13.09.1961

NEUTRONENBOMBEMoral für Ungeheuer

Chruschtschows zweite Atombombe der neuen Serie war gerade explodiert. Im Genfer Völkerbundspalais repetierte der sowjetische Atom-Delegierte Zarapkin den westlichen Abrüstungskollegen, was seiner Regierung eingefallen war, um die Wiederaufnahme der Atomversuche zu rechtfertigen.
"Die sowjetische Regierung betrachtet es als ihre Pflicht", las Zarapkin auf der 339. Sitzung der Genfer Atomkonferenz am Montag vergangener Woche vor, "die besondere Aufmerksamkeit der Menschen in aller Welt auf die Tatsache hinzulenken, daß zur Zeit in den USA viel Aufhebens um Pläne für die Entwicklung einer Neutronenbombe gemacht wird, einer Bombe, die alles Leben vernichtet, gleichzeitig aber keinerlei Bauten zerstört."
Die westlichen Aggressoren wollten, so interpretierte der sowjetische Delegierte, "die Früchte der Arbeit der von ihnen getöteten Opfer ernten und die Reichtümer, die von diesen Menschen geschaffen wurden". Zeterte Zarapkin: "Das ist die Moral von Ungeheuern."
Der sowjetische Atom-Delegierte spielte auf ein Projekt an, das amerikanische Kernforscher, an der Spitze der "Vater der Wasserstoffbombe", Dr. Edward Teller, seit Jahren propagieren.
1957 hatten Teller und zwei andere Atomforscher des Livermore-Strahlungslaboratoriums (Kalifornien), wo die Wasserstoffbombe (H-Bombe) konstruiert worden war, erstmals ihre Absicht kundgetan, nach Atom- und H-Bomben eine "dritte Generation" infernalischer Vernichtungsmittel zu entwickeln. Auf einer Geheimsitzung des Kongreß-Ausschusses für militärische Anwendung der Atomenergie erläuterten die Forscher ihren Plan, eine Bombe zu bauen, die zwar, wie Atom- und H-Bomben, starke radioaktive Strahlung aussendet, aber, anders als diese Waffen,
- keine starke Sprengwirkung entfaltet,
- keine vernichtenden Feuerstürme
auslöst und
- keine anhaltende radioaktive Verseuchung des Abwurfgebiets bewirkt. Beredt schilderte Teller die strategischen Vorteile solcher Bomben: Die Strahlung könnte feindliche Armeen töten oder kampfunfähig machen, ohne daß der Vormarsch eigener Truppen durch Zerstörungen oder radioaktive Verseuchungen behindert würde. Zudem könnten die Einwohner ganzer Städte ausgerottet, die Städte selbst jedoch in unbeschädigtem Zustand von den Eroberern besetzt werden.
Das Prinzip, nach dem Teller die neue Bombe zu entwickeln gedachte, war einfach: Es sollte sich gewissermaßen um eine gezähmte Wasserstoffbombe handeln.
Die Explosions-Energie der Wasserstoffbomben beruht darauf, dozierte Teller, daß Wasserstoff-Atomkerne miteinander zu Helium-Kernen verschmelzen. Bei diesem Prozeß bleiben ungeladene Teilchen der Atomkerne (Neutronen) übrig, die sich als tödliche Strahlung nach allen Seiten ausbreiten.
Die Neutronenstrahlen durchdringen mühelos dicke Betonmauern, ohne sie zu beschädigen; alle Lebewesen hingegen, die einer genügend hohen Strahlendosis ausgesetzt sind, werden - wie es im Fachjargon anschaulich heißt - "versaftet" (juiced): Die Körperzellen lösen sich in eine breiige Masse auf. Bei geringerer Neutronenstrahlung tritt der Tod erst nach Tagen oder Wochen ein.
Um aber den Verschmelzungsprozeß der Bombe in Gang zu setzen, ist eine Zündtemperatur von vielen Millionen Grad erforderlich. Die Atomtechniker erzeugen sie, indem sie eine Atombombe mit der H-Bombe koppeln und zur Explosion bringen.
Damit jedoch aus der Wasserstoffbombe eine Neutronenbombe werden kann, muß der Atomzünder durch einen anderen Zündmechanismus ersetzt werden. Denn einmal rührt die langanhaltende radioaktive Verseuchung nach einer Wasserstoffbomben-Explosion fast ausschließlich von den Spaltprodukten des Atomzünders her, zum anderen entstehen durch die explosionsartige Zündung die zerstörerischen Druckwellen und verheerenden Feuerstürme. Ohne Atomzünder bliebe die Wirkung einer Wasaerstoffbombe, erläuterte Teller dem Kongreß-Ausschuß, auf die tödliche Neutronenstrahlung beschränkt.
Die Ausschußmitglieder fanden das Projekt damals derart verheißungsvoll, daß sie den Bomben-Entwerfern noch im selben Jahr eine Audienz bei Präsident Eisenhower verschafften. Indes, da die Wissenschaftler Atomversuche benötigten um ihre Pläne voranzutreiben, die Großmächte jedoch in London gerade über einen Stopp der Tests diskutierten, kam das Projekt ungelegen.
Zudem hatten sich andere Wissenschaftler über die Aussichten, eine solche Bombe zu verwirklichen, skeptisch geäußert. Unter der Hand wurde sogar verbreitet, Tellers Plan sei nichts weiter als ein Versuch, die Verhandlungen über den Versuchsstopp zu sabotieren.
In der Tat ist bis heute fraglich, ob die neutronenspendende Verschmelzungsreaktion anders als durch einen Atomzünder erreicht werden kann.
"Es gibt keine Möglichkeit, die Existenz solch einer Waffe zu bestätigen", resümierte kürzlich die wissenschaftliche Zeitschrift "New Scientist" in einer mit Akribie durchgeführten Untersuchung über die Aussichten, die Neutronenbombe zu verwirklichen, "aber wir haben frei verfügbares Material gesammelt, aus dem man schließen kann, daß diese Waffe sehr schwierig herzustellen und zu handhaben sein würde"
Obgleich mithin die Erfolgschancen eines Neutronenbomben-Projekts vage sind, nutzte Chruschtschow die Pläne als Rechtfertigung für die neuerliche Verseuchung der Erdatmosphäre durch sowjetische Versuche mit "schmutzigen" Bomben.
"Die Pläne zur Entwicklung einer Neutronenbombe", ließ er seinen Delegierten Zarapkin in Genf poltern, "enthüllen den unmenschlichen Kern des modernen Imperialismus."
Die Imperialisten seien bereit, "um des Profites willen Verbrechen zu begehen, die durch ihre Ungeheuerlichkeit die Erinnerung an die Gaskammern und Mordfahrzeuge der hitlerischen Henker übertreffen".
H-Bomben-Bauer Teller Opfer versaftet

DER SPIEGEL 38/1961
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NEUTRONENBOMBE:
Moral für Ungeheuer

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