationen mit Zimmerantennen empfangen werden.
Um nun auch diesen Wellenwanderern die Lust am westlichen Mattscheiben-Spektakel zu nehmen, haben Walter Ulbrichts Propaganda-Experten eine psychologische Terrorwelle in Gang gebracht, von der sie sich die Einschüchterung auch der Zimmerantennen-Besitzer erhoffen. In der Wati der Argumente zeigen sich die SED-Propagandisten nicht eben wählerisch: Kurzerhand griffen sie auf den Schlagwortschatz des einschlägig versierten Joseph Goebbels zurück.
Fragte beispielsweise die Rostocker SED-"Ostsee-Zeitung" unter der Überschrift "Antennen in Richtung Frieden": "Ist es nicht an der Zeit zu verlangen, daß sich alle Bürger der DDR ihre geistige
Nahrung vom Staat holen, in dem sie leben?" Und das Dresdner Parteiblatt "Sächsische Zeitung" ergänzte: "Ein anständiger Deutscher hört und sieht nicht Feindsendungen, sondern wendet sich von diesen ab."
Nur vor dem äußersten Schritt in der Goebbels-Nachfolge, vor dem amtlichen Verbot des Westempfangs, schreckt die Partei vorläufig noch zurück.
Die Welt
Antenne in Richtung Frieden

DER SPIEGEL 37/1961
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