25.01.1971

WER AM FLIESSBAND SASS, STEHT NICHT MEHR IM LEBEN

SPIEGEL-Report über sozial benachteiligte Gruppen (IV): Arbeitnehmerinnen

Bei der Preussag AG in Hannover teilen 20 Aufsichtsrats-Herren ihre Macht mit einer Frau -- mit Lore Henkel, 56, promovierter Volkswirtin und SPD-Vertreterin im hannoverschen Stadtparlament. Stationen ihres Aufstiegs: Lehrmädchen, Stenotypistin, Direktionssekretärin, Sachbearbeiterin.

Lore Henkel: "Man hat sein bißchen Macht nur durch eine ganz massive Sachkenntnis auch in Kleinigkeiten.

Auf Großbaustellen in West-Berlin richten sich Maurer und Maler nach den Wünschen einer Frau -- nach Sigrid Kressmann-Zschach, 41, Architektin mit Hochschuldiplom und einer Milliarde Mark Auftrags-Volumen. Insignien ihres Wohlstands: Mercedes 300 SEL, Villengrundstück 8500 Quadratmeter, Breitschwanzkleid beige, 65 Handtaschen.

Sigrid Kressmann-Zschach: "In Europa kenne ich keine Kollegin, die so große Bauvorhaben hat."

In der Reederei John T. Essberger und bei den Deutschen Afrika-Linien in Hamburg führt das Kommando eine Frau -- Liselotte von Rantzau, 52, Expertin für Trockenfrachtschiffahrt und Mutter von drei Söhnen. Dimensionen ihres Unternehmens: 66 Schiffe mit zusammen etwa 865 000 Tonnen Tragfähigkeit, 200 Angestellte an Land, 1800 an Bord.

Liselotte von Rantzau. "In unserer Branche ist Menschenkenntnis besonders wichtig, und das kann eine Frau sicherlich ebenso gut wie ein Mann."

Ihren Mann stehen, sicherlich ebenso gut, Frauen auch in anderen Berufen -- in Wissenschaft, Politik, Verwaltung: Frau Professor Elisabeth Noelle-Neumann lehrt Publizistik in Mainz: Frau Staatssekretärin Hildegard Hamm-Brücher konzipiert Bildungspläne in Bonn; Frau Gefängnis-Direktorin Elisabeth Harre hütet Häftlinge in Berlin.

Frauen sprechen Recht -- wie Wiltraut Rupp-von Brünneck, Verfassungsrichterin in Karlsruhe; Frauen fahren zur See -- wie Mechthild Boemann, Funkerin auf dem Frachter Ankara; Frauen machen und managen Theater -- wie Ida Ehre, Prinzipalin der Hamburger Kammerspiele; Frauen fangen Verbrecher -- wie Rosmarie Frommhold, Abteilungs-Chefin bei der hanseatischen Kriminalpolizei.

Demnach wären die Frauen in Deutschland dem Verdikt Martin Luthers endgültig entronnen, "daß das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann aber zur Polizey, zu weltlichem Regiment. zu Kriegen und Gerichtshändel"? Demnach wäre "die Gleichberechtigung der Frau", wie der bayrische Landtagspräsident Rudolf Hanauer (CSU) meint,., voll realisiert?

Mitnichten.

Gleichberechtigung am Arbeitsplatz ist bislang nur für relativ wenige Frauen zur Realität geworden -- eben für die unternehmerisch tätigen Henkels, Kressmann-Zschachs, von Rantzaus, und für einige zehntausend Akademikerinnen. Zwar ist von den rund 18 Millionen Frauen in der Bundesrepublik zwischen 15 und 60 Jahren jede zweite berufstätig, jedoch nur sechs Prozent von ihnen sind selbständig -- die Mehrheit freilich als Bäuerinnen auf, zumeist verschuldeter, Scholle oder als Eignerinnen, zumeist stagnierender, Tante-Emma-Läden.

Von den 94 Prozent weiblichen Lohnabhängigen sind

* 212 000 Beamtinnen -- Botinnen bei der Post etwa, Schaffnerinnen bei der Bahn, Sachbearbeiterinnen bei Ämtern;

* 3,6 Millionen Angestellte -- Verkäuferinnen in Warenhäusern etwa, Stenotypistinnen in Großbüros, Friseusen in Damen-Salons

* 3,4 Millionen Arbeiterinnen -- Montiererinnen in der Metallindustrie etwa, Stepperinnen in Schuhfabriken, Näherinnen im Bekleidungsgewerbe.

An jedem dritten Arbeitsplatz in der Bundesrepublik schafft eine Frau -- und die meisten von ihnen sind, in wenigstens einem Punkt, gleich benachteiligt: durch das zählebige Präjudiz vom physiologischen Schwachsinn des Weibes", das, 1900 von dem Leipziger Nervenarzt Paul Julius Möbius mit einer vielbeachteten Schrift verteidigt, erst vor einigen Monaten in Bild" wieder zur Schlagzeile gerann: "Frauen haben weniger im Kopf".

Doch vergleichsweise großen Frauengruppen ist es, trotz solcher Offenbarungen männlichen Schwachsinns, immerhin gelungen, das allgemeine emanzipatorische Defizit ihres Geschlechts durch einen Gewinn an Sozialprestige auszugleichen: den Akademikerinnen, den Beamtinnen, den weiblichen Angestellten.

Wenngleich etwa Professorinnen nur 1,7 Prozent der Lehrstühle an Westdeutschlands Universitäten besetzen und noch vor einigen Jahren, so das Ergebnis einer Umfrage, von 90 Prozent ihrer männlichen Kollegen grundsätzlich oder bedingt abgelehnt wurden, so dürfen sie doch bei den weniger gebildeten Ständen auf Autorität und Achtung rechnen. Wenngleich etwa Pädagoginnen, die die Hälfte des Personals an Westdeutschlands Schulen stellen, noch immer die kindliche Zwitteranrede "Frau Lehrer" gilt, so ist ihre Stellung in der Gesellschaft, zumal bei eklatantem Lehrermangel, doch ebenso gesichert wie die traditionelle Wertschätzung der Frau als Ärztin, Bibliothekarin oder Apothekerin.

Gewiß, die Inspektorin im Finanzamt mag sich noch mancherorts als Frau benachteiligt fühlen, wenn die nächsthöhere Planstelle mit ihrem -- unbegabteren -- Zimmernachbarn besetzt wird. Aber auch sie kann Selbstbewußtsein schon aus dem Privileg schöpfen, daß sie den Sprung in die männliche Welt der Steuerstatistiken und Adrema-Anlagen geschafft hat. Und sie gilt -- wie ihre Kollegin am Postschalter, bei der Zugabfertigung oder im Einwohnermeldeamt -- dem minderprivilegierten Publikum als respektable Amtsperson mit Pensionsanspruch.

