28.06.1961

QUENEAU

Wörterbus

LITERATUR

Zazie ebnete den Weg. Ermuntert Sb durch das Renommee, das die jargonmächtige Roman-Göre ihrem Erfinder, dem 58jährigen französischen Schriftsteller Raymond Queneau, letzthin auch bei deutschen Lesern und Kinogängern erquasselte (SPIEGEL 46/1960, 2/1961), hat der Suhrkamp Verlag jetzt ein zwölf Jahre vor "Zazie" entstandenes Queneau-Werk herausgebracht, dessen deutsche Übertragung bereits seit 1956 auf Eis lag: die "Exercises de style".

Titel der deutschen Spätausgäbe des in Frankreich schon 1947 erschienenen Buches: "Stilübungen Autobus S"*.

Diese "Stilübungen" stehen zwar an Auflagenerfolg, nicht aber an literarischer Bedeutung hinter dem in Frankreich 1959 publizierten Zazie-Bestseller zurück. Sie nehmen im Repertoire des Schriftstellers, Goncourt-Akademie-Mitglieds und Herausgebers einer auf vierzig Bände geplanten Enzyklopädie Raymond Queneau, der auch Drehbücher und (unter anderem für Juliette Greco) Chansons geschrieben hat, sogar eine zentrale Stelle ein: Stilübungen, Sprach - und Wortexerzitien sind nicht nur die ausdrücklich so genannten, sondern im Grunde alle Werke Queneaus.

Das Wesen der Wörter, das "sprachliche Problem der Sprache" (Queneau), interessiert den aus Le Havre stammenden,

vom Surrealismus beeinflußten Dichter nachhaltig, seit ihm während seiner Militärzeit - er diente von 1925 bis 1927 in einem Zuavenregiment in Nordafrika-erstmals der krasse Unterschied zwischen geschriebenem und gesprochenem Französisch, zwischen der Literatursprache und dem Sprachgebrauch, bewußt wurde.

Queneau verschrieb sich dem Experiment, das Redensartliche, die Alltagssprache und das Idiom ihrerseits in literarische Form zu bringen. Sein 1932 in Griechenland geschriebener Roman "Le Chiendent" zum Beispiel (das Wort bezeichnet gleichzeitig die Quecke - eine Pflanzenart -, aber auch die Schwierigkeit) war der Versuch, den "Discours de la methode" von Descartes (1596 bis 1650), ein Hauptstück der europäischen Philosophie, in gebräuchliches Sprechfranzösisch zu übertragen. Auch Kodderschnauze Zazie ist weniger Heldin einer herkömmlichen Romanhandlung als vielmehr Medium des Sprachexperimentators Queneau, das Sprachrohr einer Stilübung.

Innerhalb der vom Handlungs- und Heldenschwund befallenen modernen Literatur markieren die nun auch deutschen Lesern zugänglichen "Stilübungen" ein - besonders fortgeschrittenes Stadium. Queneaus Geschichte besteht aus genau zehn Sätzen, sie berichtet nur von einer Rempelei in einem Pariser Autobus - dies aber auf nicht weniger als 99 verschiedene Arten, die alle denkbaren Erzählweisen vom klassischen Bericht bis hin zum nur noch Vokale lallenden Avantgardismus zu erschöpfen scheinen.

In der Urform liest sich die absichtsvoll banale und bedeutungslose Anti -Geschichte so:

Im Autobus der Linie S, zur Hauptverkehrszeit. Ein Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren, weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes, zu langer Hals, als hatte man daran gezogen. Leute steigen aus. Der in Frage stehende Kerl ist über seinen Nachbarn erbost. Er wirft ihm vor, Ihn jedesmal, wenn jemand vorbeikommt, anzurempeln. Weinerlicher Ton, der bösartig klingen soll. Als er einen leeren Platz sieht, stürzt er sich drauf.

Zwei Stunden später sehe ich Ihn an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare, wieder. Er ist mit einem Kameraden zusammen, der zu ihm sagt: "Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen." Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt) und warum.

