11.01.1971

CHINA / WIRTSCHAFTSREVOLUTION

Heiliger Boden

(siehe Titelbild)

Im Kreischen und Brüllen orgiastischer Massen gebar Chinas Große Proletarische Kulturrevolution den neuen Menschen. Er schien zu rasen.

"Wir sind entschlossen, die alte Welt auf den Kopf zu stellen? sie in Stücke zu schlagen, sie zu Staub zu verwandeln, ein Chaos zu errichten und eine große Unordnung zu stiften; je größer, desto besser", pinselten Studenten der Pekinger Tsinghua-Universität im Sommer 1966 an die Außenmauern des Gebäudes. Auf den Trümmern der alten Welt wollten sie eine neue bauen.

Fanatische Jugendliche mit roten Armbinden tobten durch die Städte. Sie terrorisierten die Erwachsenen, bespien Professoren und Parteisekretäre, schlugen Minister und Nonnen, schleiften sie mit weißen Schandhüten durch die Straßen.

Der Jugendmob raubte Parteilokale aus? plünderte Museen und beschmutzte Denkmäler einer Jahrtausende alten Kultur. Demonstrantenmassen stürzten mit Stangen, Lanzen und Schwertern aufeinander los. Ein ganzes Volk deklamierte morgens, mittags, abends mit starren Gesichtern die Dogmen der neuen Heilslehre Mao Tsetungs. Wandzeitungen voller Schimpfworte und Enthüllungen bedeckten Hausfassaden, Straßenpflaster, Bäume. Im ganzen Land blieben die Schulen zwei Jahre lang, die Universitäten vier Jahre lang geschlossen.

Rote Garden stürmten die britische Botschaft in Peking und legten Feuer. Auf ihren Wandzeitungen prophezeite Maos Jungvolk den "tollwütigen Hunden des Kapitalismus" einen gewaltsamen Tod.

Bürger des Westens zitterten, sie müßten ihr Leben als Schuhputzer der Schlitzäugigen beschließen. Sowjetische Marschälle sahen eine Chance, den Spuk mit einem präventiven Atomschlag auszuräumen -- eine Idee, die auch den deutschen Philosophen Karl Jaspers und den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy beschäftigte.

Das größte Volk der Erde hatte sich in Bürgerkrieg und Anarchie gestürzt, es schien zurückzufallen in die Zeiten der Warlords und der großen Bauern-Rebellionen.

Heute, vier Jahre nach dem Ausbruch der angeblichen Kulturschande, zeigt sich, daß die apokalyptischen Voraussagen falsch, die Existenzängste maßlos übertrieben waren. Denn der Schrei der Straßendemonstranten ist verstummt, die Tollwut scheint kalmiert, in des Chaos ist eine neue Ordnung eingezogen.

Chinas Hochschulen, Brutstätten der Roten Garden, haben ihre vierjährige Pause beendet und arbeiten wieder -- seit wenigen Monaten. Die Tsinghua-Studenten, die 1966 die Weit in Staub verwandeln wollten, konstruierten 1970 eine Maschine zum Schneiden von Silizium -- einer der wichtigsten technologischen Beiträge für Chinas junge Elektronik-Industrie.

Chinas Botschafter, während der Kulturrevolution nach Hause beordert, sind auf ihre Auslandsposten zurückgekehrt. Pekinger Diplomaten, die 1967 in London mit Zaunlatten auf britische Polizisten und Demonstranten eingeprügelt hatten, erschienen im Juni 1970 auf der Tribune des Rennplatzes Ascot und stießen artig auf den Geburtstag der Königin Elizabeth an.

Trotz Kulturrevolution ist China das einzige sozialistische Land ohne Auslandsschulden. Seine Außenhandelswährung Renminbi (Volks-Währung) gehört zu den stabilsten der Welt. Sie ist weitgehend durch Gold- und Devisenreserven gedeckt und teilkonvertierbar; die China-Banken von London und Hongkong tauschen sie zum günstigsten Dollarkurs.

Denn vier Jahre nach dem Ausbruch der Kulturrevolution scheint es dem "Großen Steuermann" Mao Tse-tung, 77, gelungen zu sein, die damals freigesetzten Energien in eine gigantische, das ganze Volk erfassende technisch-wirtschaftliche Revolution umzuleiten, die Züge einer fernen Utopie trägt und China dennoch zum Welthandelsherrn von morgen qualifiziert.

Die Kulturrevolution war der erste Sieg, der in einem sozialistischen Land über die neue Klasse der Parteifunktionäre erfochten wurde, über jene Schicht der Apparatschniks, die der Bourgeoisie den Garaus gemacht, sich dann aber selbst mit deren Machtpositionen und Privilegien ausgestattet hatte. Mao setzte neue Werte gegen sie: Spontaneität, Selbstlosigkeit, Gleichheit.

Daß es ihm aber gelingen könnte, mit derartiger Sphärenmusik die Wirtschaft des (nach der Sowjet-Union und Kanada) drittgrößten Flächenstaates der Erde in Gang zu bringen, schien selbst unvoreingenommenen Beobachtern zweifelhaft.

Der SPIEGEL hat versucht, aus Informationen über das China von heute ein Bild zusammenzufügen -- er befragte Reisende aus der Zelt der Kulturrevolution (zu deren Höhepunkt zwei SPIEGEL-Redakteure durch fünf chinesische Provinzen reisten) und aus dem China von 1970, Kaufleute, Diplomaten, Journalisten und westliche Mao-Anhänger. Radlosendungen aus dem Landesinnern wurden abgehört, Lokalzeitungen geprüft, professionelle China-Watchers vernommen.

Erstes -- faßbares -- Resultat: In China wird heute eine gewaltige Produktionsschlacht geschlagen, die das unterentwickelte Agrarland auf die Höhe eines modernen Industriestaates heben soll.

Zweites -- ungesichertes, schemenhaftes -- Resultat: Die Bewußtseinsveränderung scheint so weit fortgeschritten, die Spontaneität so entwickelt, daß die Klasseninteressen einer herrschenden Schicht oder Partei zurücktreten.

Denn die Produktionsschlacht vollzieht sich nicht nach den Gesetzen von Rentabilität und Profit, noch nach den Schemata einer zentralistischen Planbürokratie. Sie wird -- erstmals in einem sozialistischen Land -- ausschließlich von lokalen Revolutionskomitees gesteuert.

Deren Mitglieder beziehen den Lohn von Arbeitern und müssen selbst körperliche Arbeit leisten. Sie erhalten keine Befehle von zentralen Instanzen und dürfen selbst nicht nach unten befehlen -- sie müssen diskutieren, überzeugen.