Gewiß, nur selten avanciert aus dem Millionen-Heer der weiblichen Angestellten eine Verkäuferin zur Direktrice, eine Stenotypistin zur Sachbearbeiterin, eine Buchhalterin zur Direktorin. Aber auch wer als Frau hinter dem Tresen steht und Käse schneidet oder vor der Taste sitzt und das Kontokorrent führt, ist zumindest durch ein Statusmerkmal ausgezeichnet: eben angestellt zu sein, nicht bloß beschäftigt; Gehalt zu beziehen, nicht bloß Lohn; am Arbeitsplatz Maxi und Nagellack zu tragen, nicht bloß Kittel und Gummihandschuhe; noch zu frühstücken, wenn die Frühschicht in der Fabrik schon arbeitet.

Deshalb drängen zahlreiche Schulabgängerinnen in einen Bereich, der gesellschaftliche Achtung garantiert und -- wie das Büro -- "der Frau", so der Personalberater Ludwig Kroeber-Keneth, "eine Mittlerrolle zwischen Männern anbietet". Etablierte Interessenvertreterinnen wie Margot Kalinke, CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des "Verbandes der Weiblichen Angestellten e. V.", wissen um die Privilegien dieser Gruppe, "wenn wir uns bei aller Reformfreudigkeit zur Bewahrung und Verteidigung kostbarer Güter überall dort auf den Plan gerufen fühlen, wo der Ruf nach Gleichheit ... immer bedrohlicher wird".

"Viele Mädchen", so ermittelte die Diplomvolkswirtin Dr. Dorothee Wilms vom Deutschen Industrieinstitut in Köln, "wollen einfach "verkaufen lernen." Oder: "Sie wollen beispielsweise "aufs Büro", ohne sich dabei einen bestimmten Beruf vorzustellen."

Einfach "verkaufen", möglichst in schicken Boutiquen; irgendwie "aufs Büro", möglichst als schicke Sekretärin; wenigstens Randfigur sein in der schönen Welt des Peter Stuyvesant; sich noch identifizieren können mit den dynamischen Werbe-Wesen, die den Tag mit Cointreau beginnen und den Teint mit Skin Tonic pflegen -- dafür nimmt es vor allem die jüngere Angestellte in Kauf, daß sie auf dem Büro womöglich ihren halben Namen verliert: "Fräulein Gaby" bitte zum Diktat."

Denn die halbierte Individualität ist ihnen allemal mehr wert als gänzlich namenlos zu sein -- Arbeiterin zu sein. Obwohl selbst die nordrhein-westfälische CDU im vergangenen Jahr recherchierte, daß "viele Betriebe schließen müßten, wollte man beispielsweise alle verheirateten Frauen oder die erwerbstätigen Mütter mit Kindern unter 14 Jahren aus der Wirtschaft herausziehen", rangiert die Arbeiterin auf der Prestige-Skala der westdeutschen Klassengesellschaft an letzter Stelle.

Und dementsprechend schlecht wird sie bezahlt: Jede zweite Arbeiterin verdienst -- laut Statistischem Jahrbuch -- lediglich zwischen 300 und 600 Mark, keine über 1200 Mark netto im Monat.

Während fast jede zweite Beamtin (43,3 Prozent) und immerhin jede siebte weibliche Angestellte (14 Prozent) zwischen 800 und 1200 Mark monatlich Nettoverdienst erreichen, gelang bisher nur jeder hundertsten Arbeiterin (1,1 Prozent) der Aufstieg in diese Klasse -- von ihren männlichen Kollegen hingegen schon jedem vierten (25,4 Prozent). Und während die größte Gruppe der Arbeiter (46,7 Prozent) zwischen 600 und 800 Mark verdient, kann nur jede zehnte Arbeitsfrau (10,3 Prozent) mit solchen Beträgen rechnen.

1871 forderte der erste Deutsche Webertag zu Glauchau in Sachsen gleichen Lohn für gleiche Arbeit; heute liegen die Frauenlöhne in der Industrie noch immer, unverändert seit 1882, um ein Drittel unter denen der Männer -- bei meist gleichwertiger Arbeit und obwohl, wie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) 1968 ermittaUe, 36 Prozent aller arbeitenden Frauen "Hauptverdiener in ihrer Familie" sind.

Darüber hinaus sind nach einer Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Sozialwissenschaftlicher Institute 94 Prozent der verheirateten Arbeitnehmerinnen -- und jede dritte Ehefrau ist erwerbstätig, jede zweite hat Kinder -- "aus ökonomischen Gründen" aufs Mitverdienen angewiesen: weil das Einkommen des Mannes nicht ausreicht, um Miete, Möbel und manchmal sogar das Mittagessen bezahlen zu können. "Es sind", so die Gießener Soziologie-Professorin Helge Pross über die Motivation der Mit-Arbeiterinnen, "keine goldenen Berge, für die sie sich in dieses Joch begeben, sondern es sind soziale Nötigungen."

Mit niedrigen Löhnen abgespeist, gleichwohl auf die Arbeit angewiesen, müssen Millionen berufstätiger Frauen an Arbeitsplätzen ausharren, die "von vornherein", so das Deutsche Industrieinstitut der Arbeitgeber, "nicht für einen Aufstieg angelegt sind -- sie werden vielfach auch als "Sackgassen-Berufe" bezeichnet". Vom Bundesarbeitsministerium veranlaßte demoskopische Untersuchungen belegen diese Sozial-Tristesse:

* Mehr als jede zweite der berufstätigen Ehefrauen (51 Prozent) und fast jede zweite der Alleinstehenden (45 Prozent) "von 30 bis 59 Jahren" haben "weder abgeschlossene Lehre noch Anlernzeit".

* Nur die Hälfte aller alleinstehenden Arbeiterinnen (52 Prozent) glaubt, daß ihr beruflicher Erfolg in "erster Linie von ihrem Können und ihrer Tüchtigkeit" abhängt; fast jede dritte alleinstehende Arbeitnehmerin (28 Prozent) hat bereits "die Erfahrung beruflicher Zurücksetzung hinter dem Manne ... gemacht".

"Als Gruppe", so diagnostizierte denn auch die Sozialarbeiterin und SPD-Bundestagsabgeordnete Elfriede Eilers, "gehören die Frauen zu den unterprivilegierten Kreisen." Sie sind, nach einer Einstufung der Münsteraner Soziologin Dr. Karin Schrader-Klebert, "die Neger aller Völker und der kollektiven Geschichte".

