20.09.1961

AUSWÄRTIGES AMT

Der Weg nach oben

BONN

Sein Name ist Hase, und er wußte auf alles eine Antwort. Drei Jahre lang verfütterte er als "Sprecher des Auswärtigen Amts" dreimal wöchentlich zur Rechten Felix von Eckardts im Zimmer 117 A des Bundeshauses Propaganda-Kraftnahrung an Bonns Reporter-Meute; oft waren darunter außenpolitische Delikatessen, die sich der Kenntnis des Bundespressechefs augenscheinlich entzogen hatten.

Seine Reaktions-Schnelligkeit war berühmt. Als ein unbekannter Herr in einer Pressekonferenz an der Tür ausgeglitten und lang hingeschlagen war, tönte Hases helle Stimme in das verlegene Schweigen: "Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen unseren neuen Mitarbeiter Dr. Scholtyssek vorstellen."

Am Dienstag vergangener Woche erhielt der schlagfertige Hase aus der Hand des Außenministers Heinrich von Brentano auf Büttenpapier seine Ernennung zum Ministerialdirektor und zum Leiter der Abteilung West II des Auswärtigen Amts.

Dieser Vorgang war so ungewöhnlich, daß sogar die sonst eher zurückhaltende "Frankfurter Allgemeine" aus der Ruhe geriet: "Eine personelle Sensation." Auch die Hamburger "Welt" staunte: "Nahezu ein Wunder."

Das Wunder: Karl-Günther von Hase, bisher Vortragender Legationsrat 1. Klasse, ist gerade 43 Jahre alt und rangiert heute nach Überspringen des Ministerialdirigenten-Rangs in der AA -Hierarchie als jüngster Ministerialdirektor der Bundesrepublik direkt hinter den Staatssekretären.

Mit einem neuen Diplomaten-Schub, durch den auch Hase in die Amts-Spitze geliftet wurde, hat Heinrich von Brentano, 57, jetzt der Kriegs- und Kriegergeneration freie Fahrt gegeben und alte Grauköpfe aus der Berliner Wilhelmstraßen-Zeit übergangen, die sich nun auf minder wichtigen Posten der Pensionsgrenze nähern müssen.

Unter den beiden Staatssekretären Carstens, 46, und Lahr, 52, sollen auf Geheiß Brentanos künftig - mit Ausnahme des neuen Personalchefs Dr. Paul Raab, 59 - als Abteilungsleiter nur noch Herren unter 55 tätig sein, nämlich

- Dr. Helmut Allardt, 54, als Leiter

der Handelspolitischen Abteilung,

- Franz Krapf, 50, als Leiter der

Ostabteilung,

- Dr. Josef. Jansen, 52, als Leiter der

Abteilung West I und

- Dr. Hans-Georg Sachs, 50, als Leiter der Entwicklungshilfe-Abteilung.

Jüngster Mann dieser Nachwuchs-Riege ist jetzt Karl-Günther von Hase. Als Direktor der Abteilung West II ist er künftig verantwortlich für die Referate

- 300: Vereinte Nationen, internationale weltweite Organisationen,

- 301: Nato und Verteidigung,

- 302: Abrüstung und Sicherheit,

- 304: Großbritannien, Commonwealth,

Australien, Neuseeland, Irland,

- 305: USA, Kanada,

- 306: Mittel- und Südamerika und

- 307: Afrika südlich der Sahara.

Eigentlich hatte Jung-Hase, im Steckrübenwinter 1917 auf Gut Wangern im Kreis Breslau geboren, nicht Diplomat, sondern Soldat werden wollen, wie Vater Hase, der nach dem Ersten Weltkrieg als Charaktermajor aus dem Heer ausschied.

Im Zweiten Weltkrieg, in dem Onkel Paul von Hase, Generalleutnant und

Stadtkommandant von Berlin, sowie Vetter Dieter Bonhoeffer als Widerstandskämpfer hingerichtet wurden, avancierte denn auch Karl-Günther von Hase schwerverwundet und hochdekoriert zum Major. Erst Weihnachten 1949 kehrte der Ritterkreuzträger aus sowjetischer Gefangenschaft zurück.

Im Alter von 33 Jahren begann Hase 1950 seine zweite Karriere. Nichtstudiert zog er auf die Diplomaten-Schule in Speyer. Nach schwungvollem Aufzug am AA-Reck und zehnjährigem diplomatischen Dienst galt es noch im Sommer dieses Jahres als beschlossene Sache daß Karl-Günther von Hase als Botschaftsrat nach Rom gehen sollte.

Eine Wohnung würde schon gesucht; zusammen mit Frau Renate, der Tochter des Luftwaffen-Generalobersten Stumpff, lernte Hase im Godesberger Bundeseigenheim Italienisch von Schallplatten; die zwei schulpflichtigender fünf Töchter des Diplomaten hielten es für unnötig, den Schulunterricht noch ernst zu nehmen.

Seit Dienstag vergangener Woche müssen die Hase-Mädchen wieder -büffeln: Im letzten Augenblick entschloß sich Minister von Brentano, seinen bewährten Presse-Wart in Bonn zu halten, und vertraute ihm die Abteilung West II an, deren bisheriger Leiter, Hasso von Etzdorf, als Botschafter nach London geht.

Diesen Gipfel seiner bisherigen Karriere erklimmt Karl-Günther von Hase auf dem Höhepunkt einer Krise, die ihn zum ersten Male nicht auf der Höhe zeigte: Am Morgen des 13. August, als Ulbricht seinen Stacheldraht durch Berlin spannte, fertigte der unwissende Hase neugierige Anrufer mit der Bemerkung ab, man möge ihm doch mit solchen Witzen nicht die Nachtruhe stören.

Brentano-Diplomat von Hase

Auf alles eine Antwort


DER SPIEGEL 39/1961
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