Sie ermuntern das Volk, die Obrigkeit ständig zu kritisieren, Vorgesetzte zur Selbstkritik zu bewegen, Produktion, Verwaltung und Verteidigung in die eigene Hand zu nehmen. Im China von heute zahlt kein Bürger mehr Steuern, legt kein Student mehr Abschluß-Examina ab.

Ein neues Kapitel in der Geschichte menschlicher Träume von einer besseren Welt?

Wenn es den Chinesen gelingt, in ihrem unterentwickelten Land eine sozialistische Demokratie zu verwirklichen, wie sie jetzt in Anfängen sichtbar Ist, kann das Reich der Mitte ein neues Modell für die Dritte Welt abgeben -- und nicht nur für sie. Das Experiment, zwischen Obrigkeit und Untertan in Staat und Betrieb zwischenmenschliche Beziehungen der Gleichheit herzustellen, würde gleichermaßen die Klassengesellschaften der Industriestaaten des Ostens und des Westens herausfordern.

Mit technologischen Spitzenleistungen hat China -- trotz angeblicher Anarchie im Lande -- schon während der Kulturrevolution die Welt schockiert. 1967 zündete es die erste Wasserstoffbombe, 1968 stellte es die fast sieben Kilometer lange Jangtse-Brücke bei Nanking fertig (in der Rekordzeit von zwei Jahren), 1970 startete es seinen ersten Erdsatelliten -- mit dem Anpeil-Kode "Der Osten ist rot".

Jetzt gab Mao die Parole aus: "Ergreift die Revolution, steigert die Produktion!" Mit anderen Worten: Jeder einzelne Chinese soll das Bewußtsein gewinnen, durch seinen persönlichen Einsatz das Entwicklungstempo des ganzen Landes mitzubestimmen. Die Kulturrevolutionäre sollen "technische Partisanen" sein.

So bizarr und rührend die Meldungen über Zwischensiege im Kleinkrieg an der revolutionären Arbeitsfront klingen mögen, In ihrer Masse und reduziert 'auf ihren Kern sind sie beeindruckend:

* Auf der Djiangnan-Werft von Schanghai, die bisher Schiffe nur reparieren konnte, zimmerten die Arbeiter aus Holzbohlen provisorische Docks, auf denen sie mit vorgefertigten Teilen die 10 000-Tonnen-Schiffe "Jüäjang" und "Hsiänfeng" zusammenschweißten -- in der Rekordzeit von 31 Tagen.

* Sieben Pekinger Hausfrauen, erst seit vier Jahren angelernte Fabrikarbeiterinnen, bastelten ein Kondensator-Modell von 30 000 Volt -- solche Kondensatoren importierte China bis 1969 aus dem Ausland; das neue Produkt der Heimarbeit soll doppelt soviel Leistung und einen um ein Drittel kleineren Umfang haben.

* Der Arbeiter Wang Diän-fa aus der Kokerei im chemischen Hauptwerk des Hüttenkombinats Anschan entwarf ein Gerät, das die Kohlenreste in den Hochöfen pneumatisch absaugt -- bisher wurde diese zeit- "und kraftraubende Arbeit von Menschenhand erledigt.

* Im Küstenkreis Tschaojang der chinesischen Südprovinz Kwangtung trugen die Bauern in Masseneinsätzen einen 1529 Meter langen Staudamm in nur sechs Monaten auf, der in Zukunft ihre Dörfer und Äcker vor Sturmfluten schützen soll.

* Nahe der Stadt Nantschang In der Provinz Kiangsi zogen vor einem Jahr ein paar hundert junger Leute auf freiem Feld Ziegelmauern hoch: Sie bauten sich ihre eigene Fabrik. Die ersten Maschinen setzten sie aus den ausrangierten Modellen anderer Fabriken und aus Schrott zusammen. Inzwischen nahm das Werk die Serienproduktion von Kleinbussen auf: als eine der über 20 neuen Automobilfabriken.

* Höfe und Felder der Produktionsbrigade Nanpao im ostchinesischen Kreis Tungiu zerstörte .im vorigen Jahr ein Hochwasser. Von 224 Häusern blieben nur 18 übrig. Die Bauern räumten die Äcker von Schlamm und Geröll und lieferten letztes Jahr eine Reisernte ab, die doppelt so hoch war wie In den Vorjahren.

* Auf dem tibetischen Hochland, wo bisher jedwede Industrie unbekannt war, arbeiten seit vorigem Jahr Hirten in Wasserkraftwerken und Maschinenwerkstätten.

* Aus dem Eisenhüttenwerk Tachingjang in der Zentralprovinz Honan zogen die Arbeiter nach der Methode "Ameisen benagen Knochen" ohne fremde Hilfe und Kapital zwei Schmelzöfen auf, die jährlich 7000 Tonnen Roheisen ausstoßen: Weil sie keine Metallbiegewalze besaßen, legten sie die Stahlplatte über eine halbkreisförmige Grube, preßten sie mit einer Steinwalze und machten sie durch Behämmern formgerecht."

Aus den Helden der Großen Proletarischen Kulturrevolution sind Helden der Arbeit geworden: fleißig, erfindungsreich, diszipliniert und offenbar bereit, das Wohl der anderen über das eigene zu steilen.

Selbstlosigkeit, Disziplin und jene Geschicklichkeit, die schon vor zwei Jahrtausenden die Chinesen den Kompaß, die Papierherstellung und das Schießpulver erfinden ließ, sind die nationalen Tugenden in der großen Produktionsschlacht.

Dem greisen Mao bietet sie eine Chance, daß sich seine Vision einer kommunistischen Zukunftsgesellschaft doch noch .erfüllt. Vorbild für seinen Musterstaat von morgen Ist das Staatsmuster von gestern: die rote Soldaten-Republik von Jenan. In die unzugänglichen Lößberge im Norden, nahe der mongolischen Grenze, hatte Mao im Bürgerkrieg Mitte der dreißiger Jahre die von Kuomintang-Truppen verfolgten Reste seiner Armee geführt.

Dort, auf dem "heiligen Boden der Revolution", in den Berghöhlen von Jenan, lag zwölf Jahre lang Maos Hauptquartier, von dort aus brach er 1947 auf, seinen Gegner Tschiang Kaischek endgültig vom chinesischen Festland zu verjagen.

Vom Feind eingekreist, gründete er in Jenan die Selbstverwaltung einer Räte-Republik, organisierte er die ersten gemeinsamen Produktionsbrigaden seiner Partisanenarmee mit den heimischen Bergbauern. "Drei Schätze" -- so befahl Mao -- müsse jeder Soldat haben: "das Gewehr, die Feldhacke und die Feder".

Seine Rotarmisten verpflegten sich selbst und rüsteten sich mit selbstgebauten Waffen aus. Sie legten Felder zum Hirseanbau an, lernten Flachsspinnen und Baumwollzupfen und trugen wie die Bauern der Umgebung selbstgewebte Leinen-Uniformen und selbstgefertigte Schuhe. Sie spielten Theater, lasen einander vor und philosophierten.