In der Bundesrepublik werden sie, mangels Negern, nicht selten behandelt wie die Gastarbeiter-Minderheit. "In Betrieb und Gesellschaft gilt", so Max Diamant vom Frankfurter Hauptvorstand der Industriegewerkschaft Metall, "eine vorgegebene herabgeminderte Wertskala für die Frauenarbeit und die Arbeitsleistung des ausländischen Arbeiters." Denn: "Es sind vornehmlich weibliche und ausländische Arbeitnehmer, die seit vielen Jahren auf den Arbeitsplätzen für Hilfsarbeiter, wie selbstverständlich, in die alleruntersten Lohngruppen eingestuft werden."

Magdalene Finken, 29, macht Wechselschicht bei Schwarz & Klein ("Stoffe aus Mönchengladbach"). Acht Stunden am Tag, von 6 bis 14, von 14 bis 22 Uhr, Rotieren um drei Zwirnmaschinen mit 474 Spindeln: Fäden ziehen, Garnrollen wechseln, abnehmen, nachstecken -- 160mal pro Schicht Fadenbrüche beheben. Acht Stunden Rundlauf über sieben Produktions-Kilometer, für 5,25 Mark brutto die Stunde.

Am Mittag, am Abend, je nach Schicht" ist Magdalene Finken "fix und fertig". Sie würde "lieber heute als morgen aufhören -- wegen der zwei Kinder" (sechs und sieben Jahre alt), aber sie muß weitermachen -- "wegen der Miete" (325 Mark im Monat): "Ohne mein Geld, allein von den 800 Mark meines Mannes, könnten wir die Wohnung nicht halten." Hans Finken arbeitet -- für 6,25 Mark -- als Scherer ebenfalls in der Textilbranche, täglich bis 16.45 Uhr.

Alle 14 Tage, wenn sie Spätschicht hat, sieht Magdalene Finken ihren Mann nur am Wochenende. "Wenn Schwiegermutter nicht bei uns leben und die Kinder versorgen würde, müßte ich sowieso aufhören", berichtet sie: "Ich merke es ja schon, wenn mal eines von den Kindern krank ist und ich die ganze Nacht am Bett sitze." Dann hat die Zwirnerin selten mehr als zwei Stunden geschlafen; "aber was hilft es, man muß ja morgens wieder an der Maschine sein".

Wie lange Magdalene Finken noch für Schwarz & Klein zwirnen wird, für Stoffe, die, so Betriebsratsvorsitzender Hans Schmelzer, "meist so teuer sind, daß sie sich unsere Frauen hier gar nicht leisten können", weiß die Textilarbeiterin nicht: "Solange man eben durchhält." Doch wie lange sie auch durchhält -- goldene Berge wird sie nicht zusammentragen; vielleicht reicht es eines Tages gerade mal zum Auto.

Dabei kann sich die Textilarbeiterin noch dreifach glücklich schätzen: Sie ist, dank dreijähriger Lehre, Facharbeiterin; sie arbeitet in einer Firma, die keine Differenz zwischen Frauen- und Männerlöhnen kennt; und sie braucht nicht im Akkord zu schaffen. Sie ist -- schon -- privilegiert durch "diese winzige menschliche Erleichterung, daß unsere Leute", so Betriebsratsvorsitzender Schmelzer, "nicht mit Kleinstakkorden bis zum letzten ausgepreßt werden".

In anderen Betrieben freilich werden Arbeiterinnen, immer bis zum vorläufig letzten, ausgepreßt: ob sie nun in Munitionsfabriken Zündpillen schweißen, in Autofabriken Sitzpolster steppen, in Gummifabriken Stiefel kleben oder in Schokoladenfabriken Mohrenköpfe füllen.

An Fließbändern und Halbautomaten, im Gruppen- und im Einzelakkord, verrichten 70 Prozent aller Fabrikarbeiterinnen Werktag für Werktag immer wieder dieselben Handgriffe in extrem kleinen Zeitabständen. Immer ausgeklügeltere Zeitmeßverfahren -- nach den deutschen Refa-Systemen (Reichsausschuß für Arbeitsstudien) und den amerikanischen MTM (Methods-Time Measurement) sowie WF (Work-Factor) -- haben die den Arbeiterinnen zugestandenen Fertigungszeiträume immer minimaler werden lassen; so minimal, daß das Bewußtsein die einzelnen Bewegungen kaum mehr als wirkliche Arbeit registrieren kann.

Bewußtseinsverengung zugunsten der Umsatzsteigerung -- das gilt für jedes der drei Verfahren, die heute weitgehend die Akkordnormen in westdeutschen Werkhallen bestimmen. Unterschiede bestehen allenfalls in der Methodik:

* Bei Refa wird der jeweilige Arbeitsvorgang mit der Stoppuhr gemessen und danach das Produktionstempo für Dauertätigkeit festgelegt. An dieser Zeitvorgabe orientiert sich der Leistungslohn;

* bei MTM und WF werden Tausende von Arbeitsabläufen durch Zeitlupenaufnahmen in ihre "Grundbewegungen" (wie Hinlangen, Greifen, Bringen) zerlegt und, durch Addition der Einzelzeiten, "Normzeitwerte" tabelliert. Durch Umgestaltung von Arbeitsplätzen werden "unwirksame" Bewegungen eingespart und somit die Stückzahlen gesteigert.

Während Akkord-Arbeiterinnen MTM konsequent mit "Mehr tun müssen", mit "Mach tausend mehr" oder als "Mit teuflischen Mitteln" übersetzen, geht der Stuttgarter Arbeitswissenschaftler Professor Egmont Hiller "mit dem Rechenstift" -- des Unternehmers -- "an das Problem heran Es gehe, so Hiller, bei MTM nicht "darum, mehr zu tun, sich mehr anzustrengen, sondern darum, mit gleicher Anstrengung mehr zu erreichen". Das IG-Metall-Blatt "Der Gewerkschaftler" allerdings erkannte, daß dabei "auch die geistige Tätigkeit auf ein Minimum reduziert wird".

Reduziert wird der ganze Arbeits-Mensch -- auf seine meßbaren mechanischen Körperfunktionen. Und gemessen wird mit allerfeinstem Maß: bei WF gilt als Grundeinheit 0,006 Sekunden, bei MTM 0,036 Sekunden = 1 TMU (Time Measurement Unit).

