13.09.1961

FRANKREICH / MEMOIREN Jovialer Verräter

Jahrzehntelang galt Edouard Herriot, Ministerpräsident, Kammervorsitzender und Träger der ihm von Hindenburg verliehenen Goethe-Medaille, als die Verkörperung Frankreichs, als der Grand Old Man seiner Nation. Kein Franzose wagte, an der demokratischen Lauterkeit des großen Parlamentariers zu zweifeln.
Als der 85jährige Liberale 1957 starb und die Regierung ihm ein Staatsbegräbnis gewährte rühmten die Nachrufschreiber aller Zeitungen, Herriot habe als einer der wenigen Franzosen im Zweiten Weltkrieg die deutschen Besatzer und deren französisches Satellitenregime kompromißlos befehdet.
"Im Debakel von 1940 blieb er standfest in seiner republikanischen Loyalität und bekämpfte mutig die Elemente der Kollaboration", lobte die Londoner "Times", und ihr großes Schwesterblatt in New York anerkannte, nichts habe "Monsieur Herriot dazu überreden können, mit der Vichy-Regierung zusammenzuarbeiten".
Mitte vergangenen Monats hätten die Lobschreiber von 1957 ihre Herriot -Nekrologe korrigieren müssen: Die Pariser Tageszeitung "L'Aurore" veröffentlichte zwei Auszüge aus den bis dahin unbekannten Aufzeichnungen des ehemaligen Polizeipräfekten Amédée Bussière, in denen Nationalheld Herriot als Verräter an einem anderen Nationalhelden figurierte, an Frankreichs Befreier-General Charles de Gaulle.
Der "joviale Verräter", wie Herriot wegen seiner innenpolitischen Wendigkeit oft von Gegnern genannt wurde, hatte im August 1944 gemeinsam mit dem Pariser Polizeipräfekten Bussière und dem Vichy-Premier Pierre Laval versucht den Machtantritt des siegreichen Heimkehrers de Gaulle zu verhindern.
Da zudem die Intrige Herriots und Lavals mit der Unterstützung Amerikas eingefädelt worden war, enthüllen die Aufzeichnungen des Präfekten Bussière nicht nur ein unbekanntes Kapitel aus der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, sondern auch jene Wurzel, aus der noch heute Staatschef de Gaulle sein Mißtrauen gegenüber Washington nährt.
Charles de Gaulle hatte denn auch als erster "die von dem Kollaborateur gesponnene Intrige" beim Namen genannt. In dem zweiten Band seiner Memoiren, dessen deutsche Ausgabe soeben beim Düsseldorfer Droste-Verlag erschienen ist, deutete de Gaulle schon 1956 das Zusammenspiel des Republikaners Herriot mit dem Vichy-Kollaborateur Laval vorsichtig an*.
Berichtete Chronist de Gaulle: "Niemand zweifelt (im Sommer 1944) daran, daß die Stimme des Volkes de Gaulle gelten wird, wenn nicht vor seinem Eintreffen in der Hauptstadt vollendete Tatsachen geschaffen werden, die ihm entgegenstehen." De Gaulles Gegner "werden also im letzten Augenblick noch versuchen, die Befreiung dazu auszunutzen, eine Situation entstehen zu lassen, die mich behindert und möglicherweise sogar lähmt".
Tatsächlich hatte Vichys agiler Ministerpräsident Pierre Laval in der Todesstunde seines Regimes einen solchen Plan ausgearbeitet:
Laval wollte den wegen seiner Anti -Pétain-Haltung inhaftierten Kammerpräsidenten Herriot befreien, damit dieser die Nationalversammlung, das einzige vom Vichy-Regime noch geduldete Relikt der Dritten Republik, nach Paris
einberufen könne. Vor dem Parlament aber wollte Laval einen Rechenschaftsbericht ablegen, dann zurücktreten und eine neue Regierung bilden lassen, die als legale Vertretung Frankreichs mit den heranrückenden alliierten Armeen verhandeln sollte - ohne de Gaulle.
Der Plan Lavals war raffiniert ausgedacht, er sollte nahezu allen Partnern des Kriegsjahres 1944 gerecht werden. Den Deutschen gewährte er einen von der Résistance unbelästigten Rückzug, den Berufspolitikern der Dritten Republik versprach er Sicherheit vor den autoritären Ambitionen des Befreier-Generals, den Kollaborateuren Schutz vor der Rachejustiz der Résistance. Und den Amerikanern ersparte er einen lästigen Verbündeten.
Vichy-Premier Laval wußte sich über den Herriot-Freund Enfière, der für das Berner Büro des amerikanischen Spionage-Beauftragten Allen W. Dulles arbeitete, die Sympathie der Amerikaner zu sichern. Bald wurde deutlich, "daß Washington ganz gern ein Projekt sieht, bei dem de Gaulle gestutzt oder ausgebootet werden würde" - so de Gaulle selbst.
Die Amerikaner verschafften dem Kollaborateur Laval sogar die nötige Atempause: US-Offiziere verzögerten Mitte August 1944 den Flug de Gaulles von Algier in das befreite Frankreich; der alliierte Oberkommandierende, General Eisenhower, stoppte den Vormarsch der US-Truppen auf Paris und ließ, wie der Memoirenschreiber zürnt, die gaullistische Truppe streng überwachen.
"Eisenhowers Unsicherheit gab mir den Gedanken ein", so berichtet de Gaulle über die Begegnung der beiden Generale, "daß die militärische Führung sich ein wenig behindert sah, weil Roosevelt das politische Projekt Lavals favorisierte und verlangte, Paris vor Erschütterungen zu bewahren. Mein Eindruck wurde bestätigt, als ich erfuhr, daß Leclercs Division, die bisher Pattons Armee angehört hatte, seit drei Tagen der Armee Hodges zugeteilt worden war. Sie stand unter strenger Überwachung von General Gerow, dem Kommandeur des V. (amerikanischen) Armeekorps, so als ob man befürchte, sie wolle sich in Richtung Eiffelturm aus dem Staube machen."
Kaum hatte sich Laval des geheimen Einverständnisses der Amerikaner vergewissert, da zog er den deutschen Botschafter in Paris, Otto Abetz, ins Vertrauen. Abetz genehmigte dem Satelliten-Premier die Einberufung der Nationalversammlung und die dazu erforderliche Entlassung Herriots aus der Schutzhaft - ohne freilich Laval einzugestehen, daß er dafür nicht die Genehmigung Hitlers und Ribbentrops besaß.
Von dem eigenmächtigen Abetz ermuntert, weihte darauf Laval Anfang August im Garten des Hôtel Matignon, der traditionellen Amtswohnung der französischen Regierungschefs, den Pariser Polizeipräfekten Amédée Bussière in seinen Plan ein.
Erinnert sich Bussière: "Gehen wir einige Schritte spazieren", sagte Präsident Laval zu mir. Wir gehen langsam auf und ab. Ich bin etwas beunruhigt. "Sie müssen mir einen Dienst erweisen. Ich kann nur Sie darum bitten, denn die Sache muß geheim bleiben."
Der Dienst: für den entlassenen Staatsgefangenen Edouard Herriot nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt einen angemessenen Wohnsitz zu finden, damit er im Auftrag Lavals die alte, 1936 gewählte Nationalversammlung einberufen könne.
Inzwischen hatte sich Kammerpräsident Herriot mit dem Laval-Plan einverstanden erklärt. Zwar lehnte er das Angebot des Spitzen-Kollaborateurs ab, unter dem Dach des Hôtel Matignon gemeinsam mit Pierre Laval Wohnung zu beziehen, gleichwohl reiste er mit dem Vichy-Premier nach Paris ab, um zunächst in der Präfektur des Seine -Departements sein Quartier aufzuschlagen.
Am frühen Morgen des 13. August 1944 schreckte ein Telephonanruf den Polizeipräfekten Bussière aus dem Schlaf. Am Apparat meldete sich Bussières Vorgesetzter im Seine-Departement, René Bouffet, der von Laval nicht eingeweiht worden war. "Ich bin gerade aus dem Bett gesprungen", rief Bouffet: "Der Portier ist bleich vor Angst. Vor der Tür stehen Leute, die hereinwollen. Einer von ihnen gibt sich sogar als Laval aus." Das von Pierre Laval inszenierte Schauspiel hatte begonnen.
Indes, das Intrigenstück sollte nicht über den ersten Akt hinaus gedeihen. Der Laval-Plan scheiterte, noch bevor Charles de Gaulle seinen Fuß auf französischen Boden gesetzt hatte.
Memoirenschreiber de Gaulle erklärte später die Niederlage seiner Gegenspieler mit der Angst Herriots vor der patriotischen Rache der Résistance. Gaullistische Widerstandskämpfer haben denn auch zum Scheitern des Komplotts beigetragen.
Herriot bestand darauf, er könne beide Häuser der Nationalversammlung (Kammer und Senat) nur einberufen, wenn ihn dabei Senatspräsident Jeanneney unterstütze. Herriot: "Wenn Jeanneney mitmacht, mache ich auch mit."
Jeanneney saß freilich im fernen Grenoble, und diesen Umstand nutzte die Résistance aus: Als Laval den Bürochef des Senatspräsidenten, Blondeau, mit einer Botschaft zu Jeanneney entsandte, bewogen die Widerständler Blondeau, die Botschaft des Vichy-Premiers nicht zu übermitteln.
Gleichwohl bezeugen die Aufzeichnungen des Polizeipräfekten Bussière in der "Aurore", daß Lavals Unternehmen in Wirklichkeit nicht an der Résistance, sondern an einer Gegenintrige radikaler Kollaborateure scheiterte.
Als die französischen Faschistenführer Marcel Déat und Fernand de Bronon von dem Unternehmen Lavals erfuhren, alarmierten sie die Deutschen. Sie baten den Befehlshaber der Polizei und des SD in Frankreich, SS -Obergruppenführer Oberg, einzuschreiten und zu verhindern, daß Edouard Herriot den "Streich des Badoglio" wiederhole. Wenige Stunden später machten Obergs Schergen der Intrige Lavals ein Ende.
Edouard Herriot aber hoffte bis zum letzten Augenblick, es werde ihm doch noch gelingen, die Nationalversammlung einzuberufen. Als der SS-Hauptsturmführer Roland Nosek am 16. August 1944 den großen alten Mann Frankreichs verhaftete, "bekam Herriot einen Wutanfall", wie Nosek seinen Vorgesetzten meldete.
Schrie Herriot: "Für wen halten Sie mich eigentlich? Ich bin Präsident der Abgeordnetenkammer, ich bin immer korrekt gegenüber Deutschland gewesen."
* Charles de Gaulle: "Memoiren 1942 bis 1946". Droste-Verlag, Düsseldorf; 560 Seiten; 28,80 Mark.
Vichy-Premier Laval
Intrige gegen de Gaulle ...
Vichy-Gegner Herriot
... mit amerikanischem Einverständnis

DER SPIEGEL 38/1961
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