Offiziere kritisierten die Zweckentfremdung der Soldaten. Mao griff darauf selbst zur Feldhacke. Als die erste Saat durch den Lößboden brach, versammelte er seine Kommandeure, um ihnen zu zeigen, was der Mensch mit eigener Kraft der Natur abzugewinnen vermöge. "Sich autark machen!" heißt die Inschrift auf dem Kästchen mit Tuschfarbe, aus dem sich Mao 1937 bediente; das Kästchen steht heute im Museum von Jenan -- die Inschrift gilt noch immer.

Ein Kollektiv von genügsamen, gleichberechtigten, den Ideen ihres Führers ergebenen Menschen, die allein auf die eigene Kraft vertrauen und unmöglich Scheinendes leisten, war sein Ziel. Selbstbewußt, asketisch und militant, ein asiatisches Sparta, eine große Kommune -- so soll nach Maos Vorstellungen das China der Zukunft sein.

Fast alle Parolen, die Mao seither ausgab, alle Kampagnen, zu denen er aufrief, haben im utopischen Kommunismus der Jahre von Jenan ihr Muster, so auch die Massenbewegung "Großer Sprung nach vorn" am Ende der fünfziger Jahre; Die Bauern sollten ihre unrentablen Kleinsthöfe aufgeben und sich zu Volkskommunen zusammenschließen. Mao wies sie an, nach Feierabend in Millionen selbstgebastelten Volkshochöfen Eisenerz zu schmelzen, um daraus ihre Pflüge und Erntemaschinen selbst zu bauen.

Doch das Experiment endete in wirtschaftlichem Chaos. Die Bauern widersetzten sich den hochgesteckten Plänen, die Erträge gingen zurück, und die Partei, dazu aufgerufen, Maos Pläne in den Provinzen durchzusetzen, versagte ihm die Gefolgschaft. Der Sieger im Partisanenkrieg mußte 1958 den Sessel des Staatspräsidenten räumen -- sein Nachfolger wurde Liu Schao-tschi.

Lius Vorstellungen von der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas waren weniger anspruchsvoll, weniger utopisch. Zentralistisch, mit einem Heer von Bürokraten und Technokraten kontrollierte er das Land nach sowjetischem Vorbild; in seinen Wirtschaftsplänen hatte nicht die Landwirtschaft, sondern die Schwerindustrie den Vorrang.

Der Pragmatiker Liu rechnete nicht mit Spontaneität und Massen-Elan, sondern nach Planziffern und Kontrollnormen. Die Arbeitsmoral förderte er durch Akkordlohn und Zusatzprämien, den Bauern teilte er privates Hofland und freie Märkte zu. Was China nicht selbst produzieren konnte, kaufte er im Ausland.

Doch die einzigen, die von der schwerfällig arbeitenden Wirtschaftsmaschine profitierten, waren die Kontrolleure: die kleinen und großen Mandarine der Staatsbetriebe und der Partei. Des langen Bürgerkriegs längst müde, wollten sie endlich -- wie die Genossen in der Sowjet-Union -- das privilegierte Leben der neuen Klasse genießen. Für den Puritaner Mao war das der "kapitalistische Weg".

"Wenn man im Ausland keine Vorrichtung erfunden hat, können wir es schon gar nicht schaffen", soll Liu gesagt haben, und: Fabriken können beim Hanf-Spinnen in einer Kaderschule nur Experten betreiben", oder: "Schiffskauf ist besser als Schiffbau und Schiffsmiete besser als Schiffskauf."

Gegen Lius sattes Establishment, gegen die erstarrten Hierarchien in Staat und Partei ließ Mao seine Roten Garden stürmen. Der Schatten des "Auslandssklaven, Konterrevolutionärs und Schuftes Liu" aber wirkt in Maos technischer Revolution noch immer nach. Selbst zwei Jahre nach Lius offiziellem Sturz vergißt keine Meldung von neuen Erfolgen im "Volkskrieg der Produktion", die kleinmütigen Gedanken Lius zu kritisieren.

Zur täglichen Übung des Klassenkampfes auf den Betriebsversammlungen gehört es, gegen Lius Wirtschaftsstrategie eine von Maos neuen Losungen zu setzen, etwa: Wir müssen uns vom Herkömmlichen losreißen und alles tun, die fortgeschrittene Technik anzuwenden."

Der inzwischen millionenfach verurteilte Volksfeind lebt weiter in seiner Villa im Pekinger Prominentenviertel Schangschan, von der Außenwelt völlig isoliert. Mao Tse-tung aber kehrte mit seinem Kontrastprogramm gegenüber Lius "kapitalistischem Weg" zu den Vorstellungen der Jahre 1937 und 1958 zurück. Der Gedichte schreibende Bauernsohn aus dem chinesischen Süden, der philosophierende Weltpolitiker, der außer Moskau nie eine ausländische Stadt besuchte, führte China in die dritte Revolution.

Sechsmal haben ihn seine Gegner totgesagt -- er überlebte die meisten Die Opposition hatte ihn als vulgären "Dorfrebellen" verspottet, ihn isoliert und zum Schweigen gebracht, Doch im Sturmlauf der chinesischen Jugend gewann der Greis seine Macht über die Menschen zurück

Gewiß, der Mao-Kult zeigt eine maßlose Erniedrigung vor dem gelben Gott und hat Züge echten Massenwahns, die mit den gepriesenen Tugenden menschlicher Autonomie nicht vereinbar sind. Als "Rötesten aller Roten" und "Großen Steuermann", der "viele tausend Jahre alt werden soll", besingen die Roten Garden den Meister.

Sein hintergründiges Mondgesicht leuchtet überdimensional in millionenfacher Ausgabe von den Hauswänden. Fabriktoren, Schulen und Hallen. Auch in der kleinsten Bambushütte bauen die Bauern seinem Bild einen politischen Hausaltar.

Doch der Mao-Kult entspricht dem wahren politischen Kräfteverhältnis, Seit dem Sturz Lius hat der Parteichef keinen ebenbürtigen Gegner mehr. nur zwei miteinander rivalisierende Nachfolge-Kandidaten.

Offiziell hat Mao 1969 den Verteidigungsminister Lin Piao, 62, zu seinem Stellvertreter ernannt. Der asketische Landsknecht, der im Bürgerkrieg mit seinen Partisanen in den Tälern der Villa-Berge eine ganze japanische Armee vernichtete, erhob Chinas Militär zur politischen Ordnungsmacht. Seine Volksbefreiungsarmee stoppte 1968 den Sturm der Rotgardisten, als die Kulturrevolution in das Chaos zu führen drohte. Soldaten ersetzten die zerschlagene Administration.

