06.09.1961

MADAME DE STAÉLRocca und seine Brüder

Die Trauung fand in der Schwedischen Botschaft in der Rue du Bac statt. Vor dem Altar der Kapelle kopulierte der Hausgeistliche den neuen Botschafter Schwedens in Paris, Eric Magnus Freiherr von Stael-Holstein, und die 19jährige Anne Louise Germaine Necker.
Seine Exzellenz der Botschafter und Bräutigam, annähernd doppelt so alt wie Germaine Necker, brachte in die frischgeschlossene Ehe ruinöse Schulden ein. Vater und Mutter Necker, Nutznießer und Verwalter des Millionenvermögens, das Necker in seinen Pariser Bankiersjahren zusammenbringen konnte, hatten Germaines Mitgift auf über eine halbe Million Livres bemessen.
Der langwierig ausgehandelte Heiratskontrakt - Mitunterzeichner: Bourbonenkönig Louis XVI., dessen Finanzminister der Brautvater Necker gewesen war, sowie Königin Marie Antoinette, österreichische Kaiserstochter und Erste Dame des Hofes von Versailles - war erst perfekt geworden, nachdem Frankreich die Antillen-Insel. Saint -Barthélemy an Schweden abgetreten hatte. Mit dieser Transaktion hatte sich Baron Eric Magnus, langjähriger Attache seines Amtsvorgängers Graf Creutz, bei seinem Stockholmer Souverän Gustav III. für die ihm zuerkannte Nachfolge auf dem Pariser Botschafterposten qualifizieren müssen.
Den vormaligen Gardeoffizier und Kammerherrn von Stael-Holstein, Sproß der estländischen Linie eines rheinfränkischen Adelsgeschlechts, empfahlen für die Diplomatie nicht nur gute Umgangsformen und Weltgewandtheit. Die Karriere des strebsamen Frauenlieblings und Verschwenders schien gesichert, als Königin Marie Antoinette dem sympathischen Attaché Baron de Stael-Holstein gewährte, was sie dessen Chef, dem schwedischen Botschafter vorenthielt: das Privileg, von ihr, mit Billigung des Bourbonenkönigs, in Privataudienz empfangen zu werden.
Dem Einvernehmen zwischen Frankreich und Schweden, schrieb Königin Marie Antoinette an König Gustav, könne nichts dienlicher sein als Staels Beförderung zum Botschafter. Der schwedische Monarch war im Bilde: Stael hatte sich in Paris finanziell ruiniert und hatte Rettung allein durch die Geldheirat mit der Tochter des zeitweiligen Finanzministers Necker zu erhoffen. Die Necker-Eltern wiederum machten ihr Ja-Wort für Germaine und Eric Magnus von dessen Bestallung zum Botschafter Schwedens in Frankreich abhängig.
Dreieinhalb Jahre bevor im Juli 1789 die Erstürmung der Pariser Bastille die Große Revolution einleitete, war zwischen Stockholm, Versailles und Paris endlich alles im Lot. Am 14. Januar 1786 konnte sich Schwedens neuer Botschafter finanziell sanieren - durch die Ehe mit der reichen Germaine Necker, die ihrerseits nicht verkannte, daß ihre Heirat "mehr von einem internationalen Freundschafts- und Handelsvertrag als von einer privaten Abmachung" hatte. Germaine wiederum heiratete den Baron de Stael "hauptsächlich in der Absicht, sich von ihrer Mutter zu emanzipieren" - jedenfalls nach Ansicht des amerikanischen Universitätsprofessors und jüngsten Stael-Biographen Christopher Herold. Sein Buch über die wohl berühmteste Napoleon-Gegnerin, Schriftstellerin, Salon -Diplomatin und "Herrin eines Jahrhunderts", Madame de Stael, hat in den Vereinigten Staaten bereits mehr als hunderttausend Buchkäufer mobilisiert. Die Nachfrage nach der deutschen Übersetzung steigt - im Gegensatz zu der sonst bei neuen Büchern beobachteten Tendenz - langsam und stetig an: Eine dritte, mit dem elften Tausend beginnende Auflage ist in der Herstellung*, eine Buchgemeinschafts-Ausgabe ist vertraglich abgemacht.
