06.09.1961

PSYCHOLOGIEIm Labyrinth

Der Professor teilte die Studenten in zwei Gruppen ein und ließ jeden eine Pille schlucken. Die eine Gruppe erfuhr, sie habe ein Aufputschungsmittel eingenommen; die andere Gruppe vernahm, ihr sei ein Schlafmittel verabreicht worden. Dann mußten die Jungakademiker eine schriftliche Leistungsprüfung ablegen.
Die Folgen der Pillenkur stellten sich prompt ein: Gruppe I gebärdete sich aufgeputscht, Gruppe II war träge und schläfrig. Trotzdem wirkte dieses Test-Resultat, das der amerikanische Psychopharmakologe Jonathan Cole kürzlich bekanntgab, "wie ein Eimer kalten Wassers auf die Drogenbegeisterten aller Schattierungen" (so der Schriftsteller Arthur Koestler).
Denn Professor Cole, Chef der psychopharmakologischen Abteilung der US -Gesundheitsbehörde, teilte mit, daß den insgesamt 120 Studenten nur das Aufputschmittel Dexedrin oder aber neutrale Tabletten verabreicht worden waren. Bei dem neutralen Mittel handelte es sich um ein Präparat ohne spezifische pharmakologische Wirkung, um ein Placebo, wie Scheinpräparate im Mediziner-Jargon genannt werden*.
Der Cole-Versuch war die bislang sinnfälligste Demonstration eines Effektes, den die Mediziner schon seit Jahren an Krankenhaus-Patienten studieren können. Die Ärzte pflegen neben echten Arzneimitteln mitunter Placebos zu verordnen, um die Wirkung der echten Medikamente objektiv feststellen zu können. Bei Serien-Versuchen ergab sich, daß rund 42 Prozent der Patienten nach Placebo-Injektionen erklärten, ihre Schmerzen hätten nachgelassen.
Das merkwürdige Phänomen ließ sich deuten. Wissenschaftler führten den Placebo-Effekt auf Autosuggestion oder aber auf das suggestive Verhalten der Schwestern und Ärzte zurück, die den Patienten Placebos verabfolgt hatten.
"Es gibt allerhand Beweise dafür", erläuterte etwa Professor Cole, "daß die Erwartungen des einzelnen, die Atmosphäre der Umgebung und die Haltung des Therapeuten die Wirksamkeit der Droge einschneidend verändern können." Und: "In mir steigt allmählich der Verdacht auf, daß das menschliche Milieu ebenso wichtig ist wie die Droge - oder gar noch wichtiger."
Solche Erwägungen aber rückten zwangsläufig ein grundsätzliches Problem psychologischer Forschung in den Vordergrund - die Frage nämlich, inwieweit psychologische Tests angesichts der in Placebo-Versuchen erwiesenen Beeinflußbarkeit von Versuchspersonen überhaupt zuverlässige Ergebnisse vermitteln und korrekte Schlüsse erlauben. Den Wissenschaftlern drängte sich die Vermutung auf, daß die Seelenforscher aus ihren Versuchs-Objekten gern das herausforschen, was sie erwarten oder als Versuchsergebnis erstreben.
Um diese Vermutungen zu überprüfen, unternahmen amerikanische Psychologen ebenso simple wie raffinierte Versuche, deren Ergebnisse nunmehr vorliegen. Die Resultate sind so frappierend, daß der Schriftsteller Arthur Koestler notierte: "So finden wir uns aufs neue in eine Welt des Magischen versetzt."
Wie Zauberwerk mutet an, was der junge Psychologie-Professor Dr. Robert Rosenthal von der Universität North Dakota zutage förderte. Ausgangspunkt seiner Forschungen war ein Ratten -Experiment, das er von einer Gruppe fortgeschrittener Psychologie-Studenten hatte vornehmen lassen. Rosenthal eröffnete den angehenden Forschern, daß sie, um die Scheu vor dem Umgang mit Ratten zu verlieren, einmal den sogenannten Labyrinth-Test ausführen sollten.
