27.09.1961

ABGEORDNETEHeye und kleine Fische

Der Chef der Allensbacher Aushorcher-Kolonnen, Erich Peter Neumann, kann nun auch in Zukunft vom Bodensee bis Bonn durchbrausen, ohne seine Fahrt an der Mainlinie zu politischen Pflichtübungen unterbrechen zu müssen.
Meinungsforscher Neumann, Ehemann der Leiterin des "Instituts für Demoskopie" in Allensbach am Bodensee, Elisabeth Noelle-Neumann, hatte sich den Wahlkreis Groß-Gerau im hessischen Rhein-Main-Gebiet ("Er liegt sehr günstig für mich an der Autobahn") als Sprungbrett für eine politische Karriere ausgesucht (SPIEGEL 36/1961).
Mit Umfragen, Gummibällchen (Aufdruck: "Vati und Mutti wählen CDU und E. P. Neumann"), Sonnenschirmen (Aufdruck: "Sonnenschein und CDU") und ähnlichen Requisiten der Markenartikelwerbung wollte er der SPD das 1957 mit nur hauchdünnen 0,7 Prozent Vorsprung gewonnene Mandat abjagen.
Am Abend des Wahlsonntags war Neumann um die Erkenntnis reicher, daß Zahnpasta und Politik nur wenig miteinander gemein haben: Mit fast 20 000 Stimmen Vorsprung gewann der SPD-Kandidat Schmitt-Vockenhausen das Direktmandat. Auf dem letzten Landeslistenplatz, der ein Mandat einbrachte, schaffte Neumann gerade noch den Sprung ins Bundeshaus.
Der verschmähte Allensbacher kann sich mit dem Schicksal trösten, das prominentere CDU-Kandidaten im roten Hessen ereilte. Im benachbarten Wahlkreis Wiesbaden mußte die Ehescheidungsspezialistin der CDU; Oberkirchenrätin Elisabeth Schwarzhaupt, ihr Direktmandat an den SPD-Rechtsanwalt Karl Wittrock abtreten.
Auch der "Vater der Volksaktie", Bundesschatzminister Wilhelmi, sah seine Bemühungen um des deutschen Wählers Aktien-Portefeuille schlecht belohnt. Im Zeichen der Berlin-Baisse notierte sein SPD-Gegner Willi Birkelbach im Wahlkreis Frankfurt II um über 11 000 Stimmen höher.
CDU - Wirtschafts - Professor, Franz Böhm mußte den Kreis Frankfurt III gar dem relativ unbekannten IG-Metall-Funktionär Hans Matthöfer überlassen. Nur mit Hilfe der Liste gelang dem Hessen-Trio der Einzug ins Parlament.
Dem Präsidenten des Oberverwaltungsgerichts von Rheinland-Pfalz und katholischen Verfassungsspezialisten Professor Dr. Adolf Süsterhenn (CDU) blieb ebenfalls nur der ruhmlose Listen-Weg ins Parlament. SPD-Ostfahrer und Amtsbürgermeister Wilhelm Dröscher hielt den prominentesten Juristen des Rebenlandes im Wahlkreis Kreuznach mit 12 000 Stimmen Vorsprung bequem in Schach.
Fritz Sänger, ehemals Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur, muß gleichfalls über die Liste ins Bundeshaus einziehen. Im Herzogtum Lauenburg (Schleswig-Holstein) hatte der SPD-Publizist keine Chance gegen CDUFürst Otto von Bismarck.
Bismarcks Parteifreund im benachbarten Wahlkreis Stormarn, Bundesernährungsminister Werner Schwarz (CDU), mußte hingegen buchstäblich bis zur letzten Auszählungsminute um
sein Mandat bangen, das er schließlich mit mageren 1172 Stimmen Vorsprung vor dem SPD-Kandidaten Hans Ekstrand errang.
In Niedersachsen verlor Vertriebenenminister Hans-Joachim von Merkatz das Vertrauen seiner Wähler. DP-Renegat Merkatz, der seinen Wahlkreis Verden-Rotenburg-Osterholz 1949, 1953 und 1957 als DP-Kandidat gewinnen konnte, unterlag nun als CDU-Kandidat seinem SPD-Konkurrenten Ravens.
Merkatz geht dem Parlament jedoch nicht verloren. Er stand auf Platz 1 der niedersächsischen CDU-Landesliste, auf Platz 3 folgte Margot Kalinke, die gleich Merkatz von der DP zur CDU übergelaufen ist. Die streitbare Sozialexpertin fiel in ihrem Wahlkreis Hannover-Nord, der 1957 von der CDU erobert worden war, schmählich durch. Vorsprung des SPD-Kandidaten Franke: 18 626 Stimmen.