Dem amerikanischen Stael-Experten österreichischer Herkunft haben bis dahin unveröffentlichte, jüngst publizierte Briefe aus dem Besitz der Berg-Collection (New York Public Library) ermöglicht, erstmals definitiv die Frage nach der Vaterschaft bei zweien der insgesamt fünf Kinder Germaines zu klären, der Söhne August (1790 bis 1827) und Albert (1792 bis 1813).
Germaine Necker hatte - nach eigenem Zeugnis - ihre Heirat vornehmlich als einen "Weg zu Freiheit und Leben" angesehen, den sie nicht unbedingt nur an der Seite des Freiherrn bis zu Ende gehen müßte. Bereits über ihren Bräutigam notierte Germaine ins Tagebuch: "Ein Mann, der sich vollkommen korrekt benimmt, unfähig, etwas Dummes zu sagen oder zu tun, aber hohl und träge; er wird mich nicht unglücklich machen, aus dem einfachen Grund, weil er zu meinem Glück nichts beitragen kann."
Germaines Entschluß, diesen Mann zu heiraten, wurde zudem dadurch gefördert, daß Väter Jacques Necker erwog, nicht mehr als französischer Staatsmann aktiv zu werden und mit Frau und Tochter aus Germaines Geburtsstadt Paris in das unweit von Genf am westlichen Schweizer See-Ufer gelegene Schloß Coppet umzusiedeln, das er - nebst dem mit der Liegenschaft verknüpften Adelstitel eines Barons von Coppet - 1784 gekauft hatte.
Mit Schaudern malte sich die lebenshungrige Tochter von Jacques und Suzanne Necker das eintönige Familienidyll aus, das ihrer in Coppet wartete, falls ihr Vater, den sie vergötterte, sich dorthin zurückzog. "Mein Herz betet ihn an, aber es würde erschrecken, wenn die Tür für immer hinter uns dreien zufiele", schrieb Germaine in ihr Tagebuch. "Weniger eine Dreieinigkeit", kommentiert Biograph Christopher Herold, "bildeten die Neckers als vielmehr ein Dreieck."
Während seines fünfjährigen Studiums sämtlicher Madame de Stael betreffenden Dokumente ermittelte Christopher Herold: "Für ein Mädchen, das (wie Germaine) keine konkreten Begriffe von der physiologischen Seite der Liebe besaß und das in seinem Tagebuch vermerkt hatte, sie zöge allen Männern ihren Vater als Liebhaber vor, muß die Entdeckung, was die Liebe mit sich brachte, ein Schock gewesen sein."
Herold zufolge hat der mit calvinistischer Strenge erzogenen Germaine erst die Ehe "die Augen darüber geöffnet, was Liebe sein konnte, was ihr Gatte nicht war und was ihr Vater niemals sein durfte. Sie war frei, sich anderweitig umzusehen".
Sie sah sich um. Germaines erstes Kind freilich - sie bekam achtzehn Monate nach der Hochzeit ein Mädchen, das Hedwig-Gustava getauft und nur zwei Jahre alt wurde - "scheint im legitimen Ehebett gezeugt worden zu sein", und zwar "zum Unterschied von Germaines später geborenen Kindern", wie Stael-Biograph Herold seine vorsichtige Feststellung ergänzt.
Als wahren Vater der beiden folgenden Kinder, August und Albert, die zeitlebens nominell als Söhne von Eric Magnus de Stael galten, ermittelte Biograph Herold den Comte Louis de Narbonne-Lara, einen gräflichen Vetter und kurzfristigen Kriegsminister des Königs Louis XVI. In Briefen, die den Biographen bis dahin entgangen waren, hat Germaine ihrem Liebhaber Narbonne seine Vaterschaften unzweideutig bestätigt.
Narbonne war jedoch nicht ihr erster Geliebter: "Die Auszeichnung, der erste gewesen zu sein, gebührt aller Wahrscheinlichkeit nach dem Abbé de Talleyrand" (Christopher Herold). Talleyrand, zwölf Jahre älter als Germaine, damals Bischof von Autun, wurde später Außenminister von Germaines erbittertstem und mächtigstem politischem Gegner, Napoleon.
