22.11.1961

ADOLF HITLER - WEDER HELD NOCH SCHURKE?

Der britische Historiker Alan John Percivale Taylor hat in einer provozierenden Studie "Die Ursprünge des Zweiten Weltkriegs" nahezu sämtliche Thesen über den Kriegsausbruch von 1939 angegriffen, die Westmächte der Mitschuld am Zweiten Weltkrieg bezichtigt und Hitler von der Kriegsschuld weitgehend entlastet. Dadurch ist der Pazifist und Sozialist Taylor in den Ruf gekommen, der unbekümmertste Apologet Hitlers seit dem Ende des Dritten Reiches zu sein. Der Gütersloher Sigbert Mohn Verlag will Anfang nächsten Jahres Taylors Studie, die seit ihrem Erscheinen in England zu den umstrittensten zeitgeschichtlichen Werken des Jahres 1961 zählt, in deutscher Fassung vorlegen.
Adolf Hitler hat keineswegs den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verschuldet. Wider seinen Willen schlitterte er am 1. September 1939 in den Weltbrand, an dem er nicht mehr Schuld trug als die anderen europäischen Staatsmänner.
Denn der großdeutsche Führer war kein Unhold, sondern ein rational handelnder Staatsmann, der nur das natürliche Schwergewicht Deutschlands in Europa zur Geltung bringen wollte und dessen außenpolitische Taten erklärbar sind.
Deshalb haben auch kein weltanschaulicher Vorsatz, kein Traum vom deutschen Herrenmenschen, kein nationalsozialistisches Eroberungsprogramm die Menschheit in den Zweiten Weltkrieg gestürzt, sondern einzig die Torheit der Westmächte, polnischer Starrsinn und die Ungeschicklichkeit Hitlers, "am 29. August (1939) ein diplomatisches Manöver begonnen zu haben, das er am 28. August hätte einleiten sollen".
Fazit: "Dies ist eine Geschichte ohne Helden, vielleicht sogar ohne Schurken."
Mit derart provozierenden Thesen hat der britische Historiker Alan J. P. Taylor, Dozent für neuere Geschichte am Magdalen College der Universität Oxford, ein Buch ausgestattet, das demnächst auch in einer deutschen Ausgabe erscheinen wird und das wie kein zweites Buch des Jahres 1961 die Zunft der westlichen Historiker aufgeschreckt hat.
Taylor kann mithin sicher sein, daß seine kecke Arbeit über "die Ursprünge des Zweiten Weltkriegs" zum Weltgespräch werden wird**. Denn mit seiner "höchst originellen und durchdringenden Überprüfung der diplomatischen Geschichte der Zwischenkriegsjahre" ("Sunday Telegraph") hat er als erster versucht, was bis dahin kein Historiker gewagt hat: die Entdämonisierung Hitlers.
Während indes die Mehrheit der britischen Presse das Taylor-Buch lobte, haben westdeutsche Zeitungen gegen den Ketzer Taylor fast geschlossen Front gemacht.
"Was mag den renommierten Historiker Taylor nur bewogen haben", klagte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "mehr Irrtümer als Wahrheiten auszusprechen." Die "Süddeutsche Zeitung" protestierte: "Das geht entschieden zu weit", während "Christ und Welt" mahnte, "daß die Deutschen aus mancherlei Gründen nicht gut daran täten, es (das Buch) sich zu eifrig und unkritisch zu eigen zu machen".
Am heftigsten polemisierte der remigrierte Historiker und Politologe Golo Mann gegen den "dreisten Unsinn" eines Taylor, "der immer seine Kollegen verachtete, der immer klüger sein wollte als sie und die Geschichte selber". Mann: "Das sind keine Ansichten, die man unter Historikern widerlegen könnte. Es sind grobe Ungezogenheiten."
So harter Vokabeln bedurften offenbar die deutschen Rezensenten, um das Paradox bewältigen zu können, daß die gewagteste Hitler-Arbeit ausgerechnet von dem Manne stammt, der als der deutschfeindlichste britische Historiker gilt.
