28.06.1961

FERNSEHEN / TelemannLÄMMCHENS RACHE

Niemand noch hatte sich darangewagt. Kein O'Neill, kein Giraudoux, nicht einmal ein Jean Anouilh. Allen war der mediterrane Sagenkreis, wenn's ums Modernisieren ging, zweckdienlicher erschienen als der nordische.
Sie aber, Alix Evelyn Marie -Therese Hirth Drevelle du Frenes, Enkelin des Jugendstil-Begründers Georg Hirth, sie scheute sich nicht, auch dem spröden Germanen-Mythos ein-Reis entsprießen zu lassen - das Fernsehdrama "Siegfrieds Tod" (Erstes Programm, Südwestfunk, 22. Juni).
Als Grund führt sie an: Der Papa habe ihr, als sie neun Jahre zählte, am Krankenbett die Geschichte von den Nibelungen vorgelesen, worauf sie "ungeheuer erregt" gewesen sei. Über "Kriemhilds Dummheit" vor allem.
Und wie das so ist mit den Kindheitseindrücken - der Schock reichte hin, um die inzwischen herangeblühte Fernsehspiel-Autorin Alix du Frenes nachdichterisch dartun zu lassen, "daß sich in den menschlichen Beziehungen und Reaktionen in den Jahrtausenden so gut wie nichts geändert hat... Ob Playboy oder Königssohn - es läuft schließlich alles auf das Nämliche hinaus".
"Es wuchs in Burgunden solch edel Mägdelein... Kriemhild war sie geheißen", sang einst der unbekannte Barde. Die TV-Autorin hingegen stellt eine Blondine namens Krill Wormser vor, welche in der Folge auch "Lämmchen", "Plappermäulchen", "Engelchen", "silberner Liebling" und "wundersames Silberchen" genannt wird.
Gunter Wormser, ihr Bruder, ist Besitzer eines Strandhotels, hat im Gegensatz zu seinem mythischen Vorbild eine schwache Gesundheit und muß sich von Frau Ute nachsagen lassen, daß er als Kind "nicht einmal seinem Teddybären die Ohren abgerissen hat".
Hagen von Tronje, einäugig, wurde vom königlichen Gefolgsmann zum "abhängigen Verwandten" degradiert und trägt die grimme Last der Bonmots ("Reden ist für das Herz wie ein Abführmittel für die Eingeweide").
Siegfried Xanten, vormals der "starke Recke gut", hat sich in einen von Verdauungsbeschwerden geplagten Whisky-Endverbraucher gewandelt.
Brunhilde, die Walküre, heißt jetzt Brunja und ermangelt auffällig der vielbesungenen Jungfräulichkeit. ("Warum hat man immer wieder mit fremden Leuten zu tun? Und warum tut man's immer wieder?").
Doktor Ladislaus Etzel ("der fette Tatar") ist ein böhmischer Staatsanwalt a.D. und seltsamerweise von Anbeginn im Spiel.- Und hinter den Hotelbediensteten Kohlenknecht und Völkchen darf man wohl mit Fug die Gesamtheit der burgundischen Ritterschaft vermuten.
War es bei den Personennamen noch leicht, die "alten Mären" hervorschimmern zu lassen, so bereitete die Abfassung der Handlung nachfühlbare Schwierigkeiten. Nicht zuletzt, weil die Bardin Alix dem sittlichen Gehalt des Nibelungenliedes hartnäckig mißtraute. Ihres Dafürhaltens hatten der Sagen-Siegfried und die Sagen-Brunhilde beileibe nicht nur der hohen Minne gepflogen. Dabei heißt es im Lied ausdrücklich: "Siegfried trat zur Seite - liegen ließ er die Maid."
So darf es nicht wundernehmen, daß sich im Fernsehspiel die mythischen Parallelen nur widerwillig abzeichneten.
Wenn die Nibelungen-Strophe kündet: "Doch wollte sie (Brunhilde) den König (Gunter) nicht minnen auf der Fahrt. Ihre Kurzweil wurde für das Haus aufgespart", so mochte Brunjas Erklärung "Ich hab ihn im Schlafwagen ausgesperrt" Germanisten befriedigen. Wenn jedoch von der Walküre Zähmung geschrieben steht: "Sie warf ihn (Siegfried) aus dem Bette daneben auf die Bank, daß ihm sein Haupt dröhnend an dem Schemel klang", dann will niemandem recht einleuchten, warum die Brunja Wormser dem Sigi Xanten in der vergleichbaren TV-Szene nur den Nacken krault.
Überhaupt jagte ein Fehlbezug den andern: Der Walkürenring Andvaranaut - ein Bracelet mit der Inschrift "For ever and ever Siegfried" die Tarnkappe - Whisky -Nebel, Siegfrieds Tod - das Ende eines Nichtschwimmers.
Kriemhilds berühmte Rache schließlich besteht bei Krill, dem Silberlämmchen, einzig in dem Ersuchen, der Hotelgast Dr. Etzel möge doch bei der Staatsanwaltschaft Klage wegen Mordes an ihrem Gatten erheben. Böhmakelt des Hunnenkönigs Nachfahr bieder: "Sie sind fürchterlich, ma chérie."
Das ist der Nibelunge Fernsehlied.
Sollte es die Verfasserin bei Gelegenheit wieder auftrennen wollen, um vielleicht ein anderes Hohelied daraus zu fertigen, möchte Telemann ihr anraten, die Personen der nächsten Heldenhandlung schlicht "Hans" oder "Grete" zu taufen. Aus zwei Gründen. Einmal, weil dann der Zuschauer, statt vergleichende Mythologie zu treiben, das Fernsehspiel Fernsehspiel sein ließe. Er ist Kummer gewöhnt, also anspruchslos.
Zum anderen, weil immer mal ein TV-Rezensent vom Blitzstrahl der Erkenntnis getroffen werden könnte. Und wenn er dann schriebe: "Ei, das war doch Lohengrin'", schriebe er's auf eigene Gefahr.
So bliebe alle Blamage in schicklichen Grenzen.
Merke: "Vor Schaden hält sich mancher durch Besonnenheit in Hut" (Das Nibelungenlied, 29. Abenteuer).
Von Telemann

DER SPIEGEL 27/1961
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