So werden Lohnabhängigen laut "MTM-Normzeitwertkarte 101 A 1955" exakt 13,3 TMU zugebilligt, um -- bei "30 cm Beweg. Länge" -- ohne Kraftaufwand "einen Gegenstand in eine ungefähre oder eine unbestimmte Lage" zu bringen, mithin 0,4788 Sekunden. Gerade 0,6552 Sekunden (18,2 TMU) dürfen verstreichen beim "Hinlangen zu einem Gegenstand, der mit gleichen oder ähnlichen Gegenständen so vermischt ist, daß er ausgewählt werden muß". Und für "Gehen unbehindert" bewilligen die MTM-Verhaltensforscher "pro Schritt" 15 TMU -- 0,54 Sekunden.

Im Fertigungsbereich "Verpacken" errechneten die MTM-Leute für den Arbeitsvorgang "Durchzugsschachtel verpackungsbereit machen" -- eine typische Frauenbeschäftigung -- 282 "Gesamt TMU", also 10,152 Sekunden. In dieser Zeit muß die Arbeiterin bewältigen: "Zuschnitt im Arbeitsbereich, Lasche hochstellen, 1. Falz bilden, 1. Falz glätten, 2. Falz bilden, 2. Falz glätten, Schachtel aufnehmen, Schachtel aufrichten, Lasche einstecken und durchziehen, wegstellen."

360mal in der Stunde, bei einer effektiven Arbeitszeit von siebeneinhalb Stunden 2700mal am Tag -- darin erschöpft sich, möglicherweise für ein ganzes Arbeitsleben, die Aufgabe einer Frau in diesem Produktionsbereich.

Bereits 3704mal haben, morgens um 10.15 Uhr, die Birnenprüferinnen im West-Berliner Osram-Glühlampenwerk beidhändig zugegriffen, um 7408 gerade produzierte Allgebrauchslampen ("Hell wie der lichte Tag") auf einem elektrischen Kontakt zu testen und die defekten auszuscheiden. Bereits 412mal hat, bis zur Mittagspause, Regina Küpper, 61, in der Y-Halle bei Ford-Köln ("Ford weist den Weg") den Spritzguß-"MONOmat 220" geöffnet, um ihm jeweils vier Plastik-Radioblenden zu entnehmen und zu entgraten -- 2500 Stück am Tag.

400mal in 492 Arbeitsminuten schieben Näherinnen der Goslarer Bekleidungsfirma Odermark ("Größte Herrenkleiderwerke Deutschlands") Sportsakkos und Freizeitjacken durch ihre Maschinen, um 800 Leistungspunkte für die "Position Spiegelnahtstoßen" zu erringen. Bis zu 1250mal am Tag öffnen und schließen Arbeiterinnen der Hamburger Phoenix Gummiwerke ("Phoenixreifen -- Spitzenklasse") ihre Plastik-Halbautomaten, um 625 Paar modisch farbige Gummistiefel zu fertigen.

Die Tätigkeiten der meisten Akkord-Arbeiterinnen sind "stupide, aber nervenzerfetzend" -- so Horst Maihöfer, Betriebsratsvorsitzender bei Blaupunkt in Hildesheim (4000 Frauen): "Bei uns läuft das Band mit den Geräten an den Arbeitsplätzen vorbei, die sind 80 Zentimeter breit; wer nach 40 Zentimetern nicht fertig ist, schafft es kaum noch." Maihöfers Tagmahr: "Das Ding kommt auf dich zu wie ein T 34, und du kannst nicht weglaufen."

Und so läuft kaum eine weg, auch wenn sie alle einmal stöhnen "Akkord ist Mord", auch wenn sie sich alle vorgenommen haben: Nur bis die Raten bezahlt sind, bis geheiratet wird, bis der Mann genug verdient.

Nur jede vierte Frau will -- laut Umfrage der Gewerkschaft Textil -- Bekleidung -- "bis zur Rente" arbeiten; fast jede zweite "weiß nicht", wie lange sie noch wird arbeiten müssen. Nur jede zwanzigste berufstätige Mutter nannte -- laut Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Sozialwissenschaftlicher Institute -- "Gründe wie Freude am Beruf" als Erwerbsmotiv. "Für Millionen", so erkannte die Soziologin Dr. Maria Borris, "bleibt nichts als der wirtschaftliche Zwang übrig, irgendeine Tätigkeit aus dem Umkreis der sich bietenden Arbeiten zu ergreifen."

"Statt eines harmonisch ausschwingenden Arbeits- und damit Lebensrhythmus", so kritisierte die katholische Psychologie-Professorin Martha Moers, wird die Arbeiterin "zur Hast und Rücksichtslosigkeit gedrängt, weil sie sonst, bei dem ihr aufgezwungenen Tempo, das Arbeitspensum ... nicht erreichen kann." Unvermeidliche Folge nach Ansicht des hannoverschen Moers-Kollegen Walter Jaide: "Wer einmal an einem Fließband saß, steht nicht mehr mitten und unmittelbar im Leben ... sondern gerät in eine Sackgasse hinein."

Für Frauen, die nicht mehr am Fließband sitzen können, weil sie das Tempo überfordert und sie daher den Leistungslohn nicht erreichen, endet die Sackgasse im Produktionsbereich meist bei einer schlechter bezahlten Stundenlöhner-Tätigkeit. "Alternde Arbeiterinnen", so führt der Berliner Soziologe Henning Dunckelmann an, werden "auf eine unschöne Art -- weit rücksichtsloser als manchmal alternde Arbeiter -- an untergeordnete unangenehme Arbeiten verwiesen".

Und die Gewerkschaft Textil -- Bekleidung ermittelte für die Bekleidungsbranche, in der 70,3 Prozent aller Arbeiterinnen zwischen 21 und 30 im Leistungslohn stehen:" Mit zunehmendem Alter verringert sich der Anteil der im Akkord beschäftigten Frauen, was mit Sicherheit auf das Nachlassen der Kräfte und das "Im-Akkord-nicht-mehr -- Mitkommen" zurückführbar ist."

Auf der Strecke bleibt, wer es nicht mehr schafft, beispielsweise in der Elektroindustrie alle anderthalb Sekunden winzige Metallfäden unter dem Mikroskop zu verlöten oder alle neun Sekunden ein Teil an einer Radioröhre zu verschweißen. Auf dem Abstellgleis landet, wem die Finger zittern, die Augen zu schwach wenden, die Nerven versagen.

Denn als "typisch weiblich" gelten heute "diejenigen Tätigkeiten, die Frauen -- so der hessische IG-Metaller und SPD-Landtagsabgeordnete Olaf Radke -- "wegen ihrer biologischen Befähigung an Geschicklichkeit, Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen von Sinn und Nerven besser ausüben können als Männer". Laut Personalberater Kroeber-Keneth sind das vor allem "gewisse Wickelarbeiten und feine Montagearbeiten in der Elektro- und Uhrenindustrie, bestimmte Stanzarbeiten sowie die meisten Tätigkeiten in der Textil- und Verpackungsindustrie".