Taylors "schnöde Einhundertachtzig -Grad-Drehung" (Golo Mann) hat in der Tat deutsche Urteile und Vorurteile über den 55jährigen Alan John Percivale Taylor ramponiert, der seit Jahren nicht müde wird, die Deutschen mit boshaften und hyperkritischen Kommentaren zu ärgern.
Sein Konzept: "Es gibt zu viele Deutsche, Deutschland ist zu stark. Man vereinige alle Deutschen, und ihr Schatten wird Europa verdunkeln. Warum also sollten wir die deutsche Teilung nicht als einen Glücksfall hinnehmen und es dabei bewenden lassen?"
Die öffentliche Wirkung solcher Sprüche ist um so größer, als der elegant formulierende Historiker Taylor zugleich als politischer Entertainer auftritt, dessen exzentrische Einfälle sowohl im linkssozialistischen "New Statesman" als auch im erzkonservativen "Daily Express" Verbreitung finden. Philosophiert Taylor: "Wir sind alle Sklaven von Dr. Adenauer."
Aber gerade diese Verbindung zwischen Historiker und Entertainer widerspricht deutschen Vorstellungen von einem Gelehrten so drastisch, daß Taylors bundesrepublikanische Kritiker nur allzu bereitwillig argwöhnen, ein solcher Historiker brauche nicht ernst genommen zu werden.
Dabei machen seine Werke über die diplomatische Geschichte Mitteleuropas:
- "Deutschlands erste Kolonialansprüche" (1938),
- "Der Gang der deutschen Geschichte"
(1945),
- "Die Habsburger Monarchie" (1948),
- "Der Kampf um die Herrschaft in Europa" (1954),
- "Bismarck" (1955),
und seine oft wegen Überfüllung geschlossenen Hörsäle das Urteil des Londoner "Observer" glaubhaft, A. J. P. Taylor sei "einer der größten, wenn nicht der größte seines Faches".
Dieser "einzige unter den schreibenden englischen Historikern, der den Bogen von Gibbon und Macaulay spannen kann" ("New Statesman"), weiß durch sprachliche Eleganz und faszinierende Logik die moderne Geschichte des deutschsprachigen Europa lebendig und für britische Insulaner faßbar zu machen - mögen seine Urteile auch den Deutschen oft ungerecht erscheinen.
Was indes das Renommee des Oxford -Historikers immer wieder unterminiert, sind die wilden Zuckungen eines politischen Temperaments, dem die kühle Ratio des Geschichtsschreibers oft zum Opfer fällt. Taylor fühlt sich uneingestanden als Nachfahre der "Trouble Makers" (Unruhestifter), jener britischen radikal-linksliberalen Dissenters in Politik und Gesellschaft, die wider die herrschende Meinung und Regierung aufbegehrten und denen Taylor sein aufschlußreichstes, weil zustimmendstes Buch gewidmet hat.
Als Englands Trouble Maker zieht auch er durch Politik und Geschichtsschreibung: Ob er auf den windigen Straßen Oxfords für unpopuläre Labour -Kandidaten agitiert, Ödie Reichstagsbrand-Thesen des SPIEGEL verteidigt oder in den Reihen der Atombombengegner marschiert - immer ist Taylor bei den Dissenters zu finden.
Zudem hat sich der Historiker Taylor eine an Tolstoi erinnernde Geschichtsphilosophie zugelegt, die ihm die kritische Überprüfung traditioneller Vorstellungen erleichtert, ja zum Gebot macht.
Nichts in der Geschichte - so lehrt Taylor - ist vorgeplant, alle Situationen entstehen durch Zufall und sind immer neu. Daher planen auch die Staatsmänner niemals große Ereignisse im voraus; tun sie es doch, dann verwirklichen sich ihre Pläne nicht. Das Genie des großen Staatsmannes besteht gerade darin, vorwärts zu springen, ohne zu
schauen - mit anderen Worten: Situationen, die er vorfindet, auszunutzen und weiterzuentwickeln.
