27.12.1961

NACHRUFHINRICH WILHELM KOPF 6.V.1893 - 21.XII.1961

Der Patriarch von Hannover regierte ebenso zäh, so schlau und so simpel wie der von Bonn: Er war ein Praktiker der Macht und ein begnadeter Opportunist. Gelassen trottete er von der Doktrin in die Staatskanzlei, jenen Weg, auf dem seine Partei, die SPD, nicht vorankam, der sie Tränen und Genossen kostete. Sein Instinkt war klarer als die Satzung.
Der geborene Bauer von der Niederelbe, Marine-Kanonier des Kaisers und Kandidat der Rechte, schwadronierte 1918 im Cuxhavener Soldatenrat. So knallrot ist er niemals mehr gewesen.
Zwei Jahre später schon, als Soldatenräte außer Mode kamen, stand Hinrich Kopf im Dienst der Ordnung. Der gewesene Revoluzzer war zum Chef der kasernierten Polizei in Thüringen aufgestiegen.
Die Ordnung wurde von der Inflation geschluckt und Hinrich Kopf vom Realismus der Moneten. Er lernte Versichern, Bank und Makelei. Der Makler wurde Landrat, der Landrat Makler; kein Widerständler aus Passion, makelte er sich durch das Dritte Reich.
Der Bismarckschädel, Mützengröße 62 1/2, hatte auch nach 1945 kein Programm, höchstens das, die Fakten zu sortieren:
"Das Volk braucht gar nicht Gekeife und Geschimpfe, sondern Tatsachen."
Tatsache war, daß Hannovers hungerndes Volk im Winter 1946/47 gegen Kopf demonstrierte: Die Fakten wurden gefährlich. Flugs setzte sich Kopf, der sich das "artigste Kind der Bizone" nannte, an die Spitze des Zuges, um ihn gegen das Hauptquartier der Briten umzuleiten.
Fakten fand der Landesvater, wenn er bei den Krabbenfischern auf Wangerooge schmauste oder, als Weidmann, Doornkaat ("Kopfwasser") kippend, durch die Heide stapfte; nur in den Direktiven der Parteizentrale fand er sie nicht.
Die Genossen, mit väterlichen Typen nicht gesegnet, verziehen ihm den Grandseigneur, der nie um ein Parteiamt buhlte. Sie beteten, daß ihr volkstümlichster Mann Mitläufer bleibe.
Sie dankten ihm den Nachweis, daß ein Sozialdemokrat, geschiedener Gatte einer Freiin von Behr, Bonner Diplomaten zur Sauhatz bitten konnte und zum Geburtstag von einem Dynasten, dem welfischen Ernst August, goldene Manschettenknöpfe dediziert erhielt.
Indes, das Welfentum des Roten Welfen (Kopf: "Ich höre es ganz gern") war gleichfalls Fakt und nicht Programm. Vom Boden hob sich dieser Bauer-Makler-Landrat
nur, wenn er zum Grübeln auf den Leuchtturm der Insel Neuwerk kletterte, so 1947, um das Niedersachsen-Grundgesetz zu konzipieren, "den Blick in die unendliche Ferne gerichtet".
Der Seehund-Bart blieb nicht lange oben; er tummelte sich in den Gezeiten und paßte sich den Zeiten an und managte gelassen weiter, als die große Koalition in Hannover langsam zerbröckelte.
Er hielt darauf, jeden Anspruch an der Realität zu messen und setzte sein laizistisches Schulgesetz durch, weil ihm im Leuchtturm aufgegangen war, daß der Einfluß der Kirchen in keinem Verhältnis zur Glaubenskraft ihrer Mitglieder stehe.
Realität war ihm auch der Staat von Bonn, in dem sich die anderen eingemietet hatten. Kopf: "Wir wollen dem Reiche geben was des Reiches ist" - Bekenntnis eines hausbackenen Landesvaters, der seinen Staat als erweiterten Heimatkreis Land Hadeln, wo er Landrat war, regierte: "Lebt die Gemeinde gesund, lebt der Staat gesund."
Er schluckte schwer, als die Fakten ihren liebsten Sohn verrieten: 1955 mußte Kopf in die Opposition; er wich ihr aus, indem er reiste. Nach zwei Jahren schien
es Zeit, in das Kabinett des Duzbruders Hellwege als Innenminister einzutreten. Nach zwei weiteren Jahren war die Fortüne wieder korrigiert. Regierungschef Kopf zu Vorgänger Hellwege: "Wi weet (wissen) beide: de Welt dreiht sik."
Hannovers Freidemokraten erhoben den Tiefland-Sozialisten damals zum Gewährsmann für einen "bürgerlichen Kurs". Das Salböl der Bourgeoisie, von dem Willy Brandt einen Tropfen zu erbetteln suchte, triefte auf Kopfens Mähne.
Die Liberalen wußten aus Erfahrung, daß einige Staatsposten an SPD-Mitglieder fallen würden, denn die Genossen mußten abgefüttert werden. Aber man suchte vergebens nach Indizien für sozialistische Vielregiererei. Kopf wollte nicht mehr Staat haben als er brauchte, und er brauchte wenig, weil er nach Instinkt gouvernierte.
Der Pragmatiker scheute sich nicht, an seiner Philosophie selbst den Bundeskanzler abzumessen. Als Konrad Adenauer die Volkswagen-Stiftung von Wolfsburg in den Himmel hob, weil sie ein "Geschenk Gottes" sei, korrigierte Kopf: "Sind Sie der liebe Gott?"
Hinrich Wilhelm Kopf, der letzte preußische Oberpräsident (September 1945 bis August 1946), war ein Bonhomme der Vernunft, doch niemals farblos, ein Opportunist, doch souverän.

DER SPIEGEL 53/1961
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