20.09.1961

REINEFARTHMehr Polen als Pulver

Über den grünen Marschen der Bauern-Republik Schleswig-Holstein hängt wieder bräunlicher Dunst: Der Eichenlaubträger Heinz Reinefarth, früher SS-General, heute Bürgermeister des Nordseebads Westerland auf Sylt und Volksvertreter im Kieler Landtag, soll nach 13 Dienstjahren für die SS und zehn Dienstjahren für die Demokratie endgültig über seine Vergangenheit Rechenschaft geben.
Der für politische Straftaten im nördlichsten Bundesland zuständige Flensburger Oberstaatsanwalt Erich Biermann begehrte von Landtag am 28. August 1961 die "Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Heinz Reinefarth", um anhand neuentdeckter Dokumente das nunmehr fünfte Verfahren gegen ihn einleiten zu können. Bereits am 19. September wird der Verfassungsausschuß - und sechs Tage später das Plenum - über die von Biermann verlangte Aufhebung der Immunität Reinefarths befinden.
Die aus den Ferien aufgescheuchten Volksvertreter müssen sich wieder einmal mit der Tatsache auseinandersetzen, daß ihr Kollege Reinefarth seit Jahren beschuldigt wird, er habe bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands im August 1944 einige Hundert polnische Gefangene, darunter auch Frauen und Kinder, liquidieren lassen.
Daß die Westerländer den SS-Reinefarth dennoch (mit den Stimmen der CDU) 1951 zum Bürgermeister erhoben - 1958 stellte der BHE ihn dann noch als Landtags-Kandidat auf -, inspirierte die ostzonale Filmgesellschaft Defa zu dem Reinefarth-Streifen "Urlaub auf Sylt" (SPIEGEL 50/1957) und den Oberstaatsanwalt Biermann zu einem Ermittlungsverfahren.
Die Staatsanwaltschaft kam damals aber - "Rheinischer Merkur": "In unwahrscheinlich kurzer Zeit" - zu dem Ergebnis, daß dem Reinefarth unmenschliche Kampfmethoden nicht nachzuweisen seien.
Versicherte Landesvater Kai-Uwe von Hassel noch am 16. Januar 1961 vor dem Landtag: "Die Ermittlungen haben keinen begründeten Verdacht dafür ergeben, daß der Beschuldigte an Kriegsverbrechen teilgenommen, solche befohlen oder gebilligt hat." Begründung: "In den ersten vier Tagen des Aufstandes ist er nachweisbar überhaupt noch nicht in Warschau gewesen, am 5. August 1944 hatte er noch nicht die Möglichkeit, auf das Kampfgeschehen einzuwirken."
Zu diesem Befund kam Biermann, obschon Reinefarth - "Rheinischer Merkur": "Vollzugsgehilfe Eichmanns"
- gar nicht leugnete, sich bei der Niederschlagung des WarschauerAufstands Meriten, wenn auch nur kriegerische, erworben zu haben. Verbrechen leugnete er stets ab, auch als ein durchaus glaubwürdiger Zeuge in Gestalt des Freiburger Juristen Professor Dr. Hans Thieme gegen ihn auftrat.
Der Professor, seinerzeit Adjutant des später verstorbenen Kommandeurs einer Artillerie-Abteilung, erinnerte sich in einem Brief an den SPIEGEL, Reinefarth habe zugesehen, als polnische Zivilisten "in einer endlosen Kolonne" von deutschen Polizisten aus der Stadt getrieben wurden (SPIEGEL 2/1958).
Thieme: "Es war ein Bild des Jammers, bei dem uns die Tränen kamen. Herr Reinefarth aber äußerte zu meinem Kommandeur: ,Sehen Sie, das ist unser Problem: So viel Munition haben wir gar nicht, um die alle umzulegen.'"
Reinefarth stellte nach Veröffentlichung des Leserbriefs gegen Thieme Strafanzeige wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung. Es kam zwar nicht zu einer Verurteilung von Thieme, aber seine - Reinefarth belastende - Mitteilung reichte dem Oberstaatsanwalt Biermann auch nicht aus, gegen den Modebad-Stadtvater Anklage zu erheben.
Der frühere SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Reinefarth konnte - als einziger deutscher Parlamentarier dieser Spezies - 1958 über die Landesliste der Entrechteten in den Kieler Landtag einziehen.
Unverdrossen stimmte er dort am 18. Januar, 1961 durch geübtes lieben des rechten Arms einer Entschließung zu, mit der Schleswig-Holsteins Parlament dem verbreiteten Glauben entgegentrat, ihr Feld- und Wiesenland sei ein beliebtes Refugium schlimmer Nazis, nur weil sich die Schlegelberger, Lautz und Reinefarth - zufällig - dort niedergelassen hätten.