Dieser Minimalstoff wird von Queneau virtuos noch achtundneunzigmal variiert, so als Sonett, als Traum oder als Verhör ("Hatte dieser Zwischenfall ein Nachspiel?"), in noblem Stil, in metaphorischem Stil oder in vulgärem ("Bemerk ich da so'n bekloppten Stenz"). Queneau exerziert seine Geschichte lautmalerisch ("Rumeldibum"), philosophisch oder beleidigend vor, als Komödie, als "amtlichen Brief" ("Ich habe die Ehre, Ihnen folgende Begebenheit mitzuteilen"), als Bericht einer Frau, eines Landmanns oder eines Reaktionärs ("Armes Frankreich").

Andere der meist bis zum Absurden überdrehten "Autobus S"-Metamorphosen tragen als Stichwort-Überschrift etwa: "Verdoppelung", "Telegraphisch", "Ausrufe", "Anglizismen", "Konsonantenversetzung", "Anagramme", "Gastronomisch" oder "Visuell".

Wie es einem "Zauberer" anstehe, so kommentiert der 31jährige Lyriker Hans Magnus Enzensberger diese Bus -Variationen, "spielt Queneau mit nicht ganz geheuren Karten. Er will uns weismachen, daß er nichts weiter mit uns vorhat als ein Späßchen. Er zeigt sein Blatt und mischt es vor unsern Augen: Autobus, junger Mann, Sitzplatz, Bahnhof, Mantel, Knopf. Keine Spur von Hintergründigkeit, kein verborgener Spiegel, kein doppelter Boden.

"Und dann legt er die Karten aus. Die Verwandlungen beginnen. Die Sage vom Autobus S erscheint... in der infernalischen Genauigkeit einer mathematischen Abhandlung; sie wird einem Reaktionär und einem Engländer in den Mund gelegt, beleidigend und dilettantisch, bayerisch und preziös, im Jugendstil und in Küchenlatein vorgebracht.

Ihre Metamorphosen hecken und vermehren sich auf ungeheuerliche Art und Weise."

In der - von Ludwig Harig und Eugen Helmlé - mehr nachgedichteten als übersetzten deutschen Fassung lautet zum Beispiel die Autobusgeschichte unter dem Stichwort "Homöophonie" (Lautähnlichkeit):

Der wohlbestallte Autobus stand an der Halte. Ein junger Balte krawallte, denn der Alte prallte an seine gebügelte Falte. Es hallte und schallte, bis daß es knallte. Der Alte wollte, aber der Balte sah eine Spalte, in die er sich krallte.

Eine Stalte spalte erblallte ich ihn vor der Galte Saint-Lazalte. Er strallte dort wegen eines Knallte, eines Überzalteknallte.

Die erzähltechnische Variante" Zögern" beginnt: "Ich weiß nicht genau, wo sich das abspielte... in einer Kirche, einer Mülltonne, einem Beinhaus? Einem Autobus vielleicht? Dort war... aber was war dort noch? Eier, Teppiche, Radieschen? Skelette? Ja, aber noch mit ihrem Fleisch dran und lebendig. Ich glaube, das wars."

In der Version "Klappentext" persifliert Queneau nicht nur den typischen Schwulst belletristischer Verlagsreklame, sondern im gleichen Zuge die herkömmliche Belletristik: "In seinem neuen, mit dem ihm eigenen Brio behandelten

Roman hat sich der berühmte Romancier X, dem wir schon so viele Meisterwerke verdanken, befleißigt, nur gut gezeichnete und in einer für alle, Große und Kleine, verständlichen Atmosphäre handelnde Personen zu gestalten...

Wie die mit breiterem Ruhm dekorierte Zaziade zeigt auch das anspruchsvolle "Stilübungen"-Buch, daß Queneaus Avantgardismus frei von jener grämlichen Note ist, die artverwandten Bemühungen namentlich in Deutschland oft eignet. Queneaus Wortexperimente sind ebensosehr Wortspiele, seine Stilübungen gleichzeitig Stil-Parodien.

