25.10.1961

GRENZZWISCHENFÄLLERosen für den Brigadier

Von den insgesamt 28 Schuß, die sieben Westberliner Polizeibeamte nach Einbruch der Dunkelheit aus ihren französischen Pistolen in Richtung Ostsektor abfeuerten, traf ein einziger ins Ziel: Mit einer Schußwunde am linken Oberschenkel wurde der 19jährige Gerhard Peter, Wachtmeister der DDR-Bereitschaftspolizei, ins Ostberliner Volkspolizeikrankenhaus eingeliefert; seither gilt er als Ulbrichts erster Grenz-Märtyrer.
Das parteiamtliche "Neue Deutschland" schickte dem wunden Krieger einen Strauß Rosen, und DDR-Innenminister Maron dekorierte das Opfer westlicher Treffsicherheit mit dem "Ehrenzeichen der Deutschen Volkspolizei". "Neues Deutschland": "Anerkennung für seine gewissenhafte Pflichterfüllung beim Dienst an unserer Staatsgrenze." Westberlins Springer -Blatt "BZ": "Orden für einen Mörder."
Streifenbeamte des Westberliner Polizei- und Innensenators Joachim Lipschitz hatten - zum erstenmal seit dem 13. August - einem verfolgten Ostberlin -Flüchtling Feuerschutz gewährt, obschon Flüchtling und Verfolger sich noch auf östlichem Territorium, auf dem Dach eines Hauses in der Bernauer Straße befanden. Der Verfolger: Wachtmeister Gerhard Peter. Der Flüchtling: Bernd
Lünser, ein 22jähriger Ingenieur-Student aus Ostberlin.
DDR-Hüter Peter hatte am 4. Oktober an der Ecke Swinemünder und Bernauer Straße Wache geschoben. Gegen 19.30 Uhr hörte er ein Geräusch. Peter: "Als ich zum Dach hochblickte, sah ich, wie ein Mann von oben eine Wäscheleine auf die (Westberliner Seite der) Bernauer Straße herunterließ. Ein Verbrecher wollte flüchten."
Ulbrichts Grenzbrigadier tat, was ihm in mehr als 20 Instruktionsstunden aufgetragen worden war: Er machte sich auf, den Täter an seinem Verbrechen - am Verlassen Ostberlins - zu hindern. Peter: "Ich hastete die Treppen bis zum Dachboden dieses vierstöckigen Hauses empor, riß die Dachluke auf und stieg aufs Dach. Auf meinen Anruf löste der Verbrecher Dachziegel und schleuderte sie nach mir."
Im Handgemenge, das sich auf dem steil zur Grenze abfallenden Dach zwischen Flüchtling und Verfolger entwickelte, bestätigte sich zunächst das ost-westliche Gleichgewicht des Schrekkens: Student und Volkspolizist gerieten ins Rutschen und rollten auf den Abgrund zu. Nur das Schneegitter bewahrte sie vor dem gemeinsamen Sturz auf das Pflaster der Bernauer Straße. Erinnert sich Peter: "Aufgeputschte (Westberliner) Zivilisten schrien (dem Studenten zu): Schubs das Schwein (Peter) runter!"
So präzise der bettlägerige DDR -Held das dramatische Ringen auf dem Dach bis zu diesem kritischen Punkt der Auseinandersetzung zu schildern wußte. der Rest seiner Darstellung war betont vage gehalten: Kaum seien etliche Vopo -Genossen zu seiner Unterstützung aus der Dachluke geklettert (Peter: "Es war allerhöchste Zeit"), hätten "ein Frontstadt-Polizist und ein Zivilist hinter einer Litfaßsäule in Westberlin" auch schon das Feuer auf ihn eröffnet. Der Dachakrobat spürte im Bein "einen heftigen Schlag und stechende Schmerzen"
Student Lünser nutzte die Gelegenheit. Im Hechtsprung stürzte er sich in die Tiefe. Doch er verfehlte das Sprungtuch der Westberliner Feuerwehr: Der 22jährige war auf der Stelle tot.
Tröstet sich die Senatsrätin Elisabeth Kleinmann, Chefin der Abteilung III (Öffentliche Sicherheit und Ordnung. Polizeiaufsicht) der Westberliner Senatsverwaltung für Inneres: "Auch das Tuch hätte ihn nicht retten können. Wer mit dem Kopf voran aus dem vierten Stock ins Sprungtuch fällt, bricht sich das Genick."
Die christdemokratische Senatsrätin ("Schon das Wort Waffe ist mir ein Greuel") dementierte sehr bestimmt, daß die sieben Westberliner Pistolenschützen offensiv gehandelt hätten. Was Ostberlin als "Provokation der Frontstadtpolizisten" bezeichnete, war laut senatsinternem, von den drei westlichen Stadtkornmandanten gebilligtem Untersuchungs-Protokoll eine Defensiv-Aktion zur "Abwehr rechtswidriger Angriffe auf die Westberliner Bevölkerung und auf Westberliner Territorium."
Nach Westberliner Darstellung haben die sieben diesseits der Mauer erst dann die Pistolen gezückt, als jene Vopo -Genossen, die zum Entsatz des vom Absturz bedrohten Wachtmeisters Peter auf dem Dach erschienen, das Feuer auf den flüchtigen Bernd Lünser eröffneten und einige der Vopo-Kugeln auf Westberliner Gebiet einschlugen. Frau Kleinmann: "Sieben oder acht Einschüsse wurden auf der gegenüberliegenden Westberliner Straßenseite in Kopfhöhe festgestellt."
Von der These ausgehend, daß Schutz und Sicherheit der Westberliner Sektorengrenze primär Sache der drei westlichen. Alliierten sei, hat sich Innensenator Lipschitz bislang nicht dazu bewegen lassen, die strengen Regeln aufzulockern, die der Westberliner Polizei für die Anwendung von Waffengewalt auferlegt sind.
Lipschitz: "Man weiß bei einer Schießerei nie, wo sie aufhort." Schutzpolizei-Chef Duensing: "Ich will nicht der Mann sein, dem von Historikern später die Schuld am Ausbruch des dritten Weltkriegs in die Schuhe geschoben wird." Die Order an Westberlins Grenzhüter lautet denn auch:
- Wenn Flüchtlinge noch auf dem Gebiet des Sowjetsektors von Volkspolizisten angegriffen oder beschossen werden, darf die Westpolizei nicht eingreifen.
- Erst wenn ein Flüchtling Westberliner Gebiet betreten hat und dennoch beschossen wird, muß ihm die Westberliner Polizei notfalls mit Waffengewalt - sprich: durch Gegenfeuer - Hilfe leisten.
Die Schießerlaubnis schließt allerdings auch jene Fälle ein, in denen Vopo -Schüsse, die noch auf östlichem Gebiet befindlichen Flüchtlingen gelten, auf Westberliner Territorium einschlagen und mithin Westberliner Bürger gefährden: Wie am Abend des 4. Oktober in der Bernauer Straße, sind Westberlins Grenzwächter dann gehalten, die Sicherheit der ihrem Schutz anvertrauten Westberliner Bürger durch Schüsse zu verteidigen.
Kleinkrieg in Berlins Bernauer Straße: Angst vor dem großen Krieg

DER SPIEGEL 44/1961
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GRENZZWISCHENFÄLLE:
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