20.12.1961

SPIONAGEFalltöter von rechts

Beim Generalstabsobersten Carl-Otto von Hinckeldey, einem Bürostäbler aus dem Bundeswehr-Amt in Bad Godesberg, stellte sich Ende vergangenen Monats ein Herr vor, der sich Kühn nannte und auch Papiere vorzeigte, die auf diesen Namen lauteten.
Besucher Kühn legitimierte sich vollends durch eine Frage: Ob sich der Herr Oberst vielleicht noch des Herrn Generals Feuchtinger erinnere?
Den Herrn Kühn kannte Oberst von Hinckeldey nicht, aber der Name Feuchtinger war ihm durchaus geläufig: Im Jahr 1938 hatte Hinckeldey bei der III. Abteilung des Artillerie-Regiments 26 in Düsseldorf am Rhein Oberleutnants-Dienste verrichtet, und der damalige Oberstleutnant Edgar Feuchtinger hatte diese Abteilung kommandiert.
Im Krieg brachte es Feuchtinger, der 1935 als Reichswehr-Hauptmann die Organisation der am "Reichsparteitag der Freiheit" beteiligten Wehrmachtseinheiten hatte lenken dürfen, zum Generalleutnant und Kommandeur der 21. Panzer-Division, mit dem Ritterkreuz geschmückt; Hinckeldey avancierte zum Oberstleutnant im Generalstab.
Nach dem Krieg verloren die beiden Offiziere einander aus den Augen: Feuchtinger wandte sich der Militärschriftstellerei zu; 1956 erläuterte er sogar in der Normandie vor 200 Offizieren aus Nato-Ländern die "Schlacht von Caen" (siehe Bild Seite 25), wo er im Juni/Juli 1944 mit seiner Division vergebens die alliierte Invasion aufzuhalten versucht hatte.
Hinckeldey spielte den Geschäftsführer in der Wiesbadener "Martini"-Bar seiner Gattin Gusti. Alsdann pachteten die Eheleute, die vor einem Jahr geschieden wurden, das "Hotel Heilquelle" in Oberlahnstein.
Eines Tages aber sahen Feuchtinger und Hinckeldey einander wieder, und zwar im Bonner Verteidigungsministerium, wo sich der alte Feuchtinger von früheren Waffengefährten mit Unterlagen für eine Tätigkeit versorgen ließ, die er als Publizistik ausgab.
Zu Feuchtingers Lieferanten gehörte auch Oberst von Hinckeldey, damals nun wieder im grauen Rock (der Bundeswehr), wenn auch im, Bonner Adreßbuch immer noch als Hotel-Besitzer geführt. Vor zwei Jahren starb der General Feuchtinger.
Kriegs- und Nachkriegskamerad Hinckeldey fragte daher Ende November den ihm unbekannten Besucher Kühn verwundert, was denn die Anspielung auf den toten Kommandeur Feuchtinger bedeuten solle. Kühn geheimnisvoll: "Ich bin sozusagen sein Nachfolger."
Generalstäbler Hinckeldey begriff nicht: Kühn zog ein Papierbündel aus der Tasche: Photokopien von Schriftstücken aus dem Verteidigungsministerium, die Oberst von Hinckeldey einst dem General a.D. Feuchtinger für dessen publizistische Bemühungen gegeben hatte.
Altgeneral Feuchtinger, so offenbarte nun Kühn dem Hinckeldey, sei keineswegs nur Militärschriftsteller, sondern auch Mitarbeiter beim Ostberliner Büro des Moskauer "Komitees für Staatssicherheit" (KGB) gewesen und habe ihn, Hinckeldey, schmählich als "Abschöpfungsquelle" benutzt. Dieser Feuchtinger sei leider tot, aber an Hinckeldeys Hilfe sei dem KGB immer noch durchaus gelegen.
Besucher Kühn beschwichtigte seinen Gastgeber Hinckeldey, ihm, Kühn, behage diese ganze Nachrichtengeschichte überhaupt nicht. Der Kontakt zu Hinckeldey sei sein erster Auftrag, man habe ihn dazu erpreßt, am liebsten möchte er sich enttarnen und der Polizei stellen. Hinckeldey: "Das können Sie haben, ich rufe gleich bei der zuständigen Stelle an." Tags darauf ließ sich Kühn in Köln verhaften. Alsbald saß auch der Oberst Hinckeldey in Haft.
Straußens Ministerialbeamte waren noch damit beschäftigt, die Affäre Hinckeldey zu bagatellisieren, als in Bonn schon die Kunde von einem zweiten Landesverratsfall umlief. Wiederum spielte ein sogenannter Geheimnisträger der Bundeswehr die Hauptrolle: der Oberregierungsrat Peter Fuhrmann von der Wehrbereichsverwaltung II in Hannover.
Oberregierungsrat Fuhrmann, zunächst Assessor beim Generalstaatsanwalt des Berliner Landgerichts, hernach im Bundesjustizministerium zu Bonn, wo er zum Staatsanwalt aufstieg, und seit Januar 1956 im Strauß-Ministerium, gehörte zu der seltenen Sorte von Agenten, die ohne V-Mann-Apparat arbeiten. Fuhrmann belieferte Ostberlin direkt, und zwar das Ministerium für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg.
Der gelernte Jurist pflegte sein Material einem Kurier anzuvertrauen, der hin und wieder bei ihm einkehrte. Blieb der Kurier aus, wußte sich Fuhrmann zu helfen. Er sprach seine Information auf ein Tonband, das er mit der Post nach Berlin schickte.