Dekretierten die Parlamentarier mit Einschluß des Reinefarth: "Der Schleswig-Holsteinische Landtag verurteilt erneut den nationalsozialistischen Unrechtsstaat, die Verfolgung und Vernichtung unschuldiger Menschen, die brutale Unterdrückung der persönlichen Freiheit, den Rassendünkel und den Rassenhaß, die totalitäre Herrschaft des Staates über seine Bürger."
Zu diesem Zeitpunkt arbeitete der Osthistoriker Dr. Hanns von Krannhals im nahen Lüneburg bereits eifrig an einem Werk über den "Warschauer Aufstand 1944", das im Frühjahr 1962 im Frankfurter Verlag Bernard und Graefe erscheinen soll. Dabei stieß Krannhals auch auf die Anlagebände zum Kriegstagebuch der deutschen 9. Armee, der Reinefarth seinerzeit unterstellt war.
Je weiter sich,der Historiker anhand der Anlagebände in die Warschauer Tätigkeit Reinefarths vertiefte, um so stärker zweifelte er an der Richtigkeit der Biermannschen Erkenntnisse.
Der Oberstaatsanwalt hatte bei seinen Ermittlungen im Herbst 1958 nur Bruchstücke des in Alexandria (USA) eingelagerten Tagebuchs der 9. Armee studiert. Die aufschlußreichen Anlagebände waren ihm nicht zu Gesicht gekommen.
Erst jetzt, fast vier Jahre später, stürzte sich Biermann auf die Unterlagen, die nun auch, auf Mikrofilm übertragen, in der militärischen. Abteilung des Bundesarchivs - Koblenz lagern und die Krannhals schon ausgewertet hatte.
Der Osthistoriker hätte in den Anlagen ein für Biermann ebenso wertvolles wie für Reinefarth belastendes Dokument entdeckt: In der Telephnkladde der 9. Armee verzeichnete ein Leutnant Weller am 5. August 1944 um 0.00 Uhr ein Gespräch zwischen dem Oberbefehlshaber der 9. Armee, General der Panzertruppen von Vormann, und dem SS-Gruppenführer Reinefarth:
OBERBEFEHLSHABER: Lage?
REINEFARTH: Langsam; was soll ich mit den Zivilisten machen? Habe weniger Munition als Gefangene.
OBERBEFEHLSHABER: Vorschlag: Bekanntmachung: Alles aus Warschau abziehen. Warschau wird vernichtet, (Obergruppenführer von dem) Bach (-Zelewski) hat doch Auftrag.
REINEFARTH: Ja.
OBERBEFEHLSHABER: Der Führer hat mir gesagt, er kann noch eine Million Menschen brauchen.
REINEFARTH: Eigene Verluste: 6 Tüte, 24 schwer, 12 leicht (Verwundete).
OBERBEFEHLSHABER: Feind?
REINEFARTH: Mit Erschossenen über 10 000.
Gibt Reinefarths Klage über "weniger Munition als Gefangene" den von Thieme übermittelten Reinefarth-Worten ("Soviel Munition haben wir nicht, um die alle umzulegen") neue Beweiskraft, so belasten die neuen Dokumente den früheren SS-General auch durch genauen Nachweis des Zeitablaufs bei der Übernahme seiner Befehlsgewalt:
- Am 3. August um 22.55 Uhr meldete sich Reinefarth auf dem Gefechtsstand der 9. Armee.
- Am 4. August machte er sich mit
der Lage in Warschau voll vertraut.
- Am 5. August wurden 30 Funksprüche aufgezeichnet, die beweisen,
daß Reinefarth in Warschau kommandierte.
Die Feststellung des Oberstaatsanwalts Biermann, Reinefarth habe bis zum 5. August - dem Zeitpunkt, bis zu dem besonders viele polnische Zivilisten erschossen wurden - noch nicht die Möglichkeit gehabt, in das Kampfgeschehen einzugreifen, muß der Strafverfolger jetzt überprüfen.
Der Reinefarth-Forscher Krannhals nämlich fand beispielsweise eine Orientierung vom 4. August 1944, in der es heißt: "Es sind eingetroffen: 1700 Mann SS 'Roa' (Kaminski), 1. Btl. SS-Rgt. Dirlewanger, 1 Btl. SS und Wehrmacht aus Posen*. Gesamtführung dieser Kräfte liegt in Händen des Generalmajors der Polizei Reinefarth..."