Im Botschaftsgebäude in der Rue du Bac führte Germaine ihren Salon, den besonders der liberale Adel frequentierte. Der politische Ehrgeiz der redegewandten jungen Botschaftergattin, für den sie ihren Mann ohne Rücksicht auf seinen Monarchen einspannte, wurde von der Aussicht auf abermalige Berufung ihres Vaters in ein hohes Staatsamt genährt.
In der Tat amtierte Jacques Necker von 1788 bis 1790 als Generalkontrolleur der Staatsfinanzen mit den Vollmachten eines Premierministers. Zwei Millionen, die er aus seinem Vermögen der französischen Staatskasse vorschoß, kamen nach einer Mißernte einer Hilfsaktion für die Bevölkerung von-Paris zugute: Im Hungerwinter 1788/89 wurden vom Staat kostenlos Brot und Suppe ausgeteilt, auf den Straßen Becken mit brennender Kohle zum Wärmen aufgestellt.
Dann wurde Necker gestürzt. Germaine, bestrebt, "den Lauf der Revolution aufzuhalten und deren Errungenschaften eine feste Form zu geben", suchte einen aller Radikalität abholden Liberalismus zu verwirklichen, gewann Parteigänger und Mitspieler bei politischen Intrigen, geriet aber in Konflikt mit den revolutionären Ausübern von Macht und Gewalt, zumal nach des Königs mißlungenem Versuch, mit Marie Antoinette ins Ausland zu fliehen.
Im August 1792 erstürmten die aufgeputschten Pariser das Königsschloß "Les Tuileries". Der König wurde abgesetzt, er und Marie Antoinette mit ihren Kindern wurden eingekerkert. Gegen mißliebige Aristokraten ergingen Haftbefehle. Unter den Verfolgten war Germaines Liebhaber Narbonne, dem sie, wie anderen, zur Flucht nach England verhalf. Zuvor versteckte sie den flüchtigen Narbonne vor einer Patrouille, die ihm auf den Fersen war, in der Kapelle des Botschaftsgebäudes unter demselben Altar, an dem sie mit Eric Magnus getraut worden war.
Daß Narbonne nach seiner Rückkehr aus England, wo Germaine ihn besuchte, nicht auch noch der Vater ihrer Tochter Albertine wurde, lag allein an ihm. Was Germaine mit ihm erlebte, wiederholte sich bei anderen Liebhabern, wurde für sie die Regel: "Bei allen ihren Beziehungen zu Männern war sie verurteilt, der stärkere, der dominierende Partner zu sein. Die Männer, zu schwach, um zu herrschen, und nicht bereit, sich beherrschen zu lassen, ergriffen die Flucht" (Christopher Herold).
Die Flucht ergriff auch der Ehemann. Nachdem er seiner eigenwilligen Amtsführung halber, zu der Germaine ihn verleitet hatte, als Diplomat untragbar geworden und abgesetzt worden war, bezog Stael eine eigene Wohnung an der Place de la Concorde, während Germaine in der Rue de Grenelle residierte.
Einer 70jährigen Geliebten zu Gefallen machte der fünfzigjährige Stael immense Schulden, bis Schwiegervater Necker Wind bekam und die Schulden regulierte. Die Ehe zwischen Germaine und Eric Magnus wurde geschieden; Stael erlitt einen Schlaganfall. Germaine entschloß sich, den Gelähmten im Reisewagen nach Schloß Coppet zu schaffen. Er starb unterwegs, im Mai 1802.
Narbonnes Nachfolger - als anderen, nicht immer erfolglosen Mitbewerbern schließlich vorgezogener Liebhaber - war inzwischen der mit Germaine fast gleichaltrige Benjamin Constant de Rebecque geworden. Als Schriftsteller, mit dem die schreibfreudige Germaine wetteifern konnte, als Akteur der Tagespolitik ihr Paradepferd, teilte der so reizbare wie willensmatte Constant durch anderthalb Jahrzehnte in Abständen ihr Dasein: immer wieder aufbegehrend und verzweifelt vor Germaine das Weite suchend, ebenso oft von ihr zurückgeholt und von neuem unterworfen.
Tagebuchschreiber Constant: "Jedermanns Leben muß zur Gänze, in jeder Stunde, in jeder Minute, jahrelang, zu ihrer Verfügung stehen, sonst gibt es einen Ausbruch wie alle Gewitter und Erdbeben zusammengenommen."