Aber seit sich das revolutionäre China zur kolisolidierten Weltmacht wandelt, schwindet der Einfluß der Soldaten. Premierminister Tschou En-lai, 72, Nachfahre einer alten Familie von Mandarinen, scheint heute ebenso gute Chancen auf die Mao-Nachfolge zu haben wie Lin Piao.

Vor 50 Jahren gründete Student Tschou in den Renault-Werken des Pariser Vororts Boulogne-Billancourt eine der ersten Zellen chinesischer Kommunisten. Im Bürgerkrieg war der undurchsichtige Taktiker der Polit-Offizier der Kriegsakademie von Jenan. Im abgewetzten, knöchellangen Ledermantel, der heute als Reliquie der Revolution im Museum von Jenan hängt, hielt Tschou vor den Bauern-Partisanen Vorträge über das weltpolitische Kräftespiel.

Er ist der Stratege der neuen außenpolitischen Offensive der Chinesen, die erst möglich wurde, nachdem sich das Land aus den Konvulsionen der Kulturrevolution in die Produktionsschlacht gerettet hatte.

Chinas industrieller Weg geht über eine technisierte Landwirtschaft. Mao: "Die Mehrheit der Bevölkerung Chinas sind Bauern. Die Revolution wurde mit Hilfe der Bauern gewonnen, und um bei der Industrialisierung des Landes Erfolg Zu haben, muß man sich erneut auf ihre Hilfe verlassen."

Aber gewarnt durch den Mißerfolg des "Großen Sprungs nach vorn", will Mao diesmal "auf beiden Beinen gehen". Er ordnete an: "Die Landwirtschaft ist die Grundlage und die Industrie der führende Faktor."

Kommunebauern und Soldaten eröffneten auch in den entlegenen Provinzen Kleinstfabriken und Werkstätten; Lehrer und Schauspieler gruben nach Kohle, Erzen und Erdöl; Schüler, Hausfrauen und Rentner gründeten Fabrikations-Zirkel. Die Verantwortung, aber auch das finanzielle Risiko für diesen Volkssturm auf die Maschinen tragen die revolutionären Komitees der Provinzen, Kreise und Städte. Der Staat verteilt nur noch die Planziffern; Geld und Kredite gibt er nur in Ausnahmefällen. Die Revolutionskomitees bestehen aus

* Soldaten der Volksbefreiungsarmee,

* Parteifunktionären (der gereinigten Partei),

* Mitgliedern der revolutionären Massenorganisationen (Rote Garden). Diese "Drei-in-eins-Verbindungen, ersetzen faktisch die in der Kulturrevolution zerschlagene Administration und repräsentieren die örtliche Staatsgewalt.

Die Wirtschaftsverwaltung wurde schrittweise dezentralisiert -- wahrscheinlich die wichtigste Veränderung

* Ein Staatsbeamter wird mit Schandhut durch Peking geführt.

der chinesischen Innenpolitik seit der Kulturrevolution. Sie befreite China von seiner schwerfälligen Bürokratie, setzte Initiativen in den Provinzen frei und schuf die Voraussetzung für eine sinnvolle Infrastruktur nach den örtlichen Gegebenheiten.

Ziel des regionalen Entwicklungsprogramms ist die höchstmögliche Autarkie. Chinas 26 Provinzen, bis zu 4400 Kilometer voneinander entfernt, sollen sich in Zukunft selbst ernähren, den Bedarf ihrer Industrien an Rohstoffen und die Bedürfnisse der Bevölkerung an Konsumgütern selbst befriedigen.

Die Nah-Versorgung belastet den Verkehr nicht. Zudem erhöhen autark wirtschaftende Provinzen im Falle eines Konflikts -- Mao spricht vom "Fall eines Krieges oder einer Naturkatastrophe" -- für die Mehrzahl der Chinesen die Chance zu überleben. Auch Schulen, Universitäten, Fabriken und Wohnblocks werden nach dem Prinzip der drei proletarischen Gewalten von Arbeitern, Soldaten und Revolutionären kontrolliert.

Wie das Ziel der Provinz-Autarkie zu erreichen Ist und mit welchen Mitteln, entscheiden die örtlichen Komitees. Seitdem wird in China weit mehr als in anderen sozialistischen Staaten über Planrichtlinien und Arbeitsmethoden gestritten.

Die Bergbauern von Kiangsi installierten ohne Fremdmittel in den letzten drei Jahren 1300 kleine Wasserkraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 40 000 Kilowatt, um ihre Felder künstlich zu bewässern. Die Flußbauern von Kwangtung organisierten im Delta des Periflusses einen Transportpool, "dem Eisenbahnen, Dampfschiffe, Holzboote, Ochsenkarren und Hunderttausende von Fahrrädern unterstehen", um "das Sumpfgelände an das Verkehrsnetz anzuschließen.

In der Peking-nahen Weizenprovinz Schantung, in der bis 1964 nicht einmal ein Motor hergestellt werden konnte, verfügt heute jeder Kreis über eine Maschinenfabrik, die insgesamt 44 Modelle elektrischer Antriebsanlagen in Serienproduktion erzeugen. 3000 neue Fabriken der Leichtindustrie gibt es seit einem Jahr in der nördlichsten Grenzprovinz Heilungkiang (Mandschurei). Sie versorgen den örtlichen Markt mit Fahrrädern Glühbirnen, Seife, Baumwollstoffen und Strickwaren.

Die in Pfahlhütten, Bretterbuden, ja selbst auf dem Dorfanger installierten Gußstöcke, Bohrmaschinen und Färbebottiche zeigen eine Industriewelt, die im einzelnen auf westliche Besucher eher komisch wirkt, aber offenbar doch Erfolg hat: Mehr als ein Viertel der in China erzeugten Waren -- so schätzen Wirtschaftsexperten -- stammen aus der Hinterhof-Produktion.

Die Kundschaft dieses "technischen Krimskrams" (so die Hongkonger Zeitschrift "Far Baslern Economic Review") ist vor allem die Landbevölkerung. Ihre lang vernachlässigten Konsumwünsche werden befriedigt; die Bauern bekommen in erreichbarer Nähe und in ausreichender Menge die vorerst bescheidenen Geräte geliefert, mit denen sie sich auf intensive Agrarwirtschaft umstellen können.

Die Zucht von neuen, klimagünstigen Saat-Sorten, künstliche Bewässerung und systematisches Düngen, Mehrfruchtanbau und der Einsatz von Maschinen haben doppelte, im Süden sogar dreifache Ernten im Jahr ermöglicht und die Hektar-Erträge erhöht.

Noch steht der Einzug des Mähdreschers und der motorisierten Reis-Pflanzmaschine in die Agrarbetriebe erst am Anfang. Aber die Feldhacke und der von Wasserbüffeln gezogene Holzpflug sind nicht mehr die Symbole der chinesischen Landwirtschaft.