Kein westlicher Historiker liest daher die Memoiren der Staatsmänner und die amtlichen Akten mißtrauischer als Taylor; immer ist er geneigt, die Interpretationen der auf ihren Nachruhm bedachten Staatsmänner mit einem Adjektiv zu versehen, das in allen Büchern Taylors wiederkehrt: "fraudulent" - betrügerisch.
Über Bismarck schrieb er einmal ironisch, man würde die Politik des Kanzlers viel besser verstehen, hätte er nicht selber seine Politik so ausführlich erklärt. Am Beispiel dieses "größten Meisters der Diplomatie der modernen Geschichte" demonstrierte Taylor, wie sehr seiner Meinung nach Staatsmänner ohne bewußte Mission und ohne weitreichende Pläne agieren - einer Situation ausgeliefert, die plötzlich da ist und sich keineswegs unvermeidlich aus einer Vorgeschichte ergibt.
So lag es denn in der Natur seiner skeptischen Geschichtslogik, daß Taylor schließlich auch auf jene Gestalt stieß, der nahezu alle Historiker die geradlinigste und brutalste Planmäßigkeit zuschreiben: den braunen Reichsgründer und Kriegsbrandstifter Hitler.
Die Frage der Kriegsschuld Hitlers reizte Taylor um so mehr, als die meisten Historiker die Akten über den Fall "Kriegsausbruch 1939" längst geschlossen haben. Für sie steht fest, daß Hitler jahrelang den Krieg vorbereitet und ihn dann folgerichtig auch entfesselt hat.
Taylor aber fand, "wieviel armseliger wir Historiker dastehen als unsere Vorgänger, die die Ursprünge des Ersten Weltkriegs untersuchten". Eine Generation nach Versailles - so argumentiert er - hätten von den sechs am Kriegsausbruch von 1914 beteiligten Großmächten fünf ihre diplomatischen Akten veröffentlicht, von den fünf Großmächten der Krise von 1939 aber bis vor kurzem nur zwei.
Bleiben nur einige dürftige Memoiren und die Nürnberger Prozeßakten. Taylor: "Die Benutzung dieses Materials ist für den Historiker gefährlich. Die Dokumente (von Nürnberg) wurden nicht nur ausgewählt, um die Kriegs-Schuld der Angeklagten zu demonstrieren, sondern auch die der anklagenden Mächte zu verschleiern."
Das brüchige Material hatte freilich die Historiker nicht daran gehindert, schon kurz nach Kriegsende noch heute maßgebliche Darstellungen zu veröffentlichen. Der Taylor-Mentor Sir Lewis Namier schloß sein grundlegendes Werk "Diplomatisches Vorspiel 1938/39" schon 1946 ab und stützte sich dabei vorwiegend auf die Farbbücher der kriegführenden Staaten.
Solche offenkundigen Mängel dienen Taylor zur moralischen Rechtfertigung einer "akademischen Übung", mit der er forsch alle bisherigen Darstellungen über den Kriegsausbruch von 1939 in Frage zu stellen versucht.
Formuliert Taylor listig: "Die Kriegsschuld kann man dem Nihilismus Hitlers zuschreiben anstatt den Fehlern und dem Versagen der europäischen Staatsmänner. Menschliche Fehler bestimmen jedoch die Geschichte gewöhnlich mehr, als es menschliche Bösartigkeit tut. Zumindest ist dies eine neue Lehre, wertvoll genug, um sie auch einmal zu entwickeln und sei es nur als eine akademische Übung."
Für ihn ist Hitler ein ganz normaler Staatsmann, der lediglich sein Land zur beherrschenden Macht Europas machen wollte und dabei in den Krieg schlitterte, freilich nicht, weil er den Krieg herbeisehnte, sondern weil er die (durch die Londoner Polen-Garantie eingeschränkten) Manövriermöglichkeiten der britischen Außenpolitik überschätzte.
