28.06.1961

FAULKNERFünfzehn Übersetzer

Zwei mehr als dreißig Jahre alte Romane des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner - "Sartoris" (1929) und "Als ich im Sterben lag" ("As I Lay Dying", 1930) - werden in diesem Jahr als Neuerscheinungen dem deutschen Leserpublikum angeboten. Mit diesen Spätausgaben der beiden Frühwerke ist die Eindeutschung aller bisher erschienenen Romane Faulkners abgeschlossen.
Ganz im Stil jener Verwirrung, die von Anfang an das Schicksal des Faulkner-Werkes auf dem deutschen Büchermarkt bestimmt hat, wurde die deutsche Buchausgabe der beiden noch fehlenden Faulkner-Romane von insgesamt drei Verlagen und drei Übersetzern bewerkstelligt.**
Derartige editorische Merkwürdigkeiten haben das langwierige Unternehmen der Faulkner-Eindeutschung von jeher gekennzeichnet. Während im allgemeinen nennenswerte ausländische Autoren in Deutschland von jeweils einem Verlag herausgegeben oder doch hauptsächlich von einem Übersetzer übertragen wurden und werden - zum Beispiel George Bernard Shaw von Siegfried Trebitsch, James Joyce von Georg Goyert, Federico Garcia Lorca von Enrique Beck -, ist dem Werk des heute 63jährigen Literatur-Nobelpreisträgers William Faulkner, eines der bedeutendsten, wenn
nicht des bedeutendsten amerikanischen Romanciers, eine ähnliche Kontinuität versagt geblieben.
Die Romane von Faulkners prominentem Nobelpreis-Kollegen Ernest Hemingway wurden - mit einer Ausnahme - von Annemarie Horschitz-Horst ins Deutsche übertragen. Dagegen waren an den achtzehn in deutscher Sprache erschienenen Romanen und romanähnlichen Büchern Faulkners nicht weniger als fünfzehn Übersetzer beteiligt, einen Lyrikband übertrug wieder ein anderer. Zwölf Faulkner-Bücher sind im Schweizer Fretz & Wasmuth Verlag und gleichzeitig, als deutsche Lizenzausgaben, bei Goverts in Stuttgart erschienen, sechs bei Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, und eines beim Artemis -Verlag in Zürich.
Im Gegensatz aber zu Hemingways Romanen und Erzählungen, die jeweils in sich abgeschlossene Handlungen haben und von Lesern, sofern sie nicht literarhistorische oder stilkritische Absichten haben, in beliebiger Reihenfolge
konsumiert werden können, hängen Faulkners Romane zumeist untereinander zusammen. In vielen Büchern hat Faulkner Schauplätze und die handelnden Sippen beibehalten, wobei konsequente Faulkner-Leser in Deutschland zunächst die Enkel und Urenkel kennenlernten, bevor sie noch mit den Schicksalen der Vorfahren bekannt gemacht worden waren.
Bei den professionellen Beobachtern des deutschen Büchermarkts hat denn auch diese sinnwidrige Art der Faulkner-Edition über Jahre hinweg immer wieder Proteste provoziert. Häufigster Vorwurf: Die kommentarlos unsystematische Erscheinungsweise mache es dem
Leser unmöglich, die ohnehin schwer lesbaren Romane richtig zu verstehen.
Erich Franzen 1956 in der "Frankfurter Allgemeinen": "Es ist unverzeihlich, daß die Romane William Faulkners, die Stationen auf einem Kalvarienberg gleichen, den deutschen Lesern in ganzwillkürlicher Reihenfolge zugänglich gemacht werden."
Günter Blöcker 1956 in der "Süddeutschen Zeitung": "Die Übersetzungen... sind, über mehrere Verlage verteilt, in so krausem Durcheinander erschienen, daß weder die innere und äußere Kontinuität des Werkes noch seine kompakte Einheitlichkeit hinreichend deutlich werden."
Helmut M. Braem 1961 in der "Stuttgarter Zeitung": "Da sich die drei Verleger der deutschsprachigen Ausgaben nicht zu einer einheitlichen Edition entschließen konnten und eine Handvoll Übersetzer ihr Handwerk mit recht unterschiedlichem Talent ausgeübt haben, in den meisten Romanen ständig wiederkehrende Begriffe und Ortsangaben stark differieren, kann nur von chaotischen Zuständen gesprochen werden."
Wirklich erschienen zum Beispiel "Die Unbesiegten"' (1938), "Das verworfene Erbe" (1942) und "Griff in den Staub" (1948) in Deutschland in genau umgekehrter Reihenfolge und wurden von drei Übersetzern eingedeutscht. Der in Amerika 1929 veröffentlichte Roman "Schall und Wahn", von den meisten Kritikern als Faulkners Hauptwerk bezeichnet, kam in Deutschland erst 1956 heraus, fünf Jahre später als der literarisch minder bedeutende Bestseller von 1931, "Die Freistatt".
Die Roman-Trilogie "Das Dorf", "Die Stadt", "Das Haus" wurde teils von Helmut M. Braem und Elisabeth Kaiser, teils von Elisabeth Schnack übersetzt. "Das Haus", 1959 in den USA veröffentlicht, lag zwar schon 1960 in Deutschland vor. Den dreißig Jahre vorher geschriebenen Roman "Sartoris" können deutsche Faulkner-Leser erst jetzt erwerben.
Zum Teil ist die deutschsprachige Faulkner-Verwirrung eine Folge des Zweiten Weltkriegs. Im Jahre 1935 hatte der Verlag Rowohlt den amerikanischen Dichter mit dem Roman "Licht im August" in Deutschland eingeführt. 1936 und 1938 folgten die Romane "Wendemarke" und "Absalom, Absalom". Im Krieg fiel das deutsche Faulkner -Copyright, das Rowohlt nicht mehr wahrnehmen konnte, an den Schweizer Verlag Fretz & Wasmuth. Von diesem erhielt nach dem Krieg aber nicht der Verlag Rowohlt, sondern der Scherz & Goverts Verlag (inzwischen Henry Goverts Verlag) die Faulkner-Lizenz für die Bundesrepublik.
Die von den Kritikern beklagten deutschen Faulkner-Mißlichkeiten hatten freilich nicht erst mit dem Schweizer Kriegsgewinn der Faulkner-Rechte, sondern fast symbolisch schon mit der ersten deutschen Faulkner-Übertragung begonnen. Der Romantitel "Light in August" wurde vom ersten deutschen Faulkner-Übersetzer Franz Fein für Rowohlt irrtümlich mit "Licht im August" wiedergegeben, tatsächlich bedeutet er etwa "Niederkunft im August".
Daß nun der zuletzt verdeutschte Roman "Sartoris" wieder beim Faulkner-Erstverlag Rowohlt erschienen ist, beruht offenbar abermals auf einem Irrtum. Rowohlt-Lektor Raddatz: "Wir stellten eines Tages fest, daß die 'Sartoris'-Rechte noch frei waren. Der Roman war wohl einfach vergessen worden."
** William Faulkner: "Sartoris". Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 340 Seiten; 18 Mark. William Faulkner: "Als ich im Sterben lag". Henry Goverts Verlag, Stuttgart; Lizenzausgabe des Fretz & Wasmuth Verlags, Zürich; 244 Seiten; 17,50 Mark.
Verleger Ledig-Rowohlt, Romancier Faulkner: Frühwerke in Spätausgaben

DER SPIEGEL 27/1961
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