Erkennbar und nachweisbar haben die Masseneinsätze auch die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Konsumwaren verbessert,

Dorfläden, bisher bei den Zuteilungen vernachlässigt, bieten Textilien, Schuhe, Haushaltswaren, aber auch Nähmaschinen, Fahrräder und Rundfunkempfänger in großer Auswahl an.

Die Metropolen, die in der Vergangenheit häufig unter Lebensmittelknappheit zu leiden hatten, sind ausreichend mit Obst, Gemüse, Fleisch, Eiern und Fisch eingedeckt. Aber es gibt keine Luxusläden und keine Nobelrestaurants mehr, nur Ausländer werden zu Festessen hinter verhängten Fenstern in die sonst leere, einzige Spezialgaststätte Pekings geführt.

In Großstädten wie Kanton sind Reis, Fleisch, Fisch und Konsumgüter noch immer rationiert und werden nur gegen Bezugskarten abgegeben. Aber die aufgerufenen Mengen nutzen nur wenige Familien aus; an Reis, dem Grundnahrungsmittel, stehen jedem Chinesen monatlich 15 Kilogramm zu -- ebensoviel wie in Pakistan.

Die Preise sind seit der Kulturrevolution stabil geblieben -- von allen China-Reisenden der letzten Monate bestätigt. Drastisch gesenkt wurden sie für einzelne Erzeugnisse der Leichtindustrie wie Plastikwaren, Baumwollstoffe, Ersatzteile und primitive Eisenwaren -- um den Absatz der neuen Mini-Fabriken anzukurbeln.

Die früher erheblich überhöhten Preise für Medikamente wurden reduziert. Stolz meldet ein Pekinger Bericht: "Eine Ampulle mit 200 000 Einheiten Penicillin kostete vor der Befreiung den Gegenwert von 25 Kilogramm feinen Mehls. Eine gleiche Ampulle kostet jetzt weniger als ein halbes Kilogramm."

Aber der Käufer dürfte für die Ampulle kaum Verwendung haben. Denn: Jede ärztliche Versorgung, auch das Krankenhaus, ist für die Chinesen kostenfrei, ebenso wie der Besuch im Theater und Kino, Arbeitskleidung -- sogar der Friseur. Die Mieten in der Stadt betragen ein bis zwei Prozent des Monatslohns; Kommunebauern wohnen mietfrei.

Seit der Kulturrevolution soll niemand mehr gleicher als gleich sein: Das einst unter Liu eingeführte Lohngefälle zwischen 40 und 350 Juan, noch vergrößert durch Prämienzahlung und Profitbeteiligung für die Betriebsdirektoren, wird auf einen allgemein gültigen Durchschnittslohn von 80 bis 100 Juan (an Kaufkraft: etwa 200 bis 250 Mark) nivelliert.

Das sind reine Netto-Einkommen, denn in der großen Kommune, die China heißt, werden Steuern nicht mehr erhoben. Die Staatsausgaben werden mit Betriebsabgaben gedeckt, die Volksbefreiungsarmee ist weithin autark -- ihre Soldaten arbeiten auf Staatsgütern zur Versorgung der Armee, in Produktionskorps zur Herstellung von Waffen.

Die Bauern können noch immer sieben Prozent ihrer Erträge auf dem Markt absetzen, die Einkünfte aber fließen der Kommune-Kasse zu und werden auf alle Kollektiv-Mitglieder umgelegt.

Eine chinesische Durchschnittsfamilie, in der mindestens zwei Angehörige Lohnempfänger sind, kann nach Abzug der Lebenshaltungskosten ungefähr 100 Juan (140 Mark) monatlich für größere Anschaffungen zurücklegen. So gehören für die Mehrheit der Chinesen Uhren, Fahrräder und Radios, an deren Besitz sie seit 1949 ihren Lebensstandard messen, nicht mehr zu den unerfüllbaren Träumen. Fahrräder werden im Handel je nach Qualität für 135 bis 150 Juan angeboten, Radios für 120. Lederschuhe kosten 18 bis 25, eine elektrische Kochplatte zwölf Juan, und für die Familien-Zuteilung von 75 Kilogramm Reis müssen die Chinesen 20 Tuan zahlen.

Mit Kundendienst und bescheidenem Marketing bemüht sich der Einzelhandel, dem Konsumenten zu dienen. Das Pekinger Tung-Fen-Waren-haus. das dem Moskauer "Gum" entspricht, schickte 1300 Angestellte als Testgruppen in Fabriken und Schulen, zu den Truppeneinheiten und auf die Straße, um Käuferwünsche zu notieren.

Garküchen und Ladengeschäfte haben für die Spätschichten der Fabriken auch nachts geöffnet. Das Lan-Schan-Geschäft in Peking, das bislang elektrische Beleuchtungskörper nur in Einzelteilen abgab, liefert jetzt frei Haus und läßt die Lampen montieren. In der Stadt Tientsin eröffnete der Volksmarkt eine Abteilung. in der Feuerzeuge, Füllfederhalter und Uhren repariert werden; das Warenhaus Tschang Pu-tschi schickt seine Kundendienstkarren in entlegene Dörfer.

Welchen volkswirtschaftlichen Wert die Massenkampagnen der technischen Revolution haben -- außer der Verbesserung des Konsums -, läßt sich vorerst in konkreten Zahlen nicht messen. Seit 1959 hat, Peking keine amtlichen Statistiken mehr über Staatshaushalt, Nationaleinkommen, Produktion, Löhne und Preise veröffentlicht.

Die im "Großen Sprung" 1958 aus den Provinzen an die Zentrale gemeldeten Erfolgszahlen hatten sich als frisiert erwiesen -- so war die angeblich eingebrachte Getreideernte von 375 Millionen Tonnen schon zur Hälfte verzehrt, als Peking sie durch zwei Korrekturen nachträglich auf 250 Millionen Tonnen heruntersetzte. Hunderttausende von Chinesen starben 1958 am Hunger.

Auch die Siegesmeldung, die Stahlproduktion sei auf zehn Millionen Tonnen verdoppelt worden, war verfrüht. Drei Millionen Tonnen mußten als wertloser Schrott wieder eingeschmolzen werden.

Seitdem hält sich Peking mit präzisen Auskünften über den Stand seine]. Volkswirtschaft zurück. Es ist sogar zweifelhaft, ob die ungezählten spontanen Aktionen in den Kreisen und Provinzen überhaupt im Volkswirtschaftsplan und im Staatshaushalt erfaßt werden.

Andererseits haben die Erfahrungen mit der Statistik des Jahres 1958 zur Folge, daß die im Ausland errechneten Schätzwerte der chinesischen Produktion eher zu niedrig als zu hoch angesetzt sind.

