25.01.1971

ISLAM RAMADANEssen ist Pflicht

Der Posten im Schilderhaus vor dem irakischen Innenministerium in Bagdad schnarcht. Hinter den Schaltern in Kairos Hauptpost dösen hohlwangige Beamte. Schwarze Arbeiter in der Textilspinnerei von Kaduna in Nordnigeria werkeln im Zeitlupentempo. Bei Radio Mali fallen die Nachrichten aus -- der Sprecher ist irgendwo im Funkhaus von Bamako eingenickt.
Einmal im Jahr fallen 500 Millionen Moslems zwischen Indonesien und dem Irak, zwischen Somalia und dem Senegal in einen Dornröschenschlaf. In Pakistan und Algerien, in Jordanien und Mauretanien verlangsamt sich vier Wochen lang tagsüber das Leben. Denn die Mehrzahl der Moslems unterwirft sich diszipliniert einer asketischen religiösen Übung -- dem heiligen Fastenmonat Ramadan.
Die "größte Massenbewegung auf der Erde" (so der islamische Gelehrte Muhammad All über den Ramadan) paßte in Kaufmanns- oder Hirtengesellschaften. Aber mit den Gesetzen der Industrialisierung ist der Fastenmonat nur schwer zu vereinbaren: Vom Hunger geschwächte Menschen produzieren weniger und verursachen mehr Unfälle.
In den Wochen nach dem Ramadan -der letzte endete Anfang Dezember -- sprechen deshalb Moslems in vielen Ländern über die "Modernisierung" ihres Festes. Sie diskutieren, ob die jahrhundertealten Fastenvorschriften des Korans auch heute noch eingehalten werden müssen.
"Fasten ist gut für euch", hatte der Prophet Mohammed vor knapp 1400 Jahren die Gläubigen gelehrt und sie aufgefordert, einen Monat lang am Tage nichts zu essen, "auf daß ihr gerecht werden möget". Scheiche und Habenichtse folgten diesem Ruf und verbrachten Jahr für Jahr 30 lange Tage hungernd, durstend und betend -- bis heute.
Freilich: Nachts erlaubt der Koran den Gläubigen die Nahrungsaufnahme, und so wird während des Ramadan in der Welt des Propheten die Nacht zum Tage. In den Gassen, Bazaars und Restaurants herrscht hektisches Leben. Kinder treffen sich zu Laternenumzügen, Kinos laden zu Sonderspätvorstellungen ein. Länder mit Fernsehstationen bieten Programme bis zum Morgengrauen.
Die ausgehungerten Menschen treffen sich -- soweit sie es sich leisten können -- zu wahren Freßorgien. Sobald Böllerschüsse das Ende der täglichen Fastenübung verkünden, schlürfen die Marokkaner Harira, ihre traditionelle Bohnensuppe. Ägypter trinken als erstes den "Mond der Religion", einen Aprikosensaft zur Stärkung des knurrenden Magens. Aber das sind nur die Vorbereitungen für die folgenden fetten Speisen und Süßigkeiten.
Die armen Moslems leisten sich wenigstens einen Hammel, den sie zum Id el-Fitr" dem Fest am Ende des Ramadan, schlachten. Zum letzten Fastenmonat importierte Israel für die Araber im besetzten Westjordanien 4000 Schafe aus Jugoslawien.
In den Nachtstunden des Ramadan verzehren die Moslems mehr als am Tag in normalen Monaten. 1963 rechnete Ägyptens Regierung dem Volk vor, daß der Ramadan das Versorgungsministerium 50 Millionen Mark an Extra-Importen kostet, die staatlich subventioniert verkauft werden: Nüsse und Mandeln aus Indien, Fleisch aus dem Sudan, aus Somalia und Argentinien, eine um die Hälfte erhöhte Zuckerration.
Ägyptens Moslems aßen im Ramadan täglich 250 000 Brote mehr. Zum Kochen der großen mächtigen Fastenmähler mußte der Staat schon damals zusätzlich 4500 Tonnen Butangas auf den Markt bringen.
Schlimmer als die nächtlichen Völlereien sind die Auswirkungen des Fastens auf Wirtschaft und Verkehr: In Marokko ereignen sich während des Ramadan dreimal soviel Verkehrsunfälle als sonst. Die mit nordkoreanischer Hilfe gebaute Keramikfabrik von Bamako tu Mali stellte zeitweise den Betrieb ein.
In der Textilfabrik im nordnigerianischen Kaduna verließen Schichtarbeiter bei Einbruch der Dunkelheit ihre Arbeitsplätze und gingen essen. Ein deutscher Ingenieur, der 1963 eine Zementfabrik in Sokoto in Nigerias moslemischem Norden baute-", Ich habe fast nur (christliche) Ibos angeheuert. Denn vier Wochen Arbeitsausfall im Ramadan waren einfach nicht drin."
Die Politiker der islamischen Staaten sehen die Nachteile des Ramadan. Aber sie agitieren -- wenn überhaupt -- nur sehr vorsichtig gegen die religiösen Riten. Denn der Islam Ist oft das einzige einigende Band in ihren jungen, fragilen Vielvölkerstaaten.
Nur Tunesiens Habib Burgiba wagte radikale Maßnahmen. Schon 1960 wies er alle Restaurants an, auch im Ramadan tagsüber Speisen zu servieren. Der Staatschef selbst speiste demonstrativ zu Mittag und erklärte seinen Bürgern, es sei nicht nur ihr Recht, sondern sogar ihre Pflicht, zu essen, wenn sie fühlten, daß ihre Arbeitskraft nachlasse.
So revolutionär Burgibas Verhalten auf viele Moslems wirkte, der Tunesier erweiterte im Grunde nur die Gruppe derjenigen, die von den strengen Fastenregeln ausgenommen sind: Kindern, Alten, Kranken, Schwangeren und Reisenden gestattet schon der Koran, jederzeit zu essen.
Burgibas Auffassung scheint Raum zu gewinnen, selbst im puritanischen Algerien. Die Tageszeitung "El Moudjahid" im vergangenen Ramadan: "Die Produktion ist im Islam genau so ein Akt der Pietät zur Ehre Gottes wie die Erfüllung der religiösen Riten."
Die Algerier sollten im Ramadan arbeiten wie In jedem anderen Monat. Allerdings: Die Cafés und Restaurants hatten noch Order, Moslems am Tage nicht zu bedienen.

DER SPIEGEL 5/1971
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Essen ist Pflicht

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