Zwar räumt Taylor ein, Hitler habe "im Prinzip" die europäischen Staatsmänner an Bösartigkeit weit übertroffen, aber in seinen außenpolitischen Taten sieht der britische Chronist deutliche Spuren von Logik und gesundem Menschenverstand.
Als sei der Braunauer nur ein jüngerer Bismarck gewesen, schildert Taylor seinen Hitler als einen Meister der Improvisation. Wie er 1932/33 gewartet habe, bis ihm die innenpolitische Macht zufiel, so habe er auch in der Außenpolitik auf die schwachen Nerven seiner Gegenspieler spekuliert, in der immer wieder bestätigten Hoffnung, die Westmächte würden ihm seine Wünsche schon angesichts der wachsenden deutschen Macht erfüllen.
Taylor bietet viel Scharfsinn und Aktenkenntnis auf, um zu beweisen, daß die Krisen der Vorkriegszeit fast immer ohne anfängliches Zutun Hitlers entstanden:
- Der gewaltsame Anschluß Österreichs im März 1938 "wurde von Schuschnigg provoziert, nicht von Hitler. Es gab keine deutschen Vorbereitungen, weder militärisch noch diplomatisch".
- Die Sudetenkrise im Sommer 1938 war "nicht Hitlers Werk, er beutete sie nur für sich aus", unterstützt und ermuntert von der britischen Diplomatie.
- Die Besetzung der Rest-CSR im März 1939 war nicht von langer Hand vorbereitet, sondern
"das unvorhergesehene Nebenprodukt von Entwicklungen in der Slowakei"; Hitler wollte dem drohenden Einmarsch ungarischer Truppen im slowakischen Unruhegebiet zuvorkommen.
Taylor bezweifelt nicht nur, daß Hitler in seiner Außenpolitik nach einem fixierten Terminkalender vorgegangen ist, er demoliert auch eine liebgewordene britische Legende: die Mär, Englands Beschwichtigungspolitiker hätten zunächst an die friedlichen Absichten Hitlers geglaubt, seien durch die braune Aggression enttäuscht worden und hätten schließlich zum schärfsten Widerstand gegen Hitler aufgerufen.
Alan Taylor weist nach, daß Premier Chamberlain und sein Außenminister Halifax von Anfang an bereit waren, Hitlers Forderungen zu erfüllen, bevor sie der NS-Diktator überhaupt artikuliert hatte. So sei die Sudetenkrise "eine Krise britischer Machart" gewesen, das Abkommen von München folgerichtig ein Sieg Chamberlains.
"Die britische Tschechen-Politik", formuliert Taylor, "gründete sich auf die Überzeugung, daß Deutschland aufgrund des nationalen Selbstbestimmungsrechts einen moralischen Anspruch auf die sudetendeutschen Gebiete hatte. Die britische Regierung wurde nicht allein aus Kriegsfurcht dazu getrieben, die Zerstückelung der Tschechoslowakei anzuerkennen."
Daher sei das Münchner Abkommen "ein Triumph der britischen Politik (gewesen), die genau auf dieses Ziel (Abtretung des Sudetenlandes) hingearbeitet hatte, ein Triumph für jene, die mutig die Grausamkeit und Kurzsichtigkeit von Versailles angeprangert hatten".
Taylor kann auch durch Vorlage neuer britischer Dokumente belegen, daß Chamberlain und Halifax noch nach dem Einmarsch Hitlers in Prag bereit waren, die Appeasement-Politik fortzusetzen. Nur Hitlers Nervenkrieg in der Danzig-Frage und das Polen-Bündnis Englands hätten Britannien die außenpolitische Elastizität geraubt, der es bedurft hätte, den Krieg zu verhindern.
