28.06.1961

BRANDT-VISITEKaffee mit Offiziers

Auf der Höhe "Dicke Eiche" oberhalb der Feste Ehrenbreitstein nannte Willy Brandts Wahlkampf -Manager und Duzfreund Klaus Schütz (MdB) aus der Berliner Zietenstraße weithin hörbar das Angriffsziel: "Gleich bis nach Bonn, Herr Bürgermeister."
Kanzler-Darsteller Brandt, in Kampfjacke mit Kapuze und Kampfhose - Nummer 35 und 36 des Bekleidungsnachweises der Bundeswehr -, posierte im Turmluk des amerikanischen Bundeswehr-Panzers M 48 A 1 in Husaren -Manier: "Da hält uns keiner auf."
Aber schon zehn Minuten später war Brandt von Feindfahrt zurück, fand alles "sehr eindrucksvoll, sehr eindrucksvoll", streifte Kampfjacke und Kampfhose wieder ab und zeigte sein breitestes Kennedy-Lächeln. Bis Bonn war er nicht gekommen.
Die erste Offizialvisite des SPD-Repräsentanten bei der bewaffneten Wacht am Rhein hatte am Mittwoch letzter Woche in der Garnison Koblenz mit Verdruß begonnen.
Grund: Der Bundesverteidigungsminister hatte durch Ukas jeden sozialistischen Einbruchsversuch der Kolonne Brandt in die Bastion der schimmernden Bundeswehr abzuriegeln versucht.
Die Idee, durch eine möglichst augenfällige Brandt-Show bei der Truppe gemeinverständlich zu machen, daß des Kanzler-Kandidaten Herz außer für Rentner, Weinbauern, Urlauber und Hausfrauen auch für die deutschen Soldaten pocht, war dem Brandt-Manager Schütz schon Ende 1960 gekommen.
Man wählte Koblenz, weil von den
rund hunderttausend Koblenzer Bürgern zwölftausend in Uniform stecken; jeder vierte Bewohner der "Deutschen Eck"-Stadt, die bislang stramm CDU gewählt hat, gehört zu einer Soldaten -Familie.
Die ersten Besuchsverhandlungen führte der Koblenzer SPD-Bundestagsaspirant Buchstaller, und zwar mit dem Obersten im Generalstab von Hinckeldey, der beim Koblenzer Dritten Korps als Chef des Stabes amtiert. Hinckeldey fragte in Bonn nach, und bald kam die Auskunft, Minister Strauß befehle, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin alles zu zeigen, was er sehen wolle.
Genosse Buchstaller und Stabschef Hinckeldey vereinbarten, der "Regierende" solle mit einem repräsentativen Gefolge und drei Dutzend Journalisten in die Koblenzer Kasernen einrücken und Gelegenheit haben, dem Offizierkorps des Standorts seine Glaubenssätze vorzutragen - anschließend Diskussion.
Dieses weitherzige Besuchsarrangement war dem Oberbefehlshaber Strauß dann doch zuviel. Als Wahlreiseleiter Schütz aus Berlin die Reklame-Inspektion seines Chefs in Koblenz perfekt machen wollte, eröffnete ihm ein Generalstäbler namens Schlicht, "von höchster Stelle" seien Beschränkungen für den Berliner Bürgermeister befohlen worden: keine Rede, keine Diskussion.
Kompromiß: statt Rede und Diskussion ein Kaffeekränzchen mit gefestigten Offiziers. Außerdem dürfe Brandts Suite nicht mehr als zehn Herren umfassen, darunter höchstens vier Pressevertreter.
Ansonsten jedoch wendete die Bundeswehr-Garnison Koblenz für Kanzler -Willys Besuch nicht viel weniger Sorgfalt auf als einst für Kaiser Wilhelms Visiten. Das Generalkommando des Dritten Korps befahl: Die 5. Panzerdivision
- "legt einen Vorschlag für Durchführung des Besuchs vor,
- "bereitet Mittagessen (bei Panzerbrigade 14, verbesserte Truppenverpflegung) vor,
- "stellt für eine kurze Ruhepause zwischen 14.00 und 15.00 Uhr für den Herrn Regierenden Bürgermeister persönlich ein Zimmer (Offiziersheim-Gebäude, Panzerbrigade 14) bereit,
- "meldet ca. 15 Teilnehmer (ältere Offiziere) für die Kaffeetafel beim Generalkommando."
Willy Brandt war dennoch grämlich gestimmt, als er am vergangenen Mittwoch, obschon in Deutschland ungedient, mit soldatischer Pünktlichkeit fünf Minuten vor der Zeit um 9.40 Uhr im schwarzen Bürgermeister-Mercedes am Koblenzer Generalkommando vorfuhr; sein cremefarbenes, rotgepolstertes
Wahlkampf-Kabriolett war in der Garage geblieben.