Offensichtlich verschätzt hat sich der ehemalige Wirtschaftsberater des britischen Foreign Office, Werner Klatt, einer der führenden Landwirtschaftsexperten des Westens. Er nimmt an, daß der Ernteertrag im Jahr 1970 bei 200 Millionen Tonnen lag (gegenüber 185 Millionen Tonnen im Jahr 1965). Das wäre nur ein Jahreszuwachs von knapp drei Prozent -- bei einem Bevölkerungszuwachs von 1,5 Prozent.

Noch negativer fällt die Analyse des Moskauer Sekretariats des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe aus. Der Jahresbericht 1969 der Ostblock-EWG notiert: "Die Industrieproduktion sank 1967 um 15 bis 20 Prozent gegenüber 1966. Sie stieg 1968 leicht an, war aber immer noch niedriger als der Durchschnitt der Jahre 1965 und 1966." Das Fachblatt der Kapitalisten, "The Financial Times", dagegen errechnete für das Jahr 1970 einen Zuwachs von acht bis zehn Prozent.

Für die auf industrielle Schwerpunktprogramme fixierten Sowjet -- Planer ist es offenbar nur schwer vorstellbar, daß zwischen dem 1969 auf der Kantoner Industriemesse vorgestellten Dampf-Turbo-Generator mit einer Spitzenleistung von 125 000 Kilowatt und den auf Dorfschmieden gehämmerten Traktoren ein Zusammenhang bestehen könnte.

Bei einem Besuch in der Elektroporzellanfabrik in Sian berichtete der Direktor Su schon 1967 dem SPIEGEL, wie die chinesischen Arbeiter das 106(1 von den Sowjets halbfertig zurückgelassene Werk mit eigenen Kräften in Gang gesetzt haben.

Unter den zurückgebliebenen Sowjet-Akten habe er -- so Su -auch die Rechnungen für sechs fabrikneue Poliermaschinen gefunden, die Moskau für 153 000 Rubel aus der DDR bezogen und -- ohne umzuladen -- für 218 000 Rubel an China weiterverkauft hatte. Kommentar des Direktors Su: So etwas nennt man Kapitalismus.

So unrentabel die inzwischen auf Millionenzahl angewachsenen Mittel- und Kleinstbetriebe mit selbstgefertigtem Maschinenpark volkswirtschaftlich gesehen auch arbeiten mögen -- sie entlasten den Staat. Er kann seine Investitionen auf die Rüstungsindustrie und ausgesuchte Sparten wie Biochemie, Elektronik und Automation konzentrieren, Chinas Industrieproduktion war 1970 um ein Drittel höher als im Vorjahr.

In der Vergangenheit hatte der zentralistische Behördenapparat im riesigen China mehr noch als in anderen sozialistischen Ländern die Modernisierung der Betriebe gebremst. Unter Liu eingesetzte Betriebsdirektoren, mehr nach ihrer politischen Zuverlässigkeit als nach fachlichen Kompetenzen ausgesucht, beschränkten sich darauf, mißtrauisch die Erfüllung der Pläne zu kontrollieren. Vorschläge von Technikern und Arbeitern, wie der Produktionsablauf zu verbessern sei, blieben ungenutzt: die "falschen Autoritäten" wollten ihre Position nicht gefährden.

Der italienische Journalist Sergio Comello, der im Herbst 1970 die Volksrepublik China bereiste (siehe Seite 80), schätzt, daß etwa 40 Prozent der erhöhten Industrieproduktion des Jahres 1970 auf das Konto betriebsinterner Verbesserungsvorschläge gehen. Allein in den Eisen- und Stahlwerken von Schih-Tsching-schan notierte er 555 angewandte Neuerungsvorschläge. In einem Chemikalienwerk in Peking -- inzwischen auf Automation umgestellt -- wurden 74 angenommen, in den Industriewerken der Stadt Tientsin sogar 5000.

Experimentaltrupps von Technikern und Arbeitern aus Anschan brachten einen niedriglegierten Stahl auf den Markt, der gegenüber den bisher verwendeten Sorten den Vorteil hat, temperaturbeständiger und korrosionsfester zu sein, und der sich deshalb besonders für den Brücken- und Schiffbau eignet.

Schanghaier Arbeiter entwickelten im Teamwork eine automatische, elektronisch gesteuerte Druck- und Färbemaschine für die Textilindustrie, die den Arbeitsablauf von 36 Stunden auf 20 Minuten verkürzt. Das Maschinenwerk Tschangtschun stellte eine Testmaschine für Hochmolekularmaterial vor, das chemische Werk von Baoding in der Provinz Hopeh ein neues hochwirksames Pflanzenhormon, das den Ertrag von Baumwolle bis zu 30 Prozent, den von Reis um zehn Prozent erhöht.

Solch spektakulär gefeierte Erfolge erhöhen das Selbstbewußtsein des Industrie-Proletariats. Mitunter kommt es in den Betrieben zu Szenen, die in anderen Staaten undenkbar sind.

Der Italiener Sergio Comello war im November 1970 Zeuge einer Betriebsversammlung, in der über die staatlich verordneten Arbeitszeiten gestritten wurde: "Die kollektive Betriebsleitung war dafür, die Normen einzuhalten -- gearbeitet wird von 8 bis 17 Uhr, bei einer Stunde Mittagspause. Die Arbeiter waren dafür, die Norm aufzuheben, aber nicht um weniger, sondern um mehr, nämlich zwölf Stunden am Tag zu arbeiten. Nur so könnten sie eine selbstgestellte Aufgabe fristgerecht zu Ende führen"

Die Betriebsleitung der Handtuchfabrik in Kweilin, in der besonders viele Soldaten der Volksbefreiungsarmee beschäftigt sind, mußte es sich gefallen lassen, daß die Arbeiter ein "wirtschaftliches Überwachungskomitee" gründeten. Es soll nicht nur den Materialverbrauch. sondern auch den Fleiß der Geschäftsführung und der Verkaufsabteilung kontrollieren.

Der Industrie liefern ländliche Kleinbetriebe Rohstoffe und Halbfertigfabrikate. Bauern in der Provinz Kiangsu sammelten Ernte-Reste und Pflanzenöle für eine Medikamenten-Fabrik; ein Dutzend Hausfrauen aus der Provinz Kinn braute -- wie die Nachrichten-Agentur Hsinhua zugeben muß -- "anfänglich mit sehr phantasievollen Methoden ... Natriumazetat als Grundstoff für ein chemisches Werk",

Die größte Lust am Experimentieren aber herrscht dort, wo noch vor kurzem Rebellion höchstes Gebot war: in den wiedereröffneten Schulen und Universitäten.