Während Merkatz und Frau Kalinke das Ziel ihrer Wünsche wenigstens erfeichen konnten - wenn auch arg ramponiert und nur auf Listen-Krücken -, mußten zwei andere prominente CDUKandidaten-in Niedersachsen politischen Totalschaden anmelden.
Der Wehrexperte der CDU und ehemalige Befehlshaber der großdeutschen Froschmänner und Einmann-UBoote, Vizeadmiral a.D. Hellmuth Heye, wurde von den Wählern seines Wahlkreises Wilhelmshaven, den er seit 1953 im Bundestag vertrat, zum kleinen Fisch degradiert:
Mit 6000 Stimmen Mehrheit schickten die Wilhelmshavener den SPD-Kandidaten Cramer nach Bonn. Der 66jährige Heye ist jetzt als Kandidat für den verwaisten Posten des Wehrbeauftragten im Gespräch.
Gleichfalls auf der Strecke blieb Bundespressechef Felix von Eckardt, für den Niedersachsens CDU keinen Landeslistenplatz hatte frei machen können. Im Wahlkreis Cuxhaven steigerte Eckardt die Zahl der für die CDU abgegebenen Stimmen zwar um fast fünfzig Prozent, doch dieser Stimmenzuwachs reichte nicht zum Gewinn des Mandats: Mit 1239 Stimmen Vorsprung blieb Hans Hermsdorf, der persönliche Referent des SPD-Chefs Ollenhauer, Sieger im "nassen Dreieck" zwischen Elbe und Weser.
Am Tag nach der Wahl mußte der Klub der Finanzexperten in der CDU/ CSU-Fraktion melden: Von seinen sechs Mitgliedern habe er nur zwei ins neue Parlament gerettet.
Prominentestes Opfer dieser Gruppe ist der bisherige Vorsitzende des Bundestags-Finanzausschusses, der Mannheimer Steueranwalt August Neuburger, der weder eine Kandidatur noch einen Listenplatz erhaschen konnte. Der Bonner Steueranwalt Dr. Walter Eckhardt, der Textil-Industrielle und Umsatzsteuer-Experte Dr. Curt Becker aus Mönchengladbach und der Bremer Zollspezialist Karl Krammig kamen auf den Listen nicht zum Zuge.
Von den renommierten Finanzkundigen der CDU/CSU-Fraktion sind lediglich der bayrische Ziegeleibesitzer Dr. Werner Dollinger und der Wuppertaler Rechtsanwalt Dr. Otto Schmidt übriggeblieben. Zu ihnen wird der bisherige Bundesfinanzminister Franz Etzel stoßen, der sein Regierungsamt gegen einen Bankdirektor-Posten in Düsseldorf eintauschen will.
Die Hoffnung der CDU/CSU-Fraktion auf wenigstens drei Steuer- und Finanzexperten ist allerdings trügerisch. Etzels Nachfolger als Finanzminister heißt möglicherweise Werner Dollinger.
Für 133 bisherige Abgeordnete markierte der Wahlsonntag das vorläufige Ende ihrer Bonner Parlamentsarbeit: 56 von ihnen wurden durch die Wähler eliminiert und verloren ihr Mandat, 77 Abgeordnete des dritten Bundestags hatten nicht mehr kandidiert.
Der 17. September 1961 setzte auch der parlamentarischen Karriere eines heftig umstrittenen Mannes offiziell ein Ende, um den es in den letzten Monaten so still geworden war, daß sein Abgang am Wahlsonntag nahezu unbeachtet blieb: Theodor Oberländer.
Der ehemalige Bundesvertriebenenminister hatte keinen Wahlkreis mehr bekommen und mit einem Landeslistenplatz vorliebnehmen müssen. Die ersten zwölf Platzhalter auf der Landesliste der niedersächsischen CDU kamen zum Zuge. Sozusagen vor Oberländers Nase fiel die Tür zum Bundestag ins Schloß: Er saß auf Platz 13.
Verschmähte Kandidaten Oberländer, Schwarzhaupt, Heye: CDU und Sonnenschein

DER SPIEGEL 40/1961
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