04.10.1961

SHIRERVon Luther bis Hitler

Vor einigen Jahren vertraute William Lawrence Shirer, amerikanischer Schriftsteller und ehemaliger Rundfunk-Korrespondent, dem Leiter eines Vortragsbüros an, er trage sich mit der Absicht, eine Geschichte des Dritten Reiches zu schreiben.
"Lassen Sie die Finger davon", riet ihm der Vortragsexperte. "Sie sollten aufhören, deutsche Themen zu behandeln, die bringen die Amerikaner nur zum Gähnen."
Kurz darauf trug Shirer seine Idee einem Verleger vor, der in dem Ruf stand, eine untrügliche Witterung für zugkräftige Themen zu haben. Verdrossen lehnte der Verleger ab: "No, tharik you!"
Doch William Lawrence Shirer ließ sich nicht entmutigen. Fünf Jahre lang bearbeitete er auf seiner Farm in Connecticut das von den alliierten Armeen 1945 erbeutete Aktenmaterial des Dritten Reiches, sichtete angeblich 485 Tonnen Akten des großdeutschen Reichsaußenministeriums, las sich durch die umfangreiche Literatur über die braune Ära und bekritzelte unzählige Blätter mit Notizen.
Daß der Amateurhistoriker derart emsig an einer Geschichte des Dritten Reiches arbeitete, lag freilich nicht an einem akademischen Interesse für historische Themen, sondern an der Haßliebe, die ihn mit Deutschland verbindet: Deutschland war für William Shirer, der sein Renommee im US-Journalismus verloren hatte und sich nur noch durch Vortragsreisen notdürftig erhielt, zum Inbegriff seiner einst glänzenden Journalisten-Karriere geworden.
William Shirer hatte sich stets im deutschen Sprachraum bewegt: Von 1929 bis 1932 Leiter des Mitteleuropa-Büros der "Chicago Tribune", hatte er die Wienerin Theresa Stiberitz geheiratet, war dann Berliner Korrespondent der Nachrichtenagentur "Universal News Service" geworden und 1939 in die Berliner Redaktion der Rundfunkgesellschaft "Columbia Broadcasting System" (CBS) übergewechselt.
Der seit einem Ski-Unfall einäugige CBS-Korrespondent galt im Reichspropagandaministerium als der bestinformierte und gefährlichste US-Korrespondent in Berlin. Wann immer Shirers Stimme ("This ist Berlin") im Äther erklang, mußten die Promi-Beamten gewärtig sein, daß ihnen wieder einmal bei der Vorzensur des Shirer-Textes die unterschwellige Bedeutung eines Slang-Ausdrucks entgangen war.
Doch erst als der Heimkehrer Shirer 1941 seinen Bestseller "Berlin Diary" (Berliner Tagebuch) veröffentlichte, erfuhren die braunen Potentaten, wie sehr sie der linksliberale CBS-Korrespondent verabscheut hatte. "Berlin Diary" war denn auch das Buch, das die Amerikaner am leidenschaftlichsten vor der deutschen Gefahr warnte.
Indes, bald verblich der Ruhm des Berliner Tagebuchschreibers. Shirers liberale, den Kalten Kriegern wenig gewogenen Auffassungen waren in der amerikanischen Nachkriegspresse nicht mehr gefragt. So brach er 1947 mit der CBS und trat nur noch gelegentlich als Vortragsredner auf.
Gleichwohl ließen ihn die Deutschen, gut oder böse, nicht aus ihrem Bann. Selbst als Romanautor, wenn auch mit nur geringem Erfolg, beschäftigte er sich mit Deutschland-Themen: In "The Traitor" (Der Verräter) erzählte Shirer die Geschichte eines amerikanischen Auslandskorrespondenten in Berlin, der sich der braunen Propaganda verdingt; der Schlüsselroman "Stranger Come Home" (Ein Fremder kehrt heim) malte nicht ohne selbstbiographische Züge das Schicksal eines Berliner US-Korrespondenten, der in die Mühle des McCarthyismus gerät.
