13.09.1961

NEUTRALEPunkt 27

Über den Wandelgängen des Belgrader Parlamentsgebäudes lag eine Dunstglocke von kaltem Zigarettenrauch.
Erschöpfte Diplomaten zankten mit übermüdeten Journalisten. Die Exzellenzen hatten lange Bartstoppeln, die Reporter rotgeränderte Augen. Es war kurz vor zwei Uhr am Mittwochmorgen vergangener Woche.
Die Belgrader Konferenz der 25 blockfreien Staaten*, von Jugoslawiens Staatspräsident Marschall Tito mit einem Kostenaufwand von 20 Millionen Mark vorbereitet, stand vor einem Dilemma: Das für die Erstellung des Schlußkommuniqués eingesetzte Redaktionskomitee konnte sich nicht einigen.
Ursache: Eine alle Teilnehmer befriedigende Formulierung zur Deutschland- und Berlin-Frage ließ sich nicht finden.
Erst durch das Einlenken des Gastgebers Tito wurde der Weg für einen Kompromiß frei, und die Redaktoren formulierten: "Die teilnehmenden Staaten (fordern) alle betroffenen Seiten auf, ... bei der Lösung der deutschen Frage oder der Berlin-Probleme nicht Gewalt anzuwenden oder damit zu drohen."
Dieser magere, nichtssagende Satz stand auf der letzten von 14 Seiten, im letzten von 27 Punkten eines Kommuniqués, das die "Neue Zürcher Zeitung" als "Konglomerat theoretisierender Postulate" bezeichnete.
"Von der Existenz zweier deutscher Staaten oder einer Anerkennung Pankows ist nicht die Rede", freute sich tags darauf die "Frankfurter Allgemeine" unter der Überschrift "Zurückhaltung der Neutralen in der Berlin-Frage".
Die Zurückhaltung stand freilich nur im Kommuniqué. Im gelb und rosa gestrichenen Plenarsaal des jugoslawischen Parlaments, der wie ein Frisiersalon duftete - vor den Sitzungen wurde vorsorglich Parfüm versprüht -, gehörten Begriffe wie "zwei deutsche Staaten" und "Anerkennung Pankows" durchaus zum gängigen Vokabular.
"Die Existenz zweier deutscher Staaten ist heute eine Realität und kann nicht abgestritten werden", dröhnte Gastgeber Tito. Und: "Die immer intensivere Bewaffnung Westdeutschlands muß zu einer Stärkung jener reaktionären und faschistischen Elemente führen, die von Hitlers Kriegsmaschine zurückgeblieben sind." Sprach's und forderte seine blockfreien Kollegen auf, die DDR sofort de jure anzuerkennen.
Ghanas Staatschef Kwame Nkrumah, gerngesehener Staatsgast in Moskau, assistierte: "Die Nationen der Welt
sollten die Existenz zweier deutscher Staaten anerkennen". Sprach's und lud Kennedy und Chruschtschow zu Friedensgesprächen in seine heiße Hauptstadt Accra ein.
Das waren goldene Worte für Eleonore Staimer, Tochter des verstorbenen Zonenpräsidenten Wilhelm Pieck, die in der Diplomatenloge eifrig applaudierte.
Frau Staimer, einzige deutsche Diplomatin in Belgrad, repräsentiert de jure die DDR, seit die Bundesrepublik 1957 die diplomatischen Beziehungen zu Jugoslawien abbrach, nachdem Moskaus Zwei-Staaten-These und Bonns Hallstein-Doktrin zum erstenmal in der diplomatischen Praxis aufeinandergeprallt waren.
An der gleichen Stätte hatte Hallsteins Konstruktion jetzt ihre bisher schlimmste Zerreißprobe zu bestehen.
Auch für den asiatischen Konferenzflügel existierten nämlich zwei deutsche Staaten.
Indonesiens Staatspräsident Sukarno dozierte: "Der gesunde Menschenverstand erfordert die ... De-facto-Anerkennung zweier deutscher Staaten als große Realität."
Und Indiens Premier Nehru, auf den Bonn gehofft hatte, mit selbstquälerischer Miene: "Ob es uns gefällt oder nicht, es gibt zwei deutsche Staaten." Erst später schwächte er ab: Seine Regierung wolle Pankow nicht de jure, sondern lediglich de facto anerkennen.
Die Stimme des Erzbischofs von Zypern fand keinen Widerhall. Klagte Patriarch Makarios: "Die Bevölkerung von Berlin kann nicht in einem Konzentrationslager gehalten werden."
Auch der Führer aller Araber, Ägyptens Präsident Nasser, sprach von "zwei deutschen Völkern", forderte allerdings - wie vor ihm Nehru und Makarios -, daß der Zugang nach Westberlin gesichert und daß diese Forderung ins Schlußkommuniqué übernommen werde.
Während Nasser und Nehru die gekrönten und ungekrönten Potentaten* zu einem Friedensappell an die beiden Weltmächte überredeten, verlangte Tito die sofortige Anerkennung der DDR. Stundenlang feilschte er, wobei er hart am Rande eines Zerfalls der Konferenz operierte; dann gaben beide Seiten nach: Der Zugang nach Westberlin und die Zwei-Staaten-These wurden im Kommuniqué nicht erwähnt.
König Hassan von Marokko hatte bereits während der Plenarsitzung die klärenden Worte gesprochen: "Wir selbst haben (für Berlin) keinen Plan zu unterbreiten, wir haben nichts als den guten Willen."
Ohne ein Schlußwort Titos ging die Konferenz auseinander. Sein Versuch, eine Einheitsfront der Blockfreien für die Anerkennung der DDR zu bilden, ist vorerst gescheitert, freilich - wie sich in Belgrad zeigte - nicht aus Angst vor der Hallstein-Doktrin. Die Führer der jungen afrikanischen und asiatischen Staaten wissen vielmehr die Entwicklungshilfe in D-Mark West, die Bonn verteilt, durchaus zu schätzen.
* Äthiopien, Afghanistan, Algerische Exilregierung, Burma, Ceylon, Ghana, Guinea, Indien, Indonesien, Irak, Jemen, Jugoslawien, Kambodscha, Kongo, Kuba, Libanon, Mali, Marokko, Nepal, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan, Tunesien, Vereinigte Arabische Republik, Zypern.
*Ein Kaiser, zwei Könige, zwei Prinzen, drei Außenminister, sieben Ministerpräsidenten, zehn Staatspräsidenten.
DDR-Freunde Tito, Nasser: de facto statt de jure

DER SPIEGEL 38/1961
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