11.01.1971

WERBUNG / LASTKRAFTWAGENFroh lackiert

Seit dem 5. Januar flimmert auf westdeutschen Fernsehschirmen turbulenter Straßenalltag: Unter wildem Gehupe versucht ein Rudel Pkws, einen Lastkraftwagen zu überholen. Begleitet wird die Szene von Rufen wie: "Stinker -- Runter von der Autobahn." Außerdem tönt ein Staatsanwalt: "Stört den Verkehr, weg mit ihm."
Auftraggeber der 30-Sekunden-Filmchen im ZDF-Fernsehen ist nicht Lkw-Gegner Georg Leber ("Die dicken Brummer müssen weg"), sondern der Bundesverband des Deutschen Güterfernverkehrs (BDF). Mit ihren seltsamen Werbespots wollen die Verbandsfunktionäre Sympathien für die Lastkraftwagen wecken.
Star der Zwei-Millionen-Mark-Kampagne ist die Symbolfigur "Brummi", ein ulkiger Dickwanst auf Rädern, Das zentaurische Lkw-Männchen wendet allerlei vertrackte Situationen zum Guten und rät im Idiom des HB-Männchens: "Nicht gleich brummen ... "
Die Väter des "BrUmmt", BDF-Werbe-Chef Heinz W. Fischer und die Frankfurter Agentur Schliephack & Partner, hoffen, daß das Bild vom freundlichen und stets hilfsbereiten Lkw-Onkel auf das Image der Landstraßen-Kapitäne abfärbt. Denn das Ansehen der westdeutschen Lkw-Fahrer bei den. Bundesbürgern ist miserabel.
Wie das Mannheimer Institut für Marktpsychologie kürzlich ermittelte, gelten Lastkraftwagenfahrer bei den Deutschen als Rüpel. Von der Fernfahrerromantik" wie sie in früheren Hans-Albers-Filmen dargestellt wurde, ist nichts mehr übriggeblieben.
Aus der Sicht der Pkw-Wahrer erscheinen die bis zu 18 Meter langen und bis zu 38 Tonnen schweren Lastzüge als lebensgefährliche Ungeheuer. Viele Automobilisten leben in ständiger Angst, von plötzlich ausscherenden Lkws in den Chausseegraben gekippt oder gar zerquetscht zu werden, Umgestürzte Lastwagen am Wegesrand werden als Beweis dafür registriert, daß solche Kolosse schwer zu beherrschen sind. Diese Angstgefühle überträgt der Pkw-Fahrer vom Fahrzeug auf den Fahrer. Kapitäne der Landstraße sind für ihn deshalb aggressiv, gewalttätig und rücksichtslos.
Das Ansehen der Lkw-Branche verschlechterte sich proportional zum wachsenden Gedränge auf den Straßen. Obwohl die Zahl der rund 26 000 konzessionierten Fernlastzüge seit Jahren konstant ist, wurde die Zunft immer mehr zum Sündenbock des Straßenverkehrs. So hatte Bundesverkehrsminister Georg Leber leichtes Spiel, das Fuhrmannsgewerbe politisch auszumanövrieren. Allgemeiner Beifall war ihm gewiß, obwohl beispielsweise die Lkw-Sondersteuer ("Leber-Pfennig") und das Wochenendfahrverbot in den Ferienmonaten die Verkehrsprobleme nicht lösten,
Gegen Lebers Lkw-feindliche Verkehrspolitik vermochte der BDF mit sachlichen Argumenten nichts auszurichten. Groß angelegte Werbekampagnen brachten der Branche mehr Verdruß als Nutzen, wie die Mannheimer Forscher Jetzt herausfanden, Aus dem Hinweis "Dieser Lastzug zahlt jährlich 20 000 Mark Steuern" schlossen viele Bundesbürger, der Betrag sei an der technischen Lkw-Ausrüstung eingespart worden. Mithin seien Laster nicht sicher genug.
Als ähnliches Eigentor entpuppte sich auch die Kampagne für "die Deutschen Bullen" von Magirus Deutz. Obwohl das Lkw-Werk mit dieser Werbung die Zuverlässigkeit und die überlegene Leistung des Produktes unterstreichen wollte, wurde sie von vielen Bundesbürgern als brutale Kraftprotzerei verstanden.
Verblüfft registrierten die Mannheimer Tester zudem, daß neuerdings selbst die Lkw-Zunft Haßgefühle gegenüber dem Lastwagen entwickelt. Im Jargon der Fahrer heißt der Lastzug "Mistfuhre", "Schmier- und Stinkkasten" oder "Dreckschlepper".
Werbestar "Brummt" soll deshalb auch bei den Fahrern "emotionale Widerstände abbauen und verdrängte Ängste beseitigen" (Wischer).
Um die mürrischen Lkw-Kapitäne freundlich zu stimmen, wollen die Werbeexperten sogar die Erkenntnisse der Farbpsychologie nutzen. Ihr Vorschlag: Alle Lastzüge sollen künftig froh lackiert und mit bunten Planen ausstaffiert werden.

DER SPIEGEL 3/1971
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