Typische Frauenarbeit -- das meint in der Bundesrepublik jedoch allemal mehr als die Nutzung weiblicher Sensibilität und Geschicklichkeit, das meint vor allem simple Verrichtungen, Hilfsarbeit, kurze Anlernzeiten" schlechte Bezahlung. Obwohl der Mann das Wickeln und das Montieren, das Stanzen und das Verpacken "auf die Dauer nicht gleich gut oder nicht gleich ergiebig zu bewältigen vermöchte" (Kroeber-Keneth) und diese Tätigkeiten "in der Regel Voraussetzungen verlangen, die kein Beweis einer Minderleistung sind" (Radke), bleiben Industriefrauen für Industriebosse die zarten Wesen mit den minder schweren Lohntüten.

Denn was den Frauen nur leichter fällt als ihren männlichen Kollegen gilt Chefs automatisch auch als objektiv leichte Arbeit -- "obwohl wir Männer", so Blaupunkt-Betriebsrat Maihöfer. "da am Band nicht das Salz in der Suppe verdienen würden". Weil jedoch die für eine Tätigkeit aufgewandte Körperkraft noch immer Grundlage der Lohnbemessung ist und Frauen nun einmal nur zwischen 60 und 70 Prozent der männlichen Körperkräfte besitzen, wird die Mehrheit der Frauen aufgrund ihrer Arbeitsplatz-Merkmale in sogenannte Leichtlohngruppen eingestuft -- obwohl auch ein Mann normalerweise kaum mehr als 20 bis 30 Prozent seiner Kräfte im Arbeitsprozeß einsetzt.

In der Unternehmer-Ideologie fügen sich Biologie und Profitdenken zu einem dubiosen Weiblichkeitsmodell. "Arbeiterinnen mit geringer geistiger Beweglichkeit", doziert Helga Läge, Arbeitgeber-Expertin für industrielle Frauenarbeit, "genügen die einförmigen, unterteilten und sich stets wiederholenden Handgriffe meistens vollauf." Denn, so Frau Läge: "Die Frau neigt mehr zur Passivität, zum Mit-sich-geschehen-Lassen."

Und so geschieht den Arbeiterinnen zum Spott auch noch der Schaden: Obwohl das Bundesarbeitsgericht bereits vor 16 Jahren die diskriminierenden "Frauenlöhne" und "Frauenlohnabschlagsklauseln" für grundgesetzwidrig erklärte, haben sich die unteren Lohngruppen (1 bis 3 von meistens 10) für sogenannte Leichtarbeit zu verschleierten Frauenlohngruppen entwickelt, Damit wurde, so Gewerkschafter Radke, "die ursprüngliche Benachteiligung der Frauen ... zu einer Bevorzugung der Männer. Der Tatbestand der Diskriminierung hat sich nicht geändert, sondern nur die Relation".

Die Diskriminierung en detail:

* Bei der Firma Elsenbusch ("Eldo" Küchen) im westfälischen Dorsten werden Türen geschliffen und gedübelt -- von Frauen in Lohngruppe I (3,68 Stundenlohn), von Männern in Lohngruppe IV und V (4,43 und 4,76). Firmen-Begründung, so Gewerkschafterin Herta Lischke-Arbert: "Frauen dübeln die leichteren Türen."

* Bei der Firma Blaupunkt (Radio und Fernsehen) im niedersächsischen Hildesheim, wo jede zweite Frau in der niedrigsten Lohngruppe II (4,70) rangiert, verdienen Männer am selben Arbeitsplatz jeweils fünf Prozent mehr "Soziallohn". Firmen-Begründung, so Betriebsrat Maihöfer: "Der Mann ist schließlich der Ernährer."

* Bei der Hamburger Firma Nadge & Neffen (Furniere) schichten Arbeiterinnen über 12 000 Furniere am Tag -- für 4,86 Mark in der Stunde; Männerlohn bei gleichwertiger Arbeit: 5,75 Mark. Die Arbeiterin Amanda Hübner: "Der Kollege verdient mehr, weil er ein Mann ist."

Pie Diskriminierung en gros: In der westdeutschen Schuhindustrie lagen die Brutto-Stundenverdienste der Frau im vergangenen Jahr -- nach Ermittlungen des Statistischen Bundesamtes -- um 20,4 Prozent unter denen der Männer: 1,11 Mark pro Stunde. In der Bekleidungsindustrie verdienten Frauen um 23,7 Prozent (1,36 Mark) weniger, im Bereich Elektrotechnik um 26,5 Prozent (1,61 Mark), in der Glasindustrie um 34,2 Prozent (2,16 Mark) und im Druckereigewerbe gar um 38,3 Prozent (2,97 Mark).

Chancen, dieser finanziellen Deklassierung durch beruflichen Aufstieg zu entrinnen, haben sie kaum: Nur jede zehnte der weiblichen Beschäftigten ist Facharbeiterin, nur jede zwanzigste hat eine qualifizierte Berufsausbildung.

Was die Aufstiegschancen der Industriearbeiterinnen angeht, ist "die Bundesrepublik", wie die Soziologin Maria Borris meint, "unter den westlichen Ländern eines der rückständigsten". Und das dokumentieren nicht selten Firmen, die im übrigen Wert auf Weitgeltung legen:

* Siemens in Berlin (37 300 gewerbliche Arbeitnehmer) beschäftigt zwar 10 300 Arbeiterinnen, aber nur jede hundertste von ihnen wird als Facharbeiterin nach Lohngruppe V bezahlt;

* Phoenix in Hamburg beschäftigt zwar 1500 Arbeiterinnen (25 Prozent der gewerblichen Belegschaft), von denen aber nur eine einzige Vorarbeiterin ist und nach einer Facharbeiter-Lohngruppe bezahlt wird;

* Salamander in Speyer beschäftigt zwar 600 Frauen (Gesamtbelegschaft: 900), von denen jedoch nur fünf eine Lehre absolviert haben und nur zehn zur Vorarbeiterin avanciert sind;

* Ford in Köln beschäftigt zwar nur 1000 Arbeiterinnen in der Produktion (bei 40 000 Gesamtbelegschaft), aber nur eine erreichte bislang die -- höchste -- Lohngruppe X (9,05

* 1919 In Berlin, wo sie zur Revolution nach russischem Muster aufrief.

