18.01.1971

LITERATUR / ZENSURPhallodri im Hemd

Doch, doch, es gibt sie noch: die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und den Paragraphen 184. Und so gibt es immer noch einmal Nachricht von Nachhut-Scharmützeln im längst verlorenen Kampf wider die literarische Unzucht.
Letzte Meldungen: Am 8. Januar verhandelte die Godesberger Prüfstelle über Indizierungsanträge gegen
* den im Hamburger Merlin-Verlag erschienenen Roman "Nackt im Hemd" des norwegischen Autors Jens Bjorneboe sowie
* das im Bonner Verlag der Europäischen Bücherei H. M. Hieronimi erschienene Buch einer Autorin decknamens Clitoria Phallodri: "Die Geschichte der A und andere (S)exzesse".
Bereits am 17. Dezember des vergangenen Jahres hatte die Staatsanwaltschaft Hamburg bei Merlin-Verleger Andreas J. Meyer Exemplare von "Nackt im Hemd" und des Merlin-Buches "Bürgerliche Gedichte" eines Karol Kröpcke angefordert -- um zu prüfen, ob diese Publikationen gegen den Unzüchtigkeitsparagraphen 184 des Strafgesetzbuches verstoßen.
"Nackt im Hemd" -- in Norwegen verboten, in Dänemark verfilmt -- wurde für die Bundesrepublik als jugendgefährdend indiziert, obwohl Autor Bjorneboe, 50, mit anderen Werken durchaus als seriöser, sogar mit einem norwegischen Staatspreis für Literatur geehrter Schriftsteller ausgewiesen ist.
Der Roman schildert, detailfröhlich, wie eine 18jährige Lillian durch einen allzeit bereitwilligen Gynäkologen von ihren Orgasmusschwierigkeiten befreit wird. Frei und fröhlich liebt sich Lillian anschließend durch halb Europa -- nur bei den Deutschen, in St. Pauli, gefällt es ihr gar nicht.
Bjorneboe-Verleger Meyer wird die Indizierung von "Nackt im Hemd" anfechten. Wegen seines von der Staatsanwaltschaft angeforderten anderen Verlagsprodukts, den "Bürgerlichen Gedichten" Karol Kröpckes, macht er sich weniger Sorgen: Diesem bibliophil aufgemachten, mit Zeichnungen von Arno Waldschmidt geschmückten Band ist ein -- die Verurteilung ausschließender -- Kunstcharakter gewiß nicht abzusprechen.
Wohl aber haben die mehr brutal als schlüpfrig-obszönen Poeme ("Der mit dem Rentner-Penis / zeigt seinen Bleistift / nicht jedem vom Fenster aus ...") ihrem Autor inzwischen gesellschaftlich geschadet -- dem angesehenen deutschen Lyriker ("Wind und Zeit") und Büchner-Preisträger Karl Krolow, 54.
Krolows Pseudonym Karol Kröpcke war öffentlich gelüftet worden, als der Dichter selbst am 31. Oktober vorigen Jahres in der Stuttgarter Buchhandlung Niedlich Kröpcke-Verse rezitiert hatte. Nach dieser Veranstaltung wurde Krolow von der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg, die ihn zum Vortrag geladen hatte, wieder ausgeladen: "Auf Grund Ihrer Stuttgarter Dichterlesung am Reformationstag 1970 ... sehe ich mich gezwungen auf die beabsichtigte Dichterlesung zu verzichten."
Dem entlarvten Kröpcke-Krolow "tut bestenfalls das hervorragende Honorar leid", das ihm so entgangen ist. Die pseudonyme Clitoria Phallodri dagegen hatte nur gut lachen, als jetzt, anläßlich der Indizierungsverhandlung gegen ihre "Geschichte der A" herauskam, wer sie wirklich ist.
Autor der eher biederen Sex-Klamotte, so enthüllte Phallodri-Verleger H. M. Hieronimi vor der Godesberger Prüfstelle, sei nicht, wie schon vielfach vermutet, der "unbestrittene Meister der Parodie" Robert Neumann, sondern "kein anderer ... als der Verleger H. M. Hieronimi".
Das Buch wurde nicht indiziert.

DER SPIEGEL 4/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 4/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR / ZENSUR:
Phallodri im Hemd

  • London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit
  • Unterwasserrestaurant: Mahlzeit mit Fisch-Blick
  • Filmstarts: "Scheiß auf die Avengers, wir sind die Goldfische!"
  • US-Demokrat zum Mueller-Report: "Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit"