20.09.1961

BRANDT-BIOGRAPHIE

Bär und Puma

AFFÄREN

Um eine erotische Komponente hatte der Münchner Humboldt-Verlag zwei Wochen vor dem 17. September den bundesdeutschen Wahlkampf bereichert: Er offerierte für 9,60 Mark das "verschwiegene Leben" des Kanzler-Kandidaten Willy Brandt*. Den Wahlausgang beeinflußte das Werk nicht mehr, es erreichte das Wahlvolk nicht.

Daß diese Biographie so kurz vor der Wahl erschien, ist ein "rein zeitlicher Zufall", so beteuert der vor sechs Monaten gegründete Verlag im Vorwort.

Der politische Zweck dieser Publikation wird jedoch nicht verhehlt: Durch die Schilderung der amourösen Vergangenheit Brandts soll seine "Charakterfestigkeit" in Zweifel gezogen werden. Die Absicht, den Kanzler-Kandidaten der SPD zu diffamieren, ist unverkennbar.

Um das "Zwielichtige seines (Brandts) Wesens" recht deutlich zu machen, bietet der wenig bekannte Humboldt-Verlag eine gänzlich unbekannte Claire Mortensen als Autorin auf, die gleich über fünf Frauen um Willy Brandt zu berichten weiß:

- die Jugendfreundin Gertrud Grewe,

- die erste Frau Carlota,

- die zweite Frau Rut,

- die Journalistin Susanne Sievers,

- die Tanzpartnerin Anita.

Auf einer in der Bundesrepublik bisher unentdeckten Tiefebene politischer Auseinandersetzung wird dem SPD-Kanzler-Kandidaten angelastet:

- Er habe durch das Bekenntnis, seinen Vater nicht zu kennen, die Auslegung riskiert, "daß auch seiner Mutter nicht einmal die Person des Vaters bekannt gewesen sei";

- er habe seine erste Frau Carlota geheiratet, nachdem ihm diese eine Tochter geboren hatte;

- er seiminit seiner zweiten, derzeitigen Frau Rut - "bei aller Magerkeit ein ... hübsches Mädchen" - bereits zu einer Zeit engbefreundet gewesen, als er und Rut jeweils noch anderweitig verheiratet waren.

Mindestens ebenso intensiv wie mit den Brandt-Gattinnen beschäftigt sich die sittenstrenge, wenn auch ihrem Metier offenbar gewachsene Autorin mit den anderen Frauen um Willy Brandt; sie bescheinigt dem SPD-Star, daß er "zu jeder Zeit gewußt hat, wie man was bei hübschen Mädchen erreichte.

Die Bonner Journalistin Susanne Sievers, deren Beziehungen zu Willy Brandt der breiteste Raum gewidmet wird, habe den BerlinerPolitiker einst "vollkommen und liebenswert" gefunden, sei aber später von ihm enttäuscht worden.

Über Brandts Tanzpartnerin Anita heißt es: "Ihr ganzer Körper lockte wie die Sünde." Dennoch habe es Staatsmänner gegeben, die solchen Reizen widerstehen konnten: Der wehrhafte Franz-Josef Strauß - zusammen mit Brandt auf einer Party bei Susanne Sievers - soll bei dieser Gelegenheit über eine ähnlich vitale Party-Tänzerin Brandts tapfer geäußert haben: "Na, i moag dös net, dös Madl is vuil z' temperamentvoll."

Dem Stil dieser in Deutschland ungewöhnlichen Intim-Story entspricht es, daß überdies zärtliche Briefe in Faksimile geboten werden, die "Bär" Willy an "Puma" Susanne geschrieben habe. Derartige Privatschreiben, durch deren Veröffentlichung die Persönlichkeitsrechte Brandts verletzt werden, nahm die 16. Kammer des Landgerichts Berlin zum Anlaß, eine Einstweilige Verfügung zu erlassen, in der die weitere Verbreitung untersagt wurde.

Außerdem hat das Berliner Amtsgericht Tiergarten die Beschlagnahme des Mortensen-Buchs angeordnet - der entsprechende Brandt-Antrag stützte sich nur auf die ersten 35 Seiten des Buches, die bereits zahlreiche falsche Tatsachenbehauptungen enthielten.

Von der Einstweiligen Verfügung und der Beschlagnahme-Anordnung wird nun nicht nur die fiktive Claire Mortensen betroffen, die haargenau den Ton der enttäuschten Susanne Sievers erreicht - jener Journalistin, die seit Wochen die Öffentlichkeit mit Enthüllungen über Brandt langweilt -, sondern vor allem der Humboldt-Verleger Hans Frederik.

Über Frederik, einen Branchen-Neuling, der tatsächlich "Frederik" heißt, berichtete kürzlich der sozialdemokratisehe Politisch-Parlamentarische Pressedienst (PPP) in Bonn, daß der Buch-Macher im März 1961 von sich reden gemacht habe, als er "im Auftrage und auf Kosten des Passauer Verlegers Dr. Hans Kapfinger Norwegen besuchte und in Osloer Archiven nach Material über Willy Brandt kramte".

Frederik, laut Auskunft der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) langjähriges Parteimitglied, motiviert seine Nordland-Tour anders: Erwill aus eigenem Entschluß Norwegen bereist haben, um den Werdegang des sozialistischen Heroen an Ort und Stelle zu studieren. Erst am Ende seiner Recherchen habe er beschlossen, das "Symbol" Brandt zu "zerfetzen".

Bei dieser, wie er es nennt, "Entblätterung" gewann der einsame Wahrheitssucher aus Österreich unversehens Freunde im wahlkämpfenden Westdeutschland. Lobte der CSU-Generalsekretär Zimmermann die Studien des früheren SPÖ-Genossen: "Sehr viele Facts und eine Art Dokumentararbeit."

Und der Duzfreund des CSU-Chefs Strauß, der Passauer christliche Verleger Dr. Hans Kapfinger, der am 26. September, angeklagt wegen Kuppelei, vor Gericht stehen wird, startete mit den Frederik-Facts und den Sievers-Klagen eine Kampagne gegen Brandt.

Frederik über den Mortensen-Roman: "Willy Brandt kann mir dankbar sein... Es steht nichts Negatives drin, außer über seine charakterliche Haltung."

Brandt über die Diffamierungen: "Wenn ich nur an meine Frau und mich zu denken hätte und nicht durch Amt und Aufgabe gebunden wäre, gäbe es nur noch eine Antwort: nämlich die mit der Hundepeitsche."

* Claire Mortensen: "... da war auch ein

Mädchen". Humboldt-Verlag, München-Inning; 192 Seiten; 9,60 Mark,

SPD-Star Brandt, Verehrerinnen*" Zärtliche Briefe verboten Mortensen-Such

* Auf der Weiberfastnacht 1961 in Bonn.


DER SPIEGEL 39/1961
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