"Von nun an müssen Schulen Fabriken gründen, die Fabriken Schulen; die Lehrer müssen an der körperlichen Arbeit teilnehmen; sie müssen nicht nur ihren Mund, sondern auch ihre Hände bewegen." Das hatte Mao 1958 vergebens proklamiert -- unter Liu wußten sich die Lehrer der körperlichen Arbeit zu entziehen. Nach vierjähriger Zwangspause wurde der Lehrauftrag jetzt wiederholt. Er verpflichtet Lehrer wie Schüler zu engstem Kontakt mit der Arbeitsweit, "um da kulturelle Joch der intellektuellen Aristokraten zu beenden".

Der Techniker, der sich mit Fachwissen auf seine Berufspraxis vorbereitet, bestimmt nun das Bildungs-Ideal chinesischer Erziehungspolitik -- nicht mehr der im Geist von Laotse und Konfuzius geschulte Denker.

In einem Aufsatz der Pekinger Parteizeitschrift "Hung Tschi" schreibt das Arbeiter- und Soldaten-Propagandateam der Tsinghua-Universität vor, die technischen Neuerungen außerhalb der Universität müßten fortan in den Lehrstoff einfließen, andererseits sollten die Früchte der wissenschaftlichen Forschung in Zukunft direkt die Produktion fördern: "Der Leitgedanke für Schulen und Hochschulen ist es, Fabriken zu betreiben und Produktionsaufgaben wahrzunehmen."

Erfahrene Werkmeister aus den Produktionsbetrieben lehren an Schulen und Universitäten, Schüler und Studenten experimentieren in den Fabriken. Die Tsinghua-Universität kooperiert mit Industrie-Werken, die auf die Herstellung von Präzisions-Werkmaschinen und elektronischen Geräten spezialisiert sind, auf den Bau von Computern und die Entwicklung der Radiotechnologie.

Mathematik-Studenten der Universität Schantung erfanden ein hydraulisches Kontroll-System, das die bisher halbmechanisch betriebene Produktion der Kunststoffabrik Nummer 3 in Tsinan auf Vollautomation umstellte.

Die Industrie-Praxis lernen schon die Schüler kennen. In Peking gründeten bereits 160 Mittelschulen und 90 Grundschulen eigene Fabriken --

Lehrwerkstätten für den polytechnischen Unterricht. "Im Rahmen des Unterrichts stellt die Grundschule Nummer 1 Infrarotlampen her", berichtete Radio Peking.

Zu Millionen werden Abgänger der Mittelschulen aus den Städten für ein Jahr in die Dörfer evakuiert; beim Düngen und Jäten sollen sie körperliche Arbeit kennenlernen, bevor sie an die Universitäten delegiert werden. Die Studienzeit von bisher fünf bis sechs Jahren wurde auf drei (in Ausnahmefällen auf vier) Jahre verkürzt. Die Trennung der Fakultäten ist aufgehoben, Examina und Prüfungen werden abgeschafft, als Reifediplom gilt die "Bewährung in der Praxis".

Die neun Hochschulen im Raum Kanton haben Spezial-Kurse für ältere Arbeiter und Bauern eingerichtet, die statt Vorbildung die "reiche Erfahrung aus der Praxis" mitbringen.

Auch die Pekinger Tsinghua-Universität hat bereits 800 Arbeiter, Bauern und Soldaten immatrikuliert; die Tungtschi-Universität von Schanghai bildet In 18 Monaten Söhne und Töchter armer Bauern zu Technikern aus. Gescheitert ist das Experiment einer Schanghaier Werkzeugfabrik, die 1968 als erste für Arbeiter mit zwölfjähriger Praxis Universitätskurse eröffnete. Die Veteranen flüchteten -- weniger vor dem Lehrstoff als vor dem politischen Unterricht; heute sind es nur noch 52 Arbeiter-Studenten. Die Provinz Kwangtung eröffnete als neuen Typ eine Art berufsbildende Kurzschule in den Sparten Industrie, Landwirtschaft, Pädagogik und Gesundheitspflege, um 40 000 Lehrer und Dozenten auszubilden. Die Sun-Yatsen-Universität hat eine Probeklasse für Feldschere und Sanitäter, die durch ein praxisbezogenes Studium zu Ärzten herangebildet werden sollen.

Nach dem Prinzip der europäischen Volkshochschulen arbeiten die Teams für "wissenschaftlich-technischen Austausch in der Freizeit" in Schanghai, die gemeinsam Forschungs-Projekte entwickeln.

Doch es melden sich auch Stimmen, die den Übereifer in der proletarischen Erziehung an den Universitäten korrigieren wollen. In einer Podiums-Diskussion in Schanghai berichtete am 2. Juni 1970 ein Physik-Dozent der Futan-Universität, nicht wenige unter seinen 1300 Kollegen seien der Meinung: "Wenn eine Universität eine Fabrik betreibt, gleicht sie einem wilden Bullen im Tempel."

Arbeiter der Tientsiner Eisenbahnarbeiter-Universität für Geisteswissenschaften beschwerten sich in der Parteizeitung "Kuang Min Jih Pao", die Philosophie-Studenten der Nankai-Universität hätten sie ausgelacht, als sie dort ihre nach Maos Weisung selbstgeschriebenen philosophischen Abhandlungen vortrugen.

Und das Revolutionskomitee der Stadt Schanghai mußte im August 1970 den bedrängten Genossen in den Grenzprovinzen Jünnan und Innere Mongolei zur Hilfe kommen, weil die zur Landarbeit abkommandierten Schanghaier Schüler rebellierten.

Welches Schul- und Universitätsmodell auf die Dauer gelten soll, ist noch nicht entschieden; in allen Provinzen wird vorerst noch experimentiert. Doch mit der Entwicklung von der Kulturrevolution zur Wirtschaftsrevolution scheint auch in das Bildungssystem eine neue Sachlichkeit einzuziehen.

Und mit den ersten Ergebnissen der Wirtschaftsrevolution kehrte China in die Weltpolitik zurück -- als Handelspartner neuer Dimension, als Entwicklungshelfer in Afrika und Asien.

Der neuen Linksregierung von Ceylon schenkte China fünf Millionen Rupien als Morgengabe, dem Seato-Staat Pakistan gab es einen zinslosen Kredit von 200 Millionen Dollar. Beim Sowjet-Satelliten Äußere Mongolei, dem wichtigsten strategischen Aufmarschgebiet Moskaus an Chinas Grenze, baut Peking -- wie die jugoslawische Nachrichten-Agentur Tanjug bekanntgab -. Brücken, Siedlungen und Fabriken; in Afghanistan unterstützt es Entwicklungsprojekte mit zehn Millionen Pfund Sterling.