Unbeeindruckt von seinen publizistischen Mißerfolgen, arbeitete Shirer schließlich an seiner NS-Historie. 1955 hatte er mit der Arbeit begonnen, von Jahr zu Jahr wurde das Manuskript umfänglicher. Im Spätsommer 1960 war es soweit: William Shirer konnte sein 1245-Seiten-Werk "Der Aufstieg und Fall des Dritten Reiches" einem der gewichtigsten New Yorker Verleger anbieten, der - angesichts des bevorstehenden Eichmann-Prozesses - sofort zugriff*.
Was kein Publicity-Experte, was nicht einmal Shirer selber für möglich gehalten hatte, geschah: Der dickleibige Wälzer mit der Gruselgeschichte des Dritten Reiches, dessen deutsche Ausgabe soeben vorgelegt wird, erzielte den größten Verkaufserfolg, den jemals ein historisches Buch in den USA hatte.
Das Shirer-Werk brach nahezu alle Rekorde des amerikanischen Buchgeschäfts. Es ist das erste Zehn-Dollar-Buch, das den obersten Platz der Bestseller-Liste eroberte und ihn fast ein ganzes Jahr hindurch besetzt hielt. Noch nie hatte ein zeitgeschichtliches Werk einen wöchentlichen Absatz von 9000 Exemplaren gefunden; bereits drei Monate nach Erscheinen des Buches waren 102 000 Exemplare verkauft.
Kritiker und Amateurhistoriker reihten sich willig in die Reihe der Shirer-Bewunderer ein. "Keiner hat so tief in den dunkelsten Niederungen dieser schwärzesten Ära der Weltgeschichte gegraben wie William L. Shirer" schrieb der jüdische Kritiker Eliahu Ben-Horin, und die "New York Times" rühmte: "Shirer hat die schreckliche Geschichte (des Dritten Reiches) mit größeren und genaueren Details erzählt, als je einer vor ihm."
Noch begeisterter zeigte sich der "Christian Science Monitor" in Boston: Das Buch sichere Shirer "einen Frontplatz unter den zeitgenössischen Historikern". Und diesseits des Atlantiks lobte Oxford-Professor Trevor-Roper: "Shirers Buch wird möglicherweise zum Klassiker der NS-Geschichte werden."
Aber auch die ausführlichsten Besprechungen konnten nicht erklären, was Shirers Erfolg erst zum Phänomen stempelte - das Rätsel nämlich, warum "Aufstieg und Fall des Dritten Reiches" zum Bestseller in einem Lande geworden war, dessen Bevölkerung nie ein Verlangen nach Erklärung der Idiosynkrasien teutonischer Geschichte verspürt hatte.
Gewiß, die Rezensenten wußten manchen oberflächlichen Grund zu nennen. Die im Herbst 1960 begonnenen Vorbereitungen zum Eichmann-Prozeß und das Rumoren im Berliner Pulverfaß weckten bei den Amerikanern das Interesse für ein Volk, mit dem sie im Schatten des Kalten Krieges auf Gedeih und Verderb verbunden sind.
Doch die wahren Motive für den Shirer-Erfolg liegen tiefer: In einem Amerika, dessen Deutschland-Bild noch heute von Rhein-Romantik, Alt-Heidelberg und Wagner-Musik bestimmt wird, füllte der faktenbesessene Shirer mit seinem Gruseldrama eine Wissenslücke aus, und dies um so leichter, als der gut schreibende Autor die NS-Historie als "eindrucksvollen historischen Thriller" - so "Newsweek" - angelegt hatte.
In der Tat: Nur das bis dahin matte Deutschland-Bild der Amerikaner kann den Erfolg dieses "ungeheuerlich ausgewalzten Zeitungsberichts über Hitlers Reich" (Kritiker George Lichtheim) und eines Autors erklären, dem die historiographische Begabung fehlt.
"Ich habe in diesem Buch versucht", verspricht Shirer in seinem Vorwort, "streng objektiv zu sein und die Tatsachen für sich selber sprechen zu lassen." Allein: Dieser Versuch war offenbar eine Zwangslösung. Denn Shirer weiß die "Tatsachen" nicht zu bewältigen und einzuordnen in das Gesamtbild der NS-Historie, mehr noch: Die "Tatsachen" führen plötzlich ihr Eigenleben und geraten dem Chronisten vollends aus der Hand.