"Ich autobusplattformte ko-mengen ähnlicherweise", beginnt etwa die Variante "Wortkomposition". "Nicht zu glauben!" endet die mit vielen Ausrufezeichen durchsetzte Variante "Überraschungen", die den neckischen Ton schlechter Feuilletons zu parodieren scheint.

Unter dem Stichwort "Parteiisch" beginnt die Geschichte: "Nach einer unangemessenen Wartezeit kam der Autobus"; die als "Unfähig" gekennzeichnete Variante endet: "Und wie soll man endlich den Eindruck formulieren, den zwei Stunden später vor der Gare Saint-Lazare das Wiederauftauchen dieses Sirs verursacht, diesmal in Begleitung eines eleganten Freundes, der ihm modische Verbesserungen einflüsterte." Diese "Unfähigkeits"-Variation mag Leser beiläufig auf die - nicht immer fingierte - Schwäche von Autoren aufmerksam machen, die einen Eindruck gleichwohl beschreiben, obgleich sie einräumen, daß sie dazu nicht in der Lage sind.

Der Widerspruch zwischen der gewollten Trivialität der Autobus-Story und der Virtuosität, mit der Queneau sie durch fast hundert Variationen hext, macht nach Meinung des Lyrikers Hans Magnus Enzensberger "das Diabolische" dieser Stilübungen aus. Obwohl Queneau für die Ausleger seiner Purzelbäume gewiß nur Spott und Mitleid übrig" habe, schreckt Enzensberger nicht vor einer noch dazu hochphilosophischen Auslegung zurück: Mit seinen "hanebüchenen Sprachspielen" streife Queneau "haarscharf die Pilatusfrage" ("Was ist Wahrheit?") und die radikal sprachkritische Philosophie des "erlauchten Ludwig Wittgenstein".

"Da stehen dem hartgesottensten Avantgardisten die Haare zu Berge", schreibt Enzensberger im Suhrkamp -Almanach, "er sieht seine bescheidenen Kunststücke übertroffen und ad absurdum geführt... Der Meister Queneau erhebt seine Hände zum Publikum: sie sind leer. Nie wieder kann die Geschichte vom Sitzplatz, vom Wortwechsel und vom Mantelknopf erzählt werden. Der Vorhang fällt vor dem Repetitorium aller Wahrnehmungsfelder und Perspektiven, aller Standpunkte und Erzählhaltungen, Sprachfiguren und Schreibweisen... Vor unserm eigenen Spaß könnte uns angst und bange werden."

Auch die Schweizer Literaturkritikerin Gerda Zeltner-Neukomm findet Queneaus Stil-Hokuspokus "ebenso unheimlich wie lustig". Die Stilübungen, erklärt die Schweizer Kritikerin, wollten nicht einmalmehr literarische Konventionen zerstören, sie gingen vielmehr ganz selbstverständlich und gelassen von der Voraussetzung aus, daß die Vernichtung bereits stattgefunden habe: "Da nichts der Rede wert ist, bleibt nur, daß die Rede sich selber wert sei, und sie wird

um so munterer, je wesenloser der Anlaß ist."

Als ein anderes Beispiel für diese muntere "Vollendung des Wesenlosen", in der sie das Wesen der Queneauschen Wortartistik sieht, zitiert Kritikerin Zeltner-Neukomm Raymond Queneaus 1945 erschienenen Roman "Loin de Rueil" ("Weit von Rueil"), in dem "drei Leute sich seitenlang in einer Art Wechselgesang über Läuse unterhalten, mit einem sprachlichen Eifer, als handle es sich bei jedem um sein Totemtier".

* Raymond Queneau: "Stilübungen Autobus S" Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 168 Seiten; 9,80 Mark.

Sprachexperimentator Queneau

Stalte spalte erblallte


DER SPIEGEL 27/1961
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