In diesem Ministerium amtierte ein Mann namens Männel als Chef des Sektors "USA", der außer dieser offiziellen noch eine inoffizielle, aber nicht minder wichtige Tätigkeit verrichtete: Ost-Männel machte sich nebenher als West-Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes CIA nützlich, dem er unter anderem signalisierte, wann immer das SSD-Ministerium einen Agenten als "Handelsattache" nach Kairo, Conakry oder in eine andere Entwicklungshauptstadt entsandt hatte.
Auch Männel hatte mit Tonbändern zu tun, die er sich im Ostberliner Staatssicherheits-Ministerium auslieh. Eines dieser Bänder erschien dem Doppel-Männel besonders wertvoll: Es war nicht gelöscht, Oberregierungsrat Fuhrmann in Hannover hatte es besprochen.
Nachdem Männel sich vor einigen Wochen in die Bundesrepublik abgesetzt hatte, brachte er den Fall Fuhrmann als Morgengabe mit. So flog, wenige Tage nachdem Oberst von Hinckeldey verhaftet worden war, der Oberregierungsrat Fuhrmann auf.
Von diesen beiden Verhaftungen hatten die bundesdeutschen Gazetten in der letzten Woche rasch Wind bekommen. Einen dritten Spionagefall hingegen konnten die Sicherheitsbehörden zunächst noch geheimhalten.
Die Zeitungen behalfen sich mit Floskeln; die Staatssicherheit gebiete, "auf die Verbreitung von Einzelheiten zu verzichten" ("Frankfurter Allgemeine") und ließen sich 'us Schweden ("Deutsche Zeitung") melden, die Sowjets hätten drei Spione auffliegen lassen, um - rechtzeitig zur Pariser Nato-Tagung - Mißtrauen gegen Bonn zu wecken.
Richtig war immerhin, was Straußens Presse-Major von Raven vor der Bonner Pressekonferenz nicht ohne Behagen zur Kenntnis gab: "Der dritte Mann stammt nicht von uns."
Das traf dafür wieder auf den vierten Mann zu, der letzte Woche als Ostspion festgenommen wurde: der Bundeswehrhauptmann Peter Laas, 40, der sich beim Wehrbereichskommando II in Hannover, wo auch der Oberregierungsrat Fuhrmann tätig gewesen war, mit der Ausarbeitung von Mobilmachungsplänen beschäftigt hatte.
Der dritte Mann hingegen - Heinz Felfe, Arbeitsname: Friese - gehörte tatsächlich nur mittelbar zur Abwehr des Verteidigungsministeriums. Felfe alias Friese war im Bundesnachrichtendienst (BND) des Generalmajors a.D. Gehlen beschäftigt, der dem Bundeskanzleramt untersteht.
Der Dienst entstand durch Teilung der früheren "Organisation Gehlen", die sich ihrerseits aus der alten Generalstabsabteilung "Fremde Heere Ost" unter Abteilungschef Gehlen rekrutriert hatte. General a.D. Gehlen selber richtete den BND ein; sein ehemaliger Gruppenleiter I ("Frontlage Sowjet -Union"), der heutige Brigadegeneral Wessel, installierte für Franz-Josef Strauß den Militärischen Abschirm -Dienst (MAD).
Spion Felfe-Friese, 43, ehemals SS -Obersturmführer (SS-Nummer 286 288, NSDAP-Nummer 3 710 348) im Sicherheitsdienst (SD), war bei Gehlen nominell zwar nur als Hilfsreferent und Regierungsrat auf Probe eingestellt, dabei
jedoch an der Führung einiger gegen den sowjetischen Nachrichtendienst gerichteter Verbindungen beteiligt. Geheimnisse, in die er dabei eingeweiht wurde, verriet er an den sowjetischen Geheimdienst, teils in mit unsichtbarer Tinte geschriebenen Botschaften an eine Ostberliner Deckadresse, teils bei Treffs außerhalb der Bundesrepublik.
Sowohl der Oberst von Hinckeldey als auch der Oberregierungsrat Fuhrmann waren durch Überläufer aufgebracht worden. Der Regierungsrat auf Probe Felfe alias Friese dagegen fiel haus-internen Nachforschungen zum Opfer. Die Gehlen-Leute waren dahintergekommen, daß die sowjetischen Ger heimdienstler stets schon vorher wußten, wie Gehlen von Fall zu Fall ihren Aufklärern nachzuspüren suchte.
Als "Falltöter" - wie es im Agenten-Jargon heißt - entlarvten Gehlens Hausdetektive schließlich den Heinz Felfe. Sie fanden heraus, daß Felfe die Sowjets stets pünktlich alarmiert hatte, wenn der Gehlen-Dienst sogenanntes Spielmaterial - gefälschte Geheiminformationen - absetzte.
Zusammen mit Felfe wurden zwei weitere Personen festgenommen; die vom sowjetischen Geheimdienst als Kuriere und zu anderen Hilfsdiensten eingesetzt worden waren. Ihre Verhaftung wurde zunächst geheimgehalten.
Im Gegensatz zu Oberst von Hinekeldey, der nicht recht begriff, was mit ihm geschah, und zu Oberregierungsrat Fuhrmann, der: mit seinem Agentenhonorar Schulden abdeckte, gab Felfe patriotische Motive für sein landesverräterisches Treiben an:
Der Nachrichten-General Gehlen und seine zu den Amerikanern übergegangene Generalstabsabteilung "Fremde Heere Ost", so schwadronierte Felfe -Friese bei seiner Vernehmung im SS -Slang, hätten 1945 das Reich verraten. Dafür habe er sich rächen und außerdem "diesmal gleich auf der richtigen Seite stehen" wollen.
Generalleutnant a.D. Feuchtinger: Vom Herrn Kameraden...
... geheime Informationen Abwehr-Offiziere Gehlen (unten, M.), Wessel (oben, l.)*
* Im Frühjahr 1943 bei Angerburg in Ostpreußen.

DER SPIEGEL 52/1961
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