Mit Hilfsangeboten für Entwicklungsobjekte wie die Eisenbahn zwischen Sambia und Tansania und mit zinslosen Millionenkrediten (wie 127 Millionen Mark für den Sudan) stärkte China sein Ansehen in Afrika, Als sich in Guinea Sekou Touré Ende November durch guineische Widerständler und Söldner bedroht fühlte, schickte Mao zwei Tage später zehn Millionen Dollar als Soforthilfe.

Die Industrie-Nationen des Westens aber lockt China mit seinem Super-Markt.

"Viele Leute aus Handeiskreisen haben durch Geschäftsverhandlungen ein Verständnis für die sich rasch entwickelnde Industrie- und Landwirtschafts-Produktion unseres Landes, seinen weiten Binnenmarkt und die durch ihn geschaffenen guten Bedingungen zur Entwicklung des Außenhandels bekommen ..." berichtete Radio Peking am 16. November 1970 von der Kantoner Herbstmesse, an der erstmals über 10 000 Ausländer teilnahmen.

Das Pekinger Außenhandels-Geschäft mit dem Ostblock war seit dem Bruch mit Moskau sprunghaft zurückgegangen: der Import bis 1968 um 33,5 Prozent, der Export um 39,4 Prozent. In Moskau sank Pekings Anteil am Handel von 21,5 Prozent im Jahr 1955 auf unter ein Prozent in den letzten Jahren.

Andere Staaten waren in den Chinahandel eingestiegen: Japan, die Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien, mit Jahresumsätzen in der Höhe von je einer Milliarde Mark. Sie lieferten vor allem Stahl, Energiestoffe, Maschinen und Kunstdünger, Kanada und Australien Weizen. Peking glich das Konto mit Ausfuhr von Nahrungsmitteln, Textilien und Rohstoffen, vor allem nach Hongkong, Japan und Singapur, nur leidlich aus.

1969 aber erwirtschaftete China einen Außenhandels-Überschuß von 87 Millionen Dollar. Denn der Bedarf des Binnenmarktes wird weitgehend au"s eigener Produktion gedeckt, das Exportangebot wurde reichhaltiger.

Der Masseneinsatz beim Abbau auch unrentabler örtlicher Rohstofflager hat den Staat in knapp zwei Jahren nahezu unabhängig von Kohlen- und Erdöleinfuhren gemacht. Die von der Sowjet-Union gewährte Wirtschaftshilfe in der Gesamthöhe von 1,6 Milliarden Dollar hatte China bereits bis 1965 restlos zurückgezahlt. "Unstillbaren Hunger" -- so notierte ein japanischer Beobachter auf der Herbstmesse in Kanton -- habe China nach Industrie-Anlagen und vor allem Werkzeugmaschinen; selbst gebrauchte fänden bei kurzer Lieferfrist reißenden Absatz. Die Finanzierung von Geschäften mit Peking ist fast ohne Risiko -- China zahlt meist im voraus.

Westliche Länder, schrieb Bulgariens Armee-Zeitung "Narodna Armija", "helfen der Volksrepublik China in aller Eile beim Aufbau ihrer Schwer- und Rüstungsindustrie": durch den Verkauf von atombombensicheren Unterständen, Radaranlagen und die Ausstattung von 25 chemischen Fabriken, zwei Raffinerien und 22 Hütten- und Maschinenwerken.

Selbst Firmen aus den USA wie General Motors hätten sich mit Hilfe englischer, kanadischer und italienischer Filialen an den chinesischen Markt herangeschlichen, berichtete die Moskauer außenpolitische Wochenschrift "Nowoje wremja" und berief sich auf eine Meldung der "New York Times.

Aber Chinas roter Handel lockt auch die Genossen in Moskau. Ende November fuhr der stellvertretende Außenhandelsminister Iwan Grischin nach Peking und schloß einen neuen chinesisch-sowjetischen Handelsvertrag. Die Genossenschaftsverbände der ostsibirischen Provinzen Chabarowsk, Primorje und des Amurgebietes dürfen außerdem mit den Bauern der chinesischen Grenzprovinz Heilungkiang im kleinen Grenzverkehr Lebensmittel und Konsumgüter tauschen.

Der Handelspartner China sichert das Wirtschafts-Terrain durch eine beispiellose diplomatische Großoffensive ab.

Während der Kulturrevolution wurden 38 Peking-Botschafter aus dem Ausland zurückgerufen. Nur Chinas Botschafter in Kairo blieb auf seinem Posten. Zu Beginn des Jahres 1971 dagegen unterhält China zu 54 Staaten normale diplomatische Beziehungen. Sieben weitere Nationen stehen bereits auf der Warteliste: Österreich, Belgien, Luxemburg, Australien, Neuseeland, Bolivien und Peru.

Erste Erfolge seiner neuen Außenpolitik konnte Peking Ende November in New York verbuchen. In der Vollversammlung der Vereinten Nationen signalisierten die Anzeigetafeln der elektronischen Abstimmungsmaschine, daß zum erstenmal in 25 Jahren Uno-Geschichte eine Mehrheit für die Aufnahme der Volksrepublik China votiert hat: 51 Staaten stimmten dafür, 49 dagegen, 25 enthielten sich der Stimme.

Nur durch einen Verfahrenstrich konnte Washington den sofortigen Einzug Pekings in die Welt-Organisation verhindern. Für die Abstimmung im nächsten Jahr sagen Asien-Experten in Washington bereits einen Zwei-Drittel-Sieg Pekings voraus -- unter den Nato-Staaten hat die Mao-Lobby jetzt schon eine Mehrheit.

Unberührt von Pekings weltweiter Offensive blieb dagegen Moskaus jüngster Partner für die europäische Entspannung: die Bundesrepublik Deutschland.

Peking war noch 1964 bereit gewesen, mit seinem stärksten Handelspartner im Westen (Jahresvolumen 1968: 1,04 Milliarden Mark) ein neues Handelsabkommen zu schließen, das selbst die Zugehörigkeit Berlins zum Bund anerkannt hätte. Der Vertrag scheiterte an Amerikas Einspruch. Den Vertrag Bonns mit Moskau aber nannte Peking einen "monströsen Betrug" und ein "zweites München".

Im Oktober 1970 erwähnte AA-Staatssekretär Paul Frank in einem Referat, das er in Stuttgart über die Ziele der Bonner Asien-Politik hielt, China nur In zwei beiläufigen Sätzen. Er rügte Peking, weil es "eine kommunistisch orientierte Ideologie des "Nord-Süd-Konflikts' in der Welt" verfolge.

Als im vorigen Sommer der Leiter des China-Referats II A8 im Auswärtigen Amt, Vortragender Legationsrat Wilhelm Hoffmann, verstarb, benannte das AA keinen Nachfolger -- die China-Abteilung des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland wurde aufgelöst.


DER SPIEGEL 3/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 3/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

CHINA / WIRTSCHAFTSREVOLUTION:
Heiliger Boden