Herold hält für erwiesen, daß Germaines 1797 geborene Tochter Albertine - als einziges der Kinder von Madame de Stael hatte Albertine, aus ihrer Ehe mit Victor de Broglie, ihrerseits Kinder, denen Nachkommen beschieden waren - von Benjamin Constant stammt. Gegenargumente nimmt Herold jedenfalls Albertines Urenkelin Pauline Comtesse Jean de Pange nicht ab, unbeschadet dessen, daß deren Bücher über Madame und Monsieur de Stael für Herold "von größtem Nutzen waren".
Albertines mit Graf Jean de Pange verehelichte Urenkelin, geborene de Broglie und Schwester des Physik -Nobelpreisträgers Louis, Prince de Broglie, hatte zahllose in Familienarchiven zu Broglie (Normandie) und Coppet bis dato zurückgehaltene Briefschaften und Dokumente gesichtet und das neue biographische Material in mehreren Büchern zwischen 1925 und 1944 veröffentlicht und kommentiert. Das bekannteste, auch in deutscher Fassung* erschienene, behandelt die lange (platonische) Freundschaft zwischen Germaine de Stael und dein Shakespeare-Verdeutscher und Frühromantiker August Wilhelm Schlegel, der perfekt französisch sprach und schrieb.
Madame de Stael bewog in Berlin 1804 den in unerquickliche Verhältnisse geratenen Schlegel, sie zu längerem Aufenthalt nach Coppet zu begleiten. In Coppet - Dichter und Künstler verliehen dem Schloß das Gepräge eines Musenhofs, andere Gäste belebten es als Mittelpunkt des von Germaine geschürten Widerstands gegen Napoleon - unterrichtete Schlegel Germaines Kinder, arbeitete er als Privatgelehrter, förderte er als literarischer Mentor Germaines Deutschland-Buch "De l'Allemagne", in dem Madame de Stael die im Reisewagen mitgebrachten deutschen Bücher und ihre Reisestudien am lebenden Objekt auswertete: In Weimar hatte sie es, mit besonderem Erfolg, auf Schiller, Goethe, Wieland, in Berlin auf den Philosophen Johann Gottlieb Fichte abgesehen; in Weimar und in Preußens Hauptstadt war sie bei Hofe empfangen worden.
Germaines Ururenkelin Pauline de Pange verficht in ihrer Monographie "Monsieur de Stael" die legitime Abkunft ihrer Urgroßmutter Albertine anhand von Briefen, die Germaine im fraglichen Zeitraum vor Albertines Geburt an Eric Magnus gerichtet hatte. Gewisse Briefstellen seien "Anspielungen auf neuerliche intime Beziehungen" zwischen den Gatten, argumentiert die als Nachfahrin persönlich betroffene Comtesse Jean de Pange und unterstellt, um bei Albertine postum die Vaterschaft des Gatten Eric Magnus zu beglaubigen, ergänzend: Benjamin Constant, unstreitig während der Empfängniszeit agiler Geliebter Germaines, scheine "zeugungsunfähig gewesen zu sein". Als Indiz für Pauline de Panges These könnte sprechen, daß aus der Ehe Constants mit Charlotte von Hardenberg keine Nachkommenschaft hervorgegangen war. Christopher Herold opponiert aber: "Die Anspielungen in Germaines Briefen (an Stael) sind sehr zweideutig und vage." Und: "Benjamin wäre nicht der einzige Mann, der, soweit man weiß, nur ein Kind zeugte."
In der Tat ein "Mann, der nur ein Kind zeugte", war Germaines zweiter Gatte, John (eigentlich: Albert Jean Michel) Rocca, geboren 1788 - dem Jahr in dem Germaine ihrem Narbonne begegnet war. Dem zweiten Ehemann Germaines schreibt Herold konform mit gängiger, von keinem Biographen bestrittener Lesart - das abschließende Ereignis in Germaines Vaterschaften-Register zu: die heimliche Geburt ihres letzten, im Pfarrhaus eines Juradorfes bei Pflegeeltern aufgewachsenen Sohnes Louis Alphonse (1812 bis 1842). Der 23jährige Genfer Ratsherrnsohn Rocca, feurig entbrannt, hatte von Germaine als Liebesunterpfand ein Kind begehrt, "das wirklich ein Kleines Wir ist".