In wichtigen Fragen begreift Shirer einfach nicht die Bedeutung dessen, worüber er schreibt", rügte "The Christian Century", Amerikas prominentestes Protestanten-Blatt. "Er legt das Material vor, weil es ihm irgendwie Teil der Story zu sein scheint, aber nicht etwa deshalb, weil er es für besonders wichtig und erklärungsbedürftig hält."
Da erscheint ihm zum Beispiel die Mitteilung, daß die Vornamen aller sechs Goebbels-Kinder mit dem Buchstaben H begannen, wichtiger als der (von Shirer nicht erwähnte) Umstand, daß der Hitler-Attentäter Stauffenberg zunächst ein glühender Anhänger der "nationalen Erneuerung" von 1933 gewesen war.
Der bedeutungslosen Frühgeschichte der "Deutschen Arbeiter-Partei", jener kleinen Münchner Biertisch-Sekte, der Hitler 1919 als siebentes Mitglied beitrat, widmet Shirer mehr Interesse als der "konservativen Revolution", dem intellektuellen Aufstand wider die liberale Demokratie Weimars.
Seite um Seite demonstriert Shirer, wie wenig er mit der zeitgeschichtlichen Forschung vertraut ist:
- Shirer sieht "genügend Beweismaterial, um jeden vernünftigen Zweifel daran auszuschließen, daß es die Nazis waren, die (den Reichstagsbrand) planten und ausführten". Die neueste Forschung hat indes die braune Schuldthese revidiert. Shirer verschweigt, daß sein Kronzeuge, der ehemalige Gestapo-Chef Diels, seine Anklagen gegen den angeblichen Brandstifter Göring längst zurückgezogen hat.
- Zur Vorgeschichte der Röhm-Affäre
behauptet Shirer, Hitler habe am 11. April 1934 an Bord des Panzerschiffs "Deutschland" auf der Fahrt zu den Frühjahrsmanövern in Ostpreußen mit den Oberbefehlshabern von Fritsch (Heer) und Raeder (Marine) einen Pakt gegen die SA geschlossen. In Wirklichkeit weiß man heute, daß sich Fritsch zur fraglichen Zeit nicht auf der "Deutschland", sondern in Münster aufhielt; zudem fanden weder in Ostpreußen Manöver statt noch steuerte das Panzerschiff Königsberg an - es lief vielmehr auf Kurs Norwegen.
- Als Hauptzeugen für die Geheimgeschichte des Dritten Reiches akzeptiert Shirer den
US-Konfidenten Hans Bernd Gisevius, diesen "Erzfeind von Hitler, Himmler und Schellenberg", obwohl das phantasievolle
Gisevius-Werk "Bis zum bittern
Ende" von den Historikern nur mit äußerster Vorsicht als Quelle herangezogen wird.
Noch unsicherer aber wird der Federstrich des Chronisten Shirer, wenn es gilt, die Geistesgeschichte des braunen Regimes und seiner nationalistischen Anreger zu schreiben oder gar die soziologische Wirklichkeit der NS-Bewegung zu durchdringen.
Zu dieser Unsicherheit mag beitragen, daß der NS-Experte Shirer die Publikationen des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und die Arbeiten der "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" nicht kennt; er weiß nichts von Franz Jetzingers bedeutsamem Buch über Hitlers Jugendzeit und nimmt auch nicht von Karl Dietrich Brachers Standardwerk "Die Auflösung der Weimarer Republik" Notiz.
Angesichts solcher Quellenlücken rettet sich William Shirer in eine selbstgefällige Geschichtsthese, die schon die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse bestimmte: daß nämlich das Dritte Reich ein ausschließlich deutsches Phänomen Und wie Shirer formuliert - "nichts als eine logische Fortsetzung der deutschen Geschichte" gewesen sei.
Zürnte Amerikas renommierter Buchrezensent George K. Romoser: "Eine unglaublich naive und miserable Version des Von-Luther-bis-Hitler-Themas."
* William L. Shirer: "The Rise and Fall of the Third Reich". Verlag Simon and Schuster, New York; 1960; 1245 Selten; 10 Dollar. Deutsche Ausgabe bei Kiepenheuer & Witsch, Köln.
Amateurhistoriker Shirer
Welchen Kurs nahm Deutschland?
Röhm-Gegner Hitler, Raeder (1934): Welchen Kurs nahm die "Deutschland"?,

DER SPIEGEL 41/1961
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