Besuchsstart war 9.45 Uhr: Handschlag mit dem Drei-Sterne-Kommandierenden Gaedcke vom Dritten Korps, anschließend, von Feldjägern eskortiert, Fahrt im offenen Jeep durch Koblenz und über den Rhein zur Gneisenau -Kaserne der 5. Panzerdivision, wo Brandt in die Obhut des 1,96 Meter hohen Obersten Karl-Theodor Molinari geriet, des Kommandeurs der Panzerbrigade 14, der wegen seiner Funktionärstätigkeit als Vorsitzender des "Deutschen Bundeswehrverbandes e.V." auch "Bundes-Molli" genannt wird. Der mit drei Ordensreihen bestückte "Molli", dessen Stabsoffiziere vor der Kaserne als Empfangskomitee Posten gefaßt hatten, belehrte seinen militärisch unbeschlagenen Gast militärisch knapp über die Gliederung einer Panzerbrigade und verfrachtete den Bürgermeister, der nichts zu fragen und nichts zu sagen wußte, über staubige Panzerpisten auf die Schmittenhöhe, wo "Einheiten der 14. Panzerbrigade mit 4-15 -72 und 28 Fahrzeugen wie befohlen angetreten" gemeldet wurden.
Gemeldet wurde freilich nicht dem Kanzler-Kandidaten, sondern dem Obersten Molinari, der seinen Gast jovial einlud, die aufgefahrenen Vehikel in Augenschein zu nehmen. Laut Dienstplan hierfür vorgesehene Zeit. 25 Minuten. Brandt schaffte die 28 Stück in vier Minuten.
Brandts Begleiter, Pressechef Bahr und Organisationsleiter Schütz, konnten ihren Schützling schließlich veranlassen, wenigstens einen Feldküchenwagen und einen Werkstattwagen zu erklimmen. Brandt nach jeweils einer Minute wilhelminisch jovial: "Sehr, schön, sehr schön."
Erst die Einladung, in einen Kampfanzug und danach in einen Panzer zu steigen, stellte schließlich innigeres Einvernehmen her: Vergnügt wedelte der Bürgermeister mit den Armen und kletterte - nun schon geübt - ohne, Zaudern in einen Schützenpanzer um, der mit ihm auf die Höhe 280 rasselte, wo Krieg aufgeführt wurde.
Von der Feldherrnhöhe 280 aus sah Brandt durch seine Sonnenbrille den Panzern und Panzergrenadieren zu, die mit Übungskartuschen einen Feind in die Flucht schlugen. Zwei F 84-Jagdbomber kamen eigens aus dem bayrischen Memmingen herbeigeflogen und heulten über Willy Brandt hinweg. Deckname der Übung: Sonnenaufgang.
Links vom Obersten Molinari stehend, nahm der Kanzler-Kandidat die Vorbeifahrt der Kämpfer ab. Die Ehrenbezeigung erwies er ihnen durch Erheben des angewinkelten rechten Armes (siehe Bild) - ein halbmilitärischer Gruß, der einst von Josef Stalin auf dem Roten Platz in Moskau kultiviert wurde.
Den beiden Memminger Fliegern, die er so nicht hatte grüßen können, wollte Brandt ein Telegramm schicken. Die Depesche war jedoch nicht abzusetzen: Die Memminger Adresse war in Koblenz unbekannt.
Statt dessen gab es Ehrungen für den Bürgermeister: Beim Mittagessen (Aprikosenkaltschale, Schweinebraten, Mischgemüse, Kartoffeln, ein Glas Mosel; ein Stiel Langnese-Eis, eine Tasse Kaffee) überreichte Brigadechef Molinari seinem Gast den rosafarbenen Brigadewimpel mit dem Symbol der Truppe, dem Berliner Bären. Brandt: "Soweit ich
sehen kann, ist er sogar heraldisch richtig." Des Kantinenwirts vierjähriges Töchterlein schenkte dem Bürgermeister knicksend ein Primelsträußchen.
Das Offizierkorps der Brigade hatte die Mittagstafel im Kasino mit dem silbernen Eßgerät des alten Infanterie -Regiments 80 belegt. Brennende Kerzen auf IR-80-Leuchtern erhellten die Tafel. Unter den Blumenvasen lagen Papierservietten mit dem Brandenburger Tor. Und entgegen den Dienstvorschriften der Standortverwaltung war der Tisch weiß gedeckt: mit Bettlaken von Kammer.
Auf Stube 209, die der Bürgermeister inspizierte, hatte sich Stubenältester Gefreiter Klubius für die Brandt-Besichtigung etwas Besonderes einfallen lassen. Mitten im Zimmer hatte er auf einem Spind fünf leere Weinbrand -Flaschen aufgebaut. Gefreiter Klubius: "Nur zur Zierde, Herr Bürgermeister."
Brandt, nachdem er alles das gesehen hatte: "Auch der Laie kann sich in etwa ausdenken, wieviel Arbeit dahintersteckt, die Männer dahin zu bringen ..."
Molinari, Besucher: Sonnenaufgang mit Molli

DER SPIEGEL 27/1961
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