Mark Effektivlohn), das Gros rangiert in Lohngruppe III (5,83 Mark). Bei derartigen Relationen nimmt das Ergebnis der Arbeitsminister-Um-frage kaum wunder, daß nur jede zehnte berufstätige Ehefrau zwischen 30 und 59 darauf hofft, es werde beruflich "noch aufwärts" gehen. Während sich immerhin jeder dritte Mann in dieser Altersgruppe eines Aufstiegs sicher wähnt, glauben 85 Prozent der Frauen, es werde sich "nicht mehr viel ändern" -- vor allem nicht, solange "die größten Feinde der Frau in der Industrie die Männer sind" (so Blaupunkt-Betriebsrat Maihöfer).

Als bei Blaupunkt in Hildesheim eine Arbeiterin, die "seit Jahren die Abrechnung machte und die Königin der Fertigung war", schließlich mehr Geld verlangte, machten, laut Maihöfer, "die Männer Rabatz" -- mit dem Argument: "Das ist unsere Arbeit, das hat sie sich nur angeeignet."

Der unerschütterliche Glaube, daß produktive Arbeit Sache des Mannes sei und Frauen allenfalls zu Handreichungen taugen, läßt deutsche Männer sich ihren Kolleginnen gegenüber als Herren im Arbeits-Haus fühlen. Selbst bar wirklicher Mitbestimmung gegenüber den Besitzenden und noch immer weit entfernt von nennenswertem eigenem Besitz, kehren sie ihren Unmut ausgerechnet gegen diejenigen Unterprivilegierten, die noch Ende des vergangenen Jahrhunderts die Sozialistin Clara Zetkin mit Unterstützung des Sozialisten August Bebel "zur stahlharten Kämpferin gegen die Kapitalistenklasse" zu hämmern gedachte.

Doch "die Proletarierin" wurde, ganz anders als Clara Zetkin glaubte, nicht zu "einer treibenden Kraft" -- sie blieb, bis heute, eine eher hemmende. Daß der sozialistische Treibsatz in der Frauen-Emanzipation nicht zündete, verdanken die Unternehmer vor allem ihren Unter-Männern: Als Väter, Verlobte und Gatten schicken sie ihre Bräute, Töchter und Frauen zwar in die Fabriken, um mit ihrem Verdienst die gemeinsame Lebensbasis auf- oder auszubauen. Als Arbeitskollegen, Vorgesetzte und Gewerkschaftsgenossen aber wachen sie eifersüchtig darüber, daß das Weib an der Maschine dem Manne untertan bleibt.

Indem sie, anstatt Solidarität zu üben, Arbeitskraft mit zweierlei Maß messen, steigern die Männer ihren eigenen Marktwert, verhindern jedoch eine grundlegende Verbesserung der Lohn- und Arbeitssituation berufstätiger Frauen -- doppelt schizophren, da, wie der Darmstädter Soziologie-Professor Manfred Teschner festellte, es "in erster Linie Arbeitertöchter sind, denen die monotonen, einseitigen und häufig strapaziösen Arbeiten in der Industrie zufallen".

Doppelt strapaziös für diejenigen, die außerdem noch einen Haushalt oder gar Kinder versorgen müssen -- und jede dritte Mutter ist erwerbstätig, insgesamt 2,9 Millionen Frauen, davon 2,4 Millionen mit Kindern unter 15 Jahren. Ungefähr zwei Millionen Kinder, so berichtet der österreichische Arbeitsmediziner Herbert Heiss, sind "in der Deutschen Bundesrepublik durch die Berufstätigkeit ihrer Mutter in hohem Maße benachteiligt, jedes 4. Kind muß die regelmäßige Pflege der Mutter entbehren".

Entbehrt das Kind dennoch nichts, so treffen die Folgen der Doppelbelastung allemal die Mutter. "Die Mehrheit dieser Frauen zerreibt sich zwischen Familie und Erwerb", schreibt Helge Pross. "Die körperliche Überforderung ist groß, noch größer vielleicht die seelische, also die Zermürbung durch Schuldgefühle und durch die vorwurfsvolle Haltung der Umwelt."

Jahrelange Überbeanspruchung kumuliert bei Arbeiterinnen, meist frühzeitig, in "Herzfunktionsstörungen, Regelwidrigkeiten, Kreuzschmerzen, Schulterverspannungen, Kopfweh, Magen- und Darmstörungen" und in, wie die praktische Ärztin Maria Helmrich in der Gewerkschaftszeitung "Welt der Arbeit" berichtete, "Nervenerscheinungen der verschiedensten Art". Die Diagnose der Medizinerin: "Aufgebraucht und verschlissen infolge ununterbrochener Überforderung im täglichen Leben."

Psychische Störungen, meist Neurosen, sind bei der berufstätigen Mutter besonders häufig. Gerade bei ihr kommt, wie der Arbeitsmediziner Heinrich Wittgens feststellte, "leicht ein Gefühl des Versagens auf", weil sie eine der beiden Aufgaben zwangsläufig vernachlässigen muß -- oder sogar beide, wenn sie beiden gerecht werden will. Frauen, "die zehn Jahre am Fließband sitzen", so ergänzten nordrhein-westfälische Ärzte diese Beobachtung, sind es erst gar "nicht mehr wert, geheiratet zu werden".

Und während Bundesjustizminister Jahn in seinem Entwurf eines neuen Eherechts vom Bild einer unabhängigen, mündigen Frau des Jahres 2000 ausgeht (SPIEGEL 49/1970), reichen die sozialen Infrastrukturen, reichen die Gesetze nicht einmal für die Frau von heute hin: Im Jahre 1967 -- der letzte statistisch erfaßte Zeitpunkt -- hatte es die Bundesrepublik gerade auf 426 Kinderkrippen (für Kinder unter drei) mit 14 800 Plätzen gebracht -- für je 23 Kleinkinder berufstätiger Mütter nur ein Krippenplatz.

Als ausreichend gilt noch immer ein Mutterschutz von sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Entbindung, Noch immer haben erwerbstätige Frauen, die wegen Kleinkinderpflege länger pausieren, keinen Rechtsanspruch darauf, später an ihren Arbeitsplatz zurückkehren zu können.

Noch immer müssen berufstätige Mütter häufig ihren knapp bemessenen Jahresurlaub (18 Tage nach dem Bundesurlaubsgesetz) antreten, wenn unter den Kindern Mumps und Masern die Runde machen. Und noch immer ist die weibliche Erwerbsarbeit mehr durch die Gnade (des Mannes) denn durch die Garantie (des Gesetzgebers) gesichert: Die Frau, so Paragraph 1356 des Bürgerlichen Gesetzbuches, "ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist".

Mit diesem Rechtsgrundsatz stärkte der Gesetzgeber des deutschen Mannes liebste Meinung, die Frau gehöre ins Haus. Drei Viertel aller Männer, so ergab eine Umfrage des Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (Infas), finden es "nicht normal", wenn Frauen berufstätig sind.