In Gegenwart eines protestantischen Pfarrers gaben sich Germaine und Rocca gegenseitig das Gelöbnis zu heiraten, "sobald die Umstände es erlaubten". Moralisch zumindest war damit das "Kleine Wir", das dann Louis Alphonse getauft wurde, bereits im Vorwege legalisiert - allerdings unter strengster Verschwiegenheit.
In Coppet, dem Lebenszentrum Germaines, seit sie 1803 auf Befehl Napoleons zunächst aus Paris verbannt und 1810 aus Frankreich ausgewiesen worden war, fühlte sich fortan Rocca als Gatte der Schloßherrin, und das nicht nur im geheimen. Germaines Freunde und Verehrer reagierten mit Verwunderung und Verstimmung. Der ständige Schloßgast Schlegel hängte - nach Shakespeares Drama "Der Sturm", das er ins Deutsche übersetzt hatte - dem Eindringling Rocca den gehässigen Spitznamen "Caliban" an*.
Zartgefühl für Männer, die Germaine erhörte - ihm selbst hatte sie sich gleich zu Anfang unmißverständlich versagt -, war nicht Schlegels Sache. Geflissentlich übersahen er und andere Schloßgäste, daß Rocca, der sich nicht ohne Krücken fortbewegen konnte, Kriegsinvalide war: Der Schweizer Rocca hatte als Husarenleutnant freiwillig in der französischen Armee gedient; von spanischen Freischärlern war ihm das linke Hüftgelenk zerschossen und ein Bauchschuß beigebracht worden.
Ein anderer zurückgewiesener Anbeter Germaines, Adelbert von Chamisso - gebürtiger Louis Charles Adelaide de Chamisso aus der Champagne, von der Revolution nach Preußen verschlagen, Dichter von "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte" und später Adjunkt am Berliner Botanischen Garten -, brach Roccas wegen sogar seinen Aufenthalt in Coppet brüsk ab.
Erleichtert nahm hingegen um Roccas willen ihr bisheriger Liebhaber Prosper de Barante von, Germaine Abschied.
Albertines Vater, Benjamin Constant, der immer Germaines anregende Gesellschaft suchte, wenn er seine Ehefrau Charlotte satt hatte, wurde von Rocca eher gewalttätig vertrieben - der Kriegsinvalide Rocca forderte ihn, aus Eifersucht ohne aktuellen Grund, zweimal zum Duell. Beim ersten Mal unterband Germaine den Zweikampf, beim zweiten Mal wies Constant, den derlei Mißhelligkeiten endgültig aus dem Revier von Coppet vergrämten, Roccas Forderung von sich aus zurück.
Im Frühjahr 1812 kam Germaine in Schloß Coppet, ohne daß etwas ruchbar wurde, mit Louis Alphonse nieder. Legitim wurde das "Kleine Wir" jedoch nicht schon damals, sondern - geläufigem Irrtum zuwider, dem indes Herold nicht aufgesessen ist - viereinhalb Jahre später. Die Zwischenzeit verbrachten Germaine, John Rocca und Schlegel auf großenteils gemeinsamen Reisen durch Europa. Wichtigste Etappen: Wien, Moskau, Sankt Petersburg, Stockholm, London. Endstation (nach Napoleons Entthronung): Paris.
Im Herbst 1816 - jahrzehntelanger Konsum von Opium als Schlafmittel hatte Germaines Gesundheit zerrüttet - bequemte sich die inzwischen fünfzigjährige Mutter von Louis Alphonse zu heimlicher Trauung mit John Rocca. Sie errichtete ihr Testament und unterfertigte es, wie später das Kodizill, mit ihrem neuen Namen "Necker de Rocca". Ihren alten Namen "de Stael" - wie sie selbst verschwieg auch Rocca die Eheschließung - behielt sie dagegen offiziell für jedermann bei. Ein Gehirnschlag, den sie im Februar 1817 erlitt, lähmte sie. Am 14. Juli starb sie, nach wie vor als "Madame de Stael".