Dabei werden die Tiere in ein Labyrinth gesteckt, in dem sie einen Futternapf zu suchen haben. Die Abweichungen vom kürzesten Weg zum Ziel (Futternapf) werden vom Experimentator als "Fehler" registriert. Da die Ratten nach jedem Durchlauf seltener in Sackgassen einbiegen, läßt sich ihr Lernerfolg exakt messen.
Für den Versuch, so schwindelte Rosenthal seinen Mitarbeitern vor, habe er zwei unterschiedlich befähigte Rattenstämme beschafft. Die Tiere der einen Gruppe stammten von besonders labyrinth-tüchtigen Eltern ab; sie würden sich ihrer Test-Aufgaben gewissermaßen mit angeborener Klugheit entledigen. Der andere Stamm aber rühre von Eltern her, die sich als wenig geeignet erwiesen hätten, in den Gängen des Labyrinths Erfahrungen zu sammeln und Fehler zu vermeiden.
Nach dieser Instruktion, die den Experimentatoren ein Vorurteil vermitteln sollte, verteilte Dr. Rosenthal gewöhnliche Labor-Ratten ein und derselben Sorte. Unbewußtes Mogeln beim Zählen der "Fehler" war ausgeschlossen.
Fünf Tage lang ließen die zwölf jungen Forscher ihre Ratten durch das Labyrinth laufen. Als dann die Protokolle ausgewertet wurden, gab es eine Sensation: Die Aufzeichnungen belegten, daß jene Forscher, die begabte Tiere zu testen meinten, bemerkenswert bessere Ergebnisse erzielt hatten, während die andere Psychologengruppe ihren vermeintlich unbegabten Tieren auch nur unterdurchschnittlichen Lernerfolg attestieren konnte.
Nach diesem ominösen Ergebnis entschloß sich Dr. Rosenthal, mit Versuchspersonen zu experimentieren. Er schnitt 20 Porträtphotos aus amerikanischen Wochenmagazinen aus, klebte sie auf Karton und beauftragte eine Gruppe von elf geschulten Psychologen, die Gesichter-Folge rund hundert freiwilligen Studenten vorzuführen. Die Studiker sollten aus den Gesichtern den Grad des Lebenserfolgs der abgebildeten Personen herauslesen und mit Noten zensieren. Die Bewertungsskala reichte von minus zehn (völliger Versager) bis plus zehn (ungewöhnlich erfolgreich).
Rosenthal hatte möglichst neutrale Durchschnittsgesichter ausgewählt, die bei unvoreingenommenen Befragungen mit einem Zensur-Durchschnitt von annähernd Null (zwischen minus und plus eins) bewertet worden waren. Er instruierte jedoch seine elf wissenschaftlichen Mitarbeiter unterschiedlich: Einem Teil der Psychologen sagte er, der Durchschnitt habe bei früheren Befragungen bei plus fünf gelegen, anderen Mitarbeitern erzählte er, die Porträts seien mit minus fünf bewertet worden.
Nach den strikten Anweisungen Rosenthals durften die Gruppenleiter die Test-Studenten nur mit "Hallo" begrüßen, die Test-Instruktionen verlesen, die Porträts vorweisen, die Urteile notieren und sich mit "Good bye!" wieder verabschieden. Das Resultat, das mit dieser streng kontrollierten Test-Anordnung erzielt wurde, war wiederum verblüffend: Die positiv voreingenommenen Prüfer präsentierten höhere Bewertungen, die negativ voreingenommenen Psychologen niedrigere Urteilsziffern.
Das gleiche Ergebnis war sogar dann zu verzeichnen, wenn die Psychologen während des Versuchs hinter einer Wand postiert waren, für die Studenten also unsichtbar blieben, oder wenn sie während des ganzen Tests überhaupt kein Wort sprachen.
Am Ende seiner Versuchsserie stand Professor Rosenthal vor einem Resultat, das nur einen Schluß zuließ: Auf völlig mysteriöse Weise mußten die voreingenommenen Psychologen ihre unvoreingenommenen Versuchspersonen im Sinne der Versuchserwartungen beeinflußt haben.
Eine Erklärung für dieses merkwürdige Phänomen hatte Rosenthal nicht.
* Placebo (lateinisch) = Ich werde gefallen.
Psychologe Rosenthal
Versuche in der Welt des Magischen

DER SPIEGEL 37/1961
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