Als ganz normal begreifen auch die berufstätigen Frauen ihre Arbeitsexistenz nur selten, denn die Meinung der Männer-Mehrheit ist für sie seit frühestem Kindesalter gängiges Kleingeld. Ein Mädchen "ist beinahe so gut wie ein Junge", schärft das "Deutsche Lesebuch" ein. Wenn man eine "kleine Frau ist, darf man auch ein kleiner Angsthase sein", konzediert das "Lebensschiff". Weibliches Schicksal ist es, "sich von allem, was Hosen hat, kommandieren zu lassen", bescheidet das "Kamp Lesebuch".

In deutschen Fibeln, so ermittelte die Publizistin Inge Sollwedel, "marschiert eine einheitliche Phalanx treusorgender Mütterlein mit den oft besungenen Mutterhänden auf". Zwar erscheinen -- wenngleich nur selten -- auch berufstätige Mütter in Grundschul-Lesebüchern, doch die gehen meist putzen, "denn der Vater war gestorben". Inge Sollwedel: "Mit solchen Müttern bildet das Lesebuch die sozio-kulturelle Basis für Interesselosigkeit, Passivität und Indifferenz der Mädchen."

Aber auch älterem Lese-Publikum wird die Mär von der "vorgeburtlichen Bestimmung der Mädchen" (Inge Sollwedel) ganz naiv angetragen. So schürfte etwa das Münchner Autoren-Team Hofmann/Kersten in seinem Buch "Frauen zwischen Familie und Fabrik" folgendes zutage: "Die Frau aber als Hüterin des Lebens weiß, wie sehr der Mensch eine Bindung braucht. Sie steht auch Gott näher, weil sie von Natur einen besonderen Spürsinn für das Übernatürliche ... erhalten hat."

Noch immer steht, dank solcher Befunde, in der öffentlichen Meinung die Vokabel "weiblich" für "Fügsamkeit, Sanftmut, blinde Hingabe, für Dienstbereitschaft und eine Neigung zur Subordination", wie Helge Pross rügte, eine der wenigen westdeutschen Professorinnen. "Weiblich heißt seelenvoll", so erläutert sie ihre Position, "und seelenvoll meint dann Emotionalität, die sogenannte Logik des Herzens, also Mangel an Verstand."

Genau nach dieser Rezeptur mischen auch die regenbogenfarbigen Frauenblätter ihren Lesestoff" die unter Schlagzeilen wie "Frauenbeine können viel verraten" oder "Festliche Mode für glückliche Stunden" einen Typ der weiblichen Konsumentin pflegen, dem politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge anrüchig vorkommen müssen. "Indem sie einerseits die junge Mutter als Hausfrau sehen" -- so die Hamburger Soziologin Elisabeth Pfeil -- "und ihr Anregungen für ihr Leben im Hause geben, andererseits einen Aufwand in Kleidung, Wohnungsausstattung und Reisen propagieren, der nur erreicht werden kann, wenn die Frau mitverdient"" perpetuieren sie das überkommene Bild von Heimchen am Herd und werben damit zugleich auch diejenigen Frauen als billige unaufgeklärte Arbeitskräfte, die keinem unmittelbaren wirtschaftlichen Zwang ausgesetzt sind.

Zu reiten wie Merle Kulenkampff, lächelnd zwei Millionen zu verlieren wie Sophia Loren, sich auf Luxusjachten zu tummeln wie Jacky Onassis -- diese von den bunten Blättern farbig aufs Papier gezauberte Märchenwelt suggeriert den Arbeitnehmerinnen ein Frauenbild, das normative Züge trägt: So sollst du sein. Es veranlaßt "die Opfer", wie der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno kritisierte, "jegliche Reflexion als Verstoß gegen das von der Kulturindustrie propagierte weibliche Ideal" zu diffamieren und "es sich wohl sein" zu lassen "in der Unfreiheit, die sie für die Erfüllung ihres Geschlechts halten" -- halten müssen.

So flüchten sich denn junge Arbeiterinnen häufig in die Idylle von Lore- und Erika-Romanen und träumen, wie Professor Jaide in einer Untersuchung über Hamburger Jungarbeiterinnen feststellte, "sich in ihren Heiratsplänen zum guten Teil über ihre Schicht, ihre Kontaktkreise und ihre Arbeitswelt hinaus". Und es bleibt beim Träumen -- in einer Gesellschaft, die sie von den Helden ihrer Lektüre, den jungen Ärzten, den schmucken Oberförstern, den Söhnen der besseren Schichten isoliert.

Ihre Freizeit verbringen sie -- "wie die Väter in ihrer Vorstadtkneipe" (Jaide) -- unter sich. Beat, Tanz, Kino -- kaum mehr als temporäre Selbstbefreiung. "Wer sich in der Erwerbsarbeit verbraucht", so die Soziologin Maria Borris, "ist nicht imstande, von der Freizeit den Gebrauch zu machen, den man theoretisch von ihr erwartet."

Den Gebrauch, sich weiterzubilden -- ihn erwarten die Theoretiker, von liberal bis links, in erster Linie. Doch wer sich bereits mit 16 Jahren ungelernt der Erwerbsarbeit verschreiben muß, hat als Mädchen in der Bundesrepublik sein bißchen Bildung meist schon hinter sich -- doppelt benachteiligt durch die Herkunft aus der sozialen Unterschicht und durch die gerade dort vorherrschende Ansicht, ein Mädchen brauche keine Ausbildung, es brauche einen Mann.

"Wenn eine intelligente Arbeiterfamilie", schätzt der Marburger Politologe Wolfgang Abendroth, "noch die Energie aufbringt, ihren Sohn zum Abitur zu bringen -- der Tochter hilft das nach unserer Sozialtradition normalerweise nichts." Abendroths Schätzung wird durch die Realität bestätigt: Nur 0,5 Prozent aller Studierenden an wissenschaftlichen Hochschulen in der Bundesrepublik sind Arbeitertöchter -- gegenüber immerhin 4,2 Prozent Arbeitersöhnen und 24 Prozent Studentinnen insgesamt. Zahlen über Töchter der Unterschicht auf höheren Schulen fehlen bislang völlig, doch liegen sie nach Schätzung der Soziologin Helge Pross "sicher unter 10 Prozent".

Je schlechter das Bildungsniveau im Elternhaus ist, desto geringere Chancen haben westdeutsche Mädchen, eine ihrer Begabung entsprechende Ausbildung zu erhalten; ihr "Bildungsweg ist von vornherein durch die Geschlechts- und Schichtzugehörigkeit determiniert" (Helge Pross). So sind -- folgerichtig -- die Töchter von Hilfsarbeitern am meisten

benachteiligt: Sie stellen unter den ungelernten Jungarbeitern die Majorität.