Unter diesem Namen firmierten auch ihre zahllosen, viel zu schnell geschriebenen, dicken und dünnen Bücher, von denen einige berühmt geworden waren:
- die autobiographischen Romane "Delphine" und "Corinne", in denen Madame de Stael ihren Lesern den Anspruch der Frauen auf außereheliche Liebe und geistige Emanzipation einschärfte;
- das Deutschland-Buch "De l'Allemagne", dessen erste Druckauflage der Kaiser Napoleon beschlagnahmen und einstampfen ließ, dessen in England hergestellter Neudruck aber 1813 europäischer Bestseller wurde.
Zeit ihres Lebens, resümiert ihr Biograph Christopher Herold, sei Madame de Stael nicht abgeneigt gewesen, "die körperlichen Vorzüge zur Schau zu stellen, die sie unleugbar besaß: wohlgeformte Arme, die sie immer frei ließ, einen üppigen Busen, den sie nicht einmal auf Reisen verhüllte, und ein Paar Beine, deren beträchtliche Rundungen ... jeden Verdacht, sie sei etwa nur ein reiner Geist, zu entkräften schienen".
Madame de Stael befolgte die Maxime: "Gedanken in Umlauf zu bringen, ist von allen Tätigkeiten diejenige, die am sichersten von Nutzen ist." Germaines Einzigartigkeit sieht ihr neuer Biograph darin, daß "sie äußerst maßvolle Ziele mit äußerst leidenschaftlichen Mitteln zu erreichen strebte", wobei sie "oft für Ideen eintrat, die von Vertretern einander entgegengesetzter Prinzipien stammten". Christopher Herolds Versuch, ihr mit seiner Biographie "zu neuem Leben zu verhelfen", geht davon aus, "die Leidenschaften in ihrem Leben zu entwirren und zu begreifen".
Als seine "wichtigste Erfahrung" betreffs Madame de Stael wertete der Frankreich-Kenner Friedrich Sieburg ("Robespierre", "Napoleon", "Chateaubriand") die aus den Vereinigten Staaten importierte Biographie, allerdings nicht ohne den Autor zu mahnen: "Seine Schreibweise ist witzig, allzu witzig, will mir scheinen, denn wozu schreibt man einen gründlichen und in die Tiefe gehenden Wälzer über eine Figur, die man immer wieder der Lächerlichkeit ausliefert!"
Den Groll Sieburgs dämpfte später Wilhelm Emanuel Süskind in der "Süddeutschen Zeitung": "Anfangs mag das Buch ein wenig schnippisch anmuten, ein wenig routiniert in seinen spöttischen Tönen. Im ganzen ist es höchst ausgewogen." Süskind verfehlte nicht, den von Herold doppelsinnig gemeinten Originaltitel "Mistress To An Age" zu erklären: "Herrin nicht nur, sondern auch Geliebte eines Zeitalters".
Das Hamburger Wochenblatt "Die Zeit" setzte sein Referat über die deutsche Ausgabe von Herolds Biographie unter die Überschrift "Wirbelwind in Unterröcken", entsprechend einer Formulierung der "Zeit"-Kritikerin Barbara Bondy über Madame de Stael: "dieser 'Wirbelwind in Unterröcken' (nach Heine)".
In seiner Schrift "Geständnisse" (vom Winter 1853/1854) hatte Heine über Madame de Stael notiert: "... dieser Sturmwind in Weibskleidern ..."
* Christopher Herold: "Madame de Stael. Herrin eines Jahrhunderts". Paul List Verlag, München; 480 Seiten; 22,80 Mark.
* Deutscher Titel: "August Wilhelm Schlegel und Frau von Stael", seit der sechsten Auflage, 1949, vergriffen.
* "Caliban", im Englischen gebräuchliche Verdrehung von "cannibal" = Menschenfresser, bezeichnet in übertragener Bedeutung, allgemein einen rohen, tierischen Menschen. Ältere Deutung (1896 in Dr. Friedrich Erdmann Petris "Handbuch der Fremdwörter"): "Ein Ungeheuer von Häßlichkeit; verschmitzter Wütherich."
Autorin Germaine de Stael: Für die Liebhaber ...
Ehemann Baron de Stael
... ein kleines Wir
Liebhaber Narbonne-Lara
Die unterworfenen Männer...
Liebhaber Constant
... ergriffen die Flucht
Stael-Biograph Herold
Mätresse eines Zeitalters

DER SPIEGEL 37/1961
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