Derartige Entdeckungen verleiten Taylor nun aber dazu, die Kriegsschuld des September 1939 von den Schultern Hitlers zu nehmen und sie auf drei Männer neu zu verteilen - auf den polnischen Außenminister Beck, Hitler und den britischen Premierminister Neville Chamberlain. Historiker Taylor sieht das so:
Obwohl Chamberlain im Grunde seines Herzens die Forderungen Hitlers auf Rückgabe Danzigs an das Reich und auf eine Volksabstimmung im polnischen Korridor gebilligt habe, seien ihm moralisch die Hände gebunden gewesen durch Öden Bündnisvertrag mit jenem Polen, das zu keiner Konzession bereit gewesen sei. Polens Beck habe jegliche Verhandlung abgelehnt.
Das Problem - argumentiert Taylor weiter - sei also gewesen, wer die Polen zu Verhandlungen mit Hitler hätte bewegen können. England war durch das Bündnis gebunden; Chamberlain habe nun die Amerikaner einschalten wollen, um Beck Konzessionen abzuringen, doch vergebens.
Da sei Chamberlain aus seiner Verlegenheit durch Hitler befreit worden,
der am 29. August von sich aus Verhandlungen mit Polen für den 30. August vorgeschlagen habe - allerdings so ultimativ und kurzfristig, daß die Polen trotz britischer Ermunterung ihren starren Kurs fortgesetzt hätten.
In diesem Augenblick aber habe Hitler seinen entscheidenden Fehler begangen: Als die "großmannssüchtigen" Polen am 30. August nicht zu den Verhandlungen erschienen und die Briten darüber empört waren, habe Hitler das britisch-polnische Bündnis für derart ruiniert gehalten, daß er den Krieg gegen das vermeintlich isolierte Polen wagen zu können glaubte.
"Der Krieg von 1939, weit entfernt davon, vorsätzlich vom Zaun gebrochen worden zu sein", resümiert Taylor, "war ein Unfall, das Ergebnis diplomatischer Fehlleistungen auf beiden Seiten."
Nun ist freilich evident, daß der Zweite Weltkrieg nicht zuletzt deshalb ausbrach, weil Hitler glaubte, Großbritannien werde die Polen ähnlich im Stich lassen wie 1938 in der Sudetenkrise die Tschechen. Aber Taylor verkennt die Entschlossenheit Hitlers, die polnische Frage "so oder so" (Hitler) zu lösen - mit Englands diplomatischer Assistenz oder ohne sie.
Taylor übersieht auch, daß es Hitler war, der das "polnische Problem" provoziert hatte, Hitler, der den Nichtangriffspakt mit Warschau gekündigt, Hitler, der die Krise mit Greuelmeldungen über die angebliche Verfolgung Volksdeutscher in Polen angeheizt hatte.
Spätestens seit dem 23. Mai 1939, nach einer Zusammenkunft mit seinen Spitzenmilitärs in der Reichskanzlei, war Hitler fest entschlossen, "Polen bei der sich nächstbietenden Gelegenheit anzugreifen" - so Hitler-Adjutant Schmundt in einer geheimen Aufzeichnung.
Bereits am 23. Mai 1939 und nicht erst - wie Taylor annimmt - am 30. August hatte Hitler seine "Schiffe verbrannt", wie er selber sagte. Der Krieg gegen Polen war beschlossene Sache. Bereits Anfang Mai hatte das OKW mit den Studien am "Fall Weiß" (Polen-Krieg) begonnen, am 23. August setzte Hitler den genauen Angriffstermin fest: 26. August, morgens 4.30 Uhr.
Gewiß, Hitler zögerte dann noch einmal am 25. August, weil Mussolini zurückscheute und Chamberlain das Bündnis mit Polen nochmals bekräftigte. Aber der Angriff wurde nur auf den 1. September verschoben, um zu verwirklichen, was Hitler schon am 23. Mai gefordert hatte: "Es wird Krieg geben. Unsere Aufgabe ist, Polen zu isolieren. Der Erfolg der Isolierung wird entscheidend sein." Dann aber sollte, wie Generalstabschef Halder notierte, "alles automatisch abrollen".