Das äußerste, was die meisten Mädchen unter diesen Umständen an Berufsausbildung erreichen, ist eine Lehre. Doch auch hier macht sich ihre "traditionalistische Lethargie" (Beige Pross) bemerkbar: 95 Prozent aller Mädchen konzentrieren sich auf nur 23 Lehrberufe (von insgesamt 500> -- Verkäuferin, Friseuse, Bürogehilfin.

Fast alle Lehrmädchen wählten somit "typisch weibliche" Berufe, in denen sie kaum Aufstiegschancen haben und die sie meist auch nur so lange ausüben wollen, bis sie als geehelichte Haushälterin in die Dienste des richtigen Mannes treten dürfen.

Für diese, oft lebenslangen, Dienstleistungen werden die Mädchen bereits auf den allgemeinbildenden Schulen programmiert ... Eine hauswirtschaftliche oder sozialpflegerische Ausbildung", so heißt es etwa in den "Lehrplänen für die Hauptschule" im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen, "ist zugleich Grundlage für die spätere Führung des eigenen Haushalts" Und in den NRW-Richtlinien für den Unterricht an höheren Schulen wird den Lehrkräften hintersinnig empfohlen: "Die Frage, wieweit die Mathematisierung und wissenschaftstheoretische Vertiefung den Schülerinnen zumutbar sind, soll mit Sorgfalt bedacht werden."

Dabei ist diese Frage längst beantwortet in der Sowjet-Union "Dort sind immerhin ein Drittel der Techniker und Ingenieure alter Stufen Frauen", konstatiert Soziologe Teschner. In der Bundesrepublik hingegen ist nur eine Minderheit von 4,8 Prozent der Studenten an Technischen Hochschulen und Ingenieurschulen weiblichen Geschlechts.

Für die Mädchen in der Bundesrepublik bleibt der Kontakt mit der Technik fast ausschließlich auf Fließbandarbeit beschränkt, eine monotone Tätigkeit, die Bildungswillen schneit abstumpfen oder gar nicht erst aufkommen läßt. "Bei den Arbeiterinnen", so Soziologe Jaide, "scheint sich ... eine gewisse Abwehrstellung verfestigt zu haben, aus der sie institutionalisierte Bildung und Fortbildung mit ihren Vorschriften, Prüfungen, Sanktionen ... mehr oder minder ablehnen."

Den westdeutschen Berufsschulen, die auch von ungelernten Arbeiterinnen besucht werden und meist deren letzte Kontaktstelle mit dem nationalen Bildungsangebot sind, gelingt es kaum noch, diese Abwehrstellung aufzubrechen, da sie "dem Mangel an beruflicher Zielstrebigkeit" nicht dadurch entgegenwirken, "daß sie in ihren Lehrstoffkanon eine berufliche Grundausbildung in den einschlägigen Arbeitssparten" (Jaide) aufnehmen.

Damit allein, freilich, wäre es auch nicht getan. Denn der -- heute ohnedies dürftige -- Berufsschulunterricht vermag nicht zu kompensieren, was die Mädchen bis dahin bereits, durch Geschlecht und Herkunft benachteiligt, an Entwicklungschancen verloren haben. Daß sich drei von vier Frauen heule unter Begriffen wie "Regierungskoalition" und "Opposition" nichts Rechtes vorstellen können, daß zwei Drittel aller Frauen eine einzige Partei für durchaus hinreichend hallen, daß nur 18 Prozent der Arbeiterinnen (dagegen 57 Prozent der Arbeiter) in DGB-Gewerkschaften organisiert sind -- das altes verdeutlicht Bitdungs- und Bewußtseins-Defizite, die bislang in Westdeutschland als selbstverständlich hingenommen wurden.

"Die 'Frauenfrage'", so erkannte denn auch die Staatssekretärin im Bundeskanzleramt Katharina Focke (SPD), "ist heute in erster Linie. eine Bildungsfrage." Erst die Errichtung von Gesamtschulen und die Erarbeitung zeitgemäßer Lehrpläne, wie sie von SPD und FDP befürwortet werden, böte womöglich die Chance, daß auch Schülerinnen aus den sozial ärmsten Schichten zwischen 3 (Vorschule) und 18 (Hochschulreife) ihre Talente entfalten, Selbstbewußtsein entwickeln, Neigungen kultivieren, die noch immer als "typisch männlich" gelten: Werken und Konstruieren, Rechnen und Organisieren. Umgekehrt müßten auch Jungen nicht länger Veranlagungen unterdrücken, die noch immer als "typisch weiblich" gewertet werden: Helfen und Putzen, Pflegen und Haushai ton

Aus der Erkenntnis, daß ihre scheinbare Minderwertigkeit nicht angeboren, sondern ein Produkt von Erziehung und Umwelt ist, müßte das so geförderte Mädchen zwangsläufig ein Recht auf Gleichheit -- und damit auf Gleichberechtigung -- ableiten. Und es würde sich dann mit dem männlichen Partner darüber verständigen können, daß sie beide als spätere Arbeitnehmer gemeinsame gesellschaftliche Interessen verbinden: daß es, wie es der marxistische Philosoph Ernst Bloch formulierte, letzten Endes "belanglos ist, ob das Weib dem Mann gleichwertig ist, wenn beide Angestellte eines Betriebes sind, der sie überhaupt nicht wertet, sondern auspreßt".

Heute kann die berufstätige Frau ihre politische Emanzipation nicht mehr, wie noch zu Zeiten der bürgerlichen Frauenbewegung, durch die Bekräftigung ihres Rechts auf Arbeit erreichen (das haben ihr die Unternehmer längst eingeräumt) und auch nicht mehr durch den Kampf um gerechte Bezahlung (dafür könnten die Gewerkschaften eines Tages sorgen), sondern vor allem durch das Recht, zusammen mit den männlichen Partnern die Arbeit mitzubestimmen: wie schnell die Fließbänder laufen sollen, welche Beschäftigung welcher anderen gleichzusetzen sei" wie lange und unter welchen Bedingungen sie arbeiten will und wann die Kinder sie dringender brauchen als die Fabrik.

Das "Problem der Emanzipation der Frau, soll es mehr meinen als die Befreiung der Frau zu einem effektiveren Arbeitsinstrument", ist, wie der Soziologe Teschner erkannte, "ein Problem der Befreiung der Gesellschaft insgesamt".


DER SPIEGEL 5/1971
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