Die von Krannhals aufgefundenen Dokumente geben auch jenen Zeugenaussagen neues Gewicht, mit denen der frühere SS-Obergruppenführer und General der Polizei von dem Bach-Zelewski, der "Chef der Bandenkampf-Verbände", die Reinefarth-Truppen im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozeß belastet hatte.
Erinnerte sich Bach: "Bei meiner Ankunft in Warschau habe ich festgestellt, daß man am Friedhof in Warschau die nicht kämpfende Bevölkerung sowie Frauen und Kinder zusammentrieb und daß die dem Reinefarth unterstellte Mannschaft diese wehrlose Zivilgruppe niedermachte. Als ich Reinefarth zur Rede stellte und sagte, daß diese Vorgänge gegen alle Vernunft und Menschenmoral verstoßen, hat sich Reinefarth auf den von Hitler und Himmler erteilten Befehl berufen."
Ein geheimes Fernschreiben, das die 9. Armee am 8. August 1944 um 12.10 Uhr an den Reinefarth-Vorgesetzten Bach-Zelewski abschickte, beweist, daß Bachs Angaben zumindest nicht gänzlich aus der Luft gegriffen waren. Nach den harten Kämpfen in der polnischen Hauptstadt verwechselten Reinefarths Krieger in ihrer Sieges-Euphorie nämlich polnische Frauen mit deutschen. Monierte das Fernschreiben:
"Durch einwandfreie Zeugenaussagen Ist festgestellt worden, daß sich unter den Gefangenen der Gruppe Kaminski auch deutsche Reichsangehörige, darunter deutsche Frauen befinden ...
"Es ist weiterhin festgestellt worden, daß von den Angehörigen der Gruppe Kaminski auch reichsdeutsche Frauen vergewaltigt und nachher erschossen wurden."
Wo derart erbittert gekämpft wurde, konnte der Ordenssegen nicht ausbleiben. Reinefarth wurde auf Antrag des Bach-Zelewski am 30. September 1944 als 608. Soldat der Wehrmacht mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz dekoriert. Reinefarth seinerseits ließ dem SS -Oberführer Oskar Dirlewanger das Ritterkreuz zukommen.
Seine Bravour-Taten schilderte der SS-General am 5. November 1944 unter der Schlagzeile "Um die Freiheit des Warthegaus" im Posener "Ostdeutschen Beobachter" selbst mit den Worten:
"Ob Soldat, ob SS-Mann, ob Polizist, ob SD-Mann ... sie alle haben dafür gesorgt, daß Polens Metropole, von der uns Deutschen in den Jahrhunderten soviel Unheil gekommen ist, als Gefahrenherd endgültig beseitigt wurde... Wir haben auch diesen Feind bezwungen und ihm Verluste von etwa 1/4 Million Menschen beigebracht."
Kurz vorher hatte der Held von Warschau seinem Chef Himmler "aus unserer Warschauer Beute ... zwei Päckchen Tee mit den besten Grüßen" übersandt.
Während der Flensburger Oberstaatsanwalt Biermann anhand der neuen Dokumente erneut prüfen muß, ob
- Reinefarth bereits am 5. August 1944,
bis zu dem besonders viele Polen exekutiert wurden, volle Kommandogewalt in Warschau hatte,
- ihm die Einheiten Dirlewanger und
Kaminski unterstanden, die am stärksten - auch noch nach dem 5. August 1944 - an den Morden beteiligt waren, und ob
- Reinefarth persönlich Erschießungen
veranlaßte,
ist der Westerländer Bürgermeister (SS-Nummer 56 634) guten Mutes. Der Landtagsabgeordnete der Gesamtdeutschen Partei (früher BHE) beruft sich darauf, daß er in Nürnberg nicht angeklagt und nach 1949 durch die Spruchkammer Hamburg-Bergedorf voll entlastet wurde.
Die "Deutsche Einheit", die Partei-Postille der westdeutschen Gesamtdeutschen, nahm den Reinefarth bereits vorsorglich in Schutz: "Er hat mehr Mut bewiesen als manche anderen, die heute nicht genug mit Widerstandsaktionen prahlen können."
* "Roa": Abkürzung von "Russkaja Oswoboditelnaja Armija" (Russische Nationale Befreiungsarmee). Die "Roa" verfügte Über etwa 30 000 Menschen; die Soldaten führten ihre Frauen und Kinder mit.
SS-General Reinefarth
Der Schotten von Warschau ...
Bürgermeister Reinefarth
... wird immer langer
SS-General Bach-Zelewski
Massaker am Friedhof

DER SPIEGEL 39/1961
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