11.01.1971

FERNSEHEN / ZADEKGroße Kirmes

Wenn Peter Zadek, 44, Regie führt, ist eines sicher: Für handfesten Rummel, für dreiste Stilbrüche und provozierende Gags ist, ob im Fernsehen, im Film oder auf der Bühne immer gesorgt.
1964, bei der Bremer Aufführung seiner kuriosen Neufassung des Shakespeare-Dramas "Heinrich V." -- Zadek-Titel: "Held Henry" -, ließ er den Erzbischof von Canterbury Golf spielen, am mittelalterlichen Hof Mikrophone installieren und Rotkreuz-Wagen auffahren.
1969, in seiner Inszenierung des Edward-Bond-.Stücks "Schmaler Weg in den tiefen Norden", präsentierte er eine Urmutter mit sechs Brüsten und einen fünffachen Kindesmord auf der Bühne.
Im gleichen Jahr, in seinem siebten Fernsehspiel, verzerrte er erstmals auch den Bildschirm: In dem mehrfach ausgezeichneten Dokumentarspiel "Rotmord" über die bayrische Räterepublik von 1919 verfremdete er Studioszenen, Außenaufnahmen, Wochenschauschnitzel und Interviews mit überlebenden Zeitgenossen zu einer Riesen-Reportage, in deren künstlichem Geflimmer historische und nachgestellte Sequenzen ineinander übergingen.
In dieser Woche (Dienstag, 12. Januar, 21.00 Uhr) zeigt nun der Westdeutsche Rundfunk Zadeks neuestes Spektakel -- eine aus Slang-Songs, Chorälen, Zoten, Gebeten, Ehekrach, Bordellgekreisch und Schlachtenlärm gemischte Vulgär-Revue für singende Nonnen, grölende Landser, geifernde Krüppel und Soldatenflittchen.
In seiner technisch vertrickten Comic-Show macht Zadek neue Effekte sichtbar und dabei ein jahrzehntealtes Theaterstück fernsehflott: die von Tankred Dorst gründlich bearbeitete Tragikomödie "Der Preispokal" des irischen Dramatikers Sean O"Casey (1884 bis 1964). Neuer Titel: "Der Pott".
Von dem 1929 uraufgeführten Vierakter des Dubliners übernahmen Zadek und Dorst nur noch das Handlungsgerippe: die Geschichte der irischen Fußballelf Avondale United, die einen riesigen Pokal im Triumphmarsch nach Hause trägt und sich dann im Siegestaumel nach Flandern einschifft -- sie bricht auf in den Ersten Weltkrieg.
Dort, auf dem Felde der Ehre, wird der Torschütze Harry zum Krüppel geschossen, entmannt und beinamputiert. Rechtsaußen Teddy verliert das Augenlicht. Bei Kriegsende ist es aus mit der Kicker-Karriere, die Mädchen gehen ihnen durch die Lappen, der Preispokal, der Pott, hat nur noch Schrottwert.
Drastischer noch als bei seinen Bühnen-Aufführungen in Wuppertal (1967) und Stuttgart (1970) hat Zadek den "Pott" fürs Fernsehen in lauter bunte, burleske und brutale Szenen zersplittert. Denn der Krieg, so deutet der Regisseur sein "Pro-Kriegs-Stück", "ist so etwas wie eine große Kirmes".
Oh, what a lovely war: Zadeks Avondale-Soldaten mit kurz getrimmten Rothaar-Perücken robben keineswegs übers Schlachtfeld, sondern auf einer grünen rheinischen Wiese und streichen dabei 30000 Plastik-Tulpen (Stückpreis: 40 Pfennig) an, die der WDR mit Bundeswehr-Hilfe einpflanzen ließ, Statt In Schützengräben hocken sie auf alten Vitrinen und Vertikos und pinseln "Fuck the Kaiser" aufs Mobiliar.
Ein Korporal beißt einem Gemeinen die Hand ab und zerknabbert sie genüßlich zwischen den Zähnen. Zwischen den Leibern von acht Kölner Blondinen, die sich für 200 Mark 90 Sekunden lang splitternackt auf einem Lotterbett räkeln, laut ein Offizier: "Sein Eindruck von der Front verschwimmt, wenn er die Brüste seiner Schnecke nimmt, und sie streichelt mit verliebtem Blick sein Dingsda."
Dann fliegt der ganze Puff in die Luft.
Und auch in der riesigen Marmorrotunde des Lazarette, durch das der amputierte Harry ruhelos im Rollstuhl kurvt, spielen Zadeks Helden verrückt.
Eine nackte Nonne wohnt einem Verwundeten bei, singende Betschwestern schrubben zu einer vierstimmigen Fuge Zentner von blutigen Kadavern und qualligem Gedärm in die Gosse des Spitals. Der Chefarzt blubbert unverständliche Diagnosen. Dann stößt er -- in Nahaufnahme -- seinen Zeigefinger in Harrys eitrigen Beinstumpf und steppt singend weiter ans nächste Bett,
"Ulk", verteidigt Zadek seine makabre Kirmes, "ist die einzig wirksame Polemik. Und je geschmackloser, desto besser."
Er hat diesen Ulk mit einem verblüffenden Stilmittel aufbereitet: mit der elektronischen Mischung mehrerer, getrennt aufgenommener Motive zu einem einzigen farbigen, oft popig verkitschten Gesamtbild.
Statt teure Dekorationen aufzubauen oder vor realem Hintergrund zu filmen, ließ er den belgischen Graphiker Guy Peellaert billige Landschaftsbilder im Sonntagsmalerstil pinseln und alte Photographien simpel kolorieren, Diese schlichten Kulissen belebt er dann vom Trick-Mischpult aus:
Am Anfang des Films beispielsweise löste er die siegreichen Fußballer von Avondale bei ihrem Triumphzug durchs· WDR-Studio mittels elektronischer Filterung völlig aus ihrer Umgebung. Diese optisch ausgestanzten Figuren blendete er dann in beliebiger Zahl, Größe und Dauer wieder in Peellaerts Kulissen ein: So marschieren Zadeks Kicker am Ende durch die Kleinstadtstraßen einer Ansichtskarte.
Mit dieser Mischung aus opulenter Fernseh-Inszenierung und billiger Guckkasten-Optik glaubt Zadek "eigentlich nur das, was bei O'Casey versteckt war, decouvriert und durchsichtig gemacht" zu haben.
In 23 Drehtagen tüftelte er im Studio sodann noch weitere Beispiele seiner neuen "Über-Realität" aus. Zwei senile Iren promenieren über gemalte Brücken, eine kreischende Moralpredigerin schrumpft zur kreisenden Wetterfahne auf der Kirche, der Kopf einer Truppenbetreuerin (Lale Andersen) bläht sich zum riesigen Vollmond auf,
Mit seiner dramaturgisch brillanten Überblendungstechnik glaubt Zadek dem Fernsehspiel völlig neuartige Produktionsmöglichkeiten erschlossen zu haben: "Man kann auf diese Weise die gesamte Dekoration erfinden, man kann neue Motive einfach dazumalen. Und es ist sehr billig."
Nicht nur dies: Mit den billigen Bildern im Hintergrund ist das Fernsehspiel endlich ein ganzes Stück vom alten realistischen Kino abgerückt -- und weitergekommen.

DER SPIEGEL 3/1971
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