11.01.1971

HOCHSCHULEN / LEFÈVRE

Yankee am Hof

An der Freien Universität Berlin bezichtigen sich linke, liberale und konservative Professoren mit Evangelien-Zitaten der Heuchelei: "Was siebest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?"

Sie grüßen einander in Briefen "bitterlich weinend" oder als "Ihr zur Stund' noch Mißtrauischer", wollen sich aber auch "weitere Schritte vorbehalten".

Der liberal-konservative Philosoph Michael Landmann, 57, sieht den Marxismus "bereits durch alle Poren" dringen und zeiht seinen Kollegen, den linken Religionssoziologen und Hermeneuten Jacob Taubes, 47, "grotesker Entstellung". Taubes hatte behauptet, an der FU seien die Linken einem "McCarthyismus" von rechts ausgesetzt. Landmann: In Wirklichkeit verbleibe den "spärlichen "Bür-

*Der Ökonomie-Professor Max Weber (1854 bis 1920) gilt als Begründer der Soziologie an den deutschen Hochschulen.

gerlichen", kaum noch "Raum zum Atmen".

Landmanns Urteil gründete auf seinen Erfahrungen im Fachbereich "Philosophie und Sozialwissenschaften". Dort ist das Entscheidungsgremium, der Fachbereichsrat. tatsächlich in der Mehrheit mit Linken besetzt, und der Wissenschaftler-Streit entzündete sich, weil ein weiterer Linker eine Assistentenstelle im Fachbereich anstrebt: Wolfgang Lefèvre, 29, ehemaliger SDS-Ideologe und West-Berliner Studentenführer, jetzt Mitarbeiter einer "Partei-Initiative" für eine "Proletarische Linke" (PL/PI) und Ehemann einer Proletarierin, der Buchbinderei-Arbeiterin Ingrid Lefèvre.

Nach der Professorenfehde hat es den Anschein, als würde der ehemalige SDS-Funktionär nicht erreichen, was vielen Vertretern der gemäßigten Linken von den Hochschulgremien bereits zugestanden wurde: wissenschaftliche Arbeit in Forschung oder Lehre und ein Auskommen nach dem Bundesangestelltentarif (siehe Kasten Seite 52). Lefèvre kann eine für ihn reservierte Assistentenstelle nicht einnehmen, weil er sich -- nach dem Urteil von fünf Gutachtern -- durch die vorgelegte Doktorarbeit nicht hinreichend qualifiziert hat.

Lefèvres Arbeit "Zum historischen Charakter und zur historischen Funktion der Methode bürgerlicher Soziologie -- Untersuchung am Werk Max Webers"* erntete bei eher Konservativen, aber auch hei Linken Kritik, Seine "verwegene" These (Doktorvater Taubes), wonach "gerade der Versuch, sich eine Position jenseits des gesellschaftlichen Antagonismus zu sichern, die Wissenschaft zur Parteigängerin des Kapitals macht" (Lefèvre), überzeugte in ihrer Ausführung auch den Doktorvater nicht ganz.

Taubes empfahl Lefèvre im Mai letzten Jahres brieflich, eine "Denkpause" einzulegen und seine "Streitschrift" so umzuarbeiten, daß sie "dem Gegner Achtung und Respekt abzugewinnen" vermöchte. Gelänge das nicht, "wird ein Geheul beginnen, daß ... unser aller Ohren wackeln werden".

Der sozialistische Doktorand aber mochte keine größeren Umarbeitungen vornehmen. Obergutachter Taubes übte in seiner 20seitigen Rezension vom November denn auch Kritik an der Arbeit, in der -- so Taubes -- "die bürgerliche Philosophie von Kant bis Weber" attackiert wird: "Viele Flanken der Argumentation" blieben "ungeschützt".

Dennoch entschied er, die Streitschrift gegen die herrschenden Sozialwissenschaften sei "selbstverständlich als Dissertation akzeptabel, weil die geistige Energie, die in den Aufbau und in die Ausführung dieser Arbeit eingegangen ist, doch vieles hinter sich und weit unter sich läßt, was als Dissertation gängig akzeptiert wird".

Auch der Zweitgutachter, Religionswissenschaftler Klaus Heinrich, plädierte "im Vergleich zu nichtssagenden Arbeiten, die ich in großer Zahl kennengelernt habe", für Annahme und schloß sich Taubes' Benotung "cum laude" an*.

Doch unaufgefordert meldeten sich vier weitere Gutachter, die der Arbeit "vulgären Dogmatismus" (Soziologe Renè Ahlberg), "Auslegungskunststücke" und "linken Irrationalismus" (Philosoph Wolfgang Hübener), "Überwuchern des Analogiedenkens" (Philosoph Landmann) und "Mystifikation bzw. Spekulation" (Soziologe Hans-Joachim Lieber) vorwarf en.

Nahezu alle Kritiker meinten auch, Lefèvre habe wesentliche Literatur nicht zur Kenntnis genommen. Überdies sei seine These, "auch die Wissenschaft selbst (sei) Ideologie", schon "oft genug vertreten" worden (Landmann). Landmann über Lefèvres Kant-Kritik: Der Doktorand benähme sich wie ein "Yankee am Hofe des Königs Artus".

Unerwartete Hilfe erhielten die vier Lefèvre-Kritiker durch den Soziologen Horst Baier, "der letztes Jahr als Nachfolger des verstorbenen Theodor Adorno an die Universität Frankfurt berufen wurde. Als auswärtiger Schiedsrichter gegen die anstürmenden Negativ-Gutachten aus Berlin herangezogen, hielt Baier im Juni -- nach flüchtiger Lektüre -- "den Ansatz von Lefèvres Weber-Analyse" noch "für ausgesprochen originell" und die Arbeit "in jedem Fall für akzeptabel".

Im Oktober freilich schloß sich der Gelehrte plötzlich der Kritik seines Berliner Kollegen Lieber an und hielt nun die Schrift Lefèvres "aus wissenschaftspolitischen, aus formellen und aus inhaltlichen Gründen für nicht akzeptabel".

Inzwischen sind die Professoren-Gutachten mit anhängendem Schriftwechsel auf weit über hundert Seiten angewachsen -- fast ebenso umfangreich wie die 172 Seiten des umstrittenen Lefèvre-Textes. Und es hat den Anschein, als ob noch heftige Kämpfe stattfinden werden, ehe sich * Doktorarbeiten werden traditionsgemäß mit "summa cum laude" ("ausgezeichnet"), "magna cum laude" ("sehr gut"), "cum laude" ("gut") oder "rite" ("befriedigend") beurteilt.

entscheidet, ob die Dissertation des ersten prominenten SDS-Doktoranden im Sinne Liebers "stimmig" ist oder nicht,

Inzwischen verlangen die vier Negativ-Gutachter aus dem Fachbereich die Einsetzung einer neuen Promotions-Kommission, "der nicht mehr -- wie bislang -- vorwiegend Lefèvre-Sympathisanten angehören. Dazu Taubes: "Das werde ich, mit allen legalen Mitteln, zu verhindern wissen,

Der "Star-Philosoph" (die ultralinke "Rote Zelle Philosophie" über den linken Taubes) will Lefèvres Doktorarbeit nicht nur wissenschaftlich beurteilt wissen, Die Dissertation stellt laut Taubes "einen Versuch dar, den Intentionen der studentischen Protestbewegung, die oft in sprachlosen Aktionen sich inszenierte, Sprache zu geben. Wenn die Universität einen solchen Versuch nicht prämiiert, verneint sie ein Stück Ihrer Geschichte".


DER SPIEGEL 3/1971
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