Das Polen-Angebot Hitlers vom 29. August war daher nur ein diplomatisches Manöver, um zwischen die kompromißlosen Polen und die verhandlungsbereiteren Briten "einen Keil zu treiben" (Halder am 26. August). Taylor ignoriert, daß Hitlers Winkelzüge ausschließlich die Briten verwirren sollten, denn nicht einen Augenblick glaubte der "Führer", daß die Polen auf seine verschwommenen Offerten eingehen würden.
Hitler-Deuter Taylor kann denn auch die simpelste und doch wichtige Frage nicht beantworten, was Hitler bewogen haben mag, knapp 60 Stunden nach seinem Polen-Angebot ohne jedes Anzeichen eines bevorstehenden polnischen Angriffs in Polen einzufallen.
Taylors kurzatmige Beweisführung offenbart, wie fragwürdig der Trick ist, mit dem der britische Historiker den harmlosen Staatsmann Hitler konstruiert: Er hat vorsichtig, fast ängstlich den diplomatisch-außenpolitischen Teilbereich aus dem Gesamtkomplex Hitler herausgeschnitten und zeigt damit zugleich sein mangelndes Verständnis des braunen Totalregimes.
Taylor muß nicht selten zu gewagten Konstruktionen Zuflucht nehmen, um die zahlreichen Kriegsbekundungen Hitlers vor dem September 1939 wegzudisputieren. Das alles sind, meint er, "Wachträume" gewesen, kaffeehauswürdige Sprüche Hitlers, die ohne Relation zur Wirklichkeit gewesen seien. Taylor wattiert mit diesem "day-dreaming" manches dokumentarische Loch in seiner Argumentation aus.
Auch verschweigt oder verstümmelt er wesentliche Aktenstücke über die Mißhandlung des österreichischen Bundeskanzlers Schuschnigg in Berchtesgaden im Februar 1938 und über den unmenschlichen Empfang des siechen CSR-Präsidenten Hacha in Berlin, ebenso manche Dokumente aus dem AA, die eine andere Beurteilung der Besetzung Prags im März 1939 erlauben.
Ist Taylor auch trotz "methodischer und unfehlbarer Logik", die ihm das "Literary Supplement" der "Times" bescheinigte, die Entdämonisierung Hitlers noch nicht geglückt, so sind ihm Entdeckungen gelungen, die künftige Historiker zu mancher Änderung am herkömmlichen Bild der Vorkriegsgeschichte veranlassen werden.
Das Echo unter britischen Historikern hat längst den Warnruf des grimmigen Taylor-Gegners Golo Mann übertönt, mit dem Briten höre doch "alles Diskutieren auf" Golo Mann irrt: Mit dem Ketzerwerk Taylors hat das Diskutieren über Adolf Hitler wieder begonnen.
"Ich habe versucht", kommentierte Taylor seine "akademische Übung" nicht ohne Augenzwinkern, "die Geschichte so zu erzählen, wie sie möglicherweise einigen zukünftigen Historikern erscheinen wird. Vielleicht zeigt das Ergebnis, wie sehr die Historiker vorbeitreffen oder irren."
** A. J. P. Taylor: The Origins of the Second World War". Verlag Hamish Hamilton, London; 1961; 296 Seiten; 25 Shilling.
* Edward Gibbon (1737 bis 1794) und Thomas Babington Macaulay (1800 bis 1859) gelten als die größten Stillsten der britischen Geschichtsschreibung.
Münchner Konferenz (1938)*: Der Zweite Weltkrieg war ein Unfall
Britischer Historiker Taylor
"Wir Sklaven Dr. Adenauers"
Golo Mann
Trevor-Roper
Deutscher Vormarsch in Polen (1939): Spuren von Logik und Verstand
* V. l. n. r.: Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolini, Ciano.

